Und schon keine Lust mehr …

Die Zieladresse existierte nur so als grober Plan. Eine U-Bahn-Station. Kann man machen. Sie war mir bekannt, lag ein paar Kilometer weit weg und damit hätte wirklich alles schnuffig sein können. Und der Typ, der mich an der Halte rausgepickt hatte, wirkte auch wie ein netter junger Kerl, nur etwas zu müde zum feiern. Alltag halt.

„Ja Schnucki, wie soll ich denn jetzt noch hier reinpassen?“

„Ehrlich!? Vielleicht gar nicht, weil dein Freund nur was von fünf, nicht von sechs Leuten erzählt hat?“

Also nochmal alle von der Rückbank würfeln. Immerhin lief die Uhr schon. „Oktoberfest“ am Ostbahnhof, was willste erwarten?

Aber gut, man will ja Geld verdienen.

Die offizielle Zielangabe blieb der U-Bahnhof, hinter mir und um mich herum flogen die Adressen allerdings bald nur so umher. Zu Frank, zu Olaf, ein Späti müsse noch sein, in die Franz-Fickdichstraße, alles laut, wichtig, aber natürlich nicht für meine Ohren bestimmt. So musste ich dann noch eine Art Gefahrenbremsung vor dem Späti abliefern, musste unbedingt eine durchgezogene Linie ignorieren und war vor allem deswegen cool, weil ich „kein Scheiß-Türke“ war.

Mein „fetter Bonus“ waren am Ende atemberaubende 1,40 € Trinkgeld und dafür durfte ich anderthalb Minuten im Starkregen stehen, weil die feinen Herren und Damen das mit dem Aussteigen, bei dem ich selbstverständlich behilflich war, kaum noch auf den Plan gekriegt haben. Ih bäh!

Das Wochenende jetzt ist eh schon nicht meins gewesen. Zu wenig Lust, zu viel Müdigkeit, was halt alle paar Monate mal so passiert. Nach dieser Tour aber wollte ich dann wirklich nur noch duschen und mich ins Bett schmeißen. Manchmal ist Dienstleistung auch einfach eklig.

Als Atheist weiß ich nicht, wem ich dafür danken sollte, aber glücklicherweise war die anschließende Winkertour quasi das komplette Gegenteil und ich hab es immerhin noch auf ein paar Euro Umsatz gebracht.

„Der hat’s durchgezogen, yes!“

Ja, ich geb’s zu: Ich hab in meiner spätpubertären Phase sehr über diesen Witz von Michael Mittermeier lachen müssen, in dem er erzählt, ihm sei von seinen Eltern erklärt worden, Onanieren mache blind – und dass er dann beim Anblick des ersten Blinden in seinem Leben „Der  hat’s durchgezogen, yes!“ gedacht hätte.

Inzwischen bin ich fast 35, Onanieren nimmt also inzwischen weniger als 30% meiner Freizeit ein, und ich denke inzwischen auch darüber nach, ob der Witz jetzt wirklich politisch korrekt ist, etc. pp. Man wird älter.

Noch älter als ich waren allerdings meine ersten Fahrgäste an diesem Abend und anstelle zum an diesem Wochenende fast allgegenwärtigen Lollapalooza-Festival ging’s für das Paar direkt vom Bahnhof in die Notaufnahme der Charité.

„Wahrscheinlich ein Bandscheibenvorfall.“

Ach, fuck! Sowas gönnt man ja niemandem!

Aber obwohl der ältere Herr wirklich kaum noch einen Fuß vor den anderen gekriegt hat, bedankten sich er und seine Frau nett für Kleinigkeiten wie Warten und das Zurückstellen des Beifahrersitzes. Eile redeten sie mir auch aus, denn angefangen hätte das ja eigentlich schon vor zwei Wochen fast. Am zweiten Tag in Italien. Aber der Urlaub!

Und jetzt auf der Busfahrt zurück hätten ja auch alle Mitreisenden nochmal ihre Schmerzmittelvorräte ausgepackt und geholfen, wo es nur ging.

So bedenklich das sicher aus pharmazeutischer Sicht ist, so beeindruckend fand ich das auf menschlicher Ebene. Scheiß auf Bandscheibenvorfall, der Urlaub wird durchgezogen! Ich hab mir selten so sehr gewünscht, dass so eine (selbstverständlich dumme) Entscheidung am Ende keinen Nachteil zur Folge haben wird. Ehrlich! Weil:

Der hat’s durchgezogen, yes!

Dringende Dates

Am Ostbahnhof nach ein paar Minuten einen Kunden kriegen, der wirklich zum völlig anderen Ende der Stadt will, ist ja schon mal schön. Der Nebenaspekt war leider:

„Machen Sie bitte so schnell wie möglich!“

Ich hab den potenziellen Zeithorizont abgefragt und „in time“ war keine Option. Das hinzugezogene Navi (Einkaufszentren in Spandau sind nicht wirklich mein Steckenpferd, ich geb’s ja zu!) vermeldete satte 20 Kilometer Anfahrt und die gewünschte Ankunftszeit lag nur 20 Minuten entfernt. Durch die im gesamten politischen Berlin stark vernachlässigten Autobahnpläne zwischen dem Ostbahnhof und Spandau sind 60 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit einfach immer utopisch, da kann man noch so guten Willen zeigen als aufgeschlossener und kundenorientierter Taxifahrer.

Nun muss ich aber gestehen, dass mein Fahrgast es zwar eilig hatte, mich aber keinesfalls irgendwie zu Regelverstößen angestachelt hat. Er war nett und lachte notgedrungen aber ehrlich über meine Anmerkungen zum stockenden Verkehrsfluss. Ich auf der anderen Seite hab an den Stellen, an denen es mir persönlich machbar erschien, durchaus erkennen lassen, dass im Falle eines Falles die StVO ohne Dehnungsstreifen nicht das wäre, was sie heute ist.

Warum das alles? Ich hatte lange keine Ahnung. Jemanden abholen. OK. Mit der Zeit wurde dann immer mehr bekannt. Es ging um eine Sie, sie hatte jetzt Feierabend, sie erwartete ihn eigentlich nicht und könnte einfach weg sein, wenn wir zu spät kämen. So ganz geschäftlich klang das jedenfalls nicht. 😉

Ich hatte seit Beginn der Fahrt gesagt, dass wir mindestens 10 Minuten zu spät kommen würden, später hab ich ihn dann darin bekräftigt, sie wenigstens zu erreichen zu versuchen.

Und dann wurde ich Zeuge eines Telefongesprächs, bei dem er in der Verwaltung eines Einkaufscenters anrief und bat, in Laden XY doch die Zeitarbeiterin aus Land ABC, deren Nachnamen er leider nicht so genau wisse, zu informieren, er würde sie abholen. Also so frisch in der Mache erlebt man Beziehungen dann ja auch selten. 😀

Ich habe die nur 10 Minuten Verspätung am Ende eingehalten. Trotz teilweise beschissenster Ampelphasen. Was für ein Opfer ich der StVO dafür beizeiten bringen werde, muss ich mal sehen. Ein unfreiwilliges habe ich wohl nicht zu vermelden, so gesehen ist alles absolut bestens gelaufen.

Stressig war’s trotzdem, ich halte mich ja aus dem Hektik-Business nicht ohne Grund gerne raus. Also hab ich mich nach der Tour erst einmal auf die hinterste Ecke des großflächigen Parkplatzes verzogen, mich über mehr als 35 € Umsatz gefreut und eine geraucht. Ich hatte dank der Tour binnen anderthalb Stunden einen Fuffi Umsatz gehabt, man muss ja auch mal wertschätzen, was man kriegt.

Nennt mich ruhig kitschig, aber wirklich zufrieden war ich erst, als ich die Rückfahrt in die Zivilisation angetreten habe und dabei kurz nach dem Start noch weit draußen in der Westberliner Prärie ein Pärchen überholt habe, das gemütlich palavernd den Weg entlanggeschlendert ist: Sie in großen Gesten erzählend, mein Fahrgast andächtig lauschend.

Der Zweck heiligt keinesfalls immer die Mittel. Aber wenn’s mal passt, lasse ich mir die Freude daran auch nicht nehmen!

„Dezent“ fehlgeleitete Kunden

Der Typ mit der Grüne-Knöpfchen-Schwäche war noch nicht einmal beim Türsteher des Puffs, da winkten gegenüber bereits zwei neue Fahrgäste für mich. Also welche, die offensichtlich aus genau jenem Laden gekommen waren. Und da ist man als Taxifahrer ja nicht wählerisch.

Ob ich sie zu ihrem Hostel in Mitte bringen könne? Na, sicher. Aber wenn sie schonmal bei mir im Auto säßen: Ob ich nicht vielleicht einen besseren Club kennen würde als diesen hier, der sei scheiße, sie wollen tanzen.

WTF?

„OK, guys, just to be sure here: You’re searching for a music club? Just party and dancing, not a night club with prostitutes to fuck with?“

Ich hätte es sicher auch netter ausdrücken können, aber wenn einem zwei junge Kerle in Muscle-Shirts im Auto sitzen, die sich über die schlechte Mucke in einem Flatrate-Puff beschweren, dann könnte ja alles passiert sein. Und ich hatte nicht Unrecht: Die beiden wollten tanzen gehen und irgendwer (womöglich Kollegen) haben das nicht nur einmal, sondern gleich zweimal falsch interpretiert. Vor dem Flatrate-Puff waren sie nämlich im KitKat gelandet, das vielleicht nicht wirklich wie von ihnen vermutet zu 100% gay ist (wobei ich nicht weiß, was an dem Abend für eine Party dort war), aber zumindest mal bekannt für seine Fetisch-Parties, was trotz erkennbarer Toleranz der beiden jetzt halt auch nicht unbedingt das ist, was man erwarten würde, wenn man einfach mal zu guter Musik chillen will. Ich gebe ja zu, ich konnte mich in dem Moment nicht zwischen Mitleid und lautem Loslachen entscheiden. 😀

Ich hab sie am Ende für weniger als 10 € zum 40 Seconds gebracht. Keine Ahnung, was dort an dem Abend gespielt wurde, keine Ahnung, ob es nun wirklich noch eine richtig geile Partynacht geworden ist. Ich hab ihnen auch gesagt, dass ich ihnen keine Versprechen machen will, nur, dass ich ganz sicher den bisher besten Tipp an dem Abend gegeben habe. Aber da konnte ich nach dem Vorspiel auch nur schlecht was falsch machen! 😀

Sash, 34, Knöpfchenexperte.

Eigentlich war mir nach vier Touren in Folge ja so langsam mal nach einer Pause. Nikotinentzug und so. Vom Ostbahnhof trennte mich kaum mehr ein Kilometer, es lief alles blendend. Dann eine Hand.

Der Typ war ein paar Jahre älter als ich, sah nach einer durchzechten Kneipennacht aus und äußerte ohne jegliche Begrüßungsfloskel nur den Namen eines bekannten Puffs in Schöneberg. Nette Tour eigentlich. Dann folgte allerdings sofort der Hinweis, er müsse noch zu einer Bank. So weit auch ok. Ich hab gar nicht wegen Kartenzahlung angefangen, denn dass der weitere Abendverlauf ebenso Geld kosten würde, war offensichtlich.

An der nächsten Kreuzung war gleich ein Automat, den mein Kunde auch begeistert empfing, er hatte beim Raustorkeln nicht einmal mehr die Kraft, die Autotüre hinter sich zu schließen. Aber gut, ich hatte dicht am Bordstein gehalten, so gesehen kein Problem. Tja, dann stand er da und drückte rum. Am Ende kam er wieder und meinte, es würde nicht gehen. Das ist nun nicht gerade was, was einem Freundentränen und Hoffnungsschimmer entlockt, aber der Weg war noch lang und ich war ehrlich gesagt so zufrieden mit dem Abend … selbst der Kilometerschnitt war gut genug, um die Fahrt in den Sand zu setzen, wirklich! Also nicht, dass ich das vorgehabt hätte, aber der Gedanke an eine unbezahlte Fahrt hat mich einfach nicht so beunruhigt, wie das sonst der Fall gewesen wäre.

Die nächsten zwei Banken hatten zu und dann wurde es auch so langsam eng. Mein Fahrgast war eh genervt, obwohl ich wirklich den absolut kürzesten Weg gefahren bin. Am Ende hab ich 300 Meter vor dem Puff an einer Taxihalte schnell eine Kollegin gefragt, ob sie einen Automaten in der Nähe kennen würde. So sehr ins Blaue fahr ich echt nur selten. Aber siehe da, sie kannte einen quasi direkt gegenüber des Zieletablissements. Also hab ich im Vorbeifahren die Uhr ausgemacht und mich darauf eingestellt, dass ich das jetzt eben würde regeln müssen. Im Zweifelsfall hätten die wahrscheinlich sogar im Puff selbst noch eine Option gehabt.

Nun aber eine Bank, von der ich nie gehört hatte, der Kunde vor dem Automaten und abermals die Meldung, dass es nicht gehen würde. Da wir uns ohnehin auf Englisch unterhalten haben, seine Muttersprache aber eher russisch oder so war, hab ich ihn gefragt, ob er das Menü auch in Englisch gewählt hätte. Da kam dann sogar Deutsch hinzu:

„Beide. English und Deutsche!“

„OK, show me!“

Datenschutz hin oder her, ich hab auch schon die PIN für Leute eingegeben. Natürlich nur auf Wunsch, aber beachtlich find ich’s eigentlich trotzdem.

Naja, da standen wir also und er folgte dem englischen Menü bis zur PIN-Eingabe. Er hackte ein paar Zahlen ein, wobei ich nachfragte, ob er sich mit denen auch sicher sei.

„Da! Yes, yes! Of Course!“

Und dann zuckte er mit den Achseln, während auf dem Bildschirm deutlich lesbar stand, dass er die grüne Taste zur Bestätigung drücken solle. Das hab dann nach 5 Sekunden Ratlosigkeit seinerseits ich übernommen. Und – o Wunder! – er durfte nun auswählen, welche Summe er abheben will!

Im Folgenden war das mit dem Abheben und der Bezahlung meiner Wenigkeit recht schnell und leider ziemlich trinkgeldlos erledigt, aber das störte mich ja nun auch kein Bisschen an dem Abend. Er versicherte sich nochmal, dass der Puff auch wirklich das Haus mit den roten Lichtern sei, wankte davon und musste fortan nur noch einmal von mir zurückbeordert werden.

„HEY, GUY, ONE LAST THING!“

„What?“

„Guess you’d like to have your backpack with you …“

Denn außer mit grünen Knöpfchen kenne ich mich halt auch mit dem Blick auf die Rückbank aus. 😉

Aber … geradeaus!?

Sie winkte mich auf der Rechtsabbiegerspur am Frankfurter Tor ran. Nur eine Kurzstrecke zur Oberbaumbrücke. Kein Ding an sich, aber der Verkehr war doch recht dicht, also bin ich rechts ab in die Frankfurter und hab gesagt, dass es leider nicht anders geht gerade.

„Aber … ich dachte, Du hättest geradeaus fahren können …“

„OK, das hätte ich vielleicht machen können. Aber da kann ich ja noch länger nicht wenden.“

„Aber ist doch nur geradeaus.“

„Sorry, aber: Nein.“

Da wir 30 Sekunden später wieder am Ausgangspunkt waren, hab ich ihr die Situation sogar nochmal zeigen können und sie hat dann auch eingesehen, dass ich recht hatte, konnte es aber nicht so wirklich fassen:

„Das macht mich jetzt echt total fertig, dass ich mich da so vertan hab.“

„Na, das passiert. Seien Sie froh, dass es nicht ich war, das wird ja dann schnell teuer.“

Aber da hatte ich dann eher sogar einen wunden Punkt getroffen.

„Aber ich wollte ja die Straßenbahn zum U-Bahnhof Warschauer nehmen. Und als die dann kam, hab ich mir gedacht: Ja nee, die fährt ja mal voll in die falsche Richtung! Deswegen sitze ich ja jetzt bei Ihnen.“

Im Wissen, dass es am Ende nicht wirklich ein Problem mit dem Fünfer war, muss ich rückblickend dann auch süffisant anmerken: Ja, doch, sich beim Falschliegen so sicher zu sein, dass man der Straßenbahnbeschriftung misstraut – das muss man, bei aller gesunder BVG-Skepsis, auch erst einmal schaffen! 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Mir kenned elles. Au Humor.

Drei Rentnerinnen. Einmal nach Lichtenberg ins Hotel. Aufregend wäre nun nicht das Wort der Wahl für die Tour. Lustig war, dass es einmal mehr Schwaben waren, die nicht gemerkt haben, einen weiteren Stuttgarter an Bord zu haben – um so heiterer wurde es nach meinem Outing. Sie haben sich sogar an Humor versucht:

„Aber etz esse mir nix mehr, gell?“

„Ach, so wie Du schwätz’sch, kennd mr moine, mir hädded sonschdwas gfuddert!“

„Noi, wared ja bloß a Brezel ond zwoi Flasche Wasser.“

„Oh. A propos Wasser. I hen mei Flasch … NOI, i hen mei Pfand im Zug g’lasse!“

„Na subber Elvira, na kenned mr ja grad wieder omdrähe, oder wie willsch’n des Wocheende jetzt zahla?“

Made my day! 😀