Neues Zuhause

Zu einem Flatrate-Puff wolle er. Den Namen kannte er, und wo er liegt, wisse er nur so ungefähr.

„Ich hab da nur so ’ne Reportage gesehen…“

Aha.

„Ja, des ist in Kreuzberg. Vielleicht auch Neukölln, aber nicht weit von Tempelhof. Da bei Charlottenburg. Oder so.“

Das Robertha kannte den Laden nicht – er ist wohl erst kürzlich eröffnet worden – und seine Versuche, Google zu bedienen, waren unzureichend. Den Laden gibt es auch in Köln nochmal, und der wird im Netz als erster gefunden. Da hab ich dann – so oft er mir auch die Kölner Adresse vorgelesen hat – lieber mal selbst nachgesehen. Danke mein Handy, deine Spracherkennung ist super!

OK, seine Angaben waren allesamt unbrauchbar, der Laden liegt in Schöneberg. Wieder was gelernt. Also haben wir uns auf den Weg gemacht, war zudem von Friedrichshain aus eine recht lukrative Tour.

Die Fahrt verlief auch problemlos und unspektakulär. Der Grund, weswegen ich jetzt darüber schreibe, ist ein einziger. Er hat das klischeemäßigste gemacht, was ein Puffbesucher machen kann:

Er hat seine Freundin angerufen.

Und wie! Weinerliche Stimme aufgesetzt und geflüstert:

„Ja Schatz. Ja, wir waren noch was trinken. Genau. Ja genau. Ich bin jetzt im Taxi. Ich fahr jetzt heim. Ich dich auch. Bis dann!“

Donald und das Gift

So, das Wochenende bietet erfahrungsgemäß wenig Zeit zum Bloggen – aber eine Fahrt vom Freitag muss ich dringend noch unter die Leute bringen. Ich hatte eine frühmorgendliche Ostbahnhof-Kurzstrecke für nicht ganz 6 € zur Warschauer Straße hinter mir. Da hab ich dann beschlossen, mal einen Blick in die Revaler zu werfen.

Das hätte ich mir vielleicht besser erspart. Wenn man morgens als Taxifahrer durch die Revaler Straße in Friedrichshain gurkt, dann kann man einiges erwarten. Eine bunte Mischung an Partygängern aus verschiedenen Clubs watschelt über die Straße, und insbesondere der Beleuchtung wegen ist es eine der Straßen, wo ich die erlaubten 50 km/h eigentlich nie ausreize.

Ich war also auf der Suche nach irgendeinem verstrahlten Pärchen, das heim nach Kreuzberg wollte. So in etwa stellte ich mir die Fahrt vor. Die Nacht war bis dato fantastisch gelaufen, dank etlicher Leute auf der Straße wollte ich gar keine lange Tour in einen Außenbezirk, sondern möglichst eine 10€-Tour, die mich nur 10 Minuten kostet, um dann gleich weiterzumachen, wo ich dann lande.

Statt feierwütiger Clubgänger erspähten meine Augen Donald Rumsfeld. Ich nehme zwar an, er war es nicht wirklich, aber er sah so aus. Von den Haaren über die Brille bis zum Körperbau sah er diesem nicht sehr sympathischen Amerikaner sehr ähnlich, er trug einen Trenchcoat und stand so bekloppt auf der Straße, dass ich es kaum beschreiben kann. Nicht nur, dass er mittig die Fahrbahn versperrte, er stand auch mit ausgebreiteten Armen, jedoch stark zu seiner Rechten geneigt, einfach recht reglos im Weg.

Zunächst wollte ich vorsichtig vorbeifahren, doch er versuchte mir den Weg zu versperren. Nicht, dass ich das sonderlich toll fand, aber ich hab dennoch mal das Fenster an der Beifahrerseite runtergelassen und abgewartet, was er zu sagen hatte. Und was er zu sagen hatte, hätte irritierender kaum sein können. Insbesondere in Kombination mit dem Wie!

Während er die Arme weiterhin ausgebreitet ließ, beugte er sich seitlich herunter und nuschelte aus einem Mundwinkel mit sonst fast starrem Gesicht:

„Brings‘ mich Krankenhaus? Gift!“

„Wie bitte?“

„Brings‘ du mich Krankenhaus. Gift!“

„Wie, Gift?“

„Jemand hat mich vergiftet!“

Na heilige Scheiße. Wat machste nu?

„Äh… welches Krankenhaus denn?“

„Is egal, bring mich nur ins Krankenhaus! Irgendeins!“

Etwas überfordert bin ich die Optionen durchgegangen. Notarzt wäre vielleicht nicht unsinnig gewesen, aber mir fielen auf Anhieb 3 Krankenhäuser in 10 Minuten Umkreis ein. Also bei optimistischer Auslegung der Verkehrsregeln. Ich hab mich für das Klinikum im Friedrichshain entschieden, weil es am günstigsten zu erreichen war, und ich da zudem schon mal an der Rettunsstelle war, und die nicht erst hätte suchen müssen.

Donald kraxelte ins Auto, ziemlich steif, die Arme nach wie vor mehr oder minder ausgebreitet. Ging aber erstaunlich gut. Sah halt völlig bekloppt aus. Ich war mir ziemlich sicher, dass er einfach betrunken ist und vielleicht einen Hexenschuß in Kombination mit Paranoia hat – also nix wirklich ernstes. Aber man weiss ja nie. Während den etwa 3 Minuten, die ich von der Revaler bis zur Mühsamstraße etwa gebraucht habe…

(Hier dürfen die Tagfahrer ein bisschen weinen)

…hab ich versucht, ein paar nähere Infos aus ihm herauszubekommen. Wo er war, wer ihn vergiftet hat, was ihm eigentlich fehlt. Die Antworten waren weitgehend wertlos. Vielleicht war er ja doch wenigstens Politiker. Er war was trinken. Wo, weiss er nicht, ebensowenig wer ihn vergiftet habe. Er könne sich nicht mehr bewegen. Ins Krankenhaus. Schnell!

Irgendwann meinte er dann noch, ihm sei schlecht. In meinem Kopf spukten Gedanken umher, wie es aussehen muss, wenn der Kerl mit erhobenen Armen messiasgleich neben der Straße beginnt, sich von seinem Essen zu verabschieden. Ich konnte den Gedanken allerdings bei weitem nicht ausreichend genießen.

Da sackte er plötzlich mit einem Stöhnen in sich zusammen und fragte, wo wir wären und wo wir hinfahren.

„Äh, wir sind auf der Petersburger. Ich biege jetzt da vorne an der Landsberger links ab und dann sind wir gleich am Krankenhaus.“

„Fahr mich mal zur S-Bahn!“

„Wie jetzt? Kein Krankenhaus?“

„Nee, lass mal. Geht schon wieder.“

„Geht schon wieder? Ich dachte, sie wurden vergiftet!“

„Ja, vielleicht. Aber geht schon wieder. Ich hab ja schon oft zu viel, aber sowas… wow!“

„Ja… wow…“

Ich hab ihn dann auf vermehrtes Drängen hin zum S-Bahnhof Landsberger Allee gebracht. Dort angekommen hatte ich 7,60 € auf der Uhr und der Kerl war eigentlich immer noch ziemlich verstrahlt. Aber wahrscheinlich waren es eben doch nur 3 Bier zu viel. Naja, vielleicht 4.

„Wat krissn?“

„7,60 €.“

„Ok.“

Er kramte in seinem Geldbeutel und förderte einen Fünfer zu Tage. Er begutachtete ihn und meinte:

„Zu wenig.“

Da war was Wahres dran. Er nestelte weiter in seinem heiligen Lederbeutel, öffnete das Kleingeldfach und sagte:

„Auch zu wenig.“

Dann sank er grinsend in sich zusammen. Da er erst einmal keine Anstalten machte, diesen Zustand zu ändern, fragte ich ihn, was nun sei. Plötzlich strahlte er übers ganze Gesicht, so als hätte er irgendwo im Hinterland geheime Massenvernichtungswaffen gefunden und verkündete:

„Haha! Jetz‘ kommt die Schummelkasse!“

Er öffnete das „Geheimfach“ an seinem Portemonnaie und sah mich mit herunterhängenden Mundwinkeln an:

„Auch leer…“

Na meine Fresse! Ist ja klar! Ich scheine die Bekloppten ja mal wieder anzuziehen. Eine Minute später war nicht nur meine Geduld zu Ende, sondern er hatte auch noch mehr oder minder glaubhaft versichert, dass auf der Bank nix zu holen sei. Also was tun?

Entweder ich hole die Cops, und in einer Dreiviertelstunde bin ich hier weg. Dann krieg ich irgendwann meine 2,50 € überwiesen und wir sind alle genervt. Oder…

„Na komm, hau ab!“

„Ehrlich?“

„Pass mal auf: Ich mach den Job, um Geld zu verdienen. Und wenn ich das von dir nicht krieg: Die da vorne am Hotel sehen aus, als könnten sie ein Taxi brauchen. Ich hab jetzt keinen Bock auf großen Stress, also haste mal Glück gehabt. Begeistert bin ich nicht, aber du versaust mir meinen Umsatz mehr, wenn wir jetzt um die Zwofuffzich einen Aufstand machen. Also hau ab!“

2,50 € für eine gute Geschichte. Nicht schön, normalerweise gibt es die umsonst. Aber entweder ich zapfe meine 27 € Trinkgeld für den Quatsch an oder ich lass mir die Kohle als Fehlfahrt gutschreiben. Ist ja kein Weltuntergang. Da ich nach der Tour aber noch mal zackige 50 € Umsatz in den letzten eineinviertel Stunden gemacht habe, sollte auch Cheffe mir diese Nachsicht verzeihen können 😉

Neujahr, 6:50 Uhr

Als er mir in der Brunnestraße ins Auto springt, sichtbar erleichtert, habe ich gerade 240 € Umsatz erreicht. Punktgenau. Dadurch, dass ich meistens keine sonderlich langen Schichten fahre, bin ich damit bereits bei den oberen 5% meiner lukrativsten Tage angelangt. Dann sagt mein ausgesprochen junger Fahrgast, er würde gerne nach Wannsee.

Damit wäre das der zweitergiebigste Tag, besser als letztes Silvester, das Dank Schnee und Eis nur langsam zu erfahren war.

Während er gleich sagt, dass er lieber über die Avus fahren möchte, weil er schnell heim möchte, überlege ich ein wenig. Zum Thema schnellste Route hat mein Navi bestimmt eine lukrative Meinung. Ich stelle es ein und biete ihm – er hat inzwischen erzählt, dass seine Eltern im das Geld fürs Taxi mitgegeben haben – an, ich könne auch komplett über Autobahn fahren. Kostenpunkt rund 7 € mehr als der kürzeste Weg, vielleicht 4 mehr als kurz plus Avus.

Nachdem er zugestimmt hat, mache ich nochmal klar, dass es schon ein großer Umweg ist, und nenne ihm den ungefähren Fahrpreis.

Auch wenn uns Taxifahrern gerne mal anderes unterstellt wird, aber so einen absurden Weg fahren die meisten von uns nicht mal eben so und lachen sich dabei ins Fäustchen. Wie oft stehe ich am Stand und unterhalte mich mit den Kollegen darüber, dass Kunden so witzige Routenvorschläge haben, und oftmals bricht aus den härtesten Geschäftsleuten unter uns der Stolz hervor, wenn sie davon berichten, einem Kunden gezeigt zu haben, dass es deutlich günstiger geht.

Aber mein Kunde ist müde, und selbst bezahlen muss er auch nicht. Wir unterhalten uns die dennoch gut halbstündige Fahrt durchgehend, und am Ende ist es mit 42,60 € die mit Abstand längste Tour des Abends, und so weit ich weiss der letzten 4 Monate.

Ich wünsche ihm noch Glück, weil er seinen Schlüssel vergessen hat und jetzt seine Eltern um halb acht wecken muss, dann bin ich wieder auf dem Weg in die Stadt, bedauerlicherweise fast die ganze Zeit ohne Fahrgäste.

Ortskunde-Fail

Das ich nicht ganz Berlin kenne, ist kein Geheimnis, und es ist bei einer Stadt wie Berlin auch nicht peinlich. Eigentlich. Die Lücken sind großflächig verteilt. Während ich Friedrichshain inzwischen relativ gut zu kennen glaube, werden die weißen Flecken in Charlottenburg größer, in Steglitz dominant und in Wittenau kenne ich eigentlich nur die Hauptdurchgangsstraße auswendig.

Das hängt natürlich damit zusammen, wo ich häufiger bin. Das Wissen wächst langsam, aber immerhin: es wächst.

Neulich kam ich allerdings nicht umhin, mich bei meinem Fahrgast zu entschuldigen. Die Straße, in die er wollte, war zwar klein – an prominenterer Stelle jedoch hätte sie nicht liegen können: Die Rosmarinstraße.

Zunächst war ich mir gar nicht sicher, weil ich seine Aussprache nur schwer verstehen konnte, aber wir haben uns auf „wie das Gewürz“ geeinigt. Und da stand ich dann: Ratlos in der Berliner Nacht. Mein Fahrgast erzählte mir was von wegen Friedrichstraße. Und ich war mir sowas von sicher, um die Friedrichstraße herum alles zu kennen. Dann hab ich das Navi genommen und mir ist fast die Kinnlade runtergeklappt. Die Straße liegt tatsächlich direkt gegenüber vom Cookies, keine 50 Meter von der mindestens zweitbekanntesten Kreuzung Berlins entfernt. Gut, sowie es aussieht, kann man sie nur so halboffiziell befahren – aber da bin ich doch bestimmt schon mal im Stau davorgestanden. Verdammt!

Naja, der Fahrgast hat es mir nicht sichtbar übel genommen. Selbst ein Trinkgeld gab es noch. Dann sind mir sofort – noch an der Ecke – aus dem Cookies zwei Leute ins Auto gestürmt und wollten zur Landsberger Allee. Da wusste ich wenigstens, wo ich hin musste 😉
Wir sind kurz auf das Thema Ortskunde zu sprechen gekommen und ich hab den Beiden  erzählt, dass ich die Rosmarinstraße bei der letzten Tour nicht kannte. Verständnislose Blicke. Dann die Frage:

„Wo soll denn die Rosmarinstraße liegen?“

Durchschaubar

Wie ich an geeigneter Stelle desöfteren geschrieben habe, gibt es meist gar nicht so viel Stress Nachts im Taxi. Die meisten Betrunkenen sind supernette Typen, die einfach heim wollen, weil sie so oder so schon zu viel haben – oder sie sind aufgedreht und wollen endlich Party machen.

Die, die auf Ärger aus sind, sind eine kleine Randgruppe. Zudem sind sie meist in Gesellschaft unterwegs und werden von ihren Freunden oder Partnern zurückgehalten. Da kommt es zwar auch manchmal zu Gockeleien von Möchtegern-Helden, die sich gegenüber ihren Leuten profilieren möchten, aber tatsächlich muss man den meisten nicht einmal mit einem Rausschmiss drohen, damit sie sich wieder einkriegen.

Nervig wird es, wenn sie wegen irgendetwas anderem völlig geladen sind und dann versuchen, das im Taxi loszuwerden.

So eine psychisch labile Kotztüte hatte ich neulich in Gesellschaft im Auto.

Aufgenommen habe ich eine recht lustige 5er-Truppe, die auf dem Weg von einer Party in den nächsten Club war. Dementsprechend gut war die Stimmung. Mister Knallkopf ist gar nicht gesondert aufgefallen, er war zwar ein Redenschwinger, aber es waren handelsübliche Angebereien, wie man sie an jedem Tresen umsonst bekommt, wenn man nicht sehr erfolgversprechenden Annäherungsversuchen ausgesetzt ist. Er brabbelte über dies und das und außerdem war er der wichtigste Mann im Wagen, weil das nächste Fahrtziel sein Bruder war, bei dem er noch Geld – unter anderem fürs Taxi – abholen wollte.

Die ganzen komischen Sprüche hab ich selbst schon wieder vergessen. Interessant wurde es, als er ausgestiegen ist, um bei seinem Bruder zu klingeln. Die verbleibenden 4 Mitreisenden wunderten sich über sein Benehmen und es zeichnete sich ab, dass sie ihn bis vor kurzem gar nicht kannten und dass sie ihn alle für etwas seltsam hielten.

Die Pläne, wo es nun hingehen sollte, wurden diskutiert, durcheinandergeworfen, überdacht, und immerhin meldeten sich gleich zwei der anderen zum Thema, wer das Taxi bezahle. Die Fahrt hatte uns von Kreuzberg nach Neukölln geführt, wir waren inzwischen bei über 10 € auf der Uhr, und so wie es aussah, sollte es danach zum Tacheles gehen: Oranienburger Str., Mitte. Eine schöne Tour so insgesamt, um die 30 € und immer noch in der Innenstadt, so lobe ich mir das als Fahrer 🙂

Dann kam Knallkopp zurück und meckerte erst einmal über den Preis auf der Uhr.

Zwei Leute standen Gewehr bei Fuß und meinten, sie könnten das Taxi ja zahlen, kein Problem. Das Gespräch, wo es hingehen sollte, wurde etwas komplizierter, weil er auf einmal nicht mehr mit allem einverstanden war. Die Idee mit der Oranienburger Straße fand er allerdings super, und so haben wir uns dann auf den Weg gemacht.

In der Zwischenzeit begann er, irgendwelchen Quatsch zu labern, ich würde in die falsche Richtung fahren, und als ich ihm den wahrscheinlichen Endpreis nannte, war er geradezu beleidigt und pöbelte auf wenig verletzende, aber dennoch enervierende Art herum. Die Mitfahrer entlockten ihm – der er plötzlich so ungehalten war – auch sein Geheimnis: Natürlich hatte er von seinem Bruder kein Geld bekommen, und das wurmte ihn sehr.

Die Sache mit der angeblich falschen Strecke klärte sich auch auf, gehörte er ausgerechnet zu jener unglücklichen Gesellschaftsgruppe, die sich den Unterschied zwischen Oranienstraße und Oranienburger Straße nicht merken können. Zum Tacheles  – wo die anderen hinwollten – wollte er gerne, aber natürlich nicht nach Mitte, sondern in die Oranienburger Straße. Mit anderen Worten: Er war sauer auf seinen Bruder, hatte selbst nicht den Hauch einer Ahnung und Schuld an allem war ich. Dass er indes nicht einmal ein Problem hatte – weil die anderen die Taxifahrt übernehmen wollten – war natürlich kein Grund, Ruhe zu geben.

Ja, ich war nahe dran, ihn vor die Türe zu setzen. Das wiederrum wollte ich der sehr engagierten Frau auf dem Beifahrersitz nicht antun, die sich zwar sichtlich schämte für ihre Begleitung, allerdings auf rührend einfältige Art und Weise versuchte, mich davon abzulenken, dass ich aus dem Fond hinaus beleidigt werde, indem sie mit mir versuchte, ein normales und nettes Gespräch zu führen. Je mehr Einblick ich durch die ein oder andere Äußerung in die Gruppendynamik bekam, umso komödiantischer und witziger kam mir das Ganze vor.

Ganz hinten in der dritten Sitzreihe saß ein sehr ruhiger Zeitgenosse, der sich seit Fahrtbeginn zu keiner Wortmeldung hinreissen ließ. In der Mitte giftete Mister Knallkopp irgendwas davon, dass er jetzt nicht 20 € für’n Appel und ’n Ein hinblättern würde, wobei er nicht nur den Fahrpreis unter- und seine Finanzen überschätzte, sondern zudem ein Sprichwort falsch  benutzte und die beiden Leute neben ihm ignorierte, die auf ihn einredeten, dass sie das Taxi doch zahlen. Vorne saß ich, fuhr mal Richtung Mitte, mal Richtung Kreuzberg und neben mir saß eine ungeschickte Psychologin, die mich fragte, warum ich eigentlich ausgerechnet in Marzahn wohne und mir beschwichtigend die Schulter streichelte. Vielleicht ja der Grund, weswegen ihr Freund ganz hinten so ruhig war…

Geendet hat es damit, dass ich sie zwischen allen jemals genannten Fahrtzielen an der Tanke in der Mariannenstraße abgesetzt habe, wo ich als „ordentliches Trinkgeld“ etwa 3% des Fahrpreises bekam, der sich inzwischen über die besagten 20 € hinaus erstreckte, ohne dass die Gruppe jetzt einer Party näher gewesen wäre, geschweige denn noch gute Laune hatte.

Mal ernsthaft: Durchschaubar, warum er jetzt so schlecht drauf war, war es schon. Warum solche Deppen allerdings partywillige Gruppen sprengen müssen, verschließt sich mir. Ich bin mir sicher, die hatten alle einen beschisseneren Abend als ich… *

Psychologisch anspruchsvoll

Als letzte Tour des Abends bekam ich just eine Fahrt nach Französisch Buchholz. Nicht gerade ein Stich Richtung Abstellplatz, aber ich mache den Job ja schließlich, um ein bisschen Geld zu verdienen. Da helfen 25 € Umsatz dann ja doch ein wenig 🙂

Mein Fahrgast war ein etwas seltsamer Geselle. Jetzt nicht völlig daneben oder total unsympathisch, aber auch nicht die einfachste Sorte Mensch. Dass ich seine ziemlich kleine Nebenstraße nicht einordnen konnte, hat ihn gar nicht gestört, die würde er mir gerne zeigen.

Im Gegenzug fand er es aber total pervers, wenn Taxifahrer sich eines Navis bedienen und sah sich zudem genötigt, meine Ortskunde durch ein paar völlig am eigentlichen Verwendungszweck vorbeigehende Fragen  zu überprüfen. So wollte er wissen, ob ich wüsste, wo die kürzeste Allee Berlins liegt, was wahrscheinlich die belangloseste Information ist, die man als Taxifahrer wissen muss, schon weil es dort nicht einmal eine Adresse zum Anfahren gibt.

Den Gefallen, den Namen Thusnelda-Allee zu nennen, hab ich ihm gemacht. Jetzt kam aber der schwierige Teil: Ich hatte wirklich keine Ahnung, wo ich hinfahren sollte. Also nach Französisch Buchholz komme ich natürlich auch so – aber von der richtigen Seite? Andererseits wollte ich nun nicht gerade vor diesem Möchtegern-Profi („Ick hab ooch ma sowat ähnlichet wie’n P-Schein jemacht. Nur anders eben.“) darum betteln, das Navi anmachen zu dürfen.

Also hab ich meine müdigkeitsgelähmten Sinne gestrafft, und ihm ohne dass er es gemerkt hat, die komplette Fahrtroute aus der Nase gezogen. Das hat so einen Spaß gemacht, das glaubt ihr kaum 😀

Echt, wie weit man mit Satzfragmenten á la

„Und wenn wir dann an der Dings, da ist doch dieses, war es ne Tanke? Naja, da sollte man dann ja, oder nicht?“

kommt: Unglaublich!

Das lief dann etwa so ab:

„Und wenn wir dann an der Dings…“

„Schönhauser?“

„Nee, da kenn ich mich aus, ich mein weiter.“

„Die Pasewalker?“

„Genau. Da ist doch dann dieses, war es ne Tanke?“

„Äh nee, meinst den Getränkehandel?“

„Kann sein. Da sollte man dann ja…“

„Ja, am Getränkehandel musste rechts ab.“

„Sag ich ja.“

Leute, dafür dass ich erst das zweite oder dritte Mal in meinem Leben in Französisch Buchholz war, kannte ich mich aber verdammt gut aus. Mein Fahrgast war jedenfalls beeindruckt. Und 3 Euro Trinkgeld für so einen Spaß…

Naja, Feierabend danach war trotzdem schön 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Schlaflos in Neukölln

„Hi! Machste Kurzstrecke bis Hinter-uns-Straße 35?“

„Klar.“

Es war eine gute Nacht zum Taxifahren. Eiskalt, windig und mit gelegentlichem Schnee. Insgesamt waren zwar wenige Leute auf der Straße zu finden, der Rest allerdings stand unserer Dienstleistung weitestgehend offen gegenüber.

Ich hatte also bereits einige Winker eingesammelt, auch dass der junge Herr nur eine kurze Strecke zu fahren gedachte, wirkte ob der Umstände völlig normal. Aber er musste es mir mitteilen:

„Ich muss dringend ficken, ich kann nicht einschlafen!“

Ich glaube, ich habe tatsächlich „Ja, sowas kommt vor“ gesagt. Wenn das meinen Einzug ins Paradies verhindern sollte, dann zurecht 😉
Er erzählte mir indessen, welche Termine er morgen hätte und dass er durchaus schon versucht hat, sich selbst zu helfen. Was man halt von wildfremden Menschen gerne erfährt…

Der Weg sollte sich trotz 200 Meter Luftlinie vom Zustiegsort noch schwierig gestalten, da er doch umdisponierte und zu einer anderen Adresse wollte, bei der ich ihm aber sogar mitteilen konnte, dass da wahrscheinlich bereits geschlossen ist. Die Kurzstrecke hat dennoch gereicht, und auch wenn das betreffende Etablissement keine Kopfprämie zahlt, war ich doch auch finanziell zufrieden mit der Fahrt:

„Und, hat es gereicht? Was kriegste?“

„Kurzstrecke hat gereicht, dann sind das also vier,,,“

„Ja, lass mal Kurzstrecke stehen. Ist besser für dich. Ich geb dir 10!“

Sprach es und verschwand eiligst.