Ach, Ortskenntnis!

Meine Ortskenntnis ist ja nun sicher nicht die beste. Nicht schlecht dafür, dass ich erst sechs Jahre in Berlin lebe, für einen Taxifahrer dank meiner geringen Arbeitszeiten und meinem routinierten Griff zum Navi aber wohl auch nicht besonders. Im Vergleich zu so manchen Kunden jedoch …

Aber gut, die Situation war folgende: Ich war soweit „satt“. Ich hatte das Geld zusammen, das ich eigentlich einfahren wollte; und das sorgt bei mir dann schnell für Lust auf Feierabend. Dem Glücksspiel Taxifahren aber zugetan, mache ich die Fackel meist nicht aus, sondern nehme dann noch die Leute mit, die mich ranwinken.

In jenem Moment habe ich mich bereits recht sicher gefühlt. Ich hatte das belebte Friedrichshain hinter mir gelassen und folgte nun der Möllendorffsstraße in Richtung Norden. Nicht, dass Winker hier so selten wären an einem Samstagmorgen um vier Uhr – aber wo wollen die Leute schon hin. Nach Lichtenberg, Weißensee, Hohenschönhausen – vielleicht auch ein Stück zurück nach Friedrichshain. Alles soweit ok für mich, der ich nach Marzahn musste (ich konnte das Auto mit heim nehmen). Kleinvieh im Osten. Im „schlimmsten Fall“ bis weit raus, nach Ahrensfelde oder Hellersdorf. Aber das wäre immer noch näher an Zuhause gewesen …

Und dann steigt mir ein Typ ins Auto und möchte zur Beusselstraße. Das ist geradewegs nach Westen. Kann man sich hier auf der Karte anschauen. War für meine Feierabendpläne zwar unschön, auf der anderen Seite waren es mal schnell 20 € ohne Wartezeit. So lange ich nicht übermüdet bin, freue ich mich da dann doch.

Mein Fahrgast war eigentlich ein ganz lieber Kerl, leicht angetüddelt, aber bei weitem nicht das Schlimmste, was einem um die Uhrzeit vors Auto laufen kann. Er beschwerte sich ein wenig, dass ich ihm einen Preis von über 20 € ansagte, am Ende jedoch mussten wir ohnehin noch einmal wenden, weil er in der Zwischenzeit vergessen hatte, dass er nur noch einen Zehner dabei hatte und noch zur Bank musste. Ging also auch nicht ums letzte Ersparte. Bemerkenswert war jedoch, wie sehr er darauf beharrte, dass 20 € (am Ende dann sogar 22) zu viel seien und er damit gerechnet hatte, weniger zu zahlen. Schließlich wäre er ja bereits eine halbe Stunde (laut späteren Aussagen auch 20 Minuten oder eine Stunde) gelaufen, bis ich als erstes Taxi endlich gehalten hätte …

„Wo waren Sie denn vorher?“

„Na, inner Kneipe.“

„Wo genau?“

„Na hier, inner … wie heißt die Straße? Die Warschauer!“

Ähm ja. Herzlichen Glückwunsch! Hier kann man sich mal anschauen, wie weit er in welche Richtung gelaufen war …

Da war ich jetzt nicht wirklich schuld daran, dass die Fahrt über 20 € gekostet hat. 🙂

Yok und Walz

Wer es immer noch nicht aus meinen Social Networks mitbekommen hat:

Mein sehr geschätzter Kollege Yok – seines Zeichens Musiker und inzwischen auch Taxibuch-Autor – hat den Promifriseur Walz im Auto gehabt.  Und das natürlich ausgerechnet auf einer Tour, die leider völlig unerwartet schief lief.

Und er hat das wunderbar in Worte gepackt. Und zwar hier (Der Link ist nur diesen Monat gültig, also schnell lesen!)

Überhaupt solltet Ihr Yoks Geschichten jeden Monat lesen, echt jetzt! 🙂

Übertreiber

Kleiner Dialog von der Rückbank …

„Eines muss man Litauen lassen: Sie haben angeblich die älteste Sprache Europas.“

„Und ganz Europa spricht litauisch …“

„Nee, Quatsch. Aber Litauisch soll die unverfälschteste indogermanische Sprache sein.“

„Jetzt reicht’s aber mal hier. Indogermanische Sprache dich selbst!“

„Was denn?“

„Ich hab echt nix dagegen, dass Du die FAZ liest, aber ‚indogermanische Sprache‘ auf’m Heimweg vom Club ist echt mal einfach ein krasser Übertreiber!“

Knast

Ich rede während der Arbeit viel mit Menschen. Bei meiner Zweitbeschäftigung schreibe ich. In meiner Freizeit lese ich nahezu ununterbrochen in allen nur erdenklichen Quellen. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich die deutsche Sprache recht gut kenne. Nicht von der Struktur – da bin ich sogar eine ausgesprochene Null – aber vom Alltagsgebrauch her. Und man kriegt ja viel lustiges mit. Gerade, wenn man es viel mit Touristen zu tun hat, die die Sprache nicht so gut kennen. Oder gar mit Dialektsprechern. Das ist ein unfassbarer Quell der Freude und ich vergreife mich auch gerne mal an Formulierungen, die ich aufschnappe.

Manchmal aber weiß man wirklich nicht, was man davon halten soll. Mein erster Winker heute Nacht beispielsweise sagte immer wieder folgendes:

„Ich hab so Knast.“

Wirklich, ohne jeden Zweifel, er hat das auch ungefähr drölfzig mal in klarer Aussprache wiederholt. Dementsprechend war es auch nicht schwer, herauszufinden, was er genau meinte. Nämlich Hunger. Einen besonders schlimmen Hunger offenbar. Kennt jemand von Euch die Formulierung oder weiß, woher sie kommt? Wollte ich mal interessehalber fragen.

Also ich kenne „Knast“ nur als Begriff für Gefängnis. Dass man da irgendwelche Herleitungen für Hunger hinkriegen kann, ist mir klar. Aber ich hab’s wirklich noch nie in meinem Leben gehört. Nicht unter österreichischen Möchtegern-Gangstern und auch nicht unter Hamburger Polizeischulabsolventen. Eine der wichtigsten Quellen allerdings fehlt mir auch: Ich sehe nicht fern. Also: Hat jemand eine Ahnung?

Die Lösung ist Schlaf.

Ganz offensichtlich zumindest.

Wie beschissen mein gestriger Abend war, ist schwer zu beschreiben, weil er auf sehr subtile Art beschissen war. Dass ich vor allem wegen der Kinder unserer Nachbarn nicht so richtig schlafen konnte: Sei es drum, das passiert als Nachtarbeiter halt auch mal. Dafür zahle ich weniger Steuern. Kann in ganz blöden Fällen aber trotzdem nerven. Ich bin dann mit vielleicht vier Stunden Schlaf zu wenig pünktlich aufgebrochen und es wollte einfach nix passen. Mir lag das Essen unnötig schwer im Magen, ich hatte meine Bonbons vergessen und einen miesen Geschmack auf der Zunge. Das Auto machte komische Geräusche und völlig furchtbarerweise weigerte sich der CD-Player bei ungefähr 80% aller Lieder, sie bis zum Ende zu spielen. Und nach einer halben Stunde hätte ich umfallen können, wäre es am Steuer nur möglich. Dazu langweilige Kundschaft und quasi nicht existentes Trinkgeld.

Das sind die seltenen Momente, in denen auch ich mich frage, ob ich jetzt wirklich für die paar Kröten noch die Nacht durchziehen will. Scheiß auf Freitag, scheiß auf alles!

Entsprechend luxuriös war meine Laune, als ich um 21.30 Uhr mit viel zu vielen Kilometern und zu wenigen Euros auf der Uhr wieder zu Hause aufgeschlagen bin, um mich ins Bett zu schmeißen. Ich hab mir nicht einmal einen Wecker gestellt. Schlaf, so viel eben nötig ist. Der Rest war mir egal.

Und was soll ich sagen …

Um 0.25 Uhr bin ich aufgewacht. Schnell auf eine Kippe und eine Cola an den Rechner, die CD neu gebrannt und dann langsam in die Klamotten geschlüpft. Zwischenrein meine bessere Hälfte ins Bett gebracht und dann volles Rohr Richtung Innenstadt. Das Auto hatte sich beruhigt, Green Day brezelten ohne Unterbrechung die ersten drei Minuten der Fahrt aus dem Radio, danach hatte ich schon einen Winker. Auf diesen einen folgte eine Dreier-, danach noch eine Zweiergruppe. Das erste Mal am Ostbahnhof aufgeschlagen bin ich nach einer Stunde und 10 Minuten mit 48 € mehr auf der Uhr. Und hab mich als Dritter (!) angestellt.

Kurz darauf rollte Kollege Thorsten an den Stand und meinte:

„Scheiße, ist das tot heute!“

Das war es bei mir nur, bis ich ins Bett bin. Danach war heute, vorsichtig ausgedrückt, einfach alles perfekt.* So dürfen Monate immer anfangen. Dafür verkrafte ich auch zwei Stunden schlechte Laune zu Schichtbeginn.

*Das Trinkgeld ist miserabel geblieben. Aber das stört nicht so arg, wenn sonst echt alles passt.

Absicht, immerhin.

Der gestrige Abend war eigentlich komplett vom Fotoshooting für den Stern bestimmt. Das war ok, so hatte ich mir das auch gedacht. Und es war insofern in Ordnung, als dass ich mir die normale Taxi-Wartezeit als Verdienstausfall anrechnen konnte. Da sind schnell mal 45 € zusammengekommen, für mich wahrscheinlich mehr Geld als für die anderen Beteiligten.

Nein, im Ernst: Für ein Fotoshooting hat es Spaß gemacht, schon alleine weil Peter Rigaud ein unglaublich sympathischer Mensch ist. Sein Portfolio könnt Ihr hier sehen, ich kann nur hoffen, dass er aus den Fotos mit mir auch nur halbwegs sowas brauchbares rausziehen kann. Ich hab mich wie üblich auf den Vorschaubildern nicht sehr gemocht, aber da vertraue ich einfach mal dem Profi.

Danach ging’s zu meiner Lieblingshalte am Ostbahnhof, wo ich wider Erwarten keine bekannten Gesichter gesehen hab. Na, tolle Wurst! Da kommste gut gelaunt von einem Termin, von dem man den Kollegen angeberisch was vorschwärmen könnte und dann ist keiner da. 😉
Ich hab also gewartet. Und gewartet. In Wirklichkeit war es nur eine Dreiviertelstunde, aber so ohne Kollegen und noch ein bisschen euphorisch kam mir die Zeit sehr lange vor. Dann stand mein Fahrgast vor mir und bedankte sich gleich mal herzlich dafür, dass ich ihm den Koffer eingeladen habe. So viel Empathie kriegt man leider auch nicht immer entgegengebracht.

(Kurzer Einschub: Ich erwarte da gar nix, das Einladen von Gepäck ist etwas, das wir sogar laut Taxiordnung erledigen müssen. Aber ein paar nette Worte sind immer schön, auch wenn man nur seine Pflicht erfüllt.)

„Wo soll’s denn nun hingehen?“

fragte ich, während ich ihm schnell den Beifahrersitz zurückschob. Sein ebenso wie meiner nicht gerade zierlich geratener Körper rutschte aufs Sitzleder und sein Mund meinte, er müsse nach Dahlwitz. Keine drei Sätze später war klar, dass er ins Hotel Hoppegarten Berlin wollte. Was mich immer skeptisch werden lässt. Ich will dem Hotel nicht das „Berlin“ im Namen madig machen, aber meiner Erfahrung nach landen da meist junge Touris, die von günstigen Preisen geködert vor Ort etwas irritiert feststellen, dass es von dort aus „nach Berlin“ – also ins Zentrum – noch mehr als nur ein ganzes Stückchen ist.

So war es dieses Mal Gott sei Dank nicht! Mein Kunde war ein ehemals in Berlin lebender, kundiger Besucher, der ohnehin außerhalb zu tun hatte. Und nicht das erste Mal dort übernachtete. Sowas hebt die Laune gleich ungemein, denn normalerweise fangen die Fahrten zu diesem Hotel für mich eher mit einer bestürzten Nachfrage an, ob ich das mit den 25 € Fahrtkosten auch ernst meinen würde. Mein jetztiger Fahrgast aber erfreute mich mit Ortskenntnis, bester Laune und einer Gesprächsbereitschaft, die ihresgleichen suchte. Wir haben uns die ganze Fahrt über unterhalten über Berlin, die Ost-West-Geschichte, seine und meine Zeit in der Stadt. Die Fahrt verging wie im Fluge und es war deutlich angenehmer als mit irgendwelchen Touris, die schon vier Kilometer vor der Stadtgrenze glauben, ich würde sie übers Ohr hauen. Eine der klassischen Touren, die ich zwar eigentlich liebe, die für GNIT aber nur wenig hergeben. Das einzig Außerplanmäßige war tatsächlich, dass er sich dieses Hotel freiwillig ausgesucht hatte …

Danach bin ich dann direkt heimgefahren. Keine Lust, nochmal zu warten, genug Umsatz für meinen „halben Donnerstag“ und eine Menge Gedanken im Kopf zur erwartbaren Reaktion anderer Medien auf mein Stern-Interview, dass nun wohl bald mal veröffentlicht werden wird.

Das hat zugegebenermaßen nicht viel mit dem Taxi-Alltag da draußen zu tun. Das ist nun schon wirklich ein etwas speziellerer Schichtverlauf, der so hauptsächlich mir passiert. Und das ist toll und besser als Langeweile. 🙂

Nun der zum Datum passende Teil: Wir haben den ersten November und Ihr habt gestern entweder Kindern Süßigkeiten geschenkt oder Euch gegenseitig mit gruseligen Klamotten erschreckt. Ich war arbeiten. Und das vor allem, weil ich das Geld brauche. Trotz Stern-Interview und toller Dahlwitz-Fahrten ist das alles immer irgendwie am unteren Rand des Möglichen. Ich halte GNIT so werbe- und nervfrei wie möglich, aber die ganze Schreiberei kostet Zeit. Deswegen möchte ich hier den zweifellos überwiegend guten Seelen unter meinen Lesern so kurz vor meinem Geburtstag am 12.11. nochmal nahelegen, mir vielleicht etwas von meiner Wunschliste zu schenken.
Ebenso gut, dafür mit keinen Zusatzkosten verbunden, wäre die Option, die diesjährigen Weihnachtsgeschenke für die eigene Familie über meinen Amazon-Ref-Link zu kaufen. Ich weiß, ich bitte nicht als einziger darum, aber mit Sicherheit als der Netteste.
Oder der Ärmste, je nachdem, wo Ihr so lest. 😉

Das ist auch kein Gemecker, denn Ihr wart bislang wirklich verdammt gut zu mir. Leser wie Euch wünschen sich sicher die meisten Blogger. Aber ja, ich bin noch nicht so weit, dass ich auf diese Bitte ganz verzichten könnte. Hab Euch aber lieb, egal wie Ihr euch entscheidet. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Halloween!

Ich sollte wohl irgendwas total unheimliches schreiben, dazu fehlen mir allerdings die Geschichten. Ein wenig auch die Laune. Außerdem hatte ich noch keine Halloween-Fahrgäste dieses Jahr. Absurder als letztes Jahr sollte es aber wahrscheinlich auch nicht mehr werden …

Dafür geht’s dann heute mal wieder in Sachen Medien hoch her, ich treffe mich nämlich mit einem Fotografen, der hoffentlich taugliche Bilder von mir schießen wird.*

Aller Voraussicht nach werden das nämlich wohl Fotos sein, die mich noch eine Weile begleiten werden. Es geht nämlich um die Illustration des schon vor Monaten geführten Interviews mit mir, das im Stern erscheinen soll. Und eine gewisse Auflage sagt man dem Magazin ja dann durchaus nach. Ich versuche das Ganze eigentlich nur möglichst flott über die Bühne zu kriegen. Aber das wird sicher … 🙂

* Dabei zweifele ich wesentlich eher am Motiv als am Fotografen.