Verlängerungen

War eine schöne Tour: Der Kerl ist mir am südlichsten Ende Kreuzbergs vor die Linse gelaufen und wollte bis nach Friedrichshain gebracht werden.

„Übers schlesische Tor, dann kann ich mir noch was zu essen holen!“

Dort angekommen stieg er aus und besorgte sich was kaubares. Kaum dass er hinter irgendeiner Tür verschwunden war, stand plötzlich eine attraktive Mittzwanzigerin vor meinem Wagen und erkundigte sich nach dem ungefähren Preis zum Antonplatz. Ich vermutete etwas um die 12 €, als sie allerdings verkündete, dass sie nur wissen wollte, ob ihre 21 € reichen würden, winkte ich ab und meinte:

„Locker!“

Ich hatte ihr da schon mitgeteilt, dass ich gerade besetzt bin – aber Preisschätzungen kann man dank einheitlichem Tarif ja mal wagen. Da ich allem Anschein nach aber sehr ehrlich und sympathisch zu wirken scheine, wollte sie nun unbedingt meinen Fahrgast fragen, ob sie mitfahren könne. Sein Zielpunkt lag noch nicht einmal auf der Strecke, sondern ein ganzes Stückchen ab davon. Dennoch überredete sie ihn, dass sie für die letzten zwei Kilometer mitfährt, um dann mit mir weiterzucruisen.

Mir gefiel dieser nahtlose Übergang natürlich auch, zumal es bei zwei dennoch getrennten Fahrten auch keine Diskussion übers Geld geben konnte. Zunächst unterhielten wir uns also zu dritt, dann stieg seine Winkigkeit aus. Von seiner Bude aus hatte ich dann gleich die heitere Tour mit ihr, die dann tatsächlich mit rund 13 € zu Buche schlug. Manchmal ist es praktisch, ehrlich zu wirken 😉

Welcome to Berlin!

Ach, wenn doch jede Anfrage an mich auch mit Geld verbunden wäre!

Je nachdem, wo man sich als Taxifahrer so hinstellt, wird man seine Zeit damit verbringen, eine Menge Fragen zu beantworten. Von Nicht-Kunden. Bisweilen belohnen zwar sogar die unsere Auskunftsfreude, normal ist das aber nicht.

Der Typ, der sich letzte Woche an mein Auto geschlichen hat, war anderer Sorte. Er suchte nicht nur nach Informationen, sondern zusätzlich nach ein wenig Kleingeld. Genau genommen wollte er mit mir einfach ein bisschen über die Stadt plaudern, während ich ihm sein nächstes Bier bezahle. Berlin sei nämlich total cool und er sei ja jetzt extra aus Schweden hergeflogen und auf der Suche nach Arbeit. Und wo er schonmal hier wäre und blau noch dazu, könnte er sich auch vorstellen, gleich komplett hierzubleiben. Er versuchte seine schwankenden Beine parallel zueinander auszurichten und Haltung anzunehmen. Dann streckte er das Bier in meine Richtung, mehr oder weniger nach vorne weg also, und trötete ein nasales und doch militärisch-zackig klingendes

„Ick will eine Berliner werden!“

in die dunkle Nacht am Ostbahnhof. Während ich bei mir dachte, dass er unter all den Spinnern, die ich so auf der Rückbank sitzen habe, nicht wirklich auffallen würde, drehte er auch ab und ruft dabei einige Worte, die er vermutlich für deutsch hält.

Manchmal frage ich mich selbst als Blogger, was für ein Mitteilungsbedürfnis manche Menschen haben …

Ich fühle mit euch!

Ich schreibe ja immer, dass ich den Job nicht tagsüber machen könnte, bzw. möchte. Im Notfall ist man natürlich zu vielem bereit, aber ich erinnere mich immer noch an die Worte meines Tagfahrers, als ich ihn kennengelernt habe. Er war schon eine ganze Weile unterwegs und hat mir und unserem Techniker aus dem Taxihaus das Auto an jenem Mittag besonders früh gebracht, damit ich eine kleine Einweisung bekommen konnte.
Kurz bevor er sich verabschiedete, meinte er damals:

„Weeßte, ick würd‘ Dir ja jerne ’n paar Tipps jeben, aber dit kann ick nüscht. Ick weeß ja nich, wo man sich nachts hinstellt, is alles anders, dit is’n annerer Job!“

Heute sage ich denselben Quatsch mit etwas weniger Dialekt zu all den Tagfahrern 🙂

Abgesehen von den Schwierigkeiten, die die Nachtarbeit einfach der Tageszeit wegen mit sich bringt, bin ich ja schon auf der leichten Seite des Gewerbes gelandet. Ich muss mir fast nie um den Verkehr Gedanken machen und Eile ist ohnehin nur selten geboten. Das ist eine Erleichterung, die ich zu schätzen weiß!

Mich treibt es zwar nur selten tagsüber auf die Straße, aber die Kollegen haben mein aufrichtiges Mitgefühl, denn ich bin inzwischen so daran gewöhnt, die Hauptstadt so schnell als möglich zu durchqueren, dass mir die meisten Verzögerungen inzwischen dreifach lästig vorkommen.

So hatte ich neulich einen Winker, einen sehr entspannten Typen um die 60, der unweit des schlesischen Tores auf mich wartete und mir eine Adresse in Charlottenburg nördlich der Bismarckstraße als Ziel nannte. Das ist zunächst mal vor allem eines: ein echter Glücksgriff! Eine Winkertour um die 20 € hat schon für so manches Lächeln bei Taxifahrern gesorgt und dieses Mal war es nicht anders.

Während dieser Tour habe ich dann allerdings einen kleinen (und unzureichenden) Einblick in das bekommen, was die Tagfahrer in Berlin jedes Mal so runterreissen müssen. Bis auf vielleicht 3 oder 4 Stück waren ALLE Ampeln unterwegs rot. Ich hab keine Ahnung, wie ich das schaffen konnte – zumal ich auf den Straßen in die Richtung nun ja oft genug unterwegs bin – aber es war furchtbar. Und tagsüber wäre man an einzelnen davon ja auch mal länger als eine Ampelphase gestanden. Ich hab für die knapp 10 Kilometer über eine halbe Stunde gebraucht und ich hatte das Gefühl, die ganze Nacht zieht an mir vorrüber, während der Typ bei mir im Fond gelegentlich aus seinem Tiefschlaf heraus laut und aufgeregt grunzte.

Nein, ich könnte das nicht immer haben und ich bin froh, dass ihr den Job macht, liebe Kollegen!

Alt

„Sie sind aber mal ein junger Taxifahrer! Warum sind Sie denn so ein junger Taxifahrer?“

„Irgendwann müssen wir auch mal anfangen, oder?“

Bei manchen Fragen weiß man echt nicht, was man antworten soll …

Voll im Arsch!

Nein, ganz so „ungewählt“ (blödes Wort, ich hab mir den „Arsch“ gründlich überlegt und mit Bedacht gewählt!) hat sich mein Fahrgast nicht ausgedrückt. Nachdem er seine Krücke und eine Aktentasche auf die Rückbank gelegt hatte, setzte er sich auf den Beifahrersitz und fiel in sich zusammen.

Ein älterer Herr mit ergrautem Schnauzbart und sich abzeichnender Halbglatze, gekleidet in Jeans und ein nicht billig wirkendes Sakko in einem edlen Braun, das sich gekonnt zwischen Kackbraun und Nazibraun eine Bresche schlug und in dieser einfach nach Lehrerklamotten aussah. Seine Stimme war nur leise und unter dem mannigfaltigen Klappern meines Autos hatte ich mitunter Schwierigkeiten, ihn zu verstehen.

Aber er gab mir einen Stadtteil im hohen Norden Berlins vor, bei dem nicht nur die Richtung umgehend klar war, nein auch der Preis für die Fahrt war damit schon locker auf das zweieinhalbfache bis dreifache der Durchschnittstour festgelegt. Wahnsinns-Schichtbeginn!
Die müden Augen eigentlich nie zu mir wendend, immer auf die Straße gerichtet, erzählte er mir mit der Zeit, dass er seit morgens um 5 Uhr unterwegs sei, die Inspektion einer Baustelle weit außerhalb der Stadt habe ihn den ganzen Tag beschäftigt. Mit der Zeit kam auch noch heraus, dass er ja eigentlich krankgeschrieben sei, aber – so sei das nunmal! – sonst würde es halt ein anderer machen. Wäre jetzt der achte Tag gewesen, nun hätte er frei. Also falls nicht noch ein Anruf kommt.

Mich interessierte vor allem aber, was er eigentlich machte. Inspektionen? Kann ja viel sein: Bauaufsicht, Gesundheitsamt, Zoll … keine Ahnung, was auf Baustellen nicht alles inspiziert werden könnte und was für ein vielleicht spannender Beruf dahintersteckt. Ich bin ja neugierig 🙂

Also fragte ich:

„Sie sagten Inspektion! Was inspizieren Sie denn auf den Baustellen? Um welchen Bereich geht es denn bei Ihrer Arbeit?“

Die Antwort hat selbst mich überrascht:

„Ja, was wir da … ich, ich …ganz ehrlich, der Tag war zu viel: ich weiß es nicht mehr!“

Respekt! Selbst nach 13 Stunden Arbeit sollte man doch irgendwie noch wissen, was man eigentlich macht, oder? 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wochenendlich

Ich hab dieses Wochenende bisher nichts von mir hören lassen. Das hat seine Gründe. Ich hatte nicht wirklich etwas zu erzählen und am Wochenende wie immer wenig Zeit. Endlich lief es mal wieder so richtig, selbst bei Twitter (was gerade noch am ehesten das Social Network ist, in dem ich mich blicken lasse) bin ich nur selten mal aufgekreuzt, seit die meisten von euch am Freitag Abend den Stress der Woche von sich geschüttelt haben.

Nicht, dass ich gar keine Zeit hatte. Aber Lust muss dann ja auch mal sein, nicht wahr? 😉

Ich hab auf jeden Fall genügend Geschichtchen gesammelt in den letzten Tagen. Neben einigen, die ich etwas breiter treten werde, will ich vor allem erwähnen, dass mir dieses Wochenende besonders die Ärzte (aus Berlin) eine Menge Freude gemacht haben, haben sie doch für einige Fahrten gesorgt – unter anderem auch die mit Philipp, der hoffentlich sein kinderfreies Wochenende noch weiter genießen konnte. Nicht kinderfrei, dafür umso entspannter war K.T., der mit seinem Taxi bisher die finnische Stadt Tampere unsicher gemacht hat und sich hier in Berlin mit meiner guten alten 1925 in die Umweltzone bringen ließ. Ihm verdanke ich auch die beste Meldung am Telefon:

„Hier ist die Stimme aus dem hohen Norden …“

Das schickt einen nachts um 2 Uhr schon mal kurz 😀

Ich freue mich schon auf die ganzen (jetzt in den nächsten 48 Stunden) zu schreibenden Geschichten und hoffe, ihr habt die freien Tage auch ohne GNIT mal gut rumgebracht.

So, und jetzt denke ich ernsthaft drüber nach, heute vielleicht doch noch für zwei oder drei Stündchen loszufahren …