Faulheit, letztes Level

Zunächst hab ich mich geärgert. Kam da doch tatsächlich auf der  Petersburger Straße Richtung Süden ein Kollege mit angeschalteter Fackel entlanggeschossen und überholte mich kackedreist, obwohl ich selbst leer unterwegs war. Grmpf! Das macht man nicht!

Dann sind mir die Gesichtszüge noch etwas mehr entgleist, denn der Kollege war im engeren Sinne keiner – es war ein Brandenburger aus dem Landkreis LDS. Also hat der Kerl nicht nur gegen eine ungeschriebene Regel verstoßen, sondern sich tatsächlich illegal bereitgehalten. Bis zu seinem Heimatlandkreis waren es locker noch 20 Kilometer – das ist schon mehr als nur dreist.

Dann tauchten am rechten Straßenrand plötzlich Winker auf. Lustige Situation, denn wenn er angehalten hätte, hätte er auch Ärger gekriegt. Ich gönne den Kollegen aus LDS ihre Kunden, ich bin da nicht so feindseelig wie mancher Kollege. Aber das Taxigewerbe in LDS hat sich erbittert den Schönefelder Flughafen erstritten und wacht mit Argusaugen darüber, dass ja kein Berliner Taxi vielleicht auch nur versehentlich eine unerlaubte Tour von Schönefeld aus kriegt, da kann man umgekehrt doch die gleichen Standards verlangen …

Aber der Kollege fuhr ohne mit der Wimper zu zucken (ok, das hab ich nicht gesehen, aber zumindest hat er nicht mal kurz angebremst) vorbei. Kann sein, dass ihm klar war, dass ich hinter ihm bin, sah aber tatsächlich so aus, als jucke es ihn nicht. Schon sein Tempo flüsterte unhörbar: „Nur schnell weg aus dieser irren Stadt, flieh! Sofort!“

Wenn ich das mal gutgläubig annehme, dann muss ich mich doch fragen, was einen bei einer mehr als 20 Kilometer langen Fahrt davon abhält, wenigstens die Fackel auszuschalten. Das ist ein Knopfdruck, der eventuell mehrere Anfeindungen und Missverständnisse verhindert. So schwer kann’s doch echt nicht sein.

Am Ende wäre es noch lustig gewesen, wenn die Kunden nach Schönefeld gemusst hätten. War aber leider nur eine Kurzstrecke zum S-Bahnhof Warschauer … 😀

12 Kommentare bis “Faulheit, letztes Level”

  1. Joern sagt:

    Naja, vielleicht hat er es ja nur vergessen.

    Kurze Frage: Ist das denn für den Fahrer immer eindeutig erkennbar? Ich habe (als Fahrgast) bei Mercedes-Taxis schon öfter gesehen, dass das im Tacho (in dem Display-Teil, der auch Bordcomputer, Radio, Navi etc. anzeigen kann) als Menüpunkt angezeigt wird (d.h. man kann es wohl über die Lenkrad-Steuerung dann auch ausschalten).

    Ich habe auch schon Fahrer erlebt, die mit eingeschalteter Fackel (konnte ich im Spiegelbild sehen) und ausgeschaltetem Taxameter angefahren sind, als ich eingestiegen war. Laut Fahrer schaltet beides automatisch um, wenn er mit Fahrgast (Sitzkontakte) mehr als ein paar Meter gefahren ist. Fackel geht dann mit dem Abschalten des Taxameters wieder automatisch an … klingt nach extremer Faulheit 🙂

  2. elder taxidriver sagt:

    Eventuell war er auch besonders fleißig ?

    Schon out of area zu fahren, das machen womöglich gar nicht alle Brandenburger? Nach Berlin, da wollte er wohl schnell wieder zurück um wieder offiziell laden zu können. Und , fremdes Land, fremde Stadt : Da ist man leicht mental an der Grenze, an der Kapazitätsgrenze . Und die seinige kennen wir ja nicht.. Vermutlich ging es ihm so wie mir nach 20 Minuten im Kaufhaus: Bloß schnell raus.

  3. Zugfahrer sagt:

    Schweinerei, demnächst die Fackel automatisch via GPS ausschalten lassen 😉

  4. Sash sagt:

    @Joern:
    Kann alles sein. Ich hab jetzt auch keinen Überblick, wie erkenntlich die Schalter für die Dachleuchten überall sind. Ist ja auch von Modell zu Modell unterschiedlich. Oder von Taxiausstatter zu Taxiausstatter.
    Dass das bei Sitzkontakten alles automatisch geht, kann ich mir schon vorstellen. Unter Umständen geht es dann auch gar nicht anders. Bei mir brauchen Taxameter und Fackel nach einer beendeten Tour auch ein paar Meter, bis sie sich wieder bereitstellen. Das kann ich gar nicht beeinflussen. Wird dem von Dir genannten Kollegen umgekehrt vielleicht ebenso gehen.

    @elder taxidriver:
    Grundsätzlich gebe ich Dir Recht. Aber wenn man (wie LDS-Fahrer sicher häufiger als Berliner) über Stadtgrenzen fährt, dann ist das doch irgendwie drin, oder? Ich meine, der wird ja sicher schon das ein oder andere Hupkonzert oder sonstiges erlebt haben. In Berlin ist ja in jeder Ecke ein Fahrer und die meisten sind sehr viel schlechter auf die Kollegen von außerhalb zu sprechen. Und selbst ich mit meinen gelegentlichen Umlandfahrten reagiere recht geübt auf das Ortsschild mit dem dicken B drauf.

    @Zugfahrer:
    Naja, hat alles seine Vor- und Nachteile. Wäre inzwischen sicher zu machen, ist aber teilweise auch wieder ungenau. Ich hab mal – keine Ahnung, ob es eine Urban Legend ist – von einem Taxifahrer gehört, der von einem Blitzer 50 Meter vor der Landkreisgrenze geblitzt wurde und dank angeschalteter Fackel gleich noch den Zettel dafür zusätzlich zugeschickt bekommen hat. An schlechten Tagen kann einem das mit miesem GPS-Sender auch passieren. Da wird’s dann rechtlich lustig. 😉

  5. Aro sagt:

    Die Zahl der LDS-Fahrer hat sich im letzten Jahr verzehntfach. Die dazu gekommen sind, sind aber keine Dorfies, sondern Taxis, die vorher in Berlin gefahren sind. Man erkennt das noch gut an den Konzessionsnummern, die i.d.R. vierstellig sind.
    Hintergrund ist natürlich die Hoffnung, in Schönefeld pro Tag mehrere so gute Fahrten zu bekommen, dass sich die Fahrt zurück wieder lohnt. Nach der Schicht stehen sie dann aber reihenweise wieder überall in Berlin rum.

  6. Ich lehne mich jetzt sehr weit aus dem Fenster… Aber vielleicht… Vergessen?

    Ansonsten kenn ich auch Unternehmer, die ihre „Vögel“ verplomben (also, die Kabel sind nicht ohne Nachweis abzuziehen) und die entsprechenden Schalter totlegen. Könnte ja jemand auf die Idee kommen, das Ding auszuschalten um eine Fahrt ohne Uhr für die Tasche zu machen…

  7. Sash sagt:

    @Aro:
    Kenne ich. Bei mir ums Eck wohnt wohl auch einer davon. 🙂

    @Torsten Bentrup:
    Wie gesagt: Vergessen halte ich für fragwürdig. Siehe mein Kommentar oben. Aber ehrlich: Unternehmer, die die Fackel verplomben? Meine Fresse, so viel Misstrauen hätte ich nicht einmal unserem Gewerbe zugetraut.

  8. Marco sagt:

    @Torsten, Sash: vor allen Dingen: wie wirksam soll das Verplomben denn sein? Wenn ich schon Fahrten ohne Uhr in die eigene Tasche mache, warum soll ich die nicht mit eingeschalteter Fackel machen? Ich meine, ist es denn wirklich realistisch, dass jemand genügend Kriminelle Energie für Betrug und Steuerhinterziehung besitzt, aber Skrupel hat, besetzt mit eingeschalteter Fackel zu fahren?

  9. Was das bringt? Paderborn ist ein Großdorf. Besagter Unternehmer ist einer der beiden Größten. Beim anderen „Platzhirsch“ werden die Fahrer übrigens per GPS mitgeloggt, die Fahrer dürfen nichtmal ihre Pausen selbstständig machen… Ist hier alles deutlich anders als in echten Großstädten, hier sind wir noch deutlich stärker weisungsgebundene Arbeitnehmer und nicht Fastselbständig Tätige wie bei Euch.

    Aber zurück zur Frage: Chefs fahren auch gerne mal nach Feierabend durch die Gegend. Und die mögen es in der Regel nicht so, wenn die Fackel an ist und da sitzt nen Fahrgast drin. Und dann gibts natürlich auch noch die Schleimer-„Kollegen“, die in einem solchen Fall auch gerne petzen.

    In besagtem Unternehmen existiert allerdings folgerichtig seit Jahrzehnten ein Wettlauf. Sitzkontakte eingebaut? Die Kabel sind schnell gefunden und demontiert. Bei „schlauen“ Fahrern sogar per Schalter, damit der nächste Kollege auf der Karre nix merkt. Man rüstet auf auf Lichtschranken? Schwunghafte Sammelbestellungen von Lichtleiterkabeln im Kollegenkreis… „Lohnerhöhung auf menschenwürdiges Niveau wollt Ihr? Ihr bescheisst mich doch eh alle, nix gibts…“

    Kurz: Sympathisches Unternehmen, bei dem größtenteils auch ebensolche Fahrer hängenbleiben. Wer ehrlich ist, kann kaum davon leben. Wer trickst, kann es. Darf sich halt nur nicht erwischen lassen. Sonst steht auch schonmal die Polizei in der Zentrale zum Schichtwechsel…

    Bin ich froh, daß ich damit keine Last mehr habe… Mein Cheffe ist da deutlich anders gestrickt.

  10. Sash sagt:

    @Torsten Bentrup:
    Ach!
    Hey, ich muss Dir mal wieder meinen Respekt zollen. Dass Du in derart feindseeliger Umgebung den Job noch magst – Glückwunsch! Natürlich wird es vergleichbare Unternehmen in Berlin auch geben, aber das entzieht sich meiner Kenntnis und ist insgesamt halt höchst irrelevant.
    Es hat natürlich alles Vor- und Nachteile. Bei Euch ist eine Überwachung noch realistisch, bei uns nicht. Dafür habt ihr deutlich mehr Umsatz und profitiert auch vom Chef (bezüglich des Umsatzes).

  11. Marco sagt:

    @Torsten: OK, das sind in der Tat ungeahnte Ausmaße der Überwachung, Kontrolle und gegenseitigem Beschiss…

  12. Maik aus Wilhelmshaven sagt:

    Moin!

    Kann es nur bestätigen, in den von Mercedes ausgerüsteten Taxen ist das Ein/Ausschalten der Fackel Teil des Bordcomputers und funktioniert über die Lenkradsteuerung. So muß man dann auch mehr als eine Taste drücken, um die Fackel auszumachen, aber auch das sollte zumutbar sein 🙂
    Bei den Volkswagen sind es recht große Schalter, meist in der Nähe auch der Schalter für die spezielle Taxiinnenraumbeleuchtung.

    Und bislang haben alle Uhrmodelle in allen Autos die ich fahren durfte, einen kleinen Moment (oder eben ein paar Meter) gebraucht, um wieder in den „Frei“-Modus zu springen. Ebenfalls ja, natürlich springt die Uhr bei Sitzkontakten selbstständig an, ist ja Sinn der Dinger. Und natürlich geht dann die Fackel aus, denn bei eingeschalteter Uhr darf sie ja gar nicht leuchten. Und entsprechen umgekehrt geht sie dann auch wieder an, wenn man die Uhr ausstellt 🙂
    Bei der letzten E-Klasse, die ich gefahren habe, sprang auch die Innenraumbeleuchtung automatisch beim „Kasse“ drücken der Uhr an, und wenn die Uhr in den „Frei-Modus“ sprang, ging diese auch wieder aus… (….vielleicht wurde der Strom ja direkt ins Dachschild weitergeleitet 🙂 )

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