Von flatulierenden Taxen

Gleich vorweg: Lustige Überschriften bezüglich Gas zu finden, ist ein Minenfeld sondersgleichen.

Jetzt habe ich Wochenende. Das ist ein wenig seltsam, denn ich hab diese Woche letztlich nur einen einzigen Tag gearbeitet. Der Großteil des Urlaubs war geplant, gewollt und erfolgreich umgesetzt, mein Buchprojekt kommt mit jeder freien Nacht 3 Zeilen bis 20 Seiten voran.
Samstag jedoch wollte ich eigentlich mal wieder reinhauen. Das Auto stand bei mir vor der Türe, ich wollte mit meiner besseren Hälfte noch kurz zum Ikea, zum Netto und dann nix wie los! Schon vor dem Auto stellten wir fest, dass es ganz schön nach Gas riecht. Also eher nicht schön.

Einen leichten Geruch wie diesen hab ich durchaus schon mal am Auto wahrgenommen. Wenn es wärmer war und die Kiste einen ganzen Tag lang rumstand. Also hab ich die Bedenken erst einmal beiseite gewischt.

Als wir eine Stunde später mit einer Hand voll Möbel wieder am Wagen standen, stank es schon wieder gotterbärmlich. Als letzten Test haben wir nach 5 Minuten Einkauf abermals reingerochen und schon wieder roch die Kiste wie ein auslaufendes Feuerzeug.

Gleich vorweg: Ernste Sicherheitsbedenken hatte ich nicht. Das Erdgas verflüchtigt sich enorm schnell und ist erstmal auch nicht giftig. Man kann über den Zafira hier und da böse Worte verlieren, das mit dem Erdgas ist eine dufte Sache – wenngleich ich es jetzt alles andere als dufte fand…
Dumm ist vor allem, dass ich das ja keinem Kunden antun kann:

„Was riecht denn hier so?“

„Das ist Erdgas. Ist umweltfreundlicher als Benzin, nehmen sie doch eine Nase voll!“

Ich hab unseren Technik-Guru aus der Firma angerufen. Könnte ja sein, dass das öfter passiert und sich leicht beheben lässt. Für eine Samstagsschicht drehe ich gerne im Motorraum eine Schraube zu. Aber der Guru ging nicht ans Telefon.

Chef anrufen! Vielleicht gibt es ja Erfahrungen, Lösungsvorschläge, Ersatzwagen…
Chef geht nicht ans Telefon. Das war zwar eigentlich zu erwarten, aber normalerweise wird der Anruf wenigstens auf ein Handy umgeleitet.

Da stand ich dann, Samstag Abend kurz vor 21 Uhr.

„Ich fahr mal zum Abstellplatz. Wenn es besser wird, probier ich es mal!“

So hab ich mich verabschiedet. Bis zur Storkower hatte ich den Geruch noch nicht einmal aus der Nase – trotz zweier offener Fenster. Wie das nach einer halben Stunde am Stand riecht, hab ich mir leidlich vorstellen können. Und wenngleich der wirkliche Winter erst einmal vorbei zu sein scheint: 7°C schreien jetzt auch nicht danach, die Cabrio-Saison zu eröffnen.

Fuck!

Also hab ich meinem Tagfahrer noch Bescheid gesagt: Kiste riecht nach Gas, Montag Werkstatt! Ich hasse diese Rollenverteilung, dass ich meinem Kollegen Aufträge für seine Arbeitszeit erteile – aber was will ich machen? Opel bietet zwar einen Notservice bis recht spät – aber meist lassen wir die Kiste ja bei unserem Hausschrauber aufsäbeln.

Gestern dann Ernüchterung: Mein Tagfahrer meint, er rieche nix. Und was soll er zur Werkstatt, wenn da nichts ist? Er hat zwar zugegeben, dass er selber nicht gut riecht wegen Schnupfen und so, aber es hätte sich kein Kunde beschwert. Kunststück bei 6 Fahrgästen…
Also hab ich eine halbe Stunde rumdiskutiert mit dem Ergebnis, ich solle es doch mal probieren. Eine Stunde später saß ich mit meiner besser riechenden Hälfte auf einen Cheeseburger beim Burger King, und im gasumnebelten Taxi lag ein Zettel mit dem Hinweis, dass ein Werkstattbesuch wirklich nicht zu umgehen ist.

Und jetzt zu dieser Stunde wird nach dem Fehler gefahndet. Da ist wirklich mal alles schief gelaufen an diesem Wochenende. Ich kann nur hoffen, dass die Grüne Woche und die Bread and Butter den Januar am Ende noch aus dem Tief ziehen. Mein Chef ist diesbezüglich optimistisch.

Ich eigentlich auch. Schlimmer als dieses Wochenende kann das nächste auch nicht werden.

Flexibler

„Hier! Anwesend!“

rief ich über den Vorplatz des Ostbahnhofes. Kunden sind an meinen Wagen herangetreten, während ich mich mit Kollege Eddy unterhalten habe. Er stand ein paar Plätze vor mir, deswegen stand ich bei ihm und nicht er bei mir. Aber der Kunde hat die freie Fahrzeugwahl…

Ich bin kurz rübergesprungen, da kam er mir schon entgegen. Er war so um die 30, unterwegs mit seiner Freundin, beide zusammen in etwa das Unauffälligste, was ich in den letzten Wochen gesehen habe.

„Hi, ich wollte mal fragen: Kurzstrecke geht ja nicht, wenn wir hier stehen…“

„Das ist korrekt.“

„Wir müssten nur bis zur Revaler rüber, könnten wir da vielleicht einfach einen Fünfer machen?“

„Nein.“

Ich bin meist gar nicht so einsilbig bei dem Thema, aber er war sich seiner Sache so unsicher, da haben klare Ansagen am Besten funktioniert.

„Das kostet eher so 6 bis 7 €.“

hab ich versucht, ihm dennoch die Angst vor irgendwelchen Monsterbeträgen zu nehmen.

„Naja, dann ist egal. Wir steigen ein!“

Na also. Ist zwar keine lange Tour, aber ganz ehrlich: Mein Auto stand noch keine 3 Minuten am Bahnhof, da wäre es ja doppelt unverschämt, über die Länge der Strecke zu meckern. Unterwegs meinte er dann:

„Du könntest uns ja vielleicht bei 5 € rauslassen, dann laufen wir den Rest.“

„Das kann ich gerne machen, aber das wird dann nur knapp die Hälfte der Strecke sein, während es mit ein bis zwei Euro mehr bis vor die Türe geht.“

„Du bist sicher Angestellter.“

„Ja, so sieht es aus.“

„Ja sorry, ich will ja auch nicht, dass du deinen Chef bescheisst oder so.“

„Das freut mich, da hätten sie auch keine Chance.“

„Ja, so ist es halt. Ich dachte, ich frag mal. Andere sind da ja ein bisschen flexibler…“

Ich hab mir auf die Lippen beißen müssen für die restlichen 2 Minuten im Auto. Ich hätte ja einiges sagen können, aber ich hab gedacht: Friede sei mit den Unwissenden. Flexibler? Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, es zu umschreiben. Während ich mit einer Fahrt unter Tarif ja nur grob die Hälfte des entgangenen Geldes vermisse, würde mir als Selbstständiger die Kohle ja komplett fehlen.

Ich bin kein Unmensch und ich drücke gerne mal ein Auge zu, wenn es irgendwo angebracht erscheint. Aber wieso sollte ich auf Geld verzichten und das Vetrauen meiner Chefs untergraben, die mich diesbezüglich eben genau null kontrollieren? Die keine Sitzkontakte eingebaut haben, das Auto nicht via GPS verfolgen? Die es mir erlauben, Privatfahrten zu machen? Warum sollte ich das tun zu Gunsten irgend eines dahergelaufenen Kunden, einen der nicht einmal durch besondere Freundlichkeit auffällt oder irgendwie glaubhaft machen kann, dass es für ihn wichtig wäre?

Wir sind ja alle froh, wenn wir mal irgendwo was sparen können. Da nehme ich mich nicht aus, wirklich nicht. Aber ist es echt so, dass man bei einer Tour für 6 € im Taxi glaubt, da wäre viel Spiel nach unten?

Ich sehe schon, das wird so ein Artikel, bei dem es nachher so aussieht, ich würde wie viele Kollegen ständig über meinen Verdienst jammern 😉
Das wollte ich nun nicht – wenngleich der Januar gerade echt gemein zu mir ist…

Trinkgeld gab es für die Tour natürlich keinen Cent. Meinetwegen. Mir soll es ja recht sein, dass sie ein Taxi und nicht die S-Bahn (eine Station!) genommen haben.  6,00 € sind 6,00 €! Aber wären sie 400 Meter selbst gelaufen, hätten sie mit der Bahn 2,80 € gezahlt. Wären sie 100 Meter gelaufen und hätten auf einen Kollegen zum Ranwinken gewartet, hätten sie 4,00 € für die Kurzstrecke gezahlt. Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund war das zu viel Aufwand. Nicht, dass ich 2 € Aufpreis für 100 Meter für gerechtfertigt halte, aber in Anbetracht der Alternativen wüsste ich nicht, weswegen ich ihnen hätte entgegenkommen müssen.

Ich will nicht zu gehässig sein, aber ich hab nicht vor, meine Dienstleistung unter Wert zu verkaufen. Ich verdiene pro Wochenendschicht (und denkt dran: Das sind die guten!) irgendwas zwischen 70 und 100 € – wenn ich stur nach Tarif die kürzesten Strecken fahre und durchschnittliches Trinkgeld kriege – dafür, dass ich eben nicht in einen Club oder eine Kneipe gehe, dafür dass ich mich nicht betrinken kann, sondern den Betrunkenen meine Dienste anbiete, um sie sicher und bequem nach Hause zu bringen. Der Rest der eingenommenen Kohle geht fürs Arbeitsmaterial drauf, für die in manchen Fällen sogar sinnvoll eingesetzten Steuern und Abgaben – und dafür, dass meine Chefs die Organisation des Ganzen übernehmen (wofür ich mir dann wiederum kein Wochenende frei nehmen muss). Ist das wirklich so viel, dass man sich da noch beschweren muss, wenn man sowieso gleich tanzender- und saufenderweise sein Geld verprassen will?

Und das frage ich als Mensch, der monatlich Miete für ein Zimmer zahlt, damit meine Kumpels eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit haben. Als Mensch, der der Bettlerin vor meinem Supermarkt von der Kohle gelegentlich zwei oder drei Euro zusteckt. Als der, der privat schon so oft Leute auf eigene Kosten von A nach B gebracht hat und gar nicht mehr zählen kann, wie viele Leute er schon irgendwo mal zum Saufen eingeladen hat.

Gewiss, die ein oder andere Ausnahme würde mich nicht umbringen. Auch meinen Chef nicht. Aber was meint ihr, wie viele Leute meinen, sie seien eine Ausnahme wert? Jetzt hat Torsten erst wieder was geschrieben über die Studis, die meinen, ein Taxi müsse umsonst sein, wenn der Fahrer so oder so in die richtige Richtung fährt – was natürlich Blödsinn ist, weil der Tarif noch höher wäre, wenn wir noch mehr Leerfahrten hätten.
Und Mia ist auf eine der vielen Frauen getroffen, die der Meinung sind, Wartezeit zu berechnen, wäre Abzocke – was im Kern aufs gleiche rauslaufen würde.

Ganz im Ernst: Ich bringe euch gerne ohne Kohle von A nach B. Aber das klappt nur, wenn das drumherum anders ist. Es würde letztlich auch bedeuten, dass ich mich dafür aus eurem Kühlschrank ernähren müsste oder laut schnarchend auf eurem Sofa pennend den Tag verbringen.

Bis wir das mal gesamtgesellschaftlich geklärt haben, werde ich wohl nicht umhin kommen, ein paar Euro dafür zu nehmen und nicht ganz so flexibel zu sein…

+++Eil: Schotte gibt Trinkgeld+++

Berlin/gnit Augenzeugenberichten nach ist in der deutschen Hauptstafdt gestern Nacht etwas Besorgnis erregendes in einem Taxi vorgefallen. Ein Fahrgast, laut eigenen Angaben ein Schotte, gab dem Taxifahrer Trinkgeld. Sogar verhältnismäßig spendabel soll er sich gezeigt haben, weiß Taxifahrer Sascha B. zu berichten:

„Hätte ich ja auch nicht gedacht. Ich meine, er war ja ganz nett und im Gegenzug zu sonst bin ich auch mal fast anständig gefahren. Aber als er erzählt hat, er wäre Schotte… ganz ehrlich: Ich wollte ihn eigentlich gleich rausschmeißen.“

Eine ausnahmsweise nicht auf Rot geschaltete Ampel in Berlin-Friedrichshain verhinderte schlimmeres. Taxifahrer B. gab GNIT gegenüber zu verstehen, dass selbst er Kunden nicht der Nationalität wegen aus dem fahrenden Wagen stößt.

Am Ziel angekommen, nahm B. 10 € entgegen und kann sich bis jetzt nicht erklären, was genau vorgefallen ist:

„Ich meine, die Fahrt hat ja nur 7,80 € gekostet. War ja so oder so nicht so dolle. Dann meint der aber auch noch, ich soll das Geld behalten. Ich werde den Schein demnächst mal der Polizei zum Überprüfen geben, das muss ja Falschgeld sein oder so. Aber so sicher bin ich mir nicht, sieht aus wie Euro, obwohl der von den Schotten kommt. Echt komisch!“

Während der Berliner Senat nach dieser Meldung Mehreinnamen in Millionenhöhe einplant, sollte nicht zu voreilig davon ausgegangen werden, dass das Geld über ausschweifenden Konsum letztlich im Stadtsäckel landet. Taxifahrer B. seinerseits ist nämlich ein Schwabe.

Lebenszeichen

So, eine Woche frei… vorbei!

Heute Abend stürze ich mich wieder ins Getümmel und dann passiert hier auch mal wieder ein bisschen mehr. Taxigeschichten schreiben ohne sie erlebt zu haben, ist dann eben doch nicht so einfach. 🙂

Leider gibt es auch mal wieder einen Überfall zu vermelden. Wenngleich die Fahrerin unverletzt geblieben ist, erschreckt es mich doch ein wenig, dass die Täter zum einen gleich mit Schußwaffe aufgekreuzt sind und zum anderen um 20.30 Uhr zugeschlagen haben.

Link zur Polizeimeldung

Nun gibt es freilich einiges, was ich diesen Dösbaddeln wünschen würde, am allermeisten aber, dass die betreffende Kollegin etwa Arbeitszeiten wie ich hat, und sie gerade mal einen Zehner Umsatz eingefahren hat…

Da wo ihr herkommt…

…möchte ich gerne mal Taxi fahren!

Es war eine dieser schaurig langweiligen Ostbahnhof-Nächte. Es war kalt, matschig und ruhig. Aber nur bis zu diesem Moment. Eine bunt aus allen Klischees zusammengewürfelte Truppe aus englischsprachigen Touris von 17 bis 22 stand plötzlich an meinem Wagen und es quakte im Chor:

„Five? Five? Five? Five? Five?“

Manchmal nervt es auch mit den Großraumtaxen. Eigentlich freue ich mich ja, mal eben mit 30 Sekunden Arbeitsaufwand 1,50 € oder 3,00 € extra zu verdienen, aber es gibt auch Tage, da hab ich eigentlich keinen Bock drauf.
Ich bin zwar nicht so drauf wie mancher Kollege, der die Sitze kategorisch nie ausklappt und nur 4 Leute mitnimmt, aber ich denke gelegentlich drüber nach. Gerade bei den jugendlichen Großgruppen kann man immer nur hoffen, dass sich nicht der mit dem größten Hang zu Vandalismus und Kleptomanie nach ganz hinten setzt, wo man als Fahrer wirklich gar nichts mehr mitbekommt.

Glücklicherweise sind meine negativen Erfahrungen gering und meine Laune meist gut genug, um die Bedenken beiseite zu wischen. An den 1,50 € lag es sicher nicht, dass ich die Truppe mitgenommen habe. Ganz ehrlich: Ich hab auch überhaupt nichts schlimmes erwartet, sie sahen eigentlich von Beginn an recht nett aus.

„Tell us, what would it cost from here to the Generator Hostel?“

„Hmm, with 5 persons maybe 11 €.“

„Each?“

„Of course not!“

Keine Frage, ich würde es insbesondere bei kurzen Fahrten oft genießen, wenn ich den Fahrpreis mit der Kundenanzahl multiplizieren könnte, aber es wäre zugegebenermaßen auch eine üble Abzocke.

Dass ich am Stand Begeisterung erfahre, wenn ich den Preis nenne, kommt schon mal vor. Auch lautstark. Wie diese Jungs sich gefreut haben, war allerdings fast schon unglaubwürdig. Ich hatte schlagartig das Gefühl, der coolste Deutsche des Planeten zu sein und mir alles erlauben zu können. Stattdessen hab ich vorsorglich (bevor was zu Bruch geht) die Begeisterung gedämpft und ihnen klargemacht, dass wir hier keine Mondpreise verlangen und man sich das Taxifahren ja auch leisten können sollte. Wobei mir natürlich hätte bewusst sein müssen, dass sich bisher kein Kollege erdreistet hat, Fahrgästen derart sozialverträgliche Worte zukommen zu lassen.

Auch wenn ich die Sache mit dem Tarif klargestellt habe, waren die Jungs offenbar davon überzeugt, ich hätte ihnen irgend einen geilen Spezialpreis gemacht. Vielleicht sind sie ja auch einen Tag zuvor an einen Fahrer geraten, der leider genau das getan hat. Wer weiss?

Als ich an der Kreuzung Storkower Ecke Landsberger stand und davor schon einiges von Hunger vernommen hatte, fragte ich kurz an, ob ich sie jetzt am Hostel rauslassen soll, oder gleich beim Döner oder Burger King. Sie waren zum einen verblüfft über die Nachfrage, zum anderen darüber, dass wir schon da waren und entschieden sich für den Burger King.

Also dann. 10,30 €.

„Here is a 10er, and then take this!

meinte einer der 5, während er mir rund 3 € in die Hand schüttete. Löbliche Geste, ich hab mich freundlichst bedankt und den hinteren Reihen verkündet, dass ich ihnen raushelfe. Zum einen ist ja hinten links so oder so die Kindersicherung drin, zum anderen ist die allerletzte Sitzreihe wirklich blöd zu verlassen, wenn man keine Hilfe hat.

Als ich die Türe geöffnet hatte, schälte sich ein hochgewachsener Schwarzafrikaner mit dicker Brille und schüchternem Blick aus dem Sitz und drückte mir noch einen Euro zusätzlich in die Hand:

„Hey Guy, that was really a nice ride!“

3,90 € gab es insgesamt Trinkgeld. Von einer dieser klischeehaften Jugendbanden. Nehmt dies, ihr Kundenberater mit den Horrorgeschichten! 😉

bezahlen

Kommunikationsprobleme gibt es immer mal wieder. Sie treten stets da auf, wo die Menschen ohnehin unterschiedlicher Ansicht sind und sorgen dann für eine ganze Menge Wirbel. Das muss kein Weltuntergang sein, kann aber handfeste Folgen haben.

Nehmen wir doch einmal das Wörtchen „bezahlen“.

Seht, ich bin Taxifahrer, Angestellter. Ein Mensch, ein Mann, deutscher Herkunft, zugezogener Neuberliner, Linker. Worte, die – je nach Situation mehr oder weniger – geeignet sein können, meinen Standpunkt zu beschreiben, mein Verständnis von der Welt zu erklären. Wie wohl jeder andere Mensch auch verlasse ich mich bei Gesprächen darauf, dass ich mit meinem Gegenüber eine gewisse Grundauffassung des besprochenen Sachverhaltes teile.

Wenn jemand in mein Taxi steigt und sagt, er möchte gerne zu einer bestimmten Adresse, dann gehe ich beispielsweise davon aus, derjenige weiss, was ein Taxi ist, weiss, dass er dafür bezahlen muss, dass ich ihn hinbringe. Er hingegen geht natürlich auch von etwas aus, nämlich davon, dass ich weiss, was ein Fahrgast ist, und dass ich ihn nicht z.B. frage, was mich sein bescheuerter Wunsch angeht, sondern dass ich ihn zum gewünschten Ziel bringe.

Das klingt auf theoretischer Ebene erst einmal sehr kompliziert, in der Praxis erweist es sich jedoch als ziemlich einfach. Die Zahl der Irren, die sich in ein Taxi setzen, eine Adresse nennen und sich hinterher ärgern, dass ich sie hingebracht habe, hält sich in sehr überschaubaren Grenzen, statistisch ist das Phänomen zu vernachlässigen.

Nun kommt aber wohl immer irgendwo der Punkt, wo man sich fragen muss, ob man denn wirklich all das voraussetzen kann. Bei mir war das gestern. Es war eine leidlich beschissene Freitagsschicht, vielleicht die mieseste seit ich Taxi fahre.

Insofern war ich relativ erfreut, als am Ostbahnhof eine Frau meines Alters an mein Auto trat und mich fragte, ob ich sie zur Landsberger Allee bringen könnte.

„Jetzt ist es aber so. Mir wurde der Geldbeutel geklaut. Ich hab also kein Geld dabei. Könntest du mich zu mir nach Hause bringen, da kann ich dich dann bezahlen. Und dann könnten wir auch gleich zum Zoo fahren. Ist das ok?“

Das war – soweit mich mein dementes Hirn glauben lässt – der O-Ton meines Fahrgastes. Die etwas exotische Begründung mit dem geklauten Geldbeutel hat zwar die ein oder andere Alarmglocke bei mir schrillen lassen, aber insgesamt war das ja keine ungewöhnliche Fahrt. Unterwegs noch Geld holen, an der Bank, zu Hause, bei Freunden… wenn ich all die Leute stehen lassen würde, wären meine Pausenzeiten signifikant höher. Ich hab gleich klargestellt, dass ich gerne ein Pfand hätte, dass es aber sonst kein Problem wäre. Ihr irritiertes „Ja“ erscheint mir im Nachhinein mehr oder minder gerechtfertigt.

So ganz die hellste Leuchte östlich von Erichs Lampenladen schien sie ohnehin nicht zu sein, wie weit wir allerdings voneinander entfernt waren, wagte ich bei Fahrtantritt noch nicht zu erahnen. Ich erwiderte auf ihren Streckenwunsch hin, dass ich einen etwas kürzeren Weg kenne, was sie auch dankend angenommen hat. Eine Nette war sie durchaus, Trixi ihr Name.

Nun standen wir also an der Ampel und sie fragte mich, warum denn das Taxameter schon laufen würde.

„Naja, wir fahren ja schließlich schon.“

„Aber ich hab doch gesagt, dass ich sie bezahle, wenn wir ankommen.“

„Aber den Preis muss ich ja irgendwie feststellen, oder? Ich kann ja schlecht ohne Taxameter fahren, das merkt mein Chef dann doch.“

Eine Notlüge, die ich gerne mal gebrauche, um nervige Festpreisverhandler ruhig zu stellen. Natürlich fallen 5 oder 10 Kilometer Leerfahrt in einer Schicht auch so mal an, manchmal als private Fahrt nach Hause, manchmal als ewiges Rumgegurke auf der Suche nach Fahrgästen. Aber für die meisten ist der Chef ein besseres Argument als das Gesetz, mein Geldbeutel oder der Anstand. Arme Welt.

„Aber dein Chef will doch dann sicher, dass du ihm das Geld gibst, da machst du doch Miese bei!“

Spätestens jetzt war klar, dass wir hier ein ziemliches Problem haben. Ganz offensichtlich wollte sie wohl einen Teil der Fahrt umsonst haben oder so.

„Ich wollte dich doch zu Hause bezahlen, dann sollten wir zum Zoo fahren. Ich weiss nicht, ob du das jetzt richtig verstanden hast.“

„Ähm, ja. Ich glaube, wir haben hier ein Kommunikationsproblem.“

Die Verantwortung dafür weise ich allerdings strikt von mir. Immerhin dämmerte mir so langsam, was die gute Frau mit ihren widersprüchlichen Worten wollte. Enorm zur Aufklärung beigetragen hat sie dann selbst, als sie – und das ist kein Witz, keine entschärfte Version, kein Verfälschen! – davon sprach, sie würde mich

„mit Gummi bezahlen“.

Verdammt nochmal! Ich bin Taxifahrer! Wie zur Hölle soll ich denn bitte drauf kommen, dass „bezahlen“ ficken heisst?

Gut, fassen wir also zusammen: Ich hab 6 € auf der Uhr, eine Prostituierte ohne Geld im Wagen, die gewillt ist, ihre Schulden in Naturalien zu bezahlen und bis ich einem Polizisten die Absurdität dieses Kommunikationsproblems erläutert hätte, würde ich anderswo bereits 30 € Umsatz gemacht haben. Fuck it!

„So, herhören! Das mit dem ‚bezahlen‘ lassen wir jetzt mal. Du hast kein Geld, scheiß Geschichte. Du willst zur Landsberger? OK, die 2 Kilometer bring ich dich noch und dann ist gut. Zum Zoo musst du dann irgendwie anders kommen.“

Witzigerweise war das nicht einmal der Anfang eines betretenen Schweigens, sondern Auftakt einer Unterhaltung, an der mir allerdings in Anbetracht der Umstände nicht sonderlich viel lag. Ich hätte die Cops holen sollen, aber es war mir zu viel Stress. Ich hab die Uhr ausgemacht und sie kurz die 4 Minuten weiter kutschiert. Man ist ja auch kein Unmensch.

„So, und hier jetzt rein?“

„Ja, da hinten auf den Parkplatz. Oder vielleicht besser da hinten, da ist es dunkler. Dauert ja schon eher ein bisschen länger, oder?“

Das hab ich mal als Kompliment gewertet, aber nach „länger dauern“ war mir nicht wirklich in dem Moment.

„Hey hey, nichts da! Ich dreh hier gleich wieder um. Ich muss heute Abend auch noch ein bisschen Geld verdienen!“

„Aber! Aber! Nein! Ich wollte dich ja schon bezahlen!“

Kann die nicht mal mit ihrem bescheuerten „bezahlen“ aufhören? Eine Sex-Hotline mit der wäre vermutlich eine Freude für Literaturprofessoren mit einem ungesunden Interesse an Metaphern und Synonymen, aber wir sitzen hier im Taxi!

„Im Ernst: Kein Interesse! Und jetzt bitte, ich möchte gerne weiter.“

„Schade.“

Schade? Ich weiss gar nicht mehr, auf wie vielen Ebenen ich das traurig fand. Dass sie ihre Taxifahrten mit Sex bezahlt, mag ja noch eine Masche sein. Dass sie das damit de facto für einen Zehner macht, finde ich erschreckend. Und dass sie sich nicht einmal zu freuen scheint, wenn sie mal keine Arbeit hat, das ist dann endgültig gruselig.

Tür zu und weg hier. 6,20 € Fehlfahrt. Eine neue Definition des Wortes bezahlen. Und die Erkenntnis, dass manche Klischees erfüllbar sind. Man lernt nie aus.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Dezember-Ehrentag

Ja, sowas in etwa muss heute sein: Ein Tag, den Dezember zu ehren.

Nun haben wir Januar, der geneigte Leser wird fragen, was ich damit wieder sagen will.

Nun, der Dezember ist ein verdammt guter Monat zum Taxifahren. Klar, man muss mit Kälte, Matsch, Schnee und Eis, sowie Meckereien über das Wetter leben können. Dafür stimmt der Umsatz. Der Januar ist im Prinzip genauso, nur fehlt da auch noch der Umsatz. Und dabei ist der wunderschöne Dezember doch eben erst vorbei…

Kurzum: Es war eine deprimierende Schicht! Gut, jetzt nicht unbedingt das schlimmste, was ich je erlebt habe, aber man gewöhnt sich jedes Jahr wieder an die 20€ pro Stunde, die man im Dezember meistens macht. Der Rückschritt auf 10 schmerzt irgendwie.

Was den Tag aber wirklich bitter gemacht hat, war das Trinkgeld. Dass das bei üblen 7 Touren nicht exorbitant werden würde, war klar. Aber 2,20 € ist in einer normalen Schicht ein guter Wert für das höchste Trinkgeld, in guten Schichten ein Wert für das durchschnittliche Trinkgeld – aber doch nicht für die Gesamtsumme wie heute!

Fahrten hatte ich von 6,80 € bis 21,60 €. Alles schöne Fahrten mit netten Fahrgästen, Urlaubsstimmung, Lockerheit, nette Gespräche. Und das war ihnen 0,00 bis maximal 0,80 € extra wert. Schade, wirklich!

Über das Trinkgeld meckern ist immer wieder schwierig. Schließlich ist es freiwillig, und im Einzelfall kann ich auch gar nicht bewerten, was jetzt der Grund war, wenn es weniger wurde. Manch einer gibt aus Prinzip nichts, einer ist knapp bei Kasse, den dritten ärgert doch ein kleiner Umweg, der mir gar nicht aufgefallen ist… kann ja alles sein. Meist gleicht sich das aber irgendwie wieder aus.

Gut, das wird es. Bis Monatsende spätestens. Aber bitter ist es gerade trotzdem. 🙁