Ungeduld

Ich hab zwar am Ostbahnhof meine Lieblingshalte und stehe da auch manchmal ein bisschen länger und unterhalte mich mit Kollegen – ich fühle mich aber trotzdem wie das Gegenteil eines Flughafenfahrers beispielsweise. Dass man da auch seine Kohle macht, glaube ich ja – aber die Wartezeiten sind mir trotz der meist langen Touren zu extrem.

Am Flughafen dauert eben alles ein bisschen länger – aber das wissen wir Berliner inzwischen ja recht gut …

Kollege Mehmet hat allerdings neulich den absoluten Joker gezogen. Steht zweieinhalb Stunden in Schönefeld an und nimmt als sechster in der Reihe einen Funkauftrag in der Nähe an. Er fährt hin, wartet, wartet, wartet und wartet noch ein bisschen, aber keiner kommt. Also ist er zurück zum Flughafen und hat sich wieder hinten angestellt. Wieder zwei Stunden. Dann eine Fahrt zur Spinne in Rudow. Die erste Hälfte, die ersten 5 Stunden seiner Schicht waren das – für 10 € Umsatz.

Seine schlechte Laune konnte ich wirklich gut verstehen. Ich hatte in der selben Zeit fast 100 € auf der Uhr.

Allee, Chaussee, schon ok!

Na, liest hier noch jemand mit, der sich erinnern kann, welchen einzigen und vermeidbaren Fehler ich bei der schriftlichen Ortskunde gemacht habe? Nicht weiter schlimm, das kann man ja nachgucken – was im Übrigen immer besser ist als Na’ucken.

Es war irgendeine Verwechslung von Allee und Chaussee. Aber klar, wäre ja auch zu einfach, wenn Berlin nur ein paar Köpenicker Straßen hätte. Da kann man ruhig noch ein paar Chausseen und Landstraßen mit dazupacken!

Was ich eigentlich damit sagen will: bei solchen Sachen bin ich aufmerksam. Vor allem, wenn mir jemand mit einer Straße kommt, die ich nicht kenne. Im vorliegenden Fall ging es um die Waldowstraße. Auch davon gibt es wieder ein paar übers Stadtgebiet verteilte. Er wollte nach Karlshorst, wo es nicht einmal eine davon gibt. Sehr sehr naheliegend ist hier allerdings der Rückschluss auf die Waldowallee – denn die gehört grob geschätzt zu den 4 wichtigsten Straßen im gesamten Stadtteil.

„Nein nein, Waldowstraße. Hat sie mir gesagt!“

„Klär das besser nochmal. Die nächste Waldowstraße liegt in Oberschöneweide und das sind noch 6 Kilometer bis dahin und die Waldowallee liegt jetzt bald vor uns …“

Ein kurzes Telefonat später, bei dem es aber hauptsächlich um die Hausnummer ging, fuhren wir weiter dem Navi nach in die Waldowstraße. Dann geschah etwas sehr glückliches. Während ich ihn abermals ein wenig nervte, dass ich mir echt unsicher wäre, weil das nun zwar der benachbarte Stadtteil, aber dennoch ein Stück weit weg sei, rief die Freundin wieder an. Wo er denn bleibe?

„Ja, weiß nich, dauert noch so, der Taxifahrer hat auch nicht so wirklich Ahnung. Ja, erklär dem des doch!“

Nun hatte ich plötzlich einen Wortwasserfall am Ohr:

„S’überhauptkeinproblemgarnichtkarlshorstkennensemarksburgstraßebaustelletreskowalleewaldowdarein …“

„Einen Moment bitte! Ich verstehe kein Wort! Also, nur eine Frage: Waldowstraße oder Waldowallee?“

„Äh, äh. Ja, Allee! Klar do…“

„Danke.“

Unter einem lautstark gegrummelten „Warum frage ich eigentlich?“ hab ich also die Kehrtwende gemacht und bin wieder zurückgefahren. War glücklicherweise nicht weit und mein Fahrgast konnte sogar seinen Termin noch einhalten. Und gutes Trinkgeld gab’s auch noch. Von nicht so wirklich Ahnung bis Ortskundeprofi in nur einem Telefonat. Das hätte ich mal vor der Prüfung gebraucht!

Kollegiale Hilfe

Gerade am Ostbahnhof passiert das jede zweite Nacht: Irgendein Taxifahrer hält am Stand und fragt mich oder einen der Kollegen nach einer nahe gelegenen Adresse. Berghain, Pegasus Hostel, Fritz-Club zum Beispiel. Und man hilft sich. Natürlich. Ich hab – ohne das irgendwie eingeplant zu haben – ja auch so mein Stammrevier, meine Lieblingsecke. Da kennt man am anderen Ende der Stadt nicht alles. Um ganz ehrlich zu sein: so manche Location bemerkt man auch nach hundert mal vorbeifahren nicht. Und ich würde schon sagen, dass ich seltenst mit geschlossenen Augen fahre …

Insofern ist diese Hilfe unter Kollegen sinnvoll und auch wichtig. Berlin ist groß und wenn man schon jemanden fragen muss, dann doch am Besten jemanden, der sich ebenso recht gut auskennt. Nur woanders vielleicht. Und ob über Funk oder persönliche Nachfrage ist ja egal.

Den Kollegen aus Berlin empfehle ich übrigens, sich noch mal taxi-weblog.de anzuschauen. Aro, Klaus und ich haben da mal angefangen, für Taxifahrer relevante Neuigkeiten zu sammeln und zu posten. Ich bin zwar in letzter Zeit dort zu nichts gekommen, aber jede Einsendung macht die Seite besser!

Und nun stand ich da.

Amber Suite! Nie gehört. Und zwar wirklich nie. Aber da wollte die Kundschaft hin. Das heißt, eigentlich wollten sie zum Fritz. Der Türsteher jedoch legte ihnen auf offenbar sehr charmante Art nahe, dass sie des Alters wegen vielleicht einen anderen Club suchen sollten. Ich hab schon viel schlechtes über und von Türstehern dort gehört, der hier jedoch hat sie scheinbar wirklich nicht rausgeschmissen, sondern eine Empfehlung ausgesprochen, der meine Gäste gerne gefolgt sind.

Ja schön, und nun?

Ich wollte schon Onkel Google bemühen, da meinte einer der Fahrgäste, er frage noch mal eben nach und stürmte davon.

Ich hätte die Lösung sicher – trotz aller Pannen, die dabei auftreten können – einen Kollegen gefragt, aber er sprintete schnurstracks zum Türsteher zurück. Und als er wieder ankam, fragte er nur:

„Ullstein-Haus? Sagt dir was?“

„Na klar.“

Und ab ging es. Ich will es bei den vielen Arschlöchern in vielen Berufszweigen nicht zu weit herausposaunen, aber es gibt so Momente, in denen ich die Hoffnung habe, wir Nachtarbeiter könnten uns alle irgendwann mal als Kollegen sehen und uns helfen …

Taxirufsäulen

Das ist wirklich ein Thema für sich. An sich sind die Rufsäulen nicht die dümmste Idee. Seit Handys und Taxi-Apps existieren, verlieren sie natürlich an Bedeutung – viel mehr schadet den Teilen aber, dass sie offenbar kein Mensch versteht.

Ganz klassisch lief es neulich wieder. Ich fuhr eine Straße entlang und sah plötzlich jemanden winken. Direkt am leeren Taxistand. Während ich die beiden Fahrgäste begrüße, brabbelt einer der zwei gleich empört drauf los, dass das ja alles scheiße wäre. Er hätte ja auch hier mit der Rufsäule und so – aber keiner wäre gekommen. Ich hab’s mal pragmatisch versucht:

„Das wundert mich nicht.“

„Wieso?“

„Na, sehen Sie hier ein Taxi?“

„Nein, desw …“

„Eben. Und was Sie gerade getan haben, war folgendes: Sie haben hier angerufen und es war kein Taxi da …“

Das ist offenbar inzwischen wirklich verloren gegangenes Allgemeinwissen. Zumindest mit den Säulen in Berlin fordert man keine Taxis an. Im Gegenteil. Diese Säulen stehen am Taxihalteplatz, damit wir Fahrer dort Anfragen entgegennehmen können. Ist der Stand leer, kann folglich keiner rangehen. Die Telefonnummern sind dazu gedacht, notiert zu werden, so dass man z.B. von zu Hause aus direkt vom nächsten Stand ein Taxi ordern kann. Das steht natürlich nicht drauf, da haben die Designer ganze Arbeit geleistet.

Wie gesagt: Dank Handy, Apps und all dem Zeug, das im Laufe der letzten Jahrzehnte überraschend entwickelt wurde, ist der Sinn der Säulen begrenzt. Aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Gerade hier in Berlin – wo die Vermittlung über Großzentralen läuft – kann bei einer Bestellung auch mal was unklar sein. Wenn man direkt mit dem Fahrer spricht, kann man vielleicht das ein oder andere wichtige Detail im Vorfeld besprechen, was vor allem bei Sonderwünschen (man will den Hund mitnehmen, braucht ein Auto für 5 Leute) von Vorteil sein kann. Auf der anderen Seite braucht man eben das Glück, den richtigen Fahrer zu erwischen …

Was von meinen Fahrgästen folgte, war klar: Unverständnis und ein schneller Themenwechsel, um von der Peinlichkeit abzulenken, dass sie das System nicht verstanden haben. Dabei ist das wirklich eine alltägliche Sache.

Ein kleiner Funfact sei am Rande noch erwähnt: Mit ein bisschen Glück erwischt man so trotzdem ein Taxi. Die Rufsäulen senden nämlich ein Signal aus und wenn ich in der Nähe (so unter 200 – 300 Meter) vorbeifahre, piept es bei mir im Auto. Wenn ich dann noch weiß, wo jetzt genau die Rufsäule steht, fahre ich auch gerne mal vorbei um zu sehen, ob es ein verirrter Mensch ist, der gerade auf dem Telefon vor sich anruft. An die Säule selber gehe ich allerdings nicht, da unser Rufsäulenschlüssel entweder bei meinem Tagfahrer liegt oder in den Untiefen unseres Autos irgendwo vergraben ist. Wie gesagt: sonderlich häufig werden die Teile zumindest in Ostberlin nicht mehr genutzt …

Bars, Cabs ’n‘ Customers

„Is this all?“

„What Do you mean?“

„Here’s just cabs.“

„Guess you’re right …“

War definitiv eine der cleversten Anfragen, die ich je an einem Taxistand gehört habe …

„But where are all the bars?“

„When I would tell you I ate them, you would not believe me, right?“

„Äh …“

Das Problem, das die vier Mädels hatten, war schnell ausgemacht: Sie wollten was trinken gehen und hatten den an und für sich ja nicht doofen Tipp bekommen, zum Ostkreuz zu fahren. Aber wie das so ist mit fremden Sprachen … ja, sie sind am Ostbahnhof ausgestiegen. Wenn man bedenkt, dass sie mit der Logik auch am Westkreuz hätten landen können, ging es eigentlich noch. Ich hatte es nicht eilig, war nicht einmal erster, da hatte ich Zeit, ihnen zu erklären, wie sie nun dahin kommen würden. Und wie das Schicksal so will: Sie wollten dann, jetzt wo sie mich schon mal kannten, wissen, wie viel ein Taxi kosten würde.

Ich hab spontan die Summe von 10 € in den Raum geworfen, wobei ich eigentlich eher auf 9 getippt hätte. Als sie mich ein wenig ungläubig angesehen haben, hab ich nachgelegt und gemeint, ein Euro weniger müsste schon auch hinkommen – außerdem könnte ich sie ja auch ein paar Meter vorher rauslassen, es wären schließlich genug Bars auf dem Weg dorthin.

„And you would take us there? For 9 €? Really. So all in all for 36 …“

Mann, was für ein dämlicher, weit verbreiteter Irrtum!

„No, 9 € all in all. For 4 Persons. Not more, that’s all!“

In solchen Momenten sitzen Fahrgäste ja schneller im Auto als man selbst mit seiner Übung da reinkommt. Auf dem Weg Richtung Osten hab ich ihnen ungefähr zehnmal erklärt, dass das jetzt kein Supi-Spezialpreis sei und es einfach auch nur ein kurzer Weg wäre. An der Simon-Dach-Straße wurden dann langsam Aussteigewünsche angemeldet. Ist ja kein Problem – obwohl ich die zwei Euro mehr natürlich gerne noch gehabt hätte. Ich wollte nur eines zu Bedenken geben:

„I just thought, I bring you to the station, just that you know, how to go home.“

„Pfft! We take a cab! How much will it be to the Grand Hotel Esplanade?“

„Well, maybe 20 €? 2 € more or less …“

Da wird sich irgendein Kollege sicher über die lukrative Winkertour am späten Abend gefreut haben. Da hab ich zwar nichts direkt von gehabt, aber mal im Ernst: es ist gar nicht so schwer, neue Kundschaft zu werben. Und hey, 2,80 € Trinkgeld gab es schon für mich – einen Grund zu meckern hatte ich also auch nicht wirklich! 😀

Auch nicht mehr …

„Ich möchte zum Ibis-Hotel. Das an der Schillingbrücke.“

Man kann jetzt schlecht sagen, dass das Begeisterungsstürme hervorgerufen hättet. Das ist schließlich eine Tour von 500 Metern etwa und ich werde nach wie vor nach Umsatz bezahlt. Aber so sind die Kunden eben … und sie war zudem verzweifelt. Dass es irgendwo hier sein müsste, wisse sie schon – aber nachdem sie jetzt in dem Gewerbegebiet gelandet sei …

Ich bin ja insofern immer froh, wenn Kunden bei mir landen, als dass sie nicht in Zukunft Taxen verschmähen, weil es nicht weit ist. Aber klar, im Einzalfall kann das weh tun. Und dann das:

„Machen Sie das als Kurzstrecke?“

„Nee, sicher nicht. Das geht nicht vom Stand! Aber seien sie beruhigt: das kostet auch so nicht mehr …“

War ja nicht gelogen.

Am Hotel, 4,00 € auf der Uhr, hielt ich an.

„Ach, das is ja wirklich ums Eck! Na, dann machen ’se mal 6, weil sie ihren Platz für mich geopfert haben!“

In Anbetracht der Tatsache, dass ich nun von der Chose ähnlich viel hatte wie von einer 10€-Tour ohne Trinkgeld, weiß ich einmal mehr wieder, weswegen ich das hier schreibe. Es ist ja nicht allzu schwer, auch uns Taxifahrer glücklich zu machen. Man muss es nur wissen, ne?

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Sympathie ist viel wert …

„Ich hab das jetzt ja auch nur gemacht, weil Du mir, sag ich jetz‘ mal so, sympathisch warst.“

Was gemacht? Mir die Schicht gerettet!

Der Freitag Abend soll ein schlechter Freitag gewesen sein. Nahezu alle Kollegen prahlten selbstmitleidig mit hammerschlechten Umsätzen. Ich stand etwas deplaziert und debil grinsend daneben. Der Grund war meine dritte Tour an dem Abend. Eine, über die ich mich gleich zu Beginn gefreut hatte. Eine junge Frau (tatsächlich ein paar Jahre älter als ich) hat mich im Boxhagener Kiez rangewunken und mit der Aussage, sie möchte keine 10 Minuten auf den Bus warten, zum Ostbahnhof geschickt. Gute Idee, denn da wollte ich sowieso hin.

Während der 7€-Tour kamen wir recht schnell ins Gespräch. Auf den Zug müsse sie noch eine Stunde warten, aber wenigstens gäbe es im Bahnhof Speis und Trank. Am Zielbahnhof würde dann allerdings auch nur wieder ein nasser Motorroller warten. Danach aber – endlich – ein gemütliches Heim mit 3 Katzen und somit der lang ersehnte Ruhepol nach mehr als 12 Stunden Arbeit!

In Fürstenwalde.

Ich hatte dann nur beiläufig erwähnt, dass ich vor kurzem auch in Fürstenwalde gewesen wäre, leider mit einer eher unzufriedenen Kundin, die dem Hunni sehr hinterhergeweint hätte. Der Sieg war meiner, das ahnte ich bereits als sie fragte:

„Echt, ’nen Hunni würde des kosten?“

Als wir am Ostbahnhof auf die Vorfahrt rollten, war der Gedanke so fest eingepflanzt (und nein, ich hab es nicht forciert!), dass ich einfach frech sagen konnte:

„Also ICH würde mich natürlich freuen, sie nach Fürstenwalde zu bringen!“

Die Antwort kam schnell:

„Dann machen wir das doch jetzt einfach!“

Zack, Bombe! Ungelogen 5 Meter vor dem ursprünglichen Ziel hab ich gewendet und bin gen Südosten davongeschossen.

Die selbe Hammertour noch einmal, nun jedoch mit einer frisch verliebten und redseeligen jungen Frau an Bord, mit der wieder sehr schnell die Arbeit nicht mehr wie Arbeit wirkte. Zwischenrein ein Halt an der Tanke für Bier und fortan ein langes Gespräch über Beziehungen und die Liebe nebst vor sich hinratternder Uhr. Herrlich!

Wie viel besser kann es einem als Taxifahrer ergehen, als wenn man nach einer Tour 105 € ausgehändigt bekommt mit der recht eindeutigen Aussage:

„Es war mir ein Fest!“

Genau. Gar nicht! 😀