Fiskaltaxameter-Versuch

Wie der Tagesspiegel gerade online berichtet hat, ist in Berlin ein Pilotversuch mit Fiskaltaxametern angelaufen. Zu diesem Artikel hier ein Kommentar. Ich möchte vorweg anmerken, dass ich über die Geräte nur sehr grob Bescheid weiß, also sicher nicht alle Vor- und Nachteile mal eben benennen kann.

Worum geht es überhaupt?

Steuerhinterziehung ist im Taxigewerbe eine weit verbreitete Problematik, natürlich auch in Berlin. Wenn man den Medien glauben kann, dann weit mehr als in anderen Branchen. Ob das den Tatsachen entspricht, kann ich schlecht bewerten. Aber ja: Es gibt Unternehmer, die ihre Fahrer schwarz arbeiten lassen und auf dem ein oder anderen Weg ihre Einnahmen am Fiskus vorbei mogeln. Welche Möglichkeiten es da gibt, kann ich nicht mal aufzählen, dazu bin ich wohl zu ehrlich 😉
Der Tagesspiegel bringt jedenfalls einmal mehr die ominöse Schätzung eines „zweistelligen Millionenbetrags“, in der Vergangenheit war oft von 50 Millionen Euro die Rede, die im Berliner Taxigewerbe an Steuern hinterzogen wird.

Ich persönlich vermute, diese Zahl ist Bullshit. Ich kenne nicht alle Zahlen, aber schon alleine, wenn man diesen Betrag auf die 12.000 Fahrer in Berlin umlegt, bescheisst JEDER den Staat um durchschnittlich 4.000 Euro im Jahr. Das liegt schon weit entfernt dessen, was ein durchschnittlicher Fahrer überhaupt an Steuern zahlen muss, wenn er legal arbeitet. Und die einzelnen Genies im Gewerbe, die ihre 4.000 bis 6.000 € Umsatz pro Monat machen, werden die Statistik kaum derart verfälschen. Aber gut, das nur als Rahmeninformation. Ungeachtet des Betrages ist und bleibt Schwarzarbeit ein Problem in der Branche – da gehe ich mit dem Autor des Artikels durchaus konform.

Fiskaltaxameter sollen dabei (in absehbarer Zukunft gesetzlich vorgeschrieben) eine Lücke schließen, die bisher existiert hat: Die Manipulation der Einnahmen. Das Grundprinzip der Steuerhinterziehung ist ja stets das Gleiche: Man rechnet seine Einnahmen herunter. Fiskaltaxameter sorgen nun dafür, dass die Daten (also die Umsätze und Strecken) „manipulationssicher“ auf einen Server übertragen werden, wo sie von den Behörden abgeglichen werden können mit den Angaben, die die Unternehmer beim Finanzamt machen. Im Grunde ist das eine gar nicht so dumme Idee, und sie dürfte tatsächlich dem ein oder anderen Betrüger das Wasser abgraben.

Ein bisschen dürftig fällt im Tagesspiegel die Kritik an den Geräten aus. Sie wird dort ausschließlich in folgendem Absatz angedeutet:

„Zum Einbau sind aber bei weitem nicht alle Unternehmen oder Alleinfahrer bereit. Auf Schwarzarbeit und Manipulationen sei man angesichts der dürftigen Einkommen mehr oder weniger angewiesen, heißt es im Gewerbe ziemlich offen.“

Nun, das finde ich doch ein wenig oberflächlich. Ich bin wie gesagt grundsätzlich dafür, aber natürlich würde die Einführung gewisse Probleme bereiten. Vielleicht keine dramatischen oder unlösbaren, aber immerhin.

Zum einen ist die Annahme, die Daten seien „manipulationssicher“ in jedem Fall ein Euphemismus. Das mag im Alltagsgebrauch stimmen, aber man muss kein Computerspezialist sein, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Daten – insbesondere wenn sie auf einem Server gelagert werden – immer von irgendwem manipuliert werden können. Zudem stellt sich natürlich die Frage, inwiefern der Datenschutz gewährleistet ist.

Die direkte Manipulation des Taxameters ist auch heute schon technisch versierteren Leuten vorbehalten und wird wahrscheinlich nicht flächendeckend betrieben. Viel problematischer ist im Alltag sicher, dass auf das Einschalten des Taxameters gleich ganz verzichtet wird.

Und – auch wenn es Erbsenzählerei sein mag: Was passiert mit all den Fehlfahrten? Es kommt vor, dass man als Fahrer mal den falschen Knopf drückt. Zack, und schon sind 3,20 € auf der Uhr! Oder mal 50 ct Zuschlag. Oder Kunden zahlen nicht. Muss man auf diesen gar nicht gemachten Umsatz in Zukunft Steuern zahlen?

Aber das sind nur ein paar Überlegungen von der Fahrerseite aus.

Im Übrigen finde ich es unschön, zu behaupten, „im Gewerbe“ werde die Manipulation „ziemlich offen“ verteidigt. Alle Taxiverbände und alle Unternehmer ohne Dreck am Stecken sind eindeutig dagegen. Es gibt diese Stimmen, zweifelsohne. Aber das Gewerbe repräsentieren die sicher nicht.

Huhu, Herr Glietsch!

Mal ganz im Ernst: Fällt eigentlich den Nicht-Zugewanderten auf, wie doof die Bezeichnung „Der Polizeipräsident in Berlin“ als Behördenname ist. Ich persönlich denke jedes Mal, wenn ich einen Brief von dieser Behörde bekomme nach dem obligatorischen „Fuck, wie schnell war ich?“ wie bekloppt diese Bezeichnung klingt. Schon das „in“! Ich will jedes Mal schreien, sie mögen doch wenigstens ein „von“ daraus machen. Wo der Typ rumgammelt, ist mir ja egal, das soll doch eine Information über seinen Rang sein…

Aber gut, darüber wollte ich mich eigentlich gar nicht auslassen. Ich lebe in einem Bundesland, in dem die Landespolizei „Der Polizeipräsident in Berlin“ heißt. Irgendwas ist ja immer.

Und von denen hab ich jetzt Post bekommen. Nicht ganz unerwartet, schließlich ermitteln die gerade in meinem Sinne einen flüchtigen Unfallteilnehmer. Aber die Vorurteile sitzen tief, so fragte auch meine bessere Hälfte beim Anblick des Briefes gleich, ob ich geblitzt wurde. Dazu sei angemerkt, dass ich noch niemals diesbezüglich Post vom Polizeipräsidenten bekommen habe, mein einziges geahndetes Verkehrsvergehen seit meinem Umzug wurde damals von Brandenburger Cops bearbeitet, da ich in Potsdam mit 8 km/h zu viel erwischt wurde.

Ja nun, die ganze Sache ist natürlich eigentlich denkbar unspektakulär. Eine Zeugenaussage zu den Vorkommnissen hätten sie gerne. Die kriegen sie in dem Fall auch, wenngleich es immer wieder erstaunlich ist, wie sehr die Polizei darauf bedacht ist, den Eindruck zu erwecken, ich müsste mit ihnen reden. Es wird gleich darauf hingewiesen, dass ich mit der Beantwortung der Fragen eine Vorladung vermeiden kann, bzw. die „Vorsprache eines Polizeibeamten“. Auf mein Zeugnisverweigerungsrecht im Falle einer Verwandtschaft mit dem Beschuldigten oder einer notwendigen Selbstbezichtigung werde ich gleich auf der ersten Seite hingewiesen. Auf die Tatsache, dass ich nur vor einem Gericht (und nicht bei der Polizei) überhaupt aussagen muss, natürlich gar nicht. Aber diese Geschichten kann man zuhauf im lawblog nachlesen. Ich finde es nur bedenkenswert.

Aber wie vertrauenswürdig kann ein Formular schon sein, das mit folgenden Worten endet:

„Zahlungen bitte nur bargeldlos an“

Also wem heute noch beim Formatieren der Footer von der Seite fällt… lassen wir das!

Wenden wir das Blatt, sehen wir uns mal um:

Drei Teile, logisch gegliedert in

I. Fragen zur Person
II. zum Sachverhalt
III. Bei Verkehrsunfällen

Ich wirke arg pedantisch, wenn ich mich jetzt über die Unlogik der Unterteilungen beschwere, bzw. bemängele, dass zum korrekten Verständnis ruhig noch hier und da ein Wort mehr in diese ansonst leeren Zeilen gepasst hätte. Oder?

Aber wozu sollte man das ernst nehmen? Schließlich ist es ja auch nicht so, dass diese Blätter an alle verschickt werden, ungeachtet des Bildungshintergrundes. Mich persönlich stellen Aufgabenstellungen wie diese auf die Probe:

„Familienname/Geburtsname/Vorname (Rufname unterstreichen )“

Bei der Angabe eines Vornamens den Rufnamen zu unterstreichen ist sicher eine knifflige Hausaufgabe für Waldorfschüler, im Grunde aber nur kurios. Ich bin jetzt mal davon ausgegangen, dass sie hier trotz Verwendung des Singulars gerne alle Vornamen aufgezählt hätten. Ob davon jetzt einer als Geburtsname in irgendeiner Akte landet, weiß ich glücklicherweise nicht. Der Teil mit den persönlichen Daten ist im allgemeinen aber doch ohne Studium lösbar.

Im zweiten Abschnitt – zum Sachverhalt – hab ich nur kurz schmunzeln müssen als ich mir überlegt habe, ob ein Polizeipsychologe sich wohl eine Belobigung dafür holen durfte, als er angeregt hat, die Frage ob man aussagen möchte, vor die Frage zu setzen, ob man überhaupt Zeuge ist. Dass hier die Aussageverweigerung wieder in expliziten Bezug zu den Regelungen gebracht wird, die eigentlich nur vor Gericht gelten, finde ich wirklich furchtbar! Das ist schlichtweg Irreführung, möchte ich meinen.

Aber gut, dann folgte natürlich der nervige Teil. Die Unfallhergangsbeschreibung. Man kann bei solchen Dingen ja nie pingelig genug sein, und so hab ich den ganzen zur Verfügung stehenden Platz aufgebraucht. Auch wenn dabei sicher ein paar Informationen gewissermaßen redundant waren. Aber es ist eben auch meine Art von Humor, zu schreiben

„Ich befand mich zum fraglichen Zeitpunkt am Steuer (vorne links) meines Fahrzeugs […]“

Der Abschnitt 3 – Bei Verkehrsunfällen – behandelt dann nur die Fragen, ob es mir und/oder meinem Autochen gut geht. Bezüglich der Tatsache, dass ein Idiot vor mir geflüchtet ist, als ich sein Kennzeichen vor der Nase hatte, hat mich überlegen lassen, bei der Frage, ob ich verletzt wurde, „ja“ anzukreuzen, und dahinter zu vermerken:

„intellektuell“

Das könnte es gewesen sein. Aber eine Behörde würde sich keinen so schicken Namen wie „Der Polizeipräsident in Berlin“ geben, wenn sie nicht auch noch Zusatzfragebögen in der Schublade liegen hätte. Also noch ein Blatt:

Hier werden in 14 einfachen Fragen nochmal Angaben zu den Personen und dem Fahrzeug verlangt. Ich bin übrigens wirklich ein klassischer Zeuge, und kann mich bis auf das sofort notierte Kennzeichen an so gut wie gar nichts erinnern. Ich weiß nicht einmal, ob das Auto ein Stufen- oder Steilheck hatte, geschweige denn Marke, Modell oder Besonderheiten.

Amüsant ist dann Nummer 14:

„Bitte tragen Sie sicherheitshalber noch einmal die genaue Unfallzeit und den Unfallort ein!“

Damit kann das Ding dann wohl zur Post. Ach ja, eine Frage noch: Ich bin ja eigentlich echt ein sozialer Mensch. Aber wer bitte hatte jemals eine „Marke zur Hand“, als ihn der Briefumschlag danach gefragt hat?

Mindestlohn

Taxifahren ist ja nun wirklich ein interessanter Beruf, und er hält für die dort angestellten einiges an Absurditäten und Überraschungen bereit. Ein besonders kurioser Fall hat sich neulich ergeben, als ich vier französische Puff-Besucher im Auto hatte, die mich nicht nur ermutigt haben, mich mehr ihrer Heimatsprache zu widmen (ja, sie meinten tatsächlich die Sprache!), sondern es auch bedauerten, dass es hier keinen Mindestlohn für Taxifahrer gäbe, so angenehm und nett wie ich und meine Kollegen doch bisher gewesen seien.

Balsam für die Seele. Zufriedene Kunden mit Wertschätzung fürs Gewerbe. Ich hoffe, ihr Umgang mit den Prostituierten ist ähnlich!

Aber dann das Wort: Mindestlohn!

Ich will ehrlich sein: Ich hab mich um das Thema immer herumgedrückt. Ich habe nach wie vor nur teilweise Ahnung von der Struktur des Gewerbes in dem ich arbeite (vor allem in anderen Orten!), und zudem übersteigt die Thematik in manchen Punkten meine Kompetenz bezüglich ökonomischer Zusammenhänge.

Aber einen unbedarften, naiven Blick auf die Geschichte möchte ich doch irgendwann mal werfen – also warum nicht heute? Ich stehe dem Thema auch nach allen Überlegungen immer noch ambivalent gegenüber, lasse euch aber gerne an meinen Überlegungen teilhaben. Über fundierte Kritik wäre ich dieses Mal im Übrigen besonders froh, ich kann mir vorstellen, dass ich einiges vergessen habe.

Derzeit werde ich – wie die meisten Taxifahrer in Berlin – ausschließlich nach Umsatz bezahlt. Eine Stunde ohne Kunden bedeutet für mich – brutto wie netto – einen Verdienst von 0,00 €. Ich verfluche natürlich die schlechten Januarschichten, bei denen ich nach 10 Stunden mühsam 80 € Umsatz zusammengekratzt habe und damit mit 3,60 € brutto pro Stunde in den Morgenstunden nach Hause schleiche. Gut, immerhin plus Trinkgeld, im Normalfall dann nochmal 40 ct pro Arbeitsstunde.

Die Vorstellung, garantiert 7,50 € – oder gar 8 oder 10 € zu bekommen, reizt mich wie sie jeden Arbeitnehmer reizt.

Das Problem ist die Struktur des derzeitigen Gewerbes. Der Gesamtumsatz der etwa 12.000 Taxifahrer in Berlin ist erst einmal nicht von uns abhängig. Es ließe sich sicher durch drehen an der Tarif-Preisschraube oder Werbung etwas bewegen, aber alleine durch die Einführung eines Mindestlohnes würde sich der Umsatz nicht erhöhen. Dazu ist es schlicht und ergreifend nötig, dass mehr Leute Taxi fahren.
Nun ist es so, dass die Taxifahrer in Berlin mit Sicherheit weniger pro Stunde verdienen als ein angemessener Mindestlohn fordern würde. Das liegt auch überwiegend gar nicht an irgendwelchen ausbeuterischen Chefs, die Margen sind in dem Gewerbe einfach nicht endlos hoch.

Die daraus folgende Logik ist im Prinzip simpel: Der erreichbare Umsatz wird unter zu vielen Beteiligten gesplittet – es sind zu viele Taxen auf der Straße. Darüber darf gestritten werden, aber letztlich müsste bei gleich bleibender Kundenzahl entweder die Zahl der Taxen ab-, und damit die Wartezeit der Kunden zunehmen – oder pro Kunde mehr Geld gezahlt werden. Was für den Kunden natürlich die Wahl zwischen Pest und Cholera ist, könnte man aus unserer Sicht so zusammenfassen: Wir verkaufen unsere Dienstleistung auf unsere eigenen Kosten zu günstig, eine Verbesserung für uns schadet zwingend dem Kunden.

Sicher nicht immer merkbar. Ob das Taxi nun 5 oder 6 Minuten zum Kunden braucht, interessiert nicht wirklich – ich möchte es nur anmerken.

Aber natürlich wäre ein Mindestlohn prinzipiell durchsetzbar. Und wünschenswert. Ich hoffe nicht, dass es ernstlich eine Mehrheit da draussen gibt, die der Meinung ist, es wäre ok, für 5 € pro Stunde einen Vollzeitjob zu machen – einen Vollzeitjob also, mit dem niemand eine Familie ernähren könnte. Der Nachteil in unseren Kreisen wäre aber auch ganz deutlich: Es würden Arbeitsplätze wegfallen!
Ehrlich: Ich finde es besser, wenige „gut“ bezahlte Arbeitsplätze zu haben, als etliche schlecht bezahlte. Viele gute wird indes auch Ver.di nicht herbeizaubern können, so sehr wir uns alle das wünschen würden.

Für uns Fahrer ergäbe sich mit Einführung eines Mindestlohnes ein sehr zwiespältiges Bild:

Zum einen würde unsere Arbeitszeit endlich einen Wert bekommen. Das klingt seltsam, aber solange wir umsatzbasiert bezahlt werden, hat sie den natürlich nicht. Meinem Chef ist es bisher egal, ob ich eine oder zehn Stunden für 10 € Umsatz arbeite. Mein Lohn beträgt in beiden Fällen 4,50 € brutto. Wenn ich aber einen Mindestlohn kriegen müsste, hätte er natürlich ein Interesse daran, meine Arbeitszeit produktiv zu gestalten. Und da sind wir beim zweiten Punkt:

Zum anderen würde nämlich unsere Freiheit während der Arbeit darunter leiden. Ob das schlimm ist, muss jeder für sich selbst beantworten – aber natürlich wäre es plötzlich ein wirtschaftliches Risiko für den Chef, wenn der Fahrer lieber eine ruhige Kugel schiebt und damit am Ende nur 10 € pro Stunde einfährt. Im Übrigen etwas, das einem nicht nur durch Faulheit passieren kann, sondern auch mal durch Pech, die falsche Wahl der Halte etc.
Und wenn ich in 3 Stunden nur 5 € Umsatz gemacht habe, dann ist es ja nur zu verständlich, dass mein Chef wissen möchte, was ich bitte gemacht habe – immerhin müsste er mir dafür ja plötzlich mehr Geld zahlen, als er erhält…

Für uns würde sich also der Verdienst mit ziemlicher Sicherheit erhöhen, dafür kann davon ausgegangen werden, dass wir auch einen Mindestumsatz erbringen müssten, bzw. gewisse Einschränkungen in unserer Bewegungsfreiheit hinnehmen. Das mag bei einem freien Job wie Taxifahren Jammern auf hohem Niveau sein, aber ich mache den Job auch eher der Freiheiten, weniger des guten Verdienstes wegen.

Es droht aber auch noch Ungemach von ganz anderer Seite. Zum Beispiel die Selbstständigen. Von selbstständigen Unternehmern lässt sich kein Mindestlohn einfordern. Die stellen aber einen nicht unbedeutenden Anteil an Taxifahrern. In Berlin verteilen sich beispielsweise 12.000 Fahrer auf 5.000 Unternehmen. Dass da viele Unternehmen aus nur einem Fahrer bestehen, kann man sich denken – genaue Zahlen habe ich allerdings auch nicht. Fakt ist aber, dass Selbstständige einige „Vorteile“ haben. Nicht nur, dass ihr Lohn schlecht reglementiert werden kann: Auch ihre Arbeitszeit ist frei. Im Gegensatz zu Angestellten unterliegen sie keiner Beschränkung der Arbeitszeit, sie könnten theoretisch jeden Tag 24 Stunden fahren. Das ist insbesondere deswegen interessant, weil im Falle eines Mindestlohns die Schwarzarbeiter der Branche sich sicher darauf verlegen würden, statt wie bisher die Umsätze, nun eher die Arbeitszeiten kleinzurechnen. Die Selbstständigkeit wäre hier ein Ausweg, und wahrscheinlich würden sich sogar sehr lukrative Wege der Scheinselbstständigkeit finden lassen, um letztlich Fahrer unter dem gesetzlichen Lohn fahren zu lassen.

Insbesondere, wenn wegen des Mindestlohnes das Modell der umsatzabhängigen Bezahlung zugunsten eines Stundenlohnes flächendeckend eingeführt werden würde, würde dies auch die Fahrer dazu ermutigen, hier und da mal besser illegal ohne Uhr zu fahren.

Im Endeffekt würde das bedeuten, dass das System mit einem Mindestlohn nur funktionieren würde, wenn – mal rein kapitalistisch gesprochen – eine schnelle Auslese einsetzt. Entweder die Unternehmen würden ziemlich rigoros jeden Fahrer feuern, der zu wenig Stundenumsatz bringt – oder die Unternehmen, die das nicht tun, würden recht schnell von der Bildfläche verschwinden, weil sie pleite sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Selektionsprozess zu Ungunsten der ehrlichen Unternehmer ausfällt, ist nicht allzu gering, da schon jetzt Schwarzarbeit ein riesiges Thema in der Branche ist.

Worauf will ich hinaus?

Naja, wie ich sagte: Ich habe eine ambivalente Meinung!

Zum einen wäre ein Mindestlohn natürlich klasse, denn sobald man den Job macht, um vielleicht mehr als sich selbst halbwegs zu versorgen, verdient man da bisher zu wenig. Das zu ändern ist eigentlich dringend notwendig, und langfristig liegt sicher eine enorme Chance darin, dass nicht jeder Idiot Taxifahrer werden kann, weil auch die Chefs sich entscheiden müssten für die Leute, die ihren Job gut machen, vielleicht Stammkunden binden etc.

Zum anderen würde eine plötzliche Umsetzung auch Probleme bereiten. Es könnte sein, dass sich die Schwarzarbeit sogar noch mehr durchsetzt als bisher, dass unseriöse Kollegen in die Selbstständigkeit flüchten, und somit nicht nur das Ziel verfehlt wäre, sondern sogar Nachteile geschaffen würden. Ganz abgesehen davon, dass wir Fahrer wesentlich weniger Freiheiten hätten.

Nun stehe ich auf Freiheit mindestens genauso sehr wie auf ordentliche Entlohnung meiner Arbeit. Deswegen würde ich an dieser Stelle ein unverbindliches Fazit bevorzugen: Gerne ein Mindestlohn, aber bitte nur, wenn man sich gleichzeitig um die anderen Probleme des Gewerbes kümmert!

Sozial und vernetzt

…und so.

Muss man ja sein. Immer und überall.

Ganz im Ernst: Ich bin kein Über-Hypling, was Social Networks angeht. Der Kontaktpflege wegen bin ich aber seit einiger Zeit (noch nicht so lange) bei Facebook beigetreten. Einige findige Leser haben das auch schon rausgefunden und mir Freundschaftsanfragen gesendet. Bis auf ein oder zwei Stück habe ich die aber nicht angenommen.

Tja.

Das ist nicht böse gemeint, aber meine Freundesliste besteht aus Leuten, die ich tatsächlich kenne oder deren Bekanntschaft ich zumindest schon mal machen durfte ohne dass ein Monitor und 500 km Kabel dazwischen waren. Ich habe bei Facebook rumprobiert, hab eine GNIT-Seite erstellt und wieder verworfen und wieder erstellt und wieder verworfen. Schließlich würde ich ja schon gerne die Möglichkeit haben, mit den geneigten Lesern auch mal über einen alternativen Weg in Kontakt zu kommen. Mir als ewiggestrigem Web-Einsnuller liegt es aber nicht, Familie und Gelegenheitsleser in einen Topf zu schmeißen.

Deswegen hab ich nun eine Gruppe gegründet. Bei Facebook. Ich hab noch keine Ahnung, was und wieviel von dem was ich da machen werde, aber es gibt sie jetzt. Ich hab noch nicht einmal eine Ahnung, wie man an die URL der selbigen kommt, deswegen kann ich nur empfehlen, bei FB nach „gestern-nacht-im-taxi.de-Leser“ zu suchen. Solltet ihr dort auch noch GNIT als Seite angezeigt bekommen: Die ist gelöscht. Ich meine die Gruppe!

Also stellt einen Antrag, wenn ihr Bock habt. Aber verzeiht mir, wenn es etwas dauert, bis ich euch reinlasse. Bin zwar zu Hause, aber immer noch krank…

Linktausch

Nicht erst seit der Verlinkung dieses Blogs bei bildblog geht der Name dieser Seite ein wenig durchs Netz. Verlinkungen lassen das Herz jedes Bloggers höher schlagen und so geniesse auch ich das. Es freut mich, wenn die Leute diese Seite für empfehlenswert halten.

Und wenn der Webmaster einer Seite sich dann bei mir meldet, und fragt, ob wir Links tauschen möchten, dann finde ich das zunächst auch immer gut. Solche Anfragen ehren einen, und im Grunde profitieren ja beide Seiten davon.

Meist allerdings lehne ich ab.

Warum das so ist, und warum ich das auch den vielen Bloggern empfehlen möchte, die es noch nicht auf die magischen 1.000 Besucher täglich gebracht haben, möchte ich gerne exemplarisch schildern.

Heute morgen bekam ich eine sehr freundliche Mail von H.H., der eine Taxi-Seite. Er bot mir an, seine Seite zu verlinken, er hätte meine schon verlinkt. Für einen Backlink versprach er einen „viel wertvolleren Link“, nicht nur unter den „Empfehlungen“, sondern auf einer seiner „Städte-Unterseiten“.
Wie wertvoll dieser Link ist, will ich nicht bewerten. Ich wollte die Seite nicht gleich auf Herz, Nieren und Zugriffszahlen prüfen – schätze aber, sie ist nicht so bekannt wie meine. Ist ja auch nicht schlimm!
Interessant ist allerdings, dass die „Empfehlungen“ wirklich nur auf der Hauptseite verlinkt sind. Also wirklich: Verlinkt! Nicht angezeigt. Noch dazu verlieren sich die Empfehlungen auf mehreren Unterseiten, und die Linksammlung dort zeigt mir an, dass sich dort ein buntes Sammelsurium an Seiten findet, von denen einzelne sich sogar damit rühmen, fiktive Geschichten zu erzählen.

Sorry, lieber Lieblingskontrahent, dieser Seitenhieb musste sein! 😉

Aber das ist ja nicht alles. Grundsätzlich finde ich die (grob zusammengefasste) Aussage „Und wenn sie mich nicht verlinken, dann entferne ich den Link wieder“ ziemlich unhöflich. Ich weiss, dass das Netz auch ein Geschäftsraum ist. Auch ich habe hier im Blog Flattr, Paypal und Amazon untergebracht, um den Reichtum zu erlangen, den ich mit Taxifahren nicht erreichen kann. Aber thematisch verwandte und interessante Seiten verlinke ich freiwillig, wenn ich sie für lesenswert halte, nicht als Gegenleistung.

Und mal abgesehen davon, dass ich es gar nicht darauf anlege, dass meine Seite in einer Art Rufnummernverzeichnis (was an sich ja eine gute Idee ist) gefunden wird, ist mir eine weitere Kleinigkeit bitter aufgestossen. Ich zitiere hiermit von H.H.’s Berlin-Seite (die mehr oder weniger gleich zumindest für eine weitere Großstadt angelegt wurde):

„Da die Kosten für Taxis in Berlin recht verschieden sein können, lohnt es sich immer zu vergleichen. Am besten vereinbaren Sie mit dem Taxifahrer einen Festpreis.“

Da mich bei meiner täglichen Arbeit kaum etwas mehr nervt als immer wieder irgendwelchen Leuten zu erklären, dass es illegal ist, Festpreise in der Stadt zu machen, sehe ich es dreimal nicht ein, eine solche Seite zu unterstützen.

Meine Antwortmail liest sich komplett so:

„Sehr geehrter Herr H.,

ich danke ihnen für die Anfrage.
Wie jeder Blogger hätte ich gerne mehr Besucher auf meiner Seite, und
wie jeder Blogger bin ich einem freundschaftlichen Linktausch nicht
abgeneigt.
In diesem Fall möchte ich allerdings ablehnen und damit in Kauf nehmen,
dass sie meinen Link wieder entfernen.

In der Hoffnung, sie sind ernsthaft interessiert und schreiben nicht nur
wahllos Seiten mit dem Suchbegriff „Taxi“ an, möchte ich ihnen gerne
eine Begründung liefern:

Zum einen stellt meine Seite für das Angebot ihrer Seite keinen Mehrwert
da. Ich blogge über meine Erlebnisse als Taxifahrer, aber auch wenn ich
für mein Publikum meine Nummer angebe, so ist das in keinem Fall eine
adäquate Möglichkeit, in Berlin ein Taxi zu bekommen, da meine
Arbeitszeiten doch recht beschränkt sind.

Dann bin ich persönlich kein Freund von Links, die mit Bedingungen
einhergehen. Das mag geschäftlich Usus sein, nicht ohne Grund aber ist
meine Seite keine offizielle Geschäftsseite. Wenn sie meine Seite nicht
ohne Gegenleistung für empfehlenswert halten, dann verlinken sie sie
nicht. Das ist völlig ok.

Zu guter Letzt und zum ausschlaggebenden Grund:
Ich begrüße es, wenn das Netz informative Taxiseiten bereithält. Unser
Gewerbe benötigt dringend Offenheit und Transparenz! Aber ich werde
sicher keinen Linktausch mit einer Seite eingehen, die für Berlin
empfiehlt, mit den Fahrern einen Festpreis auszuhandeln.
Das mag jetzt vielleicht kleinlich klingen, aber in meinem Arbeitsalltag
besteht die größte Herausforderung darin, potenziellen Fahrgästen
klarzumachen, dass genau das – einen Festpreis aushandeln – illegal ist.
Zu ihren Gunsten gehe ich davon aus, das sie das aus Unwissenheit
geschrieben haben, möchte sie aber unabhängig von einem Linktausch als
offenbar am selben Thema interessierter Mensch darum bitten, sich
schnellstmöglich mit dem Berliner Taxitarif auseinanderzusetzen und
diese Fehlinformation von ihrer Seite zu entfernen.

Auch wenn ich ihrer Anfrage negativ entsprochen habe, möchte ich ihnen
viel Erfolg mit ihrer Seite wünschen.

Sash

PS:
Ich werde meine Leser vielleicht über diese Anfrage informieren und
meine Ablehnungsgründe offenlegen. Wenn ich sie erwähne, verlinke ich
selbstverständlich auch ihre Seite.“

Und wirklich: Das war eine der seriösesten Anfragen überhaupt!

Liebe „kleine“ Blogger da draussen: Ich weiss, wie sehr es einen reizt, ein solches Angebot anzunehmen. Und vielleicht ist auch wirklich mal der Deal dabei, den man sich immer erwünscht hat. Aber vergesst das Nachdenken nicht! Was einen Blog gut macht, sind nicht gekaufte Links, sondern der Content. Wenn man es gut macht, wird das schon. Es mag dauern, aber es wird!

PS: Ich weiss, dass ich der Seite jetzt doch noch den Link gegeben habe. Das ist ok, soll Herr H. es sich auf seine Fahnen schreiben, so er möchte!
Ich wollte ein anschauliches Beispiel zeigen, und das war es wert.

Standpunkt zur Prostitution

Kommentator hat anlässlich meines letzten Eintrages eine grundsätzliche Frage zur Prostitution gestellt:

@Sash (und andere Taxifahrer, so sie mitlesen und antworten wollen):

Ohne anmaßend oder moralisch sein zu wollen – und da bin ich ernst, ich bin wirklich nur interessiert:

Wie sieht es mit Deiner (Eurer) Haltung zum Rotlichtgewerbe aus? Prostitution ist immerhin “Veranstaltungsort” der schweren Jungs und leichten Mädchen – und leider auch für Zuhälter, Zwangsprostituierte und jeder Menge Gewalttäter, bis hin zur Verschleppung.

Ich wohne beileibe nicht im Elfenbeinturm – ich weiß und akzeptiere, dass es Prostitution gibt. Leider ist das ohne manche üble Begleiterscheinung nicht zu haben, siehe den vorigen Absatz. Ich weiß auch, dass “Trinkgeld” eine gute und notwendige Sitte ist, ich habe selber lange – und gut – in der Gastronomie davon gelebt, und 90 Euro sind eine echte Hausnummer, weil die eigentliche Dienstleistung erbracht ist, aber das “Handgeld” obendrauf kommt.

Aber wie stehst Du (steht Ihr) persönlich dazu? Zum Gewerbe, zu dessen Begleiterscheinungen – und zum Geld, dass aus dem Gewerbe kommt?

Wie gesagt: Ich frage einfach nur nach der Haltung, nicht nach “Moral” oder so.

Ich kann jetzt erst mal nur für mich antworten, allerdings wäre ich über Kommentare von Kollegen ebenso erfreut.

Zunächst einmal ist die Frage nach dem Sexgewerbe nie ganz ohne moralische Aspekte zu sehen. Die Einstellung zur Prostitution hängt immer irgendwie mit den eigenen Vorstellungen zur Sexualität zusammen, schon weil die Grundfrage, ob Sex käuflich sein darf, viele moralische Vorstellungen verletzt.

Ich für meinen Teil bin entschieden gegen Sexismus, und gehe bei der Definition, was Sexismus ist, sicher weiter als die meisten. Dennoch nehme ich – wie beschrieben – auch Geld aus dem Gewerbe an. Und das nicht undankbar oder heimlich.

Der Grund ist folgender:

In meinen Augen hat die Prostitution eine Daseinsberechtigung. Sie ist nicht umsonst als „das älteste Gewerbe der Welt“ bekannt, und auch darüber hinaus wurde Sex schon immer zum Erwerb von Geld, Macht und dergleichen mehr verwendet. Offen und verdeckt. Und in meinen Augen ist es die bessere Variante, dies offen zu tun.

Es ist für mich wesentlich besser, einen Kunden, der möglichst schnell einfach nur Sex will, bei einer Prostituierten abzuliefern, als ähnliche Gestalten zu einem Club zu bringen, wo sie „geile Weiber“ zum aufreissen finden. Die Prostituierten wissen, was die Kunden wollen, wissen was sie selbst dafür verlangen können und in irgendeiner Form haben beide was davon. Da hab ich bei manchen Clubbekanntschaften größere Zweifel.

Dass das Sexgewerbe zu einem Teil, ja wahrscheinlich Großteil, von dubiosen Gestalten betrieben wird, bzw. dort mieseste Bedingungen vorherrschen, ist natürlich leider ein Fakt. Wenn ich über irgendeinen Laden wüsste, dass sie die Frauen misshandeln oder zum Sex zwingen, würde ich dort auch selbstverständlich keine Kunden hinbringen. Da könnten die mir ein Monatsgehalt zahlen und ich würde es nicht machen. Das Problem ist, ich weiss es nicht! Ich würde es gerne wissen, aber ich kann es nicht sicher sagen. Natürlich mache ich mir meine Gedanken, wenn man in einem Bordell nur 35 € für Geschlechtsverkehr zahlt. Und zu den Läden, bei denen man für einen Zehner mehr auch ohne Kondom „darf“, würde ich nie wieder Leute hinbringen.

Wie in vielen anderen Bereichen auch, ist es wahrscheinlich bei der Prostitution am Wichtigsten, die guten Läden zu unterstützen, sie zu empfehlen, wenn Nachfrage besteht. Ich kann es derzeit nicht. Es mag ein ungutes Zeichen sein, wenn ich als Fahrer schon 90 € für zwei Kunden bekomme, ich hoffe aber, dass die das auch machen, weil sie entsprechend viel von den Kunden verlangen, und damit auch die Frauen möglichst viel abbekommen. Vielleicht naiv, aber ich kann es nicht einschätzen. Das Gewerbe ist nunmal nicht gerade öffentlichkeitsgeil.

Ich persönlich kann mir Prostitution weder von der Kunden-, noch von der Anbieterseite vorstellen. Schon deswegen werde ich wohl nie umfassende Einblicke in diese Szene kriegen, ich muss mich also auch auf Gerüchte und Erzählungen verlassen. Ich habe aber keine moralischen Bedenken bezüglich des Gewerbes an sich, sondern im Gegenteil einigen Respekt vor den Menschen, die ihr Geld tatsächlich so verdienen (müssen). Im Arbeitsalltag komme ich mehr oder minder zwangsläufig mit allerlei Angehörigen der Betriebe in Kontakt, und bis auf wenige Ausnahmen hatte ich gar nicht mal das schlechteste Gefühl dabei.

So, ich hoffe, dass das eine angemessene Antwort war. Für alles weitere ist die Kommentarfunktion da.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Antwort vom TVB

In meinem letzten – bei bildblog verlinkten (wow!) – Eintrag habe ich neben dem ganzen Schmu im Artikel bei bild.de auch thematisiert, dass ich mich via Mail an den TVB gewandt habe, um bezüglich des etwas verunglückten Zitates von Boto Töpfer eine Stellungnahme zu bekommen. Die Mail war sehr direkt, und ich hab – gerade als bildblog-Leser – natürlich die Möglichkeit mit eingeschlossen, dass das Zitat falsch sein könnte. Meine Mail sah ungekürzt wie folgt aus:

Guten Abend,

sicher ist ihnen der unschöne Artikel bei bild.de über unsere Branche nicht entgangen.

http://www.bild.de/BILD/regional/berlin/aktuell/2011/01/28/grosser-berliner-taxi-test/branche-in-der-kritik.html

Als Berliner Taxifahrer und zugleich Blogger bin ich immer interessiert an derartigen Meldungen. Interessant an diesem Artikel fand ich die Worte, mit denen Herr Töpfer mit Verweis auf den TVB zitiert wurde:

„Dass keine Fahrt über Umwege gelaufen ist, ist verwunderlich. Denn gerade bei Kurzstrecken haben wir oft Beschwerden von Kunden.“

Dass es diese Beschwerden gibt, weiß ich aus meinem Arbeitsalltag nur zu genau, von einem Branchenverbandssprecher aber ausgerechnet Verwunderung über Ehrlichkeit zu hören, irritiert.
Nun ist die Bild nicht gerade für seriöse Berichterstattung bekannt und ich wollte deswegen anfragen, ob

a) dieses Zitat richtig ist und

b) dieses Zitat so für sich stehen sollte, oder aus einem größeren Zusammenhang gerissen wurde.

Für den Fall, dass dieses Zitat richtig ist, würde ich mich über eine Erklärung freuen, weswegen man einer bekannt reisserisch berichtenden Zeitung so einen negativen Satz vorlegen musste.

Ich wäre erfreut, ihre Antwort in meinem Blog rund ums Taxifahren

http://www.gestern-nacht-im-taxi.de

zitieren zu können.

Vielen Dank im Voraus,

Sascha Bors

Erfreulicherweise erreichte mich heute Nacht noch eine Antwort, und zwar von Herrn Töpfer persönlich. Sie ist sehr ausführlich, mitnichten eine Standardantwort, und am Besten ist es wohl, sie auch hier zu zeigen. Ich wollte sie zunächst ausschnittsweise zitieren, da sie sehr lang ist und z.B. auf das Thema Schwarzarbeit weiter eingeht als es im Zusammenhang mit dem Zitat notwendig wäre. Ich habe aber nun beschlossen, die Mail zunächst unkommentiert stehen zu lassen, damit sich jeder selbst ein Bild davon machen kann, gerne auch öffentlich unter Einbeziehung der Kommentarfunktion. Ich werde Herr Töpfer noch einmal persönlich kontaktieren.

Bitte sehr:

Sehr geehrter Kollege Bors,

vielen Dank für Ihre Mail vom 1.2.2011 an den TVB.

„Dass keine Fahrt über Umwege gelaufen ist, ist verwunderlich. Denn gerade bei Kurzstrecken haben wir oft Beschwerden von Kunden.“ In dieser Äußerung werde ich richtig zitiert.

Das Interview fand unangemeldet am Telefon statt und war von sehr kurzer Dauer. Der Interviewer war verwundert, dass ich das für die Berliner Taxifahrer gute Testergebnis nicht mit Begeisterung quittierte. Daraufhin machte ich die zitierte Äußerung.

Meine Verwunderung richtete sich zunächst auf den Aspekt, ob das Testergebnis vom Interviewer selbst richtig verstanden worden war. Denn ich kannte den Test selbst nicht und musste mich also auf die Interpretation des Interviewers verlassen. Dieser versicherte mir, dass kein Fahrer Umwege gefahren sei. Wie ich später im Testbericht las, ist der „unerfahrene Fahrer“ aber für 29 € von der Sonntagstr. zum SXF gefahren, Kollege Cengiz T. für 31,20 €. Offensichtlich ist dem Interviewer also nicht klar geworden, dass Cengiz einen Umweg von 1,7 km gefahren ist – nicht ganz unerheblich zu Lasten des Kunden. Und auch der „freundliche Fahrer“ ist 1,2 km Umwege gefahren – und das, obwohl der Beste in dieser Dreierrunde sich erstmal in einer Sackgasse verirrt hat und dabei gewiß auch unnötige Strecke verbraucht hat. Ich denke, meine Verwunderung ist hier also angebracht.

Der zweite Aspekt meiner Verwunderung richtete sich auf die Frage, ob das Testergebnis mit drei Fahrten auf sechs verschiedenen Strecken repräsentativ sein kann. Diese Frage richtete ich auch an den Interviewer, der meine Bedenken als unverständlich abtat. Sie haben in Ihrer Stellungnahme zum Taxi-Test sehr gut begründet, dass dieser Test natürlich nicht repräsentativ sein kann und daher wertlos sein muss! Auch hier scheint mir meine Verwunderung gerechtfertigt zu sein.

Ich bin also nicht über die Ehrlichkeit der Taxifahrer verwundert. Die allermeisten sind sicherlich bemüht, auf dem kürzesten Weg wie vorgeschrieben den Fahrgast zu befördern. Ich bin über das Zustandekommen und die Auswertung des Test verwundert, denn leider gibt es zuviele Kollegen, die nicht wie vom Interviewer behauptet den kürzesten Weg fahren – siehe Sonntagstraße – SXF. Das zeigt uns auch der Beschwerdeeingang im TVB, den wir sehr genau auswerten. Fahrten von TXL zum Ku-damm für 35 € sind da keine Seltenheit. Es sind diese Fahrten und diese Kollegen, die uns Taxifahrer in Misskredit bringen. Und beim nächsten Mal fahren wir dann nicht mehr, sondern der nette Neffe mit seinem neuen Auto, mitgesponsort durch die Tante, nimmt uns diese Tour dann weg!

Abschließend noch eine Bemerkung zur Schwarzarbeit, die natürlich bei solchen Tests überhaupt nicht erkannt werden kann. Das haben Sie völlig richtig geschrieben! Mit Schwarzarbeit verbinden die meisten Interviewer das Fahren ohne eingeschalteten Taxameter. Diese Form von Schwarzarbeit ist ja nur ein kleiner Teil des Problems, den die meisten Fahrer auch ablehnen und daher nicht praktizieren.

Das Problem Schwarzarbeit bedeutet ja für alle sauber abrechnenden Taxifahrer und Unternehmer eine unerträgliche Wettbewerbsverzerrung, da hier Steuern und Sozialabgaben von leider viel zu vielen Betrieben kleingerechnet werden. Es ist schon ein Unterschied, ob ein Unternehmer für ein zweischichtig gefahrenes Taxi 700 € jährlich an die Berufsgenossenschaft überweisen muss oder nur 175 €. Während der Ehrliche noch die 525 € einfahren muss, liegt der Verkürzer schon am Strand und genießt den Urlaub. Wohlgemerkt, der Verkürzer hatte die gleiche Lohnsumme wie der Ehrliche! Nur angegeben hat er sie nicht. Rechnet man diese Wettbewerbsverzerrung auf alle Sozialversicherungszweige um und bezieht auch noch alle Arten von Steuern ein, die zu zahlen sind, haben Sie, ich und alle sauber wirtschaftenden Kollegen einen Wettbewerbsnachteil von 5000 – 6000 € im Jahr. Bei mehreren Taxen in einem Betrieb muss man diese Beträge sogar noch multiplizieren.

Obwohl wir also als Taxifahrer alle den gleichen Job machen, spielen alle Beteiligten in zwei unterschiedlichen Ligen, was den Ertrag angeht. Eine unerträgliche Ungerechtigkeit. Diese Art des massiven Betrugs geht Gott sei Dank nicht zu Lasten des Fahrgastes und so wird der Fahrgast auch nicht wegbleiben. Deshalb sollten wir offen im Taxigewerbe über das Problem Wettbewerbsverzerrung reden. Wir im TVB tun dies.

Ich hoffe, ich konnte Ihrer Bitte um Erklärung zum Interview entsprechen. Sie können auch gerne meine Stellungnahme in Ihrem Blog zitieren. Ganz besonders würde ich mich freuen, wenn Sie mich im TVB ansprechen würden, falls Ihnen etwas stinkt. Kritische Kollegen wie Sie sind im TVB immer sehr willkommen!

Mit kollegialen Grüßen

Töpfer