Auswurf, braun-rot

„Eine Leiche gibt’s immer…“

lächelte die junge Dame gequält, als sie einen massiven Typen auf die Rückbank schiebt. Der ist nicht mehr in allerbestem Zustand, grenzwertig auf jeden Fall. Aber lasse ich die Kunden jetzt stehen? Verzichte ich auf das Geld? Vertraue ich den Aussagen, er würde es sicher packen? In diesem – wie in den meisten Fällen – hab ich mich zum Transport entschieden, mit einer Mischung aus Verantwortungsbewusstsein und Geldgeilheit. Wie das beim Taxifahren wohl immer der Fall ist.

„Dann ist es aber nicht so gut, wenn er ganz links sitzt – da geht die Tür nämlich nicht auf!“

„Ach, im Notfall sagen wir Bescheid.“

Jetzt springen sicher gleich ein paar Kollegen auf und meinen, dass ich ja hier schon hätte abbrechen können. Gewiss, eine konkrete Gefahr bestand. Aber ich führe diese Dialoge so oft – und es passiert fast nie was. Ich hab mit solchen Truppen schon lustigste Fahrten und beste Trinkgelder gehabt – meist schafft man im Ernstfall ja noch so eine ganz eigene Art „Gefahrenbremsung“.

In diesem Fall war es ein Fehler. Als ich auf Bitten eines Mitreisenden angehalten habe, hatte „die Leiche“ schon lautlos aus dem Fenster gekotzt und eine ansehnliche Spur auf der Außenseite des Wagens hinterlassen. Es folgte eine kurze Pause, einiges an Abwischerei, und ich war immerhin froh, dass kaum etwas im Auto zu finden war. Die Truppe war zudem recht nett, sie kümmerten sich um ihren Freund und ich bekam auch schon den ersten Zehner „fürs Anhalten“ zugesteckt.

Ich hab das mit einem Verweis auf die laufende Uhr abgetan und gesagt, dass wir mal sehen würden, wie wir das hinkriegen. Bisher sah es zudem wirklich so aus, als ob die Geschichte mit einmal Waschanlage erledigt sein würde.

Den nächsten Kilometer verbrachte die Leiche dann auf der rechten Seite, wo die Türe auch von innen zu öffnen ist. Die Bitte zum abermaligen Anhalten kam auch dieses Mal kurz nach Entleerung des Magens aus dem Fenster. Na danke!
Damit waren das Auto, die Laune und absehbar die Schicht im Arsch. Warum hätte ich sie nicht noch eben bis nach Hause mitnehmen sollen?

„Ist nur um die Ecke.“

Diese Ecke maß etwa 3 Kilometer Fahrtweg. Dann standen wir da, und nachdem der Typ sich – trotz einiger Beherrschung in den letzten Minuten – gleich auf der Straße wieder erbrochen hat, ging es ans Bezahlen. Dem netten Beifahrer hab ich nach dem Herumreichen von Tüchern, kurzem Wischen hier und dort Herumgucken dann auch gesagt, dass jetzt natürlich der unangenehme Teil kommt. Ruhig und sachlich, wie das meine Art ist.

Was denn jetzt auf der Uhr stehen würde?

„15,90 €. Aber es ist wohl klar, dass das nicht der Preis ist, über den wir jetzt verhandeln.“

Völlig entgeistert wurde ich von hier und dort angeschaut. Ob ich etwa mehr haben wollte? Außerdem hätte ich ja schon einen Zehner…

Ich hab meinem Beifahrer mit angemessenem Bedauern erklärt, dass mir klar ist, dass das ein unschönes Ende für einen Partyabend ist, aber dass ich auch mein Geld verdienen muss. Dass ich das Auto jetzt erst einmal sauberzumachen hätte, und das – natürlich ausgerechnet – zu quasi der besten Zeit der Woche, zu der ich an jeder Ecke Kunden mitnehmen könnte. Und bei allem Verständnis für ihre missliche Lage: Ich würde nicht auf mein Geld verzichten, nur weil ihr Kumpel einen über den Durst getrunken hätte.

Etwas zögernd reichte er mir einen Zwanziger und erwartete so etwas wie ein

„Alles klar, schönen Abend noch!“

Das hat er natürlich nicht bekommen. Inzwischen wurden die Stimmen ums Auto herum lauter. Vom unangenehm drohenden

„Meister, du hast jetzt 30 €!“

bis hin zu

„Ey, 15 €! Auf dem Hinweg haben wir 5 € bezahlt! 5!“

war alles dabei. Noch viel besser: Ich hätte sie vorher darüber aufklären müssen, was es kostet, ins Auto zu kotzen. Außerdem sei ich selber schuld, weil ich die Kindersicherung links drin hätte. Im Umkehrschluß – als ich erwähnte, dass die Kindersicherung extra dazu da ist, dass Betrunkene nicht einfach auf die Straße springen, war ich dann selber schuld, weil die Kindersicherung ja schon beweisen würde, dass ich Betrunkene mitnehmen würde. Wir erinnern uns daran, wie froh die Truppe vor einer halben Stunde war, dass sie jemand mitgenommen hat, und dass ich auf die Kindersicherung hingewiesen habe.
Der Vorwurf mit den Kosten für die Fahrt ist auch extrem lustig, da sie mir nie ein Fahrtziel genannt, sondern die Strecke unterwegs angesagt haben. Und etwa 5 km Fahrtweg mit 5 Personen zuzüglich etwa 10 Minuten Wartezeit… kommt mir ziemlich tarifgerecht vor.

Aber gut, während der Großteil der Gruppe entweder kotzte oder mir vorwarf, ich wolle sie übelst über den Tisch ziehen, saß mein Beifahrer möchtegerngelassen da und wähnte sich in einer total guten Position. Die 14,10 €, die er mir nun quasi freiwillig obenauf überlassen hat, waren in seinen Augen unanfechtbarer Beweis, dass die Sache nun geklärt ist. Mit einem süffisanten Lächeln wollte er hören, was ich denn nun noch haben wolle. Ob ich etwa glauben würde, er solle mir nun 50 – oder gar 100! – Euro geben.

„Und ob ich das glaube.“

Die Antworten darauf könnte man als Beleidigung auffassen, aber da bin ich hart im Nehmen. Ich hab ihm nochmal erklärt, dass das nicht einmal sonderlich hochgegriffen ist, und ich wenn es nach meinem Chef ginge, die Kiste jetzt sowieso erst einmal professionell reinigen lassen müsste. Dass das wiederum noch mehr Zeit kostet und schnell mal bei mehreren hundert Euro liegt.

Sein Kumpel meldete sich wieder von der Seite und meinte, das eine Mal Waschanlage sei ja wohl von den 30 € locker mitbezahlt.

„Ach ja? Mit den übrigen 14,10 € komme ich auf Uhr gerade mal bis zur Waschanlage. Ohne zusätzliche Kosten und die Zeit, die das dauert!“

„Hör mal, bevor ich hier 100 € zahle, nehm ich dir dein ganzes Auto auseinander!“

„Gerne. Das ist auch eine Möglichkeit! Dann bleibt nur mein Verdienstausfall…“

Aber natürlich spinne ich total, bin unverschämt, ein Arschloch und dergleichen. Er stellte klar, dass er nicht zahlen werde, und ich, dass ich diesbezüglich nicht einverstanden bin und die Polizei rufen werde. Relativ friedlich eigentlich. Auf die Frage, ob ich irgendeinen Namen bekommen würde, bekam ich die Antwort

„Nimm Karl-Heinz oder so.“

Alles klar. Ich stand vor ihrem Haus, ihr Fenster war als einziges beleuchtet und die Haustüre haben sie gnädigerweise geöffnet gelassen, was die beiden angeforderten Streifenpolizisten auch dankbar nutzten, um zu ihrer Wohnung zu gelangen. Und was soll ich sagen? Selten habe ich zufriedener in ein WTF-Gesicht gesehen als heute morgen um 5 Uhr. 😀

Die Personalien sind also ausgetauscht, und zack – keine halbe Stunde später (etwa der Gegenwert der 14,10 €) – konnte ich mich also ans Putzen machen. Ich hab die Uhr angemacht, mir Putzutensilien von der Tanke und von zu Hause besorgt und die Kiste nach allen Regeln der Kunst bearbeitet und pünktlich zum Schichtbeginn meines Tagfahrers flecken- und geruchsfrei am Abstellort bereitgestellt. 70,60 € standen auf der Uhr, und in Anbetracht der Tatsache, dass ich ihnen eine teure Reinigung und (übers Wochenende!) gleich mehrere Tage Verdienstausfall erspart habe, ist eine Pauschale von 100 € fürs Putzen auch nicht unangemessen. Sind dann also irgendwas um die 170 €. Ich bin ja gespannt, ob darüber ein Gericht entscheiden muss, oder an welchem Punkt sie beschließen, es besser sein zu lassen. Beim netten Brief von mir, bei dem vom Anwalt, beim Mahnbescheid?

Mir soll es egal sein, ich hab Zeit.

„inbegriffen“

„Hey, isch geb disch 50 €, wenn du den verprügelsch!“

Dieses freundliche Angebot hab ich an diesem Wochenende ausschlagen müssen. Quasi im wahrsten Sinne des Wortes. Ebenso nicht wirklich angenommen habe ich ein Angebot einer Kotzer-Truppe. Es gab also allerlei Unstimmigkeiten über die Frage, was beim Taxifahren alles an Service inbegriffen ist. Das ist allerdings eine zu lange Geschichte, als dass ich sie jetzt – wo mir die Schlafenszeit sowieso davonrennt – mal kurz niedertippen könnte.

Morgen dann – aber es wird sich lohnen 😉

Sehr glücklich

Fahrgäste zufrieden stellen…

Wie macht man das eigentlich? Ganz einfach: Man macht seine Arbeit vernünftig. Sicher, den ein oder anderen Meckerer würde es nicht einmal zufriedenstellen, wenn man kostenlos einen Monat sein höriger Haussklave wäre, manch schüchternes Kerlchen möchte am liebsten gar nicht beachtet werden und würde alle Bedingungen akzeptieren, um irgendwie heim zu kommen.

So in etwa war der Typ drauf, den ich am Treptower Park aufgegabelt habe. Nach Moabit wollte er. Er war zwar etwas erstaunt, dass ich als Preis 20 € genannt habe, aber als er dann auf dem Navi gesehen hat, dass es gute 10 km Fahrtweg sind, war der Preis schon nicht mehr der Rede wert. Ab da war er nur noch verwundert, wieso er „so weit weg“ war.

Ich hab versucht, ein bisschen mit ihm ins Gespräch zu kommen, immerhin hat er mir erzählt, warum er in Berlin ist, wie lange schon und ein paar andere Kleinigkeiten. So wirklich eine lockere Atmosphäre wollte sich indes nicht einstellen, nach jedem 3. Satz stellte er klar:

„Oh Mann, bitte bring mich einfach nach Hause, sonst komm ich nie nach Hause, bitte bitte!“

Natürlich hab ich ihm geduldig versichert, dass ich ihn auf dem kürzesten Weg und auch so schnell wie möglich heimbringe. Wirklich beruhigt hat es ihn nicht. Als wir am Brandenburger Tor waren, zeigte er sich kurz überrascht:

„Wow, wir sind ja wirklich hier. Wahnsinn? Wie haben sie das denn gemacht?“

Eine seltsame Frage, wenn man seit gut 10 Minuten miteinander im Auto sitzt. Aber er verfiel auch gleich wieder in Pessimismus und meinte:

„Dann, o Gott, dann ist das ja noch voll ewig, bis wir endlich zu Hause sind!“

Dass er nicht geweint hat, war alles. Ich hab ihn gefragt, ob ich ihm helfen könne, woraufhin er mehrmals betonte, er wäre schon „sehr glücklich“, wenn ich ihn einfach nur heimbringen könnte. Zwischenrein bemängelte er denn, dass der Abstand zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule viel zu lang sei und sprach laut die Straßennamen mit, die wir passierten, ohne dass er damit eigentlich etwas anzufangen wusste.

Rund einen Block vor seinem Zielpunkt bat er mich dann, dass ich ihn aussteigen lasse. Ich verwies darauf, dass sein Haus hier nur ums Eck sei, worauf er sagte, sein Haus liege in die andere Richtung, aber das wäre echt super, dass ich ihn wirklich heimgebracht hätte. Naja, gute Miene zu blöden Worten und bei 20,20 € war die Fahrt damit vorbei.

Es gab noch ein ordentliches Trinkgeld und der Typ ist schnellen Schrittes verschwunden. Ich bin dann ein paar Sekunden später an der Adresse vorbeigefahren, die er mir eingangs genannt, zum Ende aber verneint hat. Vielleicht lag es ja daran, dass es so runtergekommen aussah. Ich hoffe es. Aber sehr glücklich war er wohl irgendwie eher nicht.

Freunde

Ich bin ja einer der Menschen, der noch nie Probleme hatte, in einen Club zu kommen. Das liegt in erster Linie daran, dass ich in meinem Leben bisher erst in vielleicht 6 bis 8 Lokalitäten war, die sowas wie ein Club sein könnten. Bei manchen bin ich auf der Klassenfahrtsschiene mittels Gruppenticket hinter den knapp bekleideten Damen hindurchgeschlüpft, der Rest waren entweder Läden mit befreundeten Türstehern oder Clubs, in die sonst niemand gehen wollte.

Eines jedoch hatte ich nie: Das Problem, dass mich meine Freunde haben stehen lassen. Verdammt, die Leute, die ich als Freunde bezeichne, haben sich die Möglichkeit eines kostenlosen Metallica-Konzerts entgehen lassen, als dieser verfickte Security-Futzi beim Blindman’s Ball in Stuttgart von all den geschnorrten Eintrittskarten fremder Leute ausgerechnet meine bemängeln musste.

Nicht so mein Kunde. Voll wie ein Öl-Tanker vor der Havarie hangelte er sich an imaginären Stangen durch die Luft am Ostbahnhof auf mein Taxi zu. Er wollte wissen, was eine Fahrt nach Mariendorf kosten würde und stellte fest, dass sein Portemonnaie bei allen erdenklichen Antworten nach Auftanken schreit.

Alles Routine. Ich hab ihm den Preis genannt, er mir eine Bank, zu der wir fahren könnten. Die wenigen Sätze, die er rausgebracht hat, waren allesamt nicht gerade Hochsprache. Er wäre in den Club als einziger nicht reingekommen – weil er zu betrunken sei. Diese Einschätzung war so verkehrt wohl nicht.
Seine Kumpels haben sich allerdings nicht darum gekümmert, irgendwie ist sogar einer der Leute mit seinem Ausweis reingekommen. Ja, und jetzt wären sie alle am Feiern, und er sitzt hier blöd rum. Ab nach Hause! Scheiß Abend!

Wenn ich was halbwegs passabel auf die Reihe kriege, dann ist es jedoch zuhören. Und nicht nur das: Manchmal verstehe ich sogar, was die total betrunkenen Kerle so sagen. Ich kann nur sagen, dass der richtige Spruch an der richtigen Stelle auch mal Wunder bewirken kann.

So änderte sich der Abend für ihn doch noch. Nüchtern ist der Typ nicht mehr geworden, wahrscheinlich war er am übernächsten Tag noch nicht wieder arbeitsfähig. Aber für seine Fahrt stand ein Fünfer weniger auf der Uhr als sonst und er hat sich mit guter Laune an einem anderen Club absetzen lassen, wo er wusste, er kommt rein. Da hat er sich wohl noch mit ein paar anderen Leuten getroffen und wahrscheinlich sogar noch weitergetrunken. Der Kollege, der ihn von dort dann mitgenommen hat, war dann zwar glücklicherweise jemand anders – für mich war das Ende doch irgendwie heiter.

Und dass ein Fünfer weniger auf der Uhr steht, heißt ja nicht, dass ich einen Fünfer weniger bekommen hätte…

Donald und das Gift

So, das Wochenende bietet erfahrungsgemäß wenig Zeit zum Bloggen – aber eine Fahrt vom Freitag muss ich dringend noch unter die Leute bringen. Ich hatte eine frühmorgendliche Ostbahnhof-Kurzstrecke für nicht ganz 6 € zur Warschauer Straße hinter mir. Da hab ich dann beschlossen, mal einen Blick in die Revaler zu werfen.

Das hätte ich mir vielleicht besser erspart. Wenn man morgens als Taxifahrer durch die Revaler Straße in Friedrichshain gurkt, dann kann man einiges erwarten. Eine bunte Mischung an Partygängern aus verschiedenen Clubs watschelt über die Straße, und insbesondere der Beleuchtung wegen ist es eine der Straßen, wo ich die erlaubten 50 km/h eigentlich nie ausreize.

Ich war also auf der Suche nach irgendeinem verstrahlten Pärchen, das heim nach Kreuzberg wollte. So in etwa stellte ich mir die Fahrt vor. Die Nacht war bis dato fantastisch gelaufen, dank etlicher Leute auf der Straße wollte ich gar keine lange Tour in einen Außenbezirk, sondern möglichst eine 10€-Tour, die mich nur 10 Minuten kostet, um dann gleich weiterzumachen, wo ich dann lande.

Statt feierwütiger Clubgänger erspähten meine Augen Donald Rumsfeld. Ich nehme zwar an, er war es nicht wirklich, aber er sah so aus. Von den Haaren über die Brille bis zum Körperbau sah er diesem nicht sehr sympathischen Amerikaner sehr ähnlich, er trug einen Trenchcoat und stand so bekloppt auf der Straße, dass ich es kaum beschreiben kann. Nicht nur, dass er mittig die Fahrbahn versperrte, er stand auch mit ausgebreiteten Armen, jedoch stark zu seiner Rechten geneigt, einfach recht reglos im Weg.

Zunächst wollte ich vorsichtig vorbeifahren, doch er versuchte mir den Weg zu versperren. Nicht, dass ich das sonderlich toll fand, aber ich hab dennoch mal das Fenster an der Beifahrerseite runtergelassen und abgewartet, was er zu sagen hatte. Und was er zu sagen hatte, hätte irritierender kaum sein können. Insbesondere in Kombination mit dem Wie!

Während er die Arme weiterhin ausgebreitet ließ, beugte er sich seitlich herunter und nuschelte aus einem Mundwinkel mit sonst fast starrem Gesicht:

„Brings‘ mich Krankenhaus? Gift!“

„Wie bitte?“

„Brings‘ du mich Krankenhaus. Gift!“

„Wie, Gift?“

„Jemand hat mich vergiftet!“

Na heilige Scheiße. Wat machste nu?

„Äh… welches Krankenhaus denn?“

„Is egal, bring mich nur ins Krankenhaus! Irgendeins!“

Etwas überfordert bin ich die Optionen durchgegangen. Notarzt wäre vielleicht nicht unsinnig gewesen, aber mir fielen auf Anhieb 3 Krankenhäuser in 10 Minuten Umkreis ein. Also bei optimistischer Auslegung der Verkehrsregeln. Ich hab mich für das Klinikum im Friedrichshain entschieden, weil es am günstigsten zu erreichen war, und ich da zudem schon mal an der Rettunsstelle war, und die nicht erst hätte suchen müssen.

Donald kraxelte ins Auto, ziemlich steif, die Arme nach wie vor mehr oder minder ausgebreitet. Ging aber erstaunlich gut. Sah halt völlig bekloppt aus. Ich war mir ziemlich sicher, dass er einfach betrunken ist und vielleicht einen Hexenschuß in Kombination mit Paranoia hat – also nix wirklich ernstes. Aber man weiss ja nie. Während den etwa 3 Minuten, die ich von der Revaler bis zur Mühsamstraße etwa gebraucht habe…

(Hier dürfen die Tagfahrer ein bisschen weinen)

…hab ich versucht, ein paar nähere Infos aus ihm herauszubekommen. Wo er war, wer ihn vergiftet hat, was ihm eigentlich fehlt. Die Antworten waren weitgehend wertlos. Vielleicht war er ja doch wenigstens Politiker. Er war was trinken. Wo, weiss er nicht, ebensowenig wer ihn vergiftet habe. Er könne sich nicht mehr bewegen. Ins Krankenhaus. Schnell!

Irgendwann meinte er dann noch, ihm sei schlecht. In meinem Kopf spukten Gedanken umher, wie es aussehen muss, wenn der Kerl mit erhobenen Armen messiasgleich neben der Straße beginnt, sich von seinem Essen zu verabschieden. Ich konnte den Gedanken allerdings bei weitem nicht ausreichend genießen.

Da sackte er plötzlich mit einem Stöhnen in sich zusammen und fragte, wo wir wären und wo wir hinfahren.

„Äh, wir sind auf der Petersburger. Ich biege jetzt da vorne an der Landsberger links ab und dann sind wir gleich am Krankenhaus.“

„Fahr mich mal zur S-Bahn!“

„Wie jetzt? Kein Krankenhaus?“

„Nee, lass mal. Geht schon wieder.“

„Geht schon wieder? Ich dachte, sie wurden vergiftet!“

„Ja, vielleicht. Aber geht schon wieder. Ich hab ja schon oft zu viel, aber sowas… wow!“

„Ja… wow…“

Ich hab ihn dann auf vermehrtes Drängen hin zum S-Bahnhof Landsberger Allee gebracht. Dort angekommen hatte ich 7,60 € auf der Uhr und der Kerl war eigentlich immer noch ziemlich verstrahlt. Aber wahrscheinlich waren es eben doch nur 3 Bier zu viel. Naja, vielleicht 4.

„Wat krissn?“

„7,60 €.“

„Ok.“

Er kramte in seinem Geldbeutel und förderte einen Fünfer zu Tage. Er begutachtete ihn und meinte:

„Zu wenig.“

Da war was Wahres dran. Er nestelte weiter in seinem heiligen Lederbeutel, öffnete das Kleingeldfach und sagte:

„Auch zu wenig.“

Dann sank er grinsend in sich zusammen. Da er erst einmal keine Anstalten machte, diesen Zustand zu ändern, fragte ich ihn, was nun sei. Plötzlich strahlte er übers ganze Gesicht, so als hätte er irgendwo im Hinterland geheime Massenvernichtungswaffen gefunden und verkündete:

„Haha! Jetz‘ kommt die Schummelkasse!“

Er öffnete das „Geheimfach“ an seinem Portemonnaie und sah mich mit herunterhängenden Mundwinkeln an:

„Auch leer…“

Na meine Fresse! Ist ja klar! Ich scheine die Bekloppten ja mal wieder anzuziehen. Eine Minute später war nicht nur meine Geduld zu Ende, sondern er hatte auch noch mehr oder minder glaubhaft versichert, dass auf der Bank nix zu holen sei. Also was tun?

Entweder ich hole die Cops, und in einer Dreiviertelstunde bin ich hier weg. Dann krieg ich irgendwann meine 2,50 € überwiesen und wir sind alle genervt. Oder…

„Na komm, hau ab!“

„Ehrlich?“

„Pass mal auf: Ich mach den Job, um Geld zu verdienen. Und wenn ich das von dir nicht krieg: Die da vorne am Hotel sehen aus, als könnten sie ein Taxi brauchen. Ich hab jetzt keinen Bock auf großen Stress, also haste mal Glück gehabt. Begeistert bin ich nicht, aber du versaust mir meinen Umsatz mehr, wenn wir jetzt um die Zwofuffzich einen Aufstand machen. Also hau ab!“

2,50 € für eine gute Geschichte. Nicht schön, normalerweise gibt es die umsonst. Aber entweder ich zapfe meine 27 € Trinkgeld für den Quatsch an oder ich lass mir die Kohle als Fehlfahrt gutschreiben. Ist ja kein Weltuntergang. Da ich nach der Tour aber noch mal zackige 50 € Umsatz in den letzten eineinviertel Stunden gemacht habe, sollte auch Cheffe mir diese Nachsicht verzeihen können 😉

Neujahr, 1:15 Uhr

Ich habe die Silvesterschicht nach einer ausgiebigen Fotosession mit viel Feuerwerk gerade begonnen. Die Luft ist noch schwefelgesättigt und die zahllosen Kanonenschläge künden vom Beginn des neuen Jahres.

Bereits nach rund 300 Meter Fahrt (mehr als ich erwartet hatte) werde ich am Marzahner Bahnhof angehalten. 3 Junge Leute, zwei männlich, eine Frau, sprinten von der Straßenbahnhaltestelle zum Auto.

„Darf ich bei dir rauchen?“

ruft es über die Straße. Ach nee, nicht gleich Stresser zu Beginn! War aber Fehlanzeige. Das Rauchverbot wurde beachtet, die Stimmung war gut.

„Wo soll es hingehen?“

„Na da, wo Adda wohnt!“

Klasse, so kommen wir ins Geschäft. Denke nach, kenne jemanden, der so ähnlich heißt. Knapp 700 km. Ist mir eigentlich zu weit.

„Und wo genau wohnt Adda?“

„Fahr mal Schöneweide!“

Na also, das ist doch schon mal fast sowas wie eine vernünftige Ansage. Die Fahrt vergeht mit gemütlichem Smalltalk, bis verhalten die Frage gestellt wird, ob Musik machbar sei. Klar, wer will schon Silvester feiern ohne Musik. Mein Geschmack ist es nicht, die Kundschaft dagegen rockt ab, nur der Kollege direkt hinter meinem Sitz mümmelt sich auf dem Sitz zusammen und möchte lieber schlafen.

„Mach doch mal Party, Schaaatz!“

brüllt es vom Beifahrersitz. Dem uninteressierten Neujahrsschläfer wird Alkohol angeboten, beim nächsten Lied schon sind sie beim kollektiven Kopfnicken auf der Rückbank. Es wird laut, bleibt aber friedlich, die Party geht wohl bei Adda noch ein bisschen weiter. Meine Schicht auch. Nur nicht bei Adda.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Kalle!

„Jetz steig hier ein, ick zahl ditt ja ooch. Als wenn ick keen Jeld für ne Taxe hätte…“

Das kann ja lecker werden. Die Gegend ist eine der letzten Gegenden in Berlin, wo ich Wert auf Einsteiger lege, und nun scheint sich das personifizierte Intelligenz-Prekariat in mein Auto zu ergießen, nur weil diese doofe Ampel rot ist.

Ja, ich gebe es zu: So in etwa habe ich gedacht, als Kalle bei mir eingestiegen ist.

Er war genau so, wie man sich das Leben der HartzIV-ler in all den „Doku-Soaps“ ansehen kann, er wirkte wie gescriptet, fast schon übertrieben. Zu laut, zu grob, zu ungepflegt, zu angetrunken…

Aber es offenbarte sich einmal mehr, dass ein bisschen Hinterherhinken noch keinen schlechten Menschen ausmacht.

Zu Beginn dachte ich noch, Kalle hätte sich eine polnische Prostituierte ins Auto gezerrt, alsbald war aber klar, dass dem nicht der Fall war. Nein, bei weitem nicht. In irgendeiner Form ist eine Party bei ihnen mächtig schief gegangen. Kalles Angetraute scheint wohl für eine Menge Stunk verantwortlich gewesen zu sein, und die nicht deutsch sprechende Begleitung war wohl ihre beste Freundin und am Boden zerstört.

Und Kalle wollte nichts weiter, als sie unbeschadet nach Hause zu bringen.

Er stellte mir gleich in Aussicht, dass es wieder zurückgeht, nachdem wir sie abgesetzt haben, und so kam es dann auch. Dabei war die Tour mit 17 € oneway schon gar kein schlechter Griff für mich.

Am Zwischenziel hielten wir an, Kalle wollte unbedingt sicherstellen, dass seine Bekannte von ihrem Freund auch reingelassen wird – sprich: dass er da ist – und zu diesem Zwecke befahl er eine Zigarettenpause.

Er legte mir gleich einen Fuffi aufs Armaturenbrett, um mir klar zu machen, dass er nicht abhauen werde. Er betonte, dass ich das Taxameter ja laufen lassen sollte – was ich gerne getan habe, aber im Falle einer beidseitigen Zigarettenpause durchaus auch mal eine Ausnahme mache…

Dass er so oft betonte, er habe das Geld ja, hatte auch einen handfesten Grund: Er wollte zunächst bei einem Kollegen von mir einsteigen, dieser hat ihn wohl jedoch recht rüde gefragt, ob er überhaupt Kohle hätte, sonst bräuchte er gar nicht erst einsteigen.

Naja… ganz so übel sah Kalle dann doch nicht aus.

Naja, jedenfalls hatte ich so eine eigentlich relaxte 30€-Tour mit einem aufgekratzten Kalle, der ständig betonte, dass er Probleme habe, von denen ich gar nichts wissen will, und natürlich dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit ist, für eine Dienstleistung wie Taxifahren zu bezahlen.

Nicht unanstrengend, aber in Ordnung. Und lukrativ.

Kalle hat mich noch nach meiner Nummer gefragt, und ich hab sie ihm gegeben. Für den Fall aller Fälle. Normalerweise melden sie sich nicht wieder. Normalerweise verlaufen solche Touren aber auch anders.