Minderheitschef

Dass er kein gebürtiger Berliner ist, war mir gleich klar. Meine Ohren vernahmen sofort den leichten Singsang des Heimatidioms. Und in der Tat fragte er mich dann auch einiges grundsätzliches: Wo wir hier genau seien, ob dieser Stadtteil denn an jenen grenze und und und.

„Sorry, ich bin erst seit einer Woche hier.“

„Also gerade frisch hergezogen? Woher?“

„Aus Stuttgart. Ganz klassisch.“

„Ach, das kenne ich irgendwoher …“

versuchte ich, vielsagend anzumerken. Das ist ihm gar nicht weiter aufgefallen. Er meinte nur, dass er jetzt alle Klischeegrenzen sprengen würde.

„Wieso? Als Schwabe?“

„Schwabe UND Türke, mein Lieber!“

„Oh, gleich die beiden größten Minderheiten …“

„Minderheit? Ich bin quasi in der Mehrheit jetzt!“

Ich glaube, der schafft es mit seiner Ironie ganz schnell, „richtiger Berliner“ zu werden. Was immer das auch sein soll. 🙂

Vorhersagen

Insbesondere, dass die Karfreitagsschicht noch gut wird, war nicht von Beginn an abzusehen. Im Gegensatz zu mir haben ohnehin viele Kollegen gejammert, vielleicht war ich ja sogar ein ausgesprochen einsamer Glückspilz. Lustig war das Gespräch, das ich anlässlich dieses Themas mit @chris87de auf Twitter führte:

 

 

 

 

… und dann nahm die Nacht ihren Lauf. Als sie so langsam zu Ende war, stellte ich mich noch einmal an den Ostbahnhof, wo mir nach kurzer Wartezeit bereits drei Kunden einstiegen und einer von ihnen sagte:

„Wir müssten zwei Stops einlegen. Der erste wäre in Friedrichshagen …“

Der erste … und das sind ja bald schon 30 € bis dort. Am Ende musste ich morgens noch einen Tweet raushauen:

 

 

Feiertage

So, nun ist wieder Ostern. Wie der Name schon sagt, ist das das Gegenteil von Western und entsprechend wenig spannend. Entgegen meiner persönlichen Erwartung allerdings waren die Umsätze beim Arbeiten recht hoch. Am Freitag, frisch genesen dem Krankenbett entstiegen, lag mir nichts ferner, als mich zu verausgaben. Am Ende sollte ich trotz gemütlicher achteinhalb Stunden auf der Straße 20 € über mein eigentlich angedachtes finanzielles Ziel hinausschießen.

Darüber hinaus hatte ich das Auto das ganze Wochenende vor der Haustüre stehen, was mir insgesamt locker anderthalb Stunden Arbeitsweg gespart hat. Dennoch schwierig einzufügen ins Nachtschichtler-Geschehen war dieses „Familie“, das es zu Feiertagen ja bisweilen mitzuerledigen gilt. So hab ich am Samstag morgens nur eine Stunde, und nach einem ausgiebigen Frühstück abends noch einmal drei Stunden geschlafen. Der Eindruck einer ausreichenden Nachtruhe wollte sich nicht so recht einstellen an diesem Punkt.

So habe ich auch die Samstagsschicht mit eher verminderten Erwartungen angetreten, um sie binnen weniger als sieben Stunden als übererfüllt abhaken zu können.

Jetzt, nach der üblichen halben Sonntagsschicht, liegt mir eine Beschwerde jedenfalls fern – obwohl ich das mit der Müdigkeit vermutlich erst durch den Mittagsschlaf während der letzten Stunde endgültig auf Normalmaß einpegeln konnte. Ich wünsche Euch allen noch ein schönes Rest-Ostern und möglichst wenige nicht gefundene Eier in irgendwelchen Nischen. 😉

Rosinenpicker

Ein „Kollege“ mit Bus heute Nacht am Sisyphos lehnte eine kurze Großraumtour mit 6 Leuten zum Ostkreuz ab. Das wären 9,80 € Umsatz für 10 Minuten (!) Warten, 4 Minuten Arbeit und 3 Minuten Rückweg. Das heißt: Hätte der arme Fahrer den ganzen Abend nur solche „schlechten“ Fahrten an diesem Club gefahren, hätte  er über 30 € Stundenumsatz und einen Kilometerschnitt von mehr als 2 € gehabt.

Wenn man sowas noch ablehnt, weil’s zu mies ist, muss das Geschäft aber eigentlich so gut laufen, dass man andersrum gefälligst auch mal eine kurze Fahrt annehmen sollte. Schätze, alle Logik weist darauf hin, dass der Kollege entweder ein Idiot oder ein noch viel größerer Idiot ist. -.-

Ich hab mich über die Tour gefreut, und Umsatz und Schnitt waren blendend gestern.

Paris, anyone?

Wenn man als Taxifahrer mal wieder so richtig Honig um die Lippen geschmiert bekommen will, sollte man Pariser fahren. Franzosen haben zwar den (teilweise) berechtigten Ruf, etwas trinkgeldfaul zu sein, aber die, die direkt aus Paris kommen, die sind so voll des Lobes, das glaubt man kaum. Dass sie mal freundliche Taxifahrer finden, dass wir anhalten, wenn man uns ranwinkt, und und und …

Laut denen ist Paris das letzte Loch, in dem nur Arschlöcher Taxi fahren. Dementsprechend leicht hat man’s, hier gut rüberzukommen. 🙂

Nun ist da zum einen sicher viel Übertreibung dabei, zum anderen spielt natürlich auch die regionale Ausgestaltung des Gewerbes eine Rolle, wenn es um die Qualität der Taxifahrer geht. Ich möchte mich den Vorurteilen deswegen nicht bedingungslos anschließen, sondern mal fragen, oben irgendwer von Euch schon mal in Paris Taxi gefahren ist oder gar einen Fahrer von dort kennt. Mein Französisch ist echt ein bisschen zu sehr eingerostet, um im Internet groß auf Recherche zu gehen. Falls also jemand Ahnung vom Gewerbe dort hat, freue ich mich über alle Infos. Und wenn es nur ist, um den nächsten Touris was erzählen zu können. 🙂

Der Fahrgast, der mich letzte Woche auf die Idee brachte, hat mir erzählt, dass er niemals seinen Wohnbezirk angibt, wenn er ins Taxi steigt, sondern immer den Nachbarbezirk mit dem besseren Ruf, weil die Fahrer ihn wieder rausschmeißen würden, wenn er die wirkliche Adresse zu Beginn ansagt. Da beschwere sich wirklich nochmal einer über grummelige Berliner!

Ich freue mich auf Kommentare, aber bitte nicht pauschal verletzend werden. Selbst wenn es in Paris im Großen und Ganzen so schlimm sein sollte, gibt es auch da bestimmt nette Kollegen, denkt daran.

Mal eben die Bude ausräumen …

Er winkte mich gleich auf meiner ersten Runde durch den Kiez an die Straßenseite. Dort wusste er dann aber nicht so sicher, wie er mir beibringen sollte, dass das eine eigentlich total tolle Tour werden würde:

„Sag mal, geht das auch, dass wir, ich meine, könnten wir auch in der xy-Straße anhalten. Meine Freundin hat mich gerade rausgeschmissen und ich müsste mein Zeug holen und danach nach Lichtenberg. Kriegst auch’n Fünfer extra!“

Wofür verschloss sich mir zwar, aber man will sein Glück in so einer Situation ja auch nicht überstrapazieren. 🙂

An besagtem Haus angekommen konnte ich gut vor der Einfahrt halten und hab eigentlich hauptsächlich eine geraucht. Seine Koffer und Taschen hab ich ihm an der Haustüre abgenommen, ein paar wurden auch von einer Frau rausgetragen. Dem Gesichtsausdruck nach könnte es die Freundin gewesen sein. Der Aufenthalt dort war kurz, unkompliziert und das Gepäck hat prima in den Kofferraum gepasst:

„Geil, dass Du mit so ’ner geräumigen Karre unterwegs bist!“

Dann kurz nach Lichtenberg, ein paar Koffer vor den Hauseingang stellen, fertig. Echt kein großer Deal, wenn ihr mich fragt. Auch er hat mich das nicht gefragt, sondern sein Versprechen wahr gemacht. 14,20 € standen auf der Uhr und er meinte:

„Wären 20 jetzt wirklich ok für Dich?“

Ja, vielleicht hätte ich ihm das mit dem Wartezeittarif noch mal genauer erklären können – oder das Hilfe beim Gepäck eigentlich selbstverständlich ist. Aber Himmel, der wurde gerade rausgeschmissen, den wollte ich doch nicht mit Details über den Taxitarif belästigen … 😉

PS: Ich mach das ja selten, zu meinen Gunsten bei solchen Fragen schweigen. Aber hier war das ok. Der hat die Frage ohnehin gestellt, als würde er mir ohne weiteres auch 25 oder 30 € geben. Er war sichtlich überrascht und erfreut über die problemlose Abwicklung und dass das alles insgesamt so günstig und stressfrei war. Das hat ihm sichtbar den ansonsten ja nicht ganz so optimal verlaufenen Tag erleichtert. Das sind so Momente, da nimmt man ein tolles Trinkgeld auch einfach mal an. Der wird sich nicht am nächsten Morgen gedacht haben: „Scheiße, ich hätte dem Fahrer doch auch nur 16 € geben können!“

PPS: Heute Abend bin ich hoffentlich wieder fit genug zum Arbeiten. Bisher sieht es gut aus, aber das ein oder andere Daumendrücken schadet sicher nicht. 😀

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Nacht

Im Vergleich zum Taxi kommt die Nacht hier im Blog oft nur als Nebendarstellerin weg. Ein pures „Und wann spielte die Geschichte nochmal?“, mehr nicht. Dabei ist das natürlich Teil des Ganzen. Meine Fahrgäste fragen gerne, ob ich freiwillig mit der Nachtschicht angefangen habe. Dass ich es jetzt mag ist die eine Sache, beim Anfang war es nicht ganz so offensichtlich. Hat mein Chef mich damals mehr gedrängt, als ich es heute im Kopf habe? Könnte schon sein. Nachtfahrer werden fast überall eher gesucht. Und dann noch so Typen wie ich, denen die meisten Feiertage und jedes einzelne Wochenende genehm ist. In meiner Erinnerung war das nur ein „Probier’s halt mal, vielleicht gefällt’s Dir ja.“ Ist das noch freiwillig? Wer weiß.

Aber dass ich die Nacht mag, das hat noch nicht einmal was mit Berlin zu tun. Das hat schon in Stuttgart angefangen, auch wenn ich da meist tagsüber gearbeitet habe. Städte sind einfach faszinierender nachts. Vielleicht gerade weil sie so extrem auf Menschen und viel Verkehr ausgerichtet sind – und während der dunklen Stunden so leer und auf seltsam inspirierende Art grotesk erscheinen. Als faulen Menschen hat es mich immer nur zu Fuß auf die Straße verschlagen, wenn anders nix machbar war. Und Taxi war damals nie machbar. Zumindest gefühlt nicht.
Aber dann war’s immer wieder herrlich. Einmal hat’s mich auf Schusters Rappen von Fellbach bis nach Stuttgart-Gablenberg getragen, von einem Freund zu meiner Mutter, ganz alleine – abgesehen von einem Sixer Bier. Übers freie Feld bis Untertürkheim, weiter zwischen Mercedes-Benz-Teststrecke und Neckar durch die Dunkelheit und dann durch die leeren Straßen meines Kiezes.

Und jetzt: Berlin. BÄM!

Aber auch hier stiefel‘ ich lieber alleine durch Marzahn als durch Mitte, manchmal bleibe ich nachts einfach vor meinem eigentlich fast schon hässlichen Plattenbau stehen, weil er nachts gleichzeitig schicker, bedrohlicher, unnützer und doch passender wirkt. Ich glaube nicht, dass ich mir von Leuten in durchdesignten Wohnungen erklären lassen muss, wie man die kleinen Dinge des Lebens genießt.

Jetzt gerade, vor zwei Stunden, war mir total langweilig und mir ist die Decke auf den Kopf gefallen. Nicht einmal bloggen wollte ich. Da hab ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und bin raus. Obwohl ich erst heute Abend wieder arbeiten werde, stand das Taxi schon bereit und ich konnte meine Zeit damit verbringen, zu ihm zu fahren und es dann hier vor die Haustüre umzuparken. Rechnerisch eine dumme Idee: Heute Abend spart mir das vielleicht eine Viertelstunde, jetzt war ich am Ende 50 Minuten unterwegs. Aber als ob es wirklich ums Auto gegangen wäre! Ich wollte raus, in die Nacht!

Und so lange gedauert hat es auch nur, weil der Stopp-Knopf in der Straßenbahn nicht so recht wollte und ich eine Station später aussteigen musste. Kein spektakulärer Weg, ein paar Minuten zwischen Plattenbauten und Parkplatz. Gepisst hat es auch noch. Aber ein neuer Blickwinkel, 500 Meter bisher unbekanntes Terrain, alles ruhig und friedlich, menschenleer.

Gesellschaftlich bin ich dafür, dass die Nacht mehr als normale Tageszeit akzeptiert wird. Ganz egoistisch für meine Wenigkeit würde ich mir wünschen, dass ich – wenn ich nicht gerade arbeite und auf der Suche nach Kundschaft bin – diese dunklen Stunden für mich alleine habe. Diese stillen Zeiten – meist nur Minuten – sind mein Urlaub, mein Ausspannen. Mein Weg-von-der-Hektik, mein Neujustieren und Krafttanken. Im Taxi gönne ich mir das selten. Auf meine verquere Art arbeite ich dann ja doch eher effizient, wenn ich’s mal tue. Aber wenn ich wie heute einfach gar nix erwarte, dann genieße ich das doch sehr. Und dann komme ich halb durchnässt nach einer Stunde heim und hab plötzlich wieder Lust zu schreiben.

GNIT verdankt der Nacht also mehr als nur die fünf Buchstaben (und damit zusätzlich noch einen Bindestrich) in der URL, sondern viel mehr. Wenn auch meist nur als Kulisse oder so wie jetzt eher hintergründig. Ich vermute, nur wenige teilen meine Liebe zur Nacht und insbesondere die vorgebrachten Gründe. Manche mögen es vielleicht nicht einmal, dass ich das hier in diesem Eintrag jetzt so pseudo-romantisch runtergeschwurbelt habe. Manchmal ist es mit den Texten halt wie mit mir selbst: sie müssen einfach raus. In die Nacht. Und es ist auch hier völlig offen, ob man dabei noch von Freiwilligkeit sprechen kann.

Ein schönes Wochenende Euch allen! 🙂