Geldautenmat

Hat sich das Anstellen am Matrix also doch noch gelohnt. Ich war seit Monaten nicht mehr dort, entweder weil es sich nicht ergeben hat, oder weil ich keine Lust hatte. Passiert. Mein Kunde war Schotte. Ohne Kilt, aber somit immerhin auch ohne Nichts drunter. Hat ja alles Vor- und Nachteile 🙂

„I need to go zu den Europacenter, but I ich brauche ein Geldautenmat.“

Klar, kein Problem. Der Kerl hatte ordentlich einen im Tee, war aber ein wirklich total Netter. Ich hab ihn dann an der Skalitzer Straße an der Postbank Geld holen lassen – es ist mir einfach lieber, wenn ich den Eingang im Blick habe, wenn jemand mein Geld holt.

Nur für mich alleine sollte es gar nicht sein. Er wolle noch in einen Strip-Club. Den Plan hat er unterwegs aber auch wieder verworfen. Naja, egal. Irgendwann nachdem er mir erzählt hat, dass er schon das dritte Mal in Berlin sei, hat er dann kleinlaut gestanden:

„Well Guy, I’m really sorry I don’t speak German. But I want to learn it!“

Über das Thema hatten wir es dann eine Weile. Ich hab ihm zu Bedenken gegeben, dass Deutsch – insbesondere für englischsprachige Menschen – eine durchaus schwere Sprache wäre. Die erstaunliche Antwort von seiner Seite aus war dann:

Das sei ihm bewusst. Aber gerade deswegen würde es ihn so freuen. Das Schwierige an der deutschen Sprache wäre die Grammatik, und er sei ein großer Freund von Grammatik. Außerdem könnte seine Mutter ganz gut Deutsch und da könne er sicher viel lernen. Binnen weniger Minuten hätte der Kerl in seiner Euphorie beinahe mich als bekennenden Grammatik-Muffel überzeugen können, dass es nichts erstrebenswerteres gibt, als eine noch kompliziertere Sprache zu lernen.

Er war richtig gefuchst, dass auf der Insel offenbar kaum jemand sich die Mühe macht, eine andere Sprache zu lernen. Er spreche immerhin auch Französisch, obwohl er – da traten dann wohl doch alte Feindschaften zu Tage – NIEMALS Französisch sprechen würde! So ganz gestimmt hat das nicht. Er hat sich bei mir dreisprachig verabschiedet 😀

Es sind seltsame Vögel, die im Matrix unterwegs sind. Glücklicherweise sind auch solche wie er dabei…

Kleines Off-Topic-PS:
Los, wer von euch war der Spaßvogel mit der Danksagung am Ostbahnhof dieses Wochenende? So gefährlich, dass man gleich weiterrennen muss, sind Taxifahrer gar nicht. Auch nicht im Rudel!
Was ich eigentlich sagen wollte: Es hätte sich gelohnt, denn die Fragezeichen, die den Kollegen auf der Stirn standen, als sie darüber sinnierten, was „Blogeinträge“ sein sollen, waren unglaublich lustig 😀

Hundeblick

Ich glaube, Tom Gerhardt war es, der vor mindestens 20 Jahren einen strunzdummen Witz machte und über die „Eingeborenen in Mallorca, Spaniel oder so“ etwas sagte. Dass sich dieser Spruch irgendwie in meinem Gedächtnis halten konnte, liegt ausschließlich seinem unterirdischen Niveau. Dass er aber aus meinem Unterbewusstsein wieder hervorgepurzelt ist, hatte ich einer Truppe junger Spanier zu verdanken. Und eben einem Hund.

Die Spanier hab ich an meiner Stammhalte am Ostbahnhof mehr oder minder aufgesammelt. Es war eine fünfköpfige Gruppe, eine von denen die auf meine Aussage, ich könne schon fünf Leute mitnehmen, sofort zu viert auf die Rückbank springen. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob es nicht sogar alle fünf waren. Das Spiel ist jedes Mal dasselbe: Ich warte ein paar Sekunden, bis sie ihre Beine sortiert haben, setze ein nettes Grinsen auf und verlange, dass alle wieder aussteigen. Anders kann ich nunmal nicht an den Zusatzsitz ran…

Sonderlich auffällig verhalten haben sie sich nicht. Sie wollten zum Weekend, und als ich ihnen gesagt habe, dass das auch mit dem letzten im Bunde unter 10 € bleibt, war ich sowieso der Held des Tages. Normalerweise setzen so große Truppen den größten Töffel ganz nach hinten, damit er ein bisschen an der Rückbank rumkauen kann, wo ich es nicht sehe (nicht lachen, ich hab tatsächlich mal ein wenig Sabber und sowas ähnliches wie Zahnabdrücke dort gefunden!), aber nicht diese. Die haben den größten Töffel direkt neben mich gesetzt, wo der junge Mann ein eindrucksvolles Studienobjekt für mich abgab.

Wieviel seiner Aussagen letztlich sinnvoll waren, kann ich als nicht spanischsprachiger Mensch nur bedingt beurteilen, aber schon seine insgesamt 3 Minuten Lebenszeit kostende Rechnung, wieviel jeder nun zu zahlen hätte (Wir erinnern uns: 5 Leute, 10 Euro…) wies mir in etwa den Weg bei meiner Beurteilung. Mit der Frage

„You’re really a cabdriver?“

hat er sich nicht gerade aus dieser Schublade befreien können, in die ich ihn vorschnell einsortiert hatte. Als wir dann die ersten Ausläufer des Alexanderplatzes in Sichtweite hatten, kam zusätzlich der Hund ins Spiel. Der befand sich im Kofferraum eines Autos vor uns und stand dort auch bei einem Ampelstopp träge in der Gegend herum und kümmerte sich nicht um uns. Verständlich: Ich hätte als Hund in einem Kofferraum auch besseres zu tun als mich um irgendeine x-beliebige Autobesatzung zu kümmern.

Den Töffel juckte das kein bisschen. Der winkte. Und winkte. Und winkte und winkte und winkte und war sich weder der Tatsache bewusst, dass der Hund gelangweilt seinen Blick abwandte, nein ganz offensichtlich war er sich vor allem nicht bewusst, was für ein doofes Grinsen er dabei aufsetzte. Die ganze Chose dauerte glücklicherweise ja nur eine Minute, denn dann standen wir schon vor dem Club. Es war auf jeden Fall einer der Kunden, den ich eigentlich gerne bei der anschließenden Balz gesehen hätte 🙂

Zweisamkeit im Taxi

Wie man hier bei GNIT ja recht umfangreich sieht, kann prinzipiell jede Fahrt unterhaltsam sein. Trotz der ebenso erhöhten Nervgefahr finde ich aber Fahrten mit Pärchen irgendwie erstmal verdächtig im Sinne von blogbar. Meist kommt etwas interessantes dabei heraus, wenn man sich als Dritter plötzlich in einem Personenverhältnis einfindet, das aus zwei Personen besteht. Wobei ich erwähnen muss, dass ich mich höchst ungern und selten in die Kommunikation zwischen den Leuten einmische.

Das absolute Highlight der letzten Zeit war ja zweifelsohne die betrunkene Fast-Braut, die ihre „Heiratsgründe“ so gerne der Polizei gezeigt hätte.

Aber beim Stöbern in der Vergangenheit sind mir noch ein paar andere gute Sachen über den Weg gelaufen. Im Vergleich zu Kollege Carsten hatte ich zwar noch keine der Fortpflanzung dienenden Aktivitäten im Auto, aber darauf lege ich auch nur bedingt wert. Mir reicht es, was ich außerhalb so sehe… 😉

Mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist natürlich das Ehepaar, das sich ein wenig ums Trinkgeld gestritten hat – was mir sehr zugute kam

Eine inzwischen fast schon von mir selbst vergessene Geschichte ist hingegen die vom Italiener, der seinen Gott auf Englisch verflucht hat, weil er an diesem Abend nicht zum Sex gekommen ist (und dessen Flehen scheinbar Gehör gefunden hat) und für alle Umherkommandierten unter den Liierten ist die Geschichte der total liebenswerten Unterstützung bei der Diät sicher ein Lacher.

Aber wie komme ich jetzt drauf? Bei einer völlig unspektakulären Fahrt eines wahrscheinlich noch viel unspektakulären Pärchens neulich in meinem Taxi unterhielten sich die beiden meist flüsternd. Das einzige, was ich verstanden habe, war ein von ihr regelrecht gezischtes:

„Bist du wohl ruhig! Oder willst du unseren Taxifahrer mit deinen lächerlichen Problemen belästigen?“

Wahrscheinlich wäre die Fahrt blogbar gewesen, wenn er es getan hätte 🙂

Kommst du mit?

Es gibt Fahrten, die sind für Taxifahrer entweder besonders stressig oder besonders nett. In meinem Universum sind die meisten davon einfach nett. Der Grund dafür ist simpel: Zum einen mache ich diesen Job mit fast all seinen Widrigkeiten gerne. Da bin ich ein Optimist. Ist kein Kunde da, freue ich mich, dass ich Zeit zum Lesen habe. Ist ein Kunde da, freue ich mich über das Geld. Ist die Fahrt nur kurz, freue ich mich, dass ich gleich wieder frei bin. Macht der Kunde Stress, freue ich mich, dass ich was zu bloggen habe…

Ich nehme nunmal gerne die Vorteile wahr und abgesehen davon, dass ich sicher nicht das finanzielle Maximum aus dem Job raushole, hat das erstmal keine negativen Auswirkungen. Eine Tour vom vergangenen Wochenende könnte als Vorzeigebeispiel dienen:

Ich stand in dritter Position am Ostbahnhof, als sich eine junge Frau durch mein Beifahrerfenster lehnt. Noch bevor ich irgendwas in die Richtung unternahm, war es mir erst einmal peinlich, dass ich in ihren Ausschnitt sehen würde. Selbsterfüllende Prophezeihung nennt man das wohl.

„Hi!“

„Hallo!“

„Ähm!“

„Oh, haben sie Gepäck?“

Ich saß immer noch im Wagen und schielte an Gesicht und Schultern vorbei auf ihren Rücken, konnte die Maße des Rucksacks aber nicht einschätzen.

„Nee, aber puh!“

Dass das kurios wird, lies sich unschwer erahnen.

„Fährste mich bis Ecke Grünberger?“

„Klar.“

OK, hätte eine der üblichen pseudopeinlichen Kurzstrecken-Anfragen werden können. Wurde es aber nicht. Sie schwang sich freudig und mit einem Übermaß an Energie ins Auto. Betrunken. Und zwar ziemlich!

„Das is, das is gut. Weil wenn weil ich hier… ich verkack das gerade alles!“

„Was denn?“

„Ich muss zur Ecke Grünberger und da wohn ich. Wie wir das mit deinem Geld machen, müssen wir mal sehen!“

Da greift oben genanntes: Nur eine kurze Strecke, also bin ich bald wieder frei. Sollte es Ärger geben, hab ich was zum Bloggen und zudem: Kurze Strecke, wenig Geld, wenig potenzieller Verlust! Also alles super! 🙂
Sie bemängelte es zwar, dass ich ihren Zustand komisch fand, verhedderte sich allerdings meist zwischen den Aussagen, dass sie mir für meine Hilfe „alles auf der Welt“ geben würde und dass „wir das mit dem Geld mal klären“ müssten.

An ihrer später und nach – für den kurzen Weg – relativ langer Diskussion ermittelten Adresse nannte ich dann den Fahrtpreis und sie bemerkte treffsicher:

„Ich bin in Taxi, oder? Scheiße ey, ist das krass!“

Das hat aber keine große Rolle gespielt, schließlich wollte sie mich ohnehin bezahlen 🙂
Geldbeutel war nicht vorhanden, folglich auch kein vernünftiges Pfand oder so. Aber die Lösung war offensichtlich:

„Kommst du mit?“

„Na klar.“

Ich parkte das Auto für eine Tour von 6,40 € mitten auf der Straße im Boxhagener Kiez, zweifelsohne locker 15 € Ordnungsgeld wert. Aber nee, das wollte ich jetzt sehen! Sie stolzierte voran, öffnete die Haustür mit einem beherzten Tritt und nach einem langen Flur, der Berlins umfangreichste Tag-Sammlung beinhaltete, gingen wir zum Hinterhaus, wo sie zunächst in einer dunklen Tür verschwand, um mir Sekunden später Licht anzumachen.

Den Weg die etwa 3 Stockwerke hoch verbrachte sie mit gelegentlichen Nachfragen, wer ich eigentlich sei und einem formschönen Flug auf die Schnauze. Tat ihr auch alles furchtbar leid und außerdem war sie dankbar, dass ich ja so nett sei. Na dann…

An ihrer Wohnung angekommen schloss sie erstaunlich fehlerfrei auf. Ich verharrte im Hausflur, bzw. auf der Türschwelle. Die Tatsache, dass sie mir Geld schuldete, hätte ich sicher als Berechtigung zum Eintritt in die Wohnung sehen können, aber ich weiss die Privatsphäre in meiner eigenen zu sehr zu schätzen, um ihr wegen 6,40 € auf die Pelle zu rücken. Unnötig.

„Komm rein!“

Ich betrat eine dieser typischen liebenswürdig chaotischen WG-Wohnungen. Abgeratzt bis zum Geht-nicht-mehr, aber auf urige Weise sehr gemütlich. Eine Wohnung, wie man sie vor den Eltern verstecken muss, vor den Freunden aber damit prahlt. Nun standen wir beide in ihrer Küche, ein paar Fliegen schwirrten um die 4 verlorenen Tomaten in einer Discounter-Pappbox auf dem Herd, und sie fragte mich abermals, wer ich eigentlich sei und vor allem, weswegen ich hier bin. Wahrscheinlich hätte ich sagen können, wir hätten uns im Club kennengelernt und wären zum Vögeln hier. Die drei Gründe, die dagegensprachen waren zweifelsohne: Meine Freundin, die mir auch nicht alles durchgehen lässt, mein Auto im Parkverbot und sowas ähnliches wie Moral.

Ich hab ihr also gesagt, dass ich der Taxifahrer bin und noch ein wenig Geld bekommen würde. Sie öffnete ihre Hand, legte dabei ein paar Münzen frei und fragte, wie viel es sei.

„6,40 €.“

„Und… und warum hab ich die dir nicht gleich gegeben?“

Wenn ich das mal wüsste 🙂

„Und was krieg ich jetzt von dir?“

„Leider nichts. Das Geld ist für die Fahrt hierher gewesen.“

Ein bisschen betrübt drückte sie mir 6,50 € in die Hand und umarmte mich.

„Weisst du, du bist ganz schön nett.“

„Ich versuche mein Bestes.“

Ein nettes Grinsen und dann schnell weg!

„Warte warte, ich mach dir das Licht an!“

Und so standen wir dann im Treppenhaus und sie forderte mich auf, sie nochmals zu umarmen. Ich hab ja auch Grenzen. Aber warum nicht? Ist ja dann doch ganz nett 🙂
Nach einer dritten Umarmung und einem Kuss hab ich mich dann aber gelöst und ihr von ein paar Stufen weiter unten noch eine gute Nacht gewünscht. Sie hatte sich noch nicht so recht mit unserer völlig überraschenden Trennung abgefunden, streckte sich theatralisch  mir hinterher und wiederholte, wie verdammt nett ich doch sei. Damit das nicht noch ausartet, bin ich aber wirklich los und hab mein Auto aus dem Parkverbot befreit, bevor die Cops es registriert hatten. Puh!

Aber auch wenn es nur 10 Cent Trinkgeld waren. Verkraftbar wäre das ja auch noch gewesen 🙂

Prenzl’berger Nachteulen

Nach fast 3 Jahren Taxifahren merke ich doch so langsam Fortschritte bei der Ortskenntnis. Immer öfter müssen mir Kunden auch bei Wohnadressen nicht mehr helfen und in Extremfällen kenne ich sogar etwa die Hausnummern. Soweit zum positiven Teil.

Auf der anderen Seite erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich Straßen in denen ich schon zig mal war, wieder vergesse. Bzw. sie nicht genau abspeicher. Auch wenn sie eigentlich in Stadtteilen liegen, von denen ich dachte, ich kenne sie gut. Das ist auch nicht immer schlimm, denn gerade wenn die Anfahrt ein bisschen länger ist, macht es ja auch mal nix aus, ob man jetzt nur weiss, dass das eine Querstraße unter dreien ist oder genau die erste. Je näher das Ziel ist, desto wichtiger wird das jedoch.

So ist mir die Heinrich-Roller-Straße in Prenzl’berg zweifelsohne ein Begriff. Aber mit der Marienburger und der Immanuelkirch bringe ich sie immer noch gelegentlich durcheinander. Doof, das!

Meine Kundschaft habe ich am Frannz-Club in der Kulturbrauerei eingeladen. Als der Name Heinrich Roller fiel, musste ich kurz überlegen. Aber klar, am Besten ist es, kurz 5 Meter zurückzusetzen, um dann rechts ab in die Sredzkistraße einzubiegen. Aber wie genau schlängel ich mich jetzt durch die ganzen Nebenstraßen am Kollwitzplatz? Mist!

Meine junge und äußerst lautstarke Beifahrerin bemerkte meine Unsicherheit, überschätzte diese allerdings maßlos.

„Erstmal fahren wir hier geradeaus!“

„Ähm… gut!?“

Eigentlich ist das Rechtsabbiegen in die Danziger gerade nicht erlaubt, ein kleiner Umweg wäre es so oder so, aber an das Abbiegeverbot hält sich keine Sau außer mir, da könnte ich sicher auch mal eine Ausnahme machen…

„Weiter geradeaus!“

„Ganz bestimmt nicht!“

„Wollen sie etwa mit mir streiten?“

fragte sie ziemlich keck.

„Nein, sicher nicht, aber die Heinrich-Roller liegt an der…“

„Prenzlauer!“

„Genau. Und die ist…“

„Da vorne links!“

„Nein, die ist eher so da hinten rechts.“

„Sie fahren jetzt geradeaus!“

„Ähm, nehmen sie bitte zur Kenntnis, dass ich das höchstens unter Protest tue!“

„Hey, ich hab Geburtstag und ich weiß, wo ich hinmuss.“

Wir waren inzwischen am Fahren. Richtung Pankow, Hamburg, Norden halt. Und die Heinrich-Roller-Straße, die ich so kenne, verschwand immer mehr hinter uns. Ich hab sie gebeten, wenigstens dem Navi zu glauben:

„Sehen sie mal hier: Heinrich-Roller-Straße, Prenzl’berg!“

„Ja, der will auch da vorne links!“

„Sicher will mein Navi das. Das will wenden! Weil wir genau in die entgegengesetzte Richtung fahren!“

„Fahren sie nur mal schön weiter!“

„Ich bitte sie: Lassen sie uns wenden. Ich weiss es sehr zu schätzen, dass sie die Tour zu meinen Gunsten so verlängern, aber sonst kommen wir sicher nie an.“

Das Spielchen dauerte bis zur Wichertstraße. Dann hat sie mich endlich wenden lassen. Puh! Der Rest der Strecke verlief dann so problemfrei wie nur möglich. Gut, sie hielt mir kurz noch vor, ich würde sie bezichtigen, ihr Sturheit zu unterstellen, aber das kann ich Anbetracht des Extra-Betrages gut verkraften. Gezahlt haben sie den Weg anstandslos. Sogar Trinkgeld gab es reichlich und das Whoiswho der nettesten Verabschiedungsfloskeln fehlte auch nicht. Alles in allem eine schöne Sache für mich. Für sie aber völlig unsinnig!

Das Bildchen zeigt recht eindrucksvoll, was ich meine:


Größere Kartenansicht

Vielen Dank gleichfalls…

Ich bin wirklich der letzte, der sich jemals übers Trinkgeld aufregt. Bei den Kunden liegen dankbare Worte und der Wille, das auch mit einem monetären Dankeschön zu verbinden, bisweilen meilenweit auseinander. Da muss man sich dran gewöhnen. Es fällt zwar immer schwer, wenn man einer netten Omi eine halbe Stunde lang ihre Beichte abnimmt und von ihr nach dem Hochtragen des Koffers einfach nicht aus der Wohnung entlassen wird und es doch nur 50 Cent extra gibt – dafür ist es extrem lustig, wenn einem irgendwelche Typen im Halbschlaf „Machste 20“ sagen, weil ihnen das Wort für 12 nicht einfällt.

Nein, ich beschwere mich nicht gerne. Trinkgeld ist eine Freiwilligkeit. Ich freue mich immer, wenn es den Kunden bewusst ist, dass wir auch dieses Geld zum Leben brauchen können – aber ein einzelner Kunde, der nichts gibt (und das tun wirklich die wenigsten), hat noch niemandem den Monat versaut. Aber – lange Rede, kurzer Sinn – manchmal wirkt es dann doch ein wenig unverschämt. Nämlich dann, wenn man sich wirklich über das normale Geschäft hinaus Mühe gibt.

So begab es sich neulich, dass ich am Maria kurz ein paar Mädels rausgeschmissen habe, nur um zu realisieren, dass sofort wieder jemand vor der Türe stand.

„Machste Kurzstrecke zum Berghain?“

Klar. Das Maria hat nicht nur keinen offiziellen Taxistand, nein, mir ist auch nirgends Wartezeit entstanden, also was soll es? Und Normalpreis sollten so 5,00 € bis 5,20 € sein, allzu arm werde ich durch die Differenz auch nicht. Ich fahre zwar eisern keine Kurzstrecke vom Stand, bei illegalen Halten wie hier finde ich das nicht weiter schlimm. Mal abgesehen davon, stand nicht mal ein Kollege dort…

Der Typ jedenfalls war schon ziemlich angeschlagen, aber eigentlich ein netter Kerl. Wenngleich er für sein Alter einen erstaunlichen Oberlippenbart trug, war er mir nicht per se unsympathisch. Also hab ich auch gelassen reagiert, als er am Ostbahnhof anfing nach seinem Portemonnaie zu suchen und es trotz tausendfacher Flüche nicht fand.

„Sollen wir schnell umdrehen und am Maria nachschauen?“

„Ja Mann, scheiße! Ficken! Ich kann nicht mal das Taxi bezahlen!“

„Ganz ruhig. Mach dir wegen der vier Euro mal keinen Kopp. Wir fahren jetzt zurück und suchen das Ding.“

Er selbst war total verzweifelt, also hab ich ihn mit mittelbilliger Motivation ein bisschen angestoßen:

„Na komm, einmal im Leben hat man immer Glück! Bestimmt liegt das Ding da irgendwo rum und alles ist ok!“

„Ey, da ist mein letztes Geld drin. Verfickte Scheiße, blöde aber auch!“

Dass ich mit „laufender“ Uhr am Maria auf ihn (der er unbedingt alleine suchen wollte) gewartet habe, war im Grunde ein Verstoß gegen die Taxiordnung. Fahrtunterbrechungen sind bei einer Kurzstrecke nicht erlaubt! Und verschwendete Zeit war es auch, denn das Problem an der Kurzstreckenregelung für mich ist: Die Uhr läuft nicht weiter. Niemals!

Während er zum Club aufbrach und fluchte, kramte ich eine Zigarette hervor, zündete sie mir an und stapfte durch den nachlassenden Regen (ihr merkt schon, die Geschichte ist noch vom Juli 😉 ).
Alles war pitschnass und dunkel, aber ich beschloss, noch ein wenig die Augen offen zu halten.

Gefunden habe ich sein Portemonnaie 3 Meter hinter meinem Auto. In einer gut 5 cm tiefen Pfütze lag es und sah aus, als sei schon mindestens ein Kollege drübergefahren.

„Ey! Komm mal wieder her! Ich hab’s!“

hab ich gerufen und das tropfende Etwas aus dem Wasser geangelt. Sicher, es war alles nass und eklig, aber selbst das Geld war noch drin. Es ist ihm einfach runtergefallen und keiner hat es gesehen in den letzten Minuten.

„Boah fett, tausend Dank! Geile Sache!“

Blablabla. Ich hab ihn dann schnell rüber zum Berghain gefahren. Die Uhr hat ein paar Meter vorher gepiept, ich hab sie ausgemacht, und so standen wir letztlich vor dem besten Club der Welt und er meinte triefend und erleichtert:

„Danke Mann, echt jetzt! Ich würd dir voll gerne Trinkgeld geben, aber ich hab ja leider nur noch 40 € und die brauch ich.“

Irgendwie hab ich danach – obwohl ich mir das eigentlich echt nicht vorstellen könnte – darüber nachgedacht, wie schön es gewesen wäre, hätte ich einfach auf meinen Finderlohn bestanden. Aber gut, Hauptsache die Kundschaft ist glücklich, nicht wahr? 🙁

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Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Nich‘ anners

Manchmal fragt man sich ja, was für einen Satz ein Betrunkener eigentlich so im Kopf hatte, bevor er einem vorlegt, was er noch aussprechen kann. Ich freute mich derletzt über einen bestimmten Fahrgast, der mir für seine Tour von 8,80 € einen Schein hinhielt und sagte:

„Tschuljung, hab’s nich‘ anners!“

Ich erwartete einen Fünfziger, den ich zu der Zeit aber locker hätte wechseln können. Stattdessen fand ich in meiner Hand einen Zehner vor.

„Weisse, stimmso!“

Äh!? Und was war jetzt das Problem?