Der Moment, in dem man weiß, dass man verloren hat

Ich wusste bei meiner letzten Fahrt an diesem Abend, dass ich verloren habe, als mir der Fahrgast neben mir mit einem schallenden Lachen „Haha, Du bist geil!“ entgegenschmetterte. Das Blöde war halt: Es war seine Freundin, die mich in Anbetracht des hellen Lichtes im Auto noch mal schnell fragte, wie alt ich sie schätzen würde …

Und ich hab da schon gesagt, dass ich da ja nur verlieren kann. Sie hingegen hat versichert, dass ich da heute nix mehr falsch machen könne. Und da Bezahlung und Trinkgeld schon geregelt waren, hab ich ehrlich geantwortet:

„Ende 30 vielleicht?“

Wenn man bedenkt, was man da bei 3 Jahren für einen Sturm auslösen kann, dann stellt Euch mal vor, wie groß das Geschrei war, als sie sagte, sie sei 29.

Ich hasse das. Zunächst natürlich mal, weil ich niemanden beleidigen will. Andererseits aber auch, weil das ein derart dummes Spiel ist. Zum einen fragen ohnehin immer nur Leute, die entweder deutlich jünger oder älter aussehen als sie sind, oder überhaupt niemand sieht so alt aus, wie er ist. Zum andern, weil das halt stark vom Umfeld des Betrachters abhängt.

Als ich z.B. 15 war, haben die ersten Kumpel gelacht, dass ich noch keinen Bartwuchs hatte und ich hätte mich selbst im Spiegel auf eher 13 geschätzt. Dafür konnte ich überall Schnaps kaufen, weil ich mit 1,90 Meter bei allen Ladenbesitzern eher als ein Typ durchging, der vermutlich 25 ist und einem eine klatscht, wenn man ihn nach dem Ausweis fragt. Mit Anfang 20 wurde ich von einem Kind erstmals über 50 geschätzt und dieses Jahr, mit 35, haben mir schon mindestens drei Fahrgäste überrascht gesagt, dass sie mich nicht für so alt gehalten hätten. Aber Taxifahrer gibt’s gefühlt halt auch nur zwischen 20 und 30 und 50 und 90. Vielleicht machen normale Menschen dazwischen „was vernünftiges“. 😉

Im Ernst: Wenn man einfach ein Kompliment haben will, dann ist der nächstbeste Fremde auf der Straße vielleicht die falsche Adresse. Oder man fragt halt nach anderen Dingen. Ich meine: Fand ich die Kundin hübsch? Auf jeden Fall. Aber sie hatte halt ein paar Falten mehr als die Leute, die ich in ihrem Alter kenne, sorry. Und auf jede Nachfrage einfach mit „Na höchstens 22, nicht wahr?“ zu antworten, ist mir schlicht und ergreifend zu doof.

Und so unter uns: Ich bin sowas von froh, dass ich da in den letzten paar Jahren irgendwie rausgewachsen bin. Ihr dürft mich natürlich weiterhin hässlich finden, aber ich hab nicht einmal mehr Angst vor einer Glatze im Alter. Und sollte dieses Alter in fünf Jahren schon kommen, isses halt so. Die Lockerheit wünsche ich denen, die mich bitten, ihr Alter zu bewerten, auch irgendwann mal. 😉

Was die Kollegen so treiben

OK, OK, ich hab’s  nicht wie versprochen gestern zum Bloggen geschafft. Als ich gesagt habe, ich äußere mich mal zu dem, was mein Fahrgast sonst noch so erzählt hat. Das ist natürlich immer mit Vorsicht zu genießen, denn dass jemand, der gerade schlechte Erfahrungen mit einem Taxifahrer hatte, gerne schlechte Erfahrungen mit Taxifahrern teilen will – ob es sie gibt oder nicht – kann auch ein rein psychologisches Phänomen sein. Das ist nicht böse gemeint, so ticken wir Menschen halt. Was für mich die Glaubwürdigkeit des Kunden erhöht hat, war, dass er eben gerade nicht in einer Schimpfkannonade festhing, sondern eigentlich eher amüsiert war und durchaus zufrieden damit, dass er mit mir eine gute Fahrt hatte. Ein paar Reflexe und sonstige Fehler fallen also schon einmal weg. Und so nett und beiläufig, wie er das erzählte, als ob es nix gewesen sei …

Und was?

Nun ja: Einen Fahrer hätte er mal wecken müssen. Der sei an einer Ampel eingeschlafen. Finde ich übelst krass, aber da ich selbst nachts auch schon von Müdigkeit übermannt wurde und das kaum verhindern konnte, und zudem von Kollegen weiß, dass ihnen das genau so auch passiert ist, halte ich es nicht für weit hergeholt.

Und unter weiterem kramte er eine Tour hervor, bei der der Fahrer – „Schwörisch, Bruda!“ – mindestens vier, vielleicht auch mehr, rote Ampeln überfahren hat. Ich  kenne (gleichermaßen plausible wie glaubhafte) Stories über zwei Ampeln. Aber MINDESTENS vier?

Was soll’s? Daran ändern kann ich nix und ich bin zum einen froh, dass wohl nie was passiert ist; und zum anderen, dass der Kunde dementsprechend mit mir mehr als zufrieden war.

Wie gesagt: Ich warte derzeit auch auf einen weiteren Liebesbrief vom Polizeipräsidenten und will mich entsprechend wirklich nicht zur moralischen Instanz aufschwingen. Ein kleines WTF bleibt aber halt doch …

„Nicht bis nach Charlottenburg“

Ich hatte eine Tour  bis nach Charlottenburg. Vom Ostbahnhof aus und ohne langes Warten. Wäre es dieses Wochenende doch nur immer so einfach gewesen. Das selbe dachte sich auch mein Kunde, als ich ihm freudig entgegnet habe, dass ich ihn zum Tegeler Weg bringe. Denn, so erklärte mir der lustige Typ aus Jamaika gleich:

„Der Taxifahrer eben, hast Du den gesehen?“

„Nein, wieso?“

„Der war komisch. Ich hab ihn am Yaam rangewunken, hab gesagt wo ich hin will, dann ist er losgefahren und hat gesagt, dass er mich jetzt nicht den ganzen Weg bis Charlottenburg fährt.“

„OK, das ist aber …“

„Also hat er mich zum Ostbahnhof gebracht und dann wollte der auch noch 5€ haben!“

„Bitte WAS?“

Und ich bin natürlich nicht über den Preis verwundert gewesen, das hat man bei 3,90€ Einstiegsgebühr schnell zusammen. Aber mal ganz abgesehen von der eigentlichen Sache mit der Beförderungspflicht: Falls es gute Gründe gab (kaputtes Auto, Feierabend), dann ist es trotzdem ein ziemlicher Arschlochmove, dem Kunden das Absetzen nach 500 Metern bei einem Taxistand in Rechnung zu stellen, wenn der dort gar nicht hinwollte!

Aber klar: Erst die Uhr einschalten und dann mal gucken, ob einem die Tour passt. Als Geschäftsmodell schon prima, nur halt nicht so wirklich legal.

Glücklicherweise war der Kunde nicht sonderlich verärgert. Er hat gesagt, dass er seit Jahren viel Taxi fährt und das das erste Mal war, dass er sowas dreistes erlebt hätte. Nicht dass seine Stories danach nicht auch Klärungsbedarf aufgeworfen hätten, aber da ging’s um ganz andere Dinge. Blogge ich vielleicht morgen.

Nochmal zur gestrigen Tour

Ich hab den Artikel gestern nicht grundlos ein bisschen daneben klingen lassen. Kunden, die in Berlin extra die „Dorfdisco“ aufsuchen, mit Kumpels, die „Türsteher machen“ und dann ernsthaft fragen, ob das dort gut sei. Ich schiebe das gerne ein bisschen weg von mir, weil das nicht wirklich meine Szene ist. Andererseits sind das die Vorzeige-Elektro-Schuppen, die so angesagt sind, auch nicht.

Und um ehrlich zu sein: Ich hab in der neuen Kneipe meiner Stuttgarter Stammgastwirte meine Hochzeit gefeiert. Nachdem sie die ehemalige Kneipe zu einem Automatencasino umgewandelt hatten. Einen Blick von oben herab hab ich auf das Stadtteilleben wirklich nicht. Deswegen sei auch nochmal nachgeschoben, dass die Kunden, obwohl drei eher prollige Typen, durchaus einige Sympathien bei mir erwerben konnten. Sie waren furchtbar nett, haben meinen Rat ernsthaft haben wollen und waren reichlich selbstironisch ob ihrer Zielauswahl.

Zu guter Letzt der geschäftliche Teil: Kein Feilschen, kein Du-bist-ja-nur-der-Fahrer-Getue sondern ein angenehmes Gespräch. Und als meinem Beifahrer beim Bezahlvorgang versehentlich das Portemonnaie in der Hand explodiert ist, hat er meinen ersten Suchambitionen eine selbstverständliche Abfuhr erteilt, gemeint, dass es ja nur „ein bisschen Kleingeld“ sei und die 17,50€ trotzdem mit einem Zwanni beglichen.

Es mag nicht die klassische Kundschaft zu so einem Club gewesen sein, aber auch sowas passiert immer noch oft genug, um meine dann doch mal aufkeimenden Vorurteile gelegentlich auf die Probe zu stellen. Danke dafür!

Empfehlen?

„Abend. Wie viel würde es denn in die Hasteschongehörtstraße kosten?“

„Das war in Hellersdorf, oder?“

„Weiß nicht. Der Dorfclub2000?“

„Ah, kenn‘ ich. Zwanzig Euro etwa.“

„Und? Kannste den empfehlen?“

Ja, öhm, puh!

Also mal abgesehen von meiner geringen Fähigkeit, gute Clubs von schlechten zu unterscheiden: Die angefragte Location war halt so ungefähr der Inbegriff von dem, was man hier in Berlin einen schlechten Club nennt. Und ich meine jetzt nicht einen, der verschrieen ist, weil da nur Touris sind, sondern einen von der Sorte, die man in keinem Stadtführer findet, weil es die Lokalität um die Ecke ist, in der die Leute aus den umliegenden Vierteln abhängen, weil ihnen 30 Minuten S-Bahn-Fahrt zu nervig sind.

Also so ein bisschen wie die kleine Eckkneipe im Kiez, „Sylvie’s Pub“ (nur echt mit dem Apostroph!). Und dann fragt jemand, ob man das eine gute Lounge zum Chillen sei. Was willste da sagen? Ich meine, natürlich kann man da saufen, sogar günstiger als anderswo. Aber rechtfertigt das eine Empfehlung?

Ich hab mich etwas gewunden, aber die Kundschaft hat beschlossen, es zu versuchen. Denn obwohl sie selbst aus Mitte kamen:

„So Kumpel von uns machen da manchmal Türsteher, verstehste?“

Am Ende scheint es schon gepasst zu haben, auch wenn ich das eher als gruselige Location abgespeichert habe. Aber hey, die Geschmäcker sind verschieden! 🙂

Liebe. So schön!

„Ich liebe Dich!“

„Uff, das ist jetzt nicht wirklich problemfrei …“

„Haben Sie was gesagt? Sorry, ich telefoniere gerade.“

Achievement unlocked: Weird communication.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Heimwegfinanzierungen

„Ach, mach doch mal billiger, Du fährst doch eh in die Richtung!“

Das ist, wie ich oft hier bei GNIT erwähnt habe, kein Argument. Obwohl beim Taxifahren vieles Zufall ist, bleibt am Ende dann doch, dass auch unsere Verfügbarkeit vor Ort bereits Teil der Dienstleistung ist. Das ist nicht immer fair, da auch der Winker einmal ums Eck nach dem nächsten Kunden noch den vollen Grundbetrag zahlen muss, aber dafür musste ich meiner letzten Kundin am Sonntag eben nicht auch mal eben hundertdrölfig Euro Anfahrt berechnen, weil mein Kilometerschnitt völlig im Arsch war, als ich sie einlud.

Aber der (abgesehen vom Schnitt sehr gute) Abend war für mich vorbei und mit ihrem Ziel in Marzahn kam sie mir ohne es zu wissen sehr entgegen. Sie wollte auch keinen Sonderpreis, sondern hat nur erwähnt, dass sie nur noch 11,50€ dabei hätte und ich dann eben ggf. stoppen solle. Passiert öfter, und unter diesen Umständen finde ich da meist auch eine versöhnliche Lösung. Hier folgende:

„Ich glaube nicht, dass das komplett reicht, aber warten wir mal ab. Um ehrlich zu sein: Die Richtung passt mir ganz gut.“

Ja, das ist in gewisser Weise das Gegenteil von dem, was ich eingangs erwähnt habe, aber genau da liegt der sehr sehr wichtige Punkt: Natürlich gibt es Momente, in denen man als Taxifahrer mal jenseits von Recht und Gesetz fünfe grade sein lassen kann. Aber wann das passiert, entscheidet der Taxifahrer nach seinen Möglichkeiten und nicht der Kunde! Es mag sein, dass man da ethische Grenzfälle finden kann, aber für uns ist der Deal, dass wir uns (und unter Umständen unseren Chef) um Geld bringen und zusätzlich das Gesetz misachten. So toll Kundschaft an sich ist: Dieses Entgegenkommen ist für uns ausschließlich negativ, denn unsere Alternative ist es, drölfzig bezahlte Kilometer Umweg zur schwerhörigen Uroma zu fahren, die dem Fahrgast das Geld schenkt. Und ja: Nix anderes ist einforderbar, alle Alternativen sind semilegale Geschenke von unserem wohlverdienten Lohn.

Aber wie ich bereits festgestellt habe: Auch das tut mal mehr und mal weniger weh und außerdem ging es mir nie nur um Prinzipienreiterei um der Prinzipienreiterei (die übrigens  ein sehr unbefriedigender Sport ist) wegen.

Also hab ich der Kundin noch vor Ende der Fahrt erklärt, dass ich sie schon heimbringen würde, weil mir der Weg gut passte. Und nur um das mal zu erklären: „Der Weg passt“ ist nicht immer das, was Kunden darunter verstehen. Selbst wenn man z.B. einer Veranstaltung entgegen fährt, kann es für mich blöd sein, nicht bereits die ersten Kunden einzuladen, sondern erst die einen Kilometer weiter. Sicher, oft kann ich das selbst nicht gut genug einschätzen, weil die nächsten ja auch unterschiedliche Touren haben könnten, aber das typische „Na, Du kannst ja froh sein, wieder in die City zu kommen …“ ist leider nicht immer  ein gutes Argument. Vielleicht ist im Außenbezirk auch gerade eine fette Party der Anziehungspunkt, von der fast alle Anwesenden Touren ins Umland zu bieten haben.

Aber wie ich wusste: Bei meiner Kundin war das nicht der Fall. Abgesehen von der geringen Partydichte in Lichtenberg und Marzahn am Montagmorgen war es auch so, dass ich langsam müde war, wirklich Feierabend machen wollte und ihr Ziel wirklich DIREKT auf dem Weg zum Abstellplatz lag. Eben genau die von Kunden sicher gerne herbeifantasierte Situation von „Entweder das oder gar nix“. Selbst wenn unterwegs Winker gewesen wären: Ich hätte sie nicht gewollt, ich hab nach der Tour für die verbleibenden anderthalb Minuten die Fackel ausgemacht. Und das ist auch nach achteinhalb Jahren immer noch ein nur ungefähr einmal jährlich auftretender Zustand.

Der Witz war, dass die 11,50€ am Ende zu 100% exakt bis zum Zielort gereicht haben. Abgesehen davon, dass ich sonst vielleicht noch ein Trinkgeld hätte einstreichen können, hab ich mich nicht einmal irgendwie aus dem Fenster lehnen mü …

„Ach, wenn Sie sowieso abbiegen: Könnten Sie mich dann da am Zebrastreifen rauslassen?“

Na gut, die einhundert Meter …

Ein spätes Foul ihrerseits. Aber dafür war mein Kilometerschnitt trotzdem wieder im Rahmen. 🙂