Der stressige Teil der Fahrt war damit vorbei. Unwiderruflich. Während ich ihr ein paar halbgare Infos für mein Navi aus der Nase zog, telefonierte Lisa nun abermals mit ihrem Freund und war sichtlich bemüht, ihm zu erklären, weswegen da vorher irgendein Kerl ins Telefon gebrüllt hat, dass sie ihn betrügen würde.
Ich hab die Fahrt auf der Uhr weiterlaufen lassen und ihr ganz explizit mitgeteilt, dass sie die rund 5 € Ersparnis als Entschuldigung für den Anfang der Tour werten solle. Sie indes war trotz der ganzen Osama-Geschichte immer noch heilfroh, überhaupt ein Taxi gefunden zu haben. Mit Freude vernahm ich, dass sie dem Freund am anderen Ende der Leitung sagte:
„Und bring einen Zehner extra mit runter, den hat sich der Taxifahrer aber sowas von verdient!“
Dieser Überzeugung war ich nicht wirklich, denn eigentlich hatte ich sie ja mehr oder minder mit diesem Quatschkopf bekannt gemacht. Aber was ignoriert man nicht alles, wenn man froh um seine Ruhe ist und die letzte Tour mal wieder die gesamte Schicht rettet?
Die Zeit verging wie im Fluge und wir nutzten sie zum ununterbrochenen Reden. Anfangs über solche Flachpfeifen wie Osama, später dann eher allgemein über die Arbeit, das Leben, was halt so anfällt, wenn man müde vom Arbeiten dem sommerlichen Sonnenaufgang entgegenfährt.*
Das Taxameter ratterte lustig vor sich hin und ich hatte eine unglaublich nette und unkomplizierte Kundin an Bord, ich hab wirklich gemerkt, wie Stress und Anspannung komplett von mir abgefallen sind. Die letzten Kilometer waren dann mehr eine private Fahrt, wir redeten inzwischen über die Kunden, als wären wir Kollegen und nicht sie etwa Teil meiner Kundschaft. Aber das kenne ich von Gastronomie-Mitarbeitern. Uns eint da tatsächlich einiges und was da gesagt wird, bleibt irgendwie in der Familie.
Zu guter Letzt hat sie ihren Freund zum Bezahlen angeklingelt und als ich vors Haus gerollt bin, wo selbiger schon wartete, zeigte die Uhr 50,60 € an. Einen Zehner hatte ich schon, der nächste wurde mir in diesem Moment gereicht:
„So, das hier ist schon mal dein Trinkgeld!“
Aber es wurde noch besser!
„Und jetzt sag einfach, dass es 50,60 € sind!“
„Aber …“
„Sag es einfach.“
Ich kann das ja nicht. Ich hatte (rund) 40 € offen, selbst wenn das Trinkgeld das Trinkgeld ist. Glücklicherweise hatte ich schon Kasse gedrückt und der Betrag verschwand von der Uhr. Ich drückte mich vor der Lüge und überließ ihr die Ansage:
„Schatz, das sind 50,60 €, ach 50 sind ok! Der Taxifahrer hat das echt verdient!“
Der Freund, ein auf den ersten Blick eher als Türsteher geeigneter Typ mit groben Gesichtszügen, die er weitgehend unter einer Sonnenbrille verborgen hielt, sah für die Uhrzeit und sein sonstiges Erscheinungsbild unglaublich nett und mildtätig ins Auto und reichte mir den Fünfziger. Und obwohl dieser Mensch eine halbe Stunde zuvor extrem seltsame Dinge am Telefon gehört hatte, nahm er es auch allenfalls zur Kenntnis, dass seine Freundin dem Taxifahrer nun noch unbedingt einen Abschiedskuss aufdrücken musste.
Und danach Feierabend. 20 Kilometer über Autobahn und Landstraße, Musik auf Anschlag, ein Lächeln im Gesicht. So muss das.
*Das war ein Bild überdramatisierender Romantik, die Sonne stand schon recht hoch, es war gegen 6 Uhr.
PS: Und falls jemand die Rechnung jetzt nicht verstanden hat: Die Tour hat mir 50,60 € auf der Uhr gebracht und 19,40 € Trinkgeld kamen obenauf. Ich habe mehr als ein Drittel der Kohle in der gesamten Schicht mit dieser Fahrt gemacht und das Ende war zudem entspannend wie kaum irgendwas in den letzten Monaten. Manchmal hat man im Nachhinein gesehen einfach alles richtig gemacht. Und manchmal … naja, fragt Osama, wenn ihr ihn trefft!