Touren, wie ich sie liebe

Ich schreibe hier so oft von ziemlich seltsamen Menschen und erst recht seltsam verlaufenden Touren. Das ist nach wie vor nur ein Teil der Arbeit. Ja, selbst in Berlin! Ja, selbst in der Nachtschicht!

Am letzten Wochenende hatte ich wieder so einen Prototypen einer optimalen Tour. Gut, etwas kurz vielleicht …

Am Ostbahnhof blickt mich mit fragendem Blick ein junger Mann an. Vielleicht 25 Jahre alt, kurze Haare und eine Hautfarbe, die mir bei Pfannkuchen schon zu dunkel wäre. Er erkundigt sich auf Englisch, ob ich ihn in diese Oranienstraße in Kreuzberg bringen könnte. Er hätte sich (mit der Bahn!) verfahren und nun keinen Bock mehr. Er wohne erst seit kurzem hier und er träfe sich nun mit Freunden zu einem gemütlichen Abend, wisse aber nicht, wo das jetzt genau sein soll.

So denn!

Ein bisschen Smalltalk, wie Berlin auf Zugezogene wirkt, ein paar Infos, wie er nächstes Mal mit der Bahn dorthin kommt, ein bisschen nettes Privatgeplänkel. Viel Platz ist ja nicht bei einer Tour von 6,80 €. Für die Hausnummer hab ich das Navi befragt und am Ende meinen Fahrgast etwa am Heinrichplatz entlassen, uns gegenseitig eine gute Zeit in Berlin wünschend.

Er zückte einen Zehner, ich mein Portemonnaie – da insistiert er mit liebenswerter Penetranz:

„Oh, no no no! Just keep the change! You saved my evening!“

„Die kurze Strecke soll er doch laufen!“, „Scheiß Zugezogene!“, „Neger stinken irgendwie alle!“ – alles schon gehört unter „Kollegen“. 🙁

Macht ihr nur eure „tollen“ Fahrten! Ich genieße derweil genau die oben genannten.

„Uh!“, „Oh!“ und BAM!

„Just one Second! Another one! No problem, there’s no traffic!“

Während ihre ältere Begleiterin bereits auf der Rückbank bis hinter mich durchgerutscht war, stand sie mit diesen Worten an der Türe und versuchte sich darin, ihre Zigarette auf einmal einzuatmen.

Es war früh am Morgen, etwa 18.45 Uhr, entsprechend erfreut war ich über eine Winkertour. An der Warschauer Straße war tatsächlich recht wenig Verkehr und ich freute mich, dass der frühe Arbeitsbeginn offenbar was brachte (wie man später gesehen hat, war das tatsächlich so). Die beiden Frauen, beide der Sprache nach russischer Abstammung, waren bereits reichlich angeheitert. Oder naturdicht. Jedenfalls irgendwie ein wenig neben der Kappe.

Ich erfüllte ihnen gern den Wunsch nach einem Radiosender – der allerdings schaffte es nicht einmal ansatzweise, das Gelächter der beiden zu übertönen. Aber was soll’s? Gut gelaunte Kundschaft gleich zu Schichtbeginn. Ist doch prima!

Also weitgehend. Die jüngere der beiden fand in ihrem Zustand offenbar Gefallen an mir und ich merkte das wieder einmal dadurch, dass ich völlig unerwartet an der Schulter gegriffen und spontan massiert wurde. Ich mit meinen oftmals verstrahlten Fahrgästen bin an sowas langsam gewöhnt, aber ich kann dennoch nur davon abraten, das zu tun. Die Menschen reagieren ein wenig unberechenbar, wenn man sie spontan und ohne Vorbereitung an der Schulter packt – und das ist das letzte, was ich bei jemandem riskieren würde, der gerade das Steuer des Autos in der Hand hält, in dem ich selbst sitze.

Ich selbst bin da hart im Nehmen. Ich weiß nicht, woher ich diese Gelassenheit habe – aber wenn ich am Steuer sitze, dann ist erstmal alles außer der Sicherheit zweitrangig. Da mag das noch so oft eine rallige Russin sein: zunächst einmal gilt es, die Kontrolle über meine 1925 zu behalten. Und dann – vielen Dank dafür, dass ich eine stressfreie Ehe führen darf! – kann man ja immer noch dazu übergehen, das zu genießen. Es ist doch alles in allem eine aufbauende Sache, dafür bezahlt zu werden, dass attraktive Frauen einem in einem fort Komplimente machen und einen massieren. Je nach Orientierung möge man auch gerne das andere Geschlecht in diese Vorstellung miteinbeziehen.

Neben vielfachem Dank für Körpergröße und Musikwunscherfüllung fuhr ich die beiden einfach recht gelassen bis beinahe nach Schöneberg. Schön weite Strecke, fast 20 € Umsatz und kein Grund zu klagen. Und ein entspannter Nacken dazu. Es gibt Momente, in denen ich meinem Job einfach nichts schlechtes abgewinnen kann … 😉

Dass ich wahrheitsgemäß auf die Frage nach einer Frau antwortete, störte meine reizende Begleitung nicht, sie sah das nur als Anlass, mir zu empfehlen, wenn ich schon keine Kinder hätte, mich wenigstens fleißig jeden Abend an deren Erschaffung zu üben. Und ich kann nun nicht sagen, dass ich diesen Ratschlag grundsätzlich falsch finden würde.

Nun ja, die Intimitäten nahmen nicht überhand, wenngleich ich irgendwann den Blick in den Rückspiegel verweigern musste. Ein gewisses Level von Notgeilheit ist einfach nur schwer zu ertragen.

Gegen Ende wurde das Ganze aber wesentlich erträglicher, da sich die holde Braut in spe auch als ausgesprochene Fahrzeugliebhaberin erwies und ihre leicht gestöhnten Uh’s und Oh’s mehr und mehr auf den Audi vor der eigenen Haustüre bezogen, dem sie auch nach dem Aussteigen umgehend ein Herzchen auf die Windschutzscheibe malen sollte.

Zuvor aber ging es ans Bezahlen, und selbiges sollte mir nicht nur Trinkgeld, sondern auch Schmerzen bescheren. Nach dem Genestel nach hemmungslos zerknüllten Scheinen in ihrer Hosentasche wollte sie dem „best cabdriver in the world“ noch gerne kräftig auf die Schulter klopfen. Dummerweise, während ich mich gerade umdrehte, so dass ihre Hand mit ordentlichem Schwung in meinem Gesicht landete und sich ein Nagel von ihr tief in meine Lippe grub. Ich sollte noch die halbe Nacht etwas von dieser körperlichen Begegnung haben, habe aber aus verständlichen Gründen auf eine Anzeige wegen Körperverletzung verzichtet.

Manchmal hilft cool bleiben doch sehr in dem Job …

out for art(icles)

Den ein oder anderen Fahrgast lasse ich dann ja schon wissen, dass ich blogge. Bei den meisten halte ich trotz potenzieller Leserschaft die Füße still, bei manchen merkt man ohnehin, dass ihr Interesse nicht gegeben wäre. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und manchmal ergibt es sich dann auch eher zufällig.

So wie beim von Sarah von out for art recht frei wiedergegebenen Dialog am Ende einer Fahrt von Kreuzberg nach Prenzl’berg.

Dass wir uns trafen, war ein Zufall. Ich stand an einer Ampel und die Tür öffnete sich ohne Vorwarnung, so dass das nicht gerade auf Zimmerlautstärke laufende „Break on through“ von den Doors schlagartig eine gewisse Doppeldeutigkeit bekam. Die Fahrt war nett und das Lob für mich als Fahrer kann ich auch an meine Kundin zurückgeben. Ach, wären nur alle so nett und angenehm!

Die Erwähnung meines Blogs geschah wirklich so zufällig, wie bei out for art geschrieben. Genau genommen hab ich auf die Frage nach einer Karte geantwortet:

„Leider nicht. So professionell bin ich – keine Karte, aber eine eigene Website …“

Der selbstironische Touch meiner Ansagen fehlt mir dort im Blog etwas. Wie dem auch sei: Zum bereits zweiten Mal an diesem Wochenende bin ich zufällig auf eine Autorin gestoßen und so folgte im Anschluss noch kurzes Blog-Fachgesimpel über dies und das. Alles wie gesagt sehr angenehm, weswegen ich den Blog auch gerne verlinke. Wir suchen doch alle nach Lesern und Inspiration für neue Artikel, nicht wahr? Out for articles …

Dass ich das bisher nicht verbloggt hatte, erklärt sich im Übrigen zum einen dadurch, dass ich meist ein paar Tage im Voraus blogge, zum anderen, dass ich mir den Namen out for art nur so grob merken konnte und wusste, dass ich leichter zu googeln bin.

Und jetzt dürft ihr bei Sarah die Statistik explodieren lassen. 🙂

PS: Sarah, wenn Du das liest: Sash ist ok, Sascha Bors auch. Aber Sasch Bors? Bitte nicht …

Gute Planung

Gute Planung soll das A und O sein. Bei der Arbeit, auch sonst im Leben. Muss was dran sein, schließlich erzählen es alle. Etwas irritierend nur, dass es oft die besonders gehetzten sind, die solches von sich geben …

Herzerfrischend planlos waren dafür ein paar von den angereisten bayrischen Fußballfans, die die Stadt am Samstag Abend unsicher gemacht haben. Fünf Blaumützen mit noch erträglichem Alkoholpegel und Mitteilungsbedürfnis ließen sich von mir am Ostbahnhof einsacken. Ich hatte das einzige Großraumtaxi vor Ort und die Kollegen waren zu anständig, die Jungs auf ihre vier Sitzplätze zu verteilen – obwohl es eine lukrative Tour war.

Denn sie wollten zum Flughafen. Der Zeitpunkt war etwas sonderbar, denn es war etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht. Begründet haben sie es jedoch damit, dass der Sonderzug zurück wohl voller sei als auf dem Weg nach Berlin und sie nun keinen Platz mehr hätten. Also würden sie fliegen. Mit dem nächsten Flug. Um 3 Uhr. Oder um 6, wer weiß das schon? Die Jungs nicht, aber sie hatten für alle Eventualitäten vorgesorgt und einen ganzen Rucksack unterschiedlichster Alkoholika zum Kommandounternehmen Heimflug mitgeschleppt.

Desweiteren war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich ernsthaft auf die Frage, „Host a guade Musi a?“ geantwortet habe. Nur so fürs Protokoll und für eventuell später mal nachzuweisende Fremdsprachenkenntnisse meinerseits. 😉

Trotz des Unentschiedens nicht unhappy waren sie wohl auch sonst guter Dinge und der erste schlief bereits nach 10 Minuten. Sie staunten über die ein oder anderen Sehenswürdigkeiten im Vorbeifahren, waren sonst aber echt problemlose Fahrgäste. Die Fahrt kam mir sehr gelegen, auch wenn ich danach eine lange (und irrsinnige*) Leerfahrt hatte.

Am Flughafen freilich war alles ausgestorben, selbst die Taxischlange war überschaubar. Wahrscheinlich haben die drei Fahrer einfach nur die letzten Fahrgäste verschlafen und niemand wollte sie wecken. Die Jungs jedenfalls ließen sie auch in Ruhe und bestätigten nebenbei eines meiner Lieblingsklischees:

Während der Fahrt, als ich ihren Musikwunsch erfüllte:
„Alter, Du kriegst mal fettes Trinkgeld! Du bist korrekt drauf!“

Nach der Fahrt, beim Bezahlen:
„Was macht das? 24,90 €? OK, mach auf jeden Fall mal 25!“

Was sich bis dato alles irgendwie nicht nach guter Planung anhörte, wurde wahrscheinlich eine, als ihr eigentlicher Zug abfuhr. Der nämlich blieb in der Folge weitere zwei Stunden in Berlin, da er noch in Friedrichshain einen Mann überrollte. Das jedenfalls teilte die Polizei gestern mit. Sollte um 3 Uhr tatsächlich ein Flieger gestartet sein, waren sie wohl die ersten in der Heimat …


*Die Leerfahrt war deshalb unsinnig, da ich im Anschluss bis Lichtenberg gefahren bin, wo mich letztlich Jo anrief und mich nach Reinickendorf bestellte.

Hey, faules Ich!

Dieser Eintrag ist von meinem fleißigen Ich an mein faules Ich gerichtet. So war zumindest der Plan. Während ich hier jedoch am Nachsinnen bin, stelle ich fest, dass ich so persönlichkeitsgespalten gar nicht bin. Mein fleißiges Ich ist nämlich in Wirklichkeit genauso faul wie das andere – es setzt bloß aktiv Arbeit zur Arbeitsvermeidung ein …

Das bisherige Wochenende war jedenfalls von meiner Faulheit – vor allem aber Müdigkeit – geprägt. Ich konnte am Freitag Abend nicht länger als bis 2 Uhr machen. Koffeein war bereits überdosiert, trotzdem bin ich gefahren wie ein Neunzigjähriger ohne Brille nach 10 Bier während er telefoniert und einen Blowjob bekommt. Es wäre schlicht unverantwortlich gewesen, auf der Straße zu bleiben. Woher die Müdigkeit kam, weiß ich nicht – ich bin „heute“ noch früher aufgestanden.

Naja, die gestrige Schicht in Zahlen: 7 Stunden Arbeitszeit, für Freitags extrem magere 94 € auf der Uhr.

Und heute?

Ich bin früh los. 18.20 Uhr. Und gleich aufgeregt wegen Stau auf der Landsberger. An der Warschauer dann Winker und los ging es. Die Fahrten trudelten ein, allerdings nicht rekordverdächtig. Schon immer gut, aber nichts, was nicht wann anders auch mal passiert. Etwas wirklich gutes konnte ich nur erwarten, wenn ich lange arbeite. Aber gut, ach o weh!, das wäre so gut wie nichts gewesen. Am Donnerstag hatte ich schon blau gemacht und ich war jetzt schon wieder sehr früh wach. Allenfalls eine Schicht über der magischen 300€-Grenze hätte vollends ausgeglichen, was ich am Vortag verbockt hatte. Und 300 €, nur mal so: Ja, manche schaffen das öfter mal. Mein Rekord jenseits von Silvester lag bei 297,00 € – bei einer 13,5-Stunden-Schicht wohlbemerkt.*

Aber träumen darf man ja mal.

Die Schicht lief vor sich hin. Hier und da ein Eintrag zum Bloggen, dort Langeweile. Ständig Stress mit Handy-Netz und GPS, die Cops haben den Taxistand ständig zugeparkt und und und. Außerdem hat mir die ersten zwei Stunden der Mund wehgetan, weil mir ein Fahrgast eine verpasst hat. Dazu aber in einem anderen Eintrag näheres. War nicht so wild, wie es sich anhört 😉

Und ich wurde und wurde, ähm, ja … nicht müde. Gut, rein rechnerisch hab ich rund 1,5 Gramm Koffein zu mir genommen, aber ich war erstaunlich „normal“ wach, nicht dieses Koffein-Poltern im Hirn, das zwar die Augen offen, den Körper aber müde hält. Einzig Muskelkater im Arm ergab sich irgendwann.

Und irgendwann zwischen 5 und 7 Uhr wurde mir klar, dass ich das schaffen könnte: Meine 400 € Wochenendsoll in zwei Tagen vollzukriegen, auch wenn ich am ersten nur 94 € geschafft hatte. Am Ende hab ich’s dann einfach durchgezogen. Es war wieder hell und ich hab noch zwei Touren an der wilden Renate abgegriffen. Ein Blick auf die Zahlen am Taxameter verkündete dann gegen 7.30 Uhr, dass ich es geschafft hatte:

311,10 € in bis dato 13 Stunden. Puh!

Dann noch schnell das Auto säubern und um ziemlich genau 8.00 Uhr hab ich die Kiste abgestellt. Runde 5 € über Soll. Nicht viel, aber immerhin gleich noch die Nachlässigkeiten der ersten Woche ausgebügelt. Jetzt bin ich platt, aber glücklich. Und ich muss heute Abend nicht noch einmal raus. Aber insgesamt finde ich 21 Arbeitsstunden für 2 Tage auch ausreichend – ganz gleich, was für Rekorde andere Fahrer so aufstellen!

Und was will ich eigentlich sagen, gegen ein faules Ich, das mal eben 3 Stunden an die übliche Arbeitszeit ranhängt, um mir einen ganzen Tag zu ersparen? 🙂

*die Leser-Tour nach Kreischa war keine normale Schicht, also echt nicht!

Manchmal …

…schlaucht einen das alles dann doch. Ich mache jetzt bis auf ein paar Tage seit 4 Jahren Nachtschicht. Ich arbeite zwar nicht sonderlich viel, dafür lebe ich auch im Alltag auf der dunklen Seite. Die Interpretationen dazu überlasse ich euch 😉

Trotzdem huft es einen manchmal weg. Ich hab gestern gut und lang geschlafen, einen Kaffee zum Frühstück getrunken und in den ersten Stunden der Schicht drei Coffees nachgeworfen – trotzdem hab ich um zwei Uhr beschlossen, dass man nicht ans Steuer eines Autos gehört, wenn man das Verschwimmen der Straße nur noch durch lautes Mitsingen der Musik und durch gelegentliche Pausen am Straßenrand verhindern kann.

Bekommt den Finanzen natürlich nicht so gut, ist aber immer noch besser, als den nächsten Blogeintrag übers WLAN des Unfallkrankenhauses hochzuladen. Eigentlich wollte ich aber nur eines sagen:

Heute Abend beginnt eine neue Schicht.

Gute Nacht!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Bitteschön!

Manchmal macht ihr mich fertig. -.-

Für die, bei denen der Beitrag zum Blitzer direkt unter dem Bild aufgehört und direkt zum Kommentarfeld geleitet hat:

Hey, man kann das Kennzeichen nicht lesen!!!einself1! Quelle: Landkreis MOL

Bla Text Bla Bla.