Prenzl’berger Nachteulen

Nach fast 3 Jahren Taxifahren merke ich doch so langsam Fortschritte bei der Ortskenntnis. Immer öfter müssen mir Kunden auch bei Wohnadressen nicht mehr helfen und in Extremfällen kenne ich sogar etwa die Hausnummern. Soweit zum positiven Teil.

Auf der anderen Seite erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich Straßen in denen ich schon zig mal war, wieder vergesse. Bzw. sie nicht genau abspeicher. Auch wenn sie eigentlich in Stadtteilen liegen, von denen ich dachte, ich kenne sie gut. Das ist auch nicht immer schlimm, denn gerade wenn die Anfahrt ein bisschen länger ist, macht es ja auch mal nix aus, ob man jetzt nur weiss, dass das eine Querstraße unter dreien ist oder genau die erste. Je näher das Ziel ist, desto wichtiger wird das jedoch.

So ist mir die Heinrich-Roller-Straße in Prenzl’berg zweifelsohne ein Begriff. Aber mit der Marienburger und der Immanuelkirch bringe ich sie immer noch gelegentlich durcheinander. Doof, das!

Meine Kundschaft habe ich am Frannz-Club in der Kulturbrauerei eingeladen. Als der Name Heinrich Roller fiel, musste ich kurz überlegen. Aber klar, am Besten ist es, kurz 5 Meter zurückzusetzen, um dann rechts ab in die Sredzkistraße einzubiegen. Aber wie genau schlängel ich mich jetzt durch die ganzen Nebenstraßen am Kollwitzplatz? Mist!

Meine junge und äußerst lautstarke Beifahrerin bemerkte meine Unsicherheit, überschätzte diese allerdings maßlos.

„Erstmal fahren wir hier geradeaus!“

„Ähm… gut!?“

Eigentlich ist das Rechtsabbiegen in die Danziger gerade nicht erlaubt, ein kleiner Umweg wäre es so oder so, aber an das Abbiegeverbot hält sich keine Sau außer mir, da könnte ich sicher auch mal eine Ausnahme machen…

„Weiter geradeaus!“

„Ganz bestimmt nicht!“

„Wollen sie etwa mit mir streiten?“

fragte sie ziemlich keck.

„Nein, sicher nicht, aber die Heinrich-Roller liegt an der…“

„Prenzlauer!“

„Genau. Und die ist…“

„Da vorne links!“

„Nein, die ist eher so da hinten rechts.“

„Sie fahren jetzt geradeaus!“

„Ähm, nehmen sie bitte zur Kenntnis, dass ich das höchstens unter Protest tue!“

„Hey, ich hab Geburtstag und ich weiß, wo ich hinmuss.“

Wir waren inzwischen am Fahren. Richtung Pankow, Hamburg, Norden halt. Und die Heinrich-Roller-Straße, die ich so kenne, verschwand immer mehr hinter uns. Ich hab sie gebeten, wenigstens dem Navi zu glauben:

„Sehen sie mal hier: Heinrich-Roller-Straße, Prenzl’berg!“

„Ja, der will auch da vorne links!“

„Sicher will mein Navi das. Das will wenden! Weil wir genau in die entgegengesetzte Richtung fahren!“

„Fahren sie nur mal schön weiter!“

„Ich bitte sie: Lassen sie uns wenden. Ich weiss es sehr zu schätzen, dass sie die Tour zu meinen Gunsten so verlängern, aber sonst kommen wir sicher nie an.“

Das Spielchen dauerte bis zur Wichertstraße. Dann hat sie mich endlich wenden lassen. Puh! Der Rest der Strecke verlief dann so problemfrei wie nur möglich. Gut, sie hielt mir kurz noch vor, ich würde sie bezichtigen, ihr Sturheit zu unterstellen, aber das kann ich Anbetracht des Extra-Betrages gut verkraften. Gezahlt haben sie den Weg anstandslos. Sogar Trinkgeld gab es reichlich und das Whoiswho der nettesten Verabschiedungsfloskeln fehlte auch nicht. Alles in allem eine schöne Sache für mich. Für sie aber völlig unsinnig!

Das Bildchen zeigt recht eindrucksvoll, was ich meine:


Größere Kartenansicht

Entgegenkommen

Wir wissen ja inzwischen alle: Die Taxipreise sind fix. Abweichungen nach oben oder unten sind nicht erlaubt. Ich handhabe das sehr strikt, da alle mir angebotenen Festpreise irgendwie immer unter dem Tarif liegen und ich mir mein Geld nicht durch Umwege und überteuerte Preise an anderen Ecken zurückhole. Wie überall gibt es aber natürlich auch hierbei mal die ein oder andere Ausnahme.

Auf Nachfrage gewähre ich die allerdings nie. Vielmehr drücke ich bei sympathischer Kundschaft vielleicht ein Auge zu, wenn ich mich bei meiner eigenen Schätzung vertan habe. Und so lief es auch bei den beiden Jungs, die mich heranwinkten, kaum dass ich die Kotzerin in Lichtenberg abgesetzt habe.

Ich hielt an und vernahm ein von der letzten Tour sehr bekanntes Geräusch:

*hicks*

„Keine Sorge, ich bin nicht arg betrunken. Ich hab nur Schluckauf.“

*hicks*

Ich hatte bestimmt seit Monaten niemand mehr mit Schluckauf im Taxi – und jetzt zwei hintereinander, wobei eines eine Kotzer-Tour war. Da macht man sich Sorgen. Naja, Adlerauge sei wachsam!
Was es denn kosten würde zum Bahnhof Hohenschönhausen?

„Hmm, ich schätze mal so um die 13 €.“

Ich hab nicht mal den Hauch einer Ahnung, wie ich auf den Preis gekommen bin. Realistisch war er nicht wirklich. Das hab ich dann unterwegs gemerkt. Ich hab die Jungs gefragt, wo sie genau hin müssten, woraufhin sie dann eine Straße noch ein paar Meter weiter weg genannt haben. Also hab ich ihnen einen Vorschlag gemacht:

„OK Jungs, ich hab mich echt um ein paar Euro vertan. Mach ich ungern, deswegen folgendes: Ihr müsst sogar noch ein paar Meter weiter als der Bahnhof entfernt ist. Ich hab 13 € gesagt, einen würde ich noch draufhauen. Bei 14 mach ich dann die Uhr aus, ok?“

Erfreute Gesichter. Na klar. 🙂

Ich mach das wirklich nur selten und vor allem haben meine Preisansagen in der Regel Hand und Fuß. Aber es ist einfach blöd, einen Preis anzusagen und dann am Ende deutlich mehr auf der Uhr stehen zu haben. Also war die Uhr bei 14 aus, und ich hätte grob geschätzt, dass wir am Ende eigentlich bei 16,50 € gewesen wären. 18 hab ich gekriegt – war wohl nicht die schlechteste Entscheidung 🙂

Und gekotzt hat auch keiner.

„The Best Western please!“

Das ist so in etwa das Schlimmste, was einem als Taxifahrer in Berlin passieren kann. Oder das Beste – falls der Kunde die Rundfahrt bezahlen will. Die Seite der Best-Western-Kette bietet selbst den besten Überblick, weswegen man das so sagen kann: Suchergebnisse für Berlin bei Best Western. (ich hoffe mal, der Link klappt)

Getroffen hat es einen der netteren Kollegen an meinem Lieblingsbahnhof. Rein vom Optischen her ein Bilderbuchkutscher und sehr nett und erfahren. Ich hab ihn nur ein paarmal dort gesehen, aber wahrscheinlich gehört er wirklich zur Lichtseite des Gewerbes. Nur Englisch ist nicht so sein Ding.

Ich stand direkt hinter ihm und nach ein paarmal gegenseitigem Achselzucken bin ich ausgestiegen und hab mal nachgefragt, ob ich irgendwie helfen kann. Nun kannte der Kollege das Best Western City Ost nicht – was ich aber auch nur kenne, weil ich zufällig schon einmal da war. Auch mit englischem Publikum übrigens, der Fahrgast damals war allerdings um etliches verstrahlter als das gut situierte Ehepaar dieses Mal.

Ich hab ihm also kurz zu sagen versucht, an welcher Ecke das Hotel liegt, war mir allerdings auch nicht bis aufs Letzte sicher. Dass man das Hotel im Vorbeifahren übersieht, kenne ich aus eigener Erfahrung – da mag es noch so direkt an der Frankfurter Allee liegen. Den Fahrgästen wurde die Sache etwas unheimlich und sie haben verschämt nachgefragt:

„So, would YOU please bring us there?“

Ich hab ihn gefragt und er hat eingewilligt. OK, eine lange Tour war es nicht, aber nicht jeder Kollege gibt gerne seinen Fisch an der Angel ab. In Nullkommanix waren die beiden dann dorthin verfrachtet, und sie haben die 8 € mit 12 beglichen. Mit einem ausdrücklichen Dank für meine guten Englischkenntnisse und mein kulantes Einspringen.

Der Kollege ist zufällig nach seiner Tour auch wieder zum Bahnhof gefahren. Wir kamen in genau derselben Konstellation wieder zum Stehen. Er erkundigte sich gleich, wo das Hotel jetzt nochmal genau ist und merkte es sich. Außerdem beglückwünschte er mich zu dem dicken Trinkgeld und gestand:

„Naja, so viel hätt‘ ick ja eh nich‘ jekriegt. Mit mein Englisch.“

Er hatte eine Tour für 7,60 €. Hat sich also im Prinzip alles nix geschenkt. Wie man sieht, muss man auch in diesem Gewerbe nicht ständig nur um jeden Euro untereinander kämpfen. Zusammenarbeit ist für alle Beteiligten wesentlich gechillter!

Das erste Taxi am Stand

Die Berliner Taxiordnung sagt in Paragraph 4 (2):

„Den Fahrgästen steht die Wahl der Taxe frei. […]“

Soweit die Theorie. Wie sieht das in der Berliner Realität aus? Ein Erfahrungsbericht:

Ich hatte mir (was sehr selten ist) an der Tankstelle meines Vertrauens ein belegtes Brötchen für lächerliche 2,99 € rausgelassen und mich zum Essen am Bahnhof an den Stand, auf Position 25 etwa, gestellt.
In dem Moment, in dem ich erwartungsvoll die Tüte öffne, klopft es an meine Scheibe:

„Sag mal, bringste mich kurz zum Mariannenplatz?“

Wäre er nur 5 Sekunden später gekommen, hätte ich mit „Felbverfbämfliff“ antworten müssen, ohne eine halbe Gemüsetheke im Mund gelang mir aber die hochsprachliche Artikulation.

„Letztes Mal hat mich der Taxifahrer ganz vorne gebeten, doch nach hinten zu gehen, ist das in Ordnung?“

Jein. Bitten oder Beten ist nicht verboten. Wie wir eingangs gelesen haben, ist dem Wunsch eines Fahrgastes aber Folge zu leisten. Mein übersensibler Kunde war tatsächlich gewillt, es allen Fahrern auf diesem Planeten recht zu machen, da war das sichtlich in Ordnung. Ich denke, ich kann für fast alle Fahrer sprechen, wenn ich sage: Wir freuen uns, wenn der Kunde sich über unser Geschäft Gedanken macht und eine kurze Fahrt mit einem der hinteren Taxen absolviert, weil diese noch nicht so lange gewartet haben. Selbst ich ärgere mich manchmal insgeheim, wenn ich nach einer Stunde Standzeit eine Tour für 5 € bekomme, das bleibt nicht aus, wenn man umsatzbasiert bezahlt wird.

Aber es ist und bleibt dabei: Der Kunde darf sich das Auto (und damit auch den Fahrer) aussuchen. Wir Fahrer mögen den ein oder anderen Kundenwunsch nicht verstehen, aber legitim ist er. Ob der Kunde sich das Auto aussucht, weil es an einer bestimmten Stelle steht, weil es neuer, größer, sauberer oder vielleicht doch eher gemütlicher, lustiger oder älter ist: Es ist sein Recht. Wir Taxifahrer haben eine Beförderungspflicht, und die gilt in einem siffigen Lada ebenso wie in einem frisch geputzten Mercedes.

Das Problem ist schlicht der Faktor Mensch. Jeder Taxifahrer geht anders mit seinem Job und den Kunden um. Und viele sind der Meinung, dass das ungeschriebene Gesetz, der erste bekomme die Tour, über der Taxiordnung steht.
Man sollte als Kunde nicht verwundert sein, wenn ein Fahrer den ersten in der Reihe vorschlägt. Es ist meist einfach ein Versuch, kollegial zu sein.
Ebenso finden sich aber natürlich auch Arschlöcher am Taxistand, die als letzte in der Reihe den Kunden mit der Kurztour wieder nach vorne schicken, „weil das so ist“, obwohl sie in Wirklichkeit nur dem Kollegen eine kurze Tour unterjubeln wollen und selber auf einen dicken Fisch warten.

Damit ist es ein leidiges Thema, denn es ist schwer, es allen Taxifahrern recht zu machen. Wir sind auch nur Menschen und haben alle ein bisschen verschiedene Ansichten. Wirklich beliebt sind kurze Strecken vielleicht nie – aber genau das ist ein Grund mehr, die Taxiordnung beim Wort zu nehmen und als Kunde zu entscheiden, mit wem man fahren will!

Ich würde wirklich gerne einen allgemeingültigen Tipp geben, welches Auto man als Kunde am ehesten wählen sollte – aber irgendwer in der Kollegenschar fühlt sich immer auf die Füße getreten. Vielleicht sollte ich es so machen:

Wenn sie eine kurze Strecke im Taxi fahren wollen, dann sagen sie das im Voraus und fahren dann mit dem Fahrer, der am nettesten reagiert. Und wenn sie das Gehacke um dieses Thema genauso stört wie mich, dann bedanken sie sich bei genau diesem Fahrer mit einem guten Trinkgeld und verzichten sie beim nächsten Nörgler ganz explizit (gerne mit Ansage) darauf. Vielleicht ändert sich dann mal was…

Taxistand Kulturbrauerei

Zu meinen regelmäßigen Standplätzen gehört auch die Kulturbrauerei. Dort ist leider wunderbar zu beobachten, wie Interessen von Stadt und Taxigewerbe auseinandergehen können und was das im Alltag für Stress bedeuten kann.
Da selbst Google Maps noch nicht ganz auf dem aktuellen Stand ist an dieser Kreuzung, müsst ihr eine meiner seltenen Zeichnungen ertragen. Bitteschön:

 

Die Kulturbrauerei-Haltesituation (+Elch) Quelle: Sash

An der Ecke Knaack-/Danziger Straße befindet sich ein Ausgang der Kulturbrauerei, hier durch das X links markiert. Da die Knaackstraße eine Einbahnstraße ist, bietet es sich für die Taxifahrer an, in zweiter Reihe vom Eingang bis weiter unten in der Straße auf der linken Seite zu halten. Die gewohnheitsmäßigen Halteplätze sind hier mit den Buchstaben A bis E gekennzeichnet, am Wochenende kann es schon mal bis zum Buchstaben R gehen 😉

Die Halte ist natürlich nicht legal, das hat sie mit vielen anderen gemein. Es ist auch tatsächlich relativ eng in der Knaackstraße, wenn dort eine Stange Taxen wartet. Nun hat man uns dort vor einiger Zeit etwas fantastisches geschenkt: Eine Taxihalte in legal. Diese findet sich auf dem Bild dort, wo TAXI geschrieben steht, und etwas ungelenk dazuwischengekritzelt sind die Halteplätze 1 bis 3. Abgesehen von meinem unklaren Verhältnis zur maßstabsgetreuen Zeichnung kann man sich jetzt wahrscheinlich bildlich vorstellen, wie es da aussieht, oder?

Sowohl die Macht der Gewohnheit, als auch Platzmangel und rationale Erwägungen sorgen nun dafür, dass die Halte eigentlich kaum genutzt wird. Zumindest Nachts. Zum einen eignet sie sich viel besser als einfache Ausfahrt von Position A. Auf A kann man quer zur Fahrtrichtung halb in den Eingang der Kulturbrauerei hineinstehen und dann über den eigentlichen Taxistand auf die Danziger fahren (das hat im Übrigen auch den Vorteil, dass man sich die oft rote Ampel am hier nur angedeuteten Fußgängerüberweg an der Danziger spart).

Die Kunden fallen einem quasi direkt ins Auto, und gut ist. Der Nachteil ist natürlich: Wenn die Cops das doch mal mitbekommen, ist man dank Halten auf der Straße, dem Gehweg und in einer Feuerwehreinfahrt wahrscheinlich ziemlich viel Geld los…
Ein guter Grund, die legale Halte zu verwenden, oder? Unter der Woche sicher, denn solange nur maximal 3 Taxen vor Ort sind, funktioniert das ganz gut. Sobald aber Taxi 4 dann entweder auf Position A oder B wartet, steigen alle (!) Kunden aus der Kulturbrauerei (und das sind die meisten) in dieses Auto ein, weil es näher ist. Mal ganz abgesehen davon, dass die Kunden wegen dieser Entfernungsphobie auch grundsätzlich eher Taxi 3 wählen – was zwar die Abfahrt schwieriger macht, aber so ist es eben…

Da ich dennoch nicht viel Lust auf Ärger mit den Cops hab, und mich gerne unter der Woche spät dort ans Eck stelle, wo man auch mal ein Weilchen warten kann, versuche ich tatsächlich, mitten auf der Halte, also eher in Position 2 zu warten. Sollte ein Kollege kommen, rücke ich kurz vor.
Dummerweise inspiriert das einige Kollegen, zu denken:

„Haha, ein Idiot! Der stellt sich soweit vom Eingang weg, da stelle ich mich doch auf Position A und räume die Kunden ab!“

Das ist weder ein Einzelfall, noch erfolglos. Man hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera: Riskiere ich ein Bußgeld oder riskiere ich, dass mir eine Fahrt  – durchaus auch mehrmals 🙁 – weggeschnappt wird?

Kleiner Witz am Rande: Als ich mich mal ausnahmsweise als einziges Taxi auf Position A gestellt hab, kam prompt ein Kollege an, positionierte sich auf der 3 und beschuldigte mich, ein widerlicher Aasgeier zu sein…
Aber normalerweise entscheide ich mich gegen die rauhen Sitten und nehme es in Kauf, dass mir ein oder zwei Touren durch die Lappen gehen. So auch neulich. Es kam auch, wie es kommen musste: Ich stand 10 Minuten da, dann kam ein Kollege ohne mich eines Blickes zu würdigen zur Position A gefahren, lud binnen zweier Minuten Kundschaft ein und brauste (noch dazu über die rote Ampel hinweg) davon. Man gewöhnt sich dran, aber an dem Abend hat es mich echt gefuchst. Also hab ich mein Buch zugeschlagen und zu mir selbst gesagt, dass ich auf die Kundschaft hier scheiße und eine Runde durch die Stadt fahren werde. An der nächsten Ecke würde ich sicher eine gute Tour bekommen! So!

Danziger Ecke Prenzlauer (also 400 Meter weiter) sprang mir dann ein kleiner Mann ins Auto und wollte zur Deutschen Oper. Die Tour hat etwa 20 € gebracht, die Genugtuung war unbezahlbar 😀

Fundsache Handy

Meine Kundinnen waren so eine mittelprächtige Mischung aus super-nett und kühl distanziert. Ein paar nette Worte sind gefallen, aber es war ihnen auch anzumerken, dass sie mich einfach nur als Dienstleister betrachten, dessen Preis ihnen nicht sonderlich zusagte. Aber Tarif ist Tarif, und ich finde, dass 15 € Fahrpreis für 5 Personen auch mal ok sein muss, wenn es einem eine fast dreiviertelstündige Fahrt mit der Bahn erspart.

Dennoch gab es Trinkgeld, der übliche Das-macht-man-halt-so-Euro. Sie haben sich ein Stückchen vor ihrem Hostel rausschmeissen lassen, und als ich den hinteren Sitz wieder einklappen wollte, fand ich eine gute Möglichkeit, mich doch noch beliebt zu machen:

„Einen Moment! Jetzt sieht jeder bitte nochmal kurz in seinen Taschen nach, und wer kein Handy findet, kann es sich dann bei mir abholen!“

Das High-Heel-Geklacker auf dem Bordstein verstummte zugunsten einiger Wühlgeräusche und am Ende ergab sich folgendes: Alle hatten ihr Handy. Mist!

Also hat es irgendwer sonst in meinem Wagen verloren. Ich hatte ja mal sowas von keinen Bock auf den ganzen Stress. Fundamt, Papierkram, Zeitverschwendung!

Ich hab das Handy mal angesehen. Hmm, ein älteres Nokia-Modell, ziemlich verkratzt und… angeschaltet! Nur eine Tastensperre ohne Passwortschutz drin. Na denn! Was sagt die Uhr? Sie sagte 3.30…
So komisch es klingt – ich fand die Zeit optimal, um jemanden anzurufen. Die meisten Nachtschwärmer waren noch unterwegs und mir lag es wesentlich näher, kurz mit dem Auto zu einem Club zu gurken, als kompliziert zu meiner Schlafenszeit irgendwann einen Termin mit jemandem auszumachen.

Ich sah nach den letzten Anrufen und entschied mich spontan für Steffen. Der hatte erst zwei Stunden vorher auf dem Handy angerufen und ich hoffte einfach mal, dass er noch wach ist. Ich fand, Steffen klingt nach nachts wach sein. Ja, schon irgendwie…
Also hab ich mit Steffen telefoniert. Das Ganze verlief ziemlich erfolglos, denn Steffen befand sich tatsächlich in einem Club und abgesehen davon, dass Elektro nicht meine Musikrichtung ist, war die Wiedergabe übers Handy bescheiden – aber leider sehr dominant. Ich hab Steffen also angebrüllt und dann aufgelegt. Im Übrigen etwas, das nachts um 3.30 Uhr auch mit allen anderen Telefonnummern Spaß macht! 😀

Wie zu erwarten war, rief Steffen binnen einer Minute zurück, nachdem er sich irgendwo in ein leiseres Eck verkrümelt hatte.

Als ich ihn in verständlichem Tonfall am Ohr hatte, kam er mir schon etwas bekannter vor und als er sagte, dass er mit seinen Freunden im Tresor ist, wusste ich auch wieder, mit welcher Truppe ich es zu tun hatte.
Ehrlich? Nicht die beste des Abends. Nette Jungs zwar, aber nervige Preisfeilscher, die selbst am Club noch nicht aufgegeben haben, mir das tolle Angebot zu machen, ich solle doch den Zehner vergessen und einfach 5 € so nehmen und dem Chef nix sagen.

Aber gut. Ich war etwa 3 Kilometer entfernt und hab beschlossen, dass es mir den Stress nicht wert ist mit Anfahrtskosten etc. Hauptsache das Handy ist wieder bei seinem Besitzer! Während der Fahrt hab ich mich dann aber doch ein bisschen geärgert. Schließlich kann ich ja auch nix dafür, und selbst wenn es nur 15 Minuten und 3 Kilometer sind: Es ist meine Arbeitszeit! Ich hab also insbesondere wegen der Hinfahrt vor etwa 4 Stunden beschlossen, den Jungs wenigstens meine Meinung kundzutun, wenn sie jetzt einfach mehr oder weniger wortlos das Handy entgegennehmen sollten.

Aber glücklicherweise war das nicht nötig. Ein überglücklicher Besitzer strahlte über beide Ohren als er sein geliebtes Telefon wieder an sich nehmen konnte und schüttete mir eine ordentliche Menge Kleingeld in die Hand. Die Anfahrt war damit locker bezahlt, er hat quasi nachträglich noch Trinkgeld gegeben, was davor irgendwie nicht drin war.

Und überhaupt: Besser so als zum Amt rennen oder Briefe zu schreiben! 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Taxi, Tanke, Autobahn…

Mit den langen Fahrten beim Taxifahren ist es ja so: Je länger man wartet, desto geringer ist die Chance, eine solche zu bekommen und je mehr in der Stadt los ist, desto eher bekommt man eine Strecke nach außerhalb.

Die vergangene Woche war ja dank Fashion Week umsatzmäßig der Hammer. Es gibt einige Fahrer da draussen, die die Modemessen inzwischen als zweites Silvester bezeichnen, und das trifft es gewissermaßen. Ein normales Wochenende kann da manchmal kaum mithalten. Im Gegensatz zu sonst stehen dann tatsächlich mal die Kunden in der Gegend rum und nicht wir.

Das liegt wohl vor allem daran, dass die Besucher der Fashion Week unglaublich taxi-affine Kundschaft sind. Außerdem schmeißen sie übers Stadtgebiet verteilt eine Menge Parties, viele Clubs machen extra deswegen auf und wenn all das nicht reicht, dann führen die Taxifahrten in die Hotels, zu den Bordellen, zu anderen Kurzzeit-Sexualpartnern oder eben zu irgendeinem total tollen Event. Ob das nun eine Modenschau in der U-Bahn ist oder ein angesagter DJ, der nur Songs mit den Titeln von Kleidergrößen spielt, wen interessiert es? Hauptsache, man ist dabei gewesen 🙂

OK, ihr seht schon, ich bin jetzt kein riesiger Freund der ganzen Veranstaltung (hab ich neulich in meinem privaten Blog auch schon geschrieben), aber geschäftlich ist es der Hammer!

Und so traf ich letzte Woche einmal mehr am Ostbahnhof ein. Nicht, weil ich da eine schnelle Fahrt vermutete, sondern weil ich hoffte, da erst mal Zeit für eine Zigarette zu haben. So mehr oder weniger klappte das auch – und der zweite Kollege, der sich hinter mich stellte (natürlich bin ich als einziger dort gewesen, was glaubt ihr denn?) meinte auch gleich:

„Bleib mal bitte kurz stehen, ich will erstmal eine rauchen…“

Traumhaft. Dann aber kamen die zwei schweigsamen Zeitgenossen, die schon die ganze Zeit – ebenfalls rauchenderweise – am Stand rumgelungert hatten zu mir und verluden ihr spärliches Gepäck.

„Wo darf es denn hingehen?“

„Nach Schönefeld.“

„Zum Flughafen?“

„Genau.“

Na gut. Sie haben nicht einmal auf die Frage geantwortet, ob es eilig sei, und ganz so weit her schien es mit der deutschen Sprache bei ihnen nicht zu sein. Naja. So richtig freuen konnte ich mich über diese 30€-Tour ausnahmsweise kaum. Ich musste immerhin aus der Stadt raus, und so gesehen sah ich meinen Umsatz eher geschmälert als erhöht. Zumal ich meinen bombigen Kilometerschnitt auf der Rückfahrt zweifelsohne wieder kaputt machen würde…

Der Clou kam aber noch. Als wir auf der Autobahn waren, meinte der eine:

„Sag mal, was kostet, wenn du uns bringst zu Truck Stop?“

Äh, keine Ahnung!?

„Da bei Aral.“

„Wo ist die denn genau?“

„Autobahn A10.“

„Welche Richtung, so weit draußen hält sich meine Ortskenntnis in Grenzen…“

„Richtung Frankfurt/Oder, so 30 km nach Schönefeld.“

Ich hab die ganzen Frei-vereinbaren-Geschichte aus der Taxiordnung mal nicht so genau genommen. Der Taxameterpreis wäre so oder so mein allerunterstes Angebot gewesen (Taxi nach JWD kostet in Berlin mehr als in der Stadt), insofern hab ich es nach dem Tarif überschlagen:

„Na, dann sind das komplett etwa 65 €.“

Und sie haben angenommen. Kurzzeitig war mir das gar nicht mehr so geheuer, denn irgendwo ins Umland gelotst zu werden – noch dazu in ziemlichem Widerspruch zum ersten Ziel – war irgendwie strange. Führen die beiden was im Schilde?
Aber binnen weniger Minuten haben sie mit einem Freund telefoniert, und dabei hab ich dann so sinngemäß rausgehört, dass sie nun eben direkt zur Tanke kommen. Offenbar ist ihnen der Kumpel quasi mit dem Auto entgegen gefahren. Puh!

Sie haben sich dann direkt an der Tanke rausschmeißen lassen und der Preis war mit 50,60 € auch bei weitem nicht so hoch wie erwartet. Alles kein Problem! 🙂

Und auf dem Rückweg bin ich froh gewesen, die Ruhe weg zu haben. Als vor mir einer in Zeuthen durch so eine „30 km/h von 22 – 6 Uhr“-Zone gezuckelt ist, dachte ich mir:

„Ach, sei locker! Tempomat und gut is…“

Und einen Kilometer später haben sie gelasert. Und der Blick des Polizisten hat ganz deutlich gesagt:

„Hier ist noch nie ein Berliner Taxifahrer so langsam gefahren!“

Was auch nicht stimmte. Später hab ich einen Kollegen getroffen, der fast zur selben Zeit mit Kundschaft ebenfalls dort vorbeigekommen ist.

„Und da warnt die mich noch: Hier stehen se öfters. Und dann standen die da echt…“

Außerdem hat von meinen Kollegen auch niemand in der Zeit mehr Umsatz gemacht als ich… Wenn mal alles so läuft, wie es sein sollte 😀