Das erste Todesopfer

Das erste direkte Todesopfer zumindest. Wie viele ich dank meiner Arbeit schon auf dem Gewissen habe, lässt sich nur schwer ermitteln. Keine Ahnung, ob ein Opel-Mitarbeiter nach dem nervigen Einbau des Armaturenbretts der 1925 Selbstmord begangen hat, oder wie viel die Abgase im Rahmen meiner Personenbeförderung zum ein oder anderen Lungenkrebs in Berlin beigetragen haben. Wie beinahe bei jedem Job ist auch beim Taxifahren nur schwer zu erfassen, auf wie vielfältige Art man seiner Umwelt gerade das Leben versaut oder ggf. beendet.

Heute Nacht hab ich wohl tatsächlich eine Ratte erwischt. Und lustig finde ich das eigentlich nicht, ich kenne Ratten ja auch mehr als intelligente Haustiere, denn als die verrufenen Schädlinge. Vielleicht war es sogar eine sehr sympathische Ratte, die erst kurz zuvor einem Nazi in die Wohnung gekackt hat – immerhin hab ich sie auf der Weitlingstraße erwischt.

Absicht war es also nicht. Ich hab noch gebremst, als sie – gefühlt schneller als ich in der 30er-Zone – auf die Straße gerannt ist. Mit einem Schimmer Hoffnung hab ich gesehen, wie sie dann ängstlich mitten auf der Straße kauerte, denn so konnte ich sie wenigstens zwischen die Räder bekommen.

„Bleib ruhig sitzen, dann ist es in einer Sekunde vorbei und wir setzen danach einfach beide unseren Weg fort …“

Knackknack.

Da ist sie wohl nicht sitzen geblieben. 🙁

19 Kommentare bis “Das erste Todesopfer”

  1. Wahlberliner sagt:

    Ich traue Tieren da eine gewisse natürliche Intelligenz zu, d.h. die wissen das (gerade, wenn sie so intelligent sind wie Ratten – die leben ja in der Stadt und mit Autos zusammen) und begehen in solchen Situationen bewusst Selbsttötung. Was es natürlich unter keinen Umständen rechtfertigt, gezielt Tiere zu töten (zumindest keine, die man nicht vor hat, danach zu verspeisen).

  2. Raoul sagt:

    Du hättest sie erst aufwändig trainieren müssen. Mit Zeitspielchen und Bestrafe-Stromstößen. So wird das natürlich nichts…

  3. aus guten Grund diesmal ohne Namen sagt:

    Meine Güte, musstest du das hier so plastisch schildern? Mir dreht sich ja der Magen um! *meine kleine Cappu nehm und herz*
    Und die beiden ersten Einträge lassen vermuten, dass man, wenn an sich auch nur als Symphatisant dieser Tiere outet, hier gnadenlos verhöhnt und gequält wird – diese Tiere haben eben in der breiten Bevölkerung keine Lobby, und deren Besitzer werden kaum besser behandelt.

    Ich glaube, es wäre fast besser, den Eintrag ganz zu löschen.

  4. Julius sagt:

    Da es gerade halbwegs ins Thema reinpasst: In wie fern ist es in Deutschland erlaubt, überfahrene Tiere von ihrem Leid zu erlösen? Natürlich in Fällen wo 100%ig sicher ist, dass auch ein Tierarzt nicht mehr helfen kann.

    Nie? Nur als Tierarzt?
    Wird da nach überfahrenen Tieren unterschieden?

    Vielleicht weiß ja jemand mehr 🙂

  5. elder taxidriver sagt:

    Das ist ja noch gar nichts..

    Ich habe mal ein Wildschwein tot gefahren, das nach fünf- Minuten-auf- der-Königsallee-herumliegen, wieder plötzlich lebendig war und sich vom Unfallort entfernt hat. In den Wald rin. Obwohl ich die Polizei gerufen hatte. Na, die Bullen ( so hatte man sie früher genannt), waren sauer. Erst mal dass ich sie rufe wegen so etwas und dann hatte ich statt Königsallee Onkel Tom Straße genannt als Unfallort. Die sehen aber nachts echt gleich aus..

  6. highwayfloh sagt:

    @Julius da gabs erst kürzlich ne interessante Diskussion zu so einem Fall bei der „Passauer Neue Presse“. Ging um eine Katze.

    Rechtlich:

    Alle Tiere die unter das „Jagd-Gesetz“ fallen dürfen / müssen von den Jägern oder ggfs Polizei erlegt werden bzw. den „Gnadenschuß“ erhalten (wenn Du das Tier selbst erlöst – so traurig es auch ist, würde sogar Tierquälerei relevant werden, paradoxerweise…. da man ja kein ausgebildeter und geprüfter Waidmann ist).

    Bei anderen Tieren siehts anders aus, wie z.B. Katzen …. da fühlt sich keiner Zuständig, aber wenn Du Pech hast, wirste trotzdem von einem Zeugen angezeigt, weil Du das Tier umgebracht hast und nicht zum Tierarzt.

  7. Sam sagt:

    Ich habe während der Überlandfahrt in der Fahrschule einen Frosch überfahren. Es war schon dunkel und wir im Wald unterwegs und er sprang auf die Straße und bewegte sich dann nicht mehr weiter. Der muss es sich dann auch kurz vorher wieder anders überlegt haben, eigentlich hätte der nämlich auch zwischen den Rädern sein müssen, aber dann war er doch drunter…

  8. elder taxidriver sagt:

    Bei Fröschen ist , quak quak, noch dies interessant:

    Die haben nicht auf der Netzhaut wie wir ein ständiges farbiges Bild präsent mit allem was sich ins Bild herein- und heraus begibt, sondern bei denen sieht ihr Wirklichkeits-Abbild irgendwie grau aus und sie reagieren nur auf ‚Bewegung‘ weil sie nur diese wahrnehmen.

  9. Wahlberliner sagt:

    @aus guten Grund diesmal ohne Namen: Nur um das klarzustellen: Mein Kommentar enthielt keinesfalls in irgend einer Weise Hohn oder Spott. Auch respektiere ich – selber Tierhalter, tierlieb und Verfechter des Lebensrechts Aller – jede Tierartspezifische Affinität. Ich kenne mich zwar mit Ratten als Haustieren nicht aus, aber ich habe auch schon Menschen gekannt, die eine solche dabei hatten – und die Tiere, wenn ich das durfte, auch mal vorsichtig gestreichelt etc. Eine Ratte – jedoch nicht, wenn sie frei lebend in/unter der Stadt geboren und aufgewachsen ist – ist ein veritables Haustier, und als solches genauso zu achten, wie ein Hund oder eine Katze. Die „wild“ bzw frei lebenden sind halt wie alle wild lebenden Tiere aus einer Art „Parallelwelt“, sie haben mit uns Menschen außer als Nahrungsquelle nicht viel am Hut und das war’s. Die wissen sehr wohl, dass sie sich vor den menschlichen „Errungenschaften“ vorsehen müssen, und wenn ich dann sowas lese, wie oben, gehe ich von einem bewussten Akt der Selbsttötung aus.
    Ich verwehre mich gegen Deinen Vorwurf!

  10. Raoul sagt:

    @aus guten Grund diesmal ohne Namen: Keine Angst, ich hätte mich auch bei einem Hund oder einer Katze um einen herzlosen Kommentar bemüht.

  11. Wolfy sagt:

    Selbstmord?
    Hrm. Wie wäre es mit einem tierischen Kandidat für den Darwin-Award? Sie sah das Auto kommen, peilte seine und ihre Geschwindigkeit an und begutachtete den Weg, der zwischen Auto und Ratte lag und dachte sich „das schaff ich noch!“

    Ganz im ernst: solche depperten Tiere gibt es.
    Ich erinnere mich da ein Fast-Unfall, bei dem ein doch recht beeindruckender Hirschbulle (mit den beeindruckensten Geweih, dass ich jemals in freier Wildbahn am lebenden Tier gesehen habe – wahrscheinlich einer der wenigen Rothirsche bei uns im Gebiet) keine zwei Meter vor unseren fahrenden Auto die Straße überquerte. Am Tag. Und mit einer so großen Geschwindigkeit, dass er mit zwei Sprüngen über den Asphalt (ist so eine anderthalbautobreiten-Straße) war.

  12. Aro sagt:

    Ach Sash,
    Du Glücklicher. Ich war mal in einer ähnlichen Situation: In der Ackerstraße sah ich eine Katze am Straßenrand sitzen, die mich neugierig beobachtete. Ich fuhr extra etwas langsamer, falls sie doch noch…
    Und dann, etwa ein Meter vor mir, rannte sie los, ich habe keine Ahnung, wieso. Ihr Vorderleib schaffte es auch noch, vom Rad nicht überrollt zu werden. Ich stieg natürlich geschockt aus und als ich sie da liegen sah, noch lebend, aber ohne Hoffnung, habe ich die schlimmste Fahrt meines Lebens gemacht und sie bewusst komplett überrollt. Ich wollte nicht, dass sie noch leiden muss.

    Danach war ich so fertig, dass ich zwei oder drei Tage nicht mehr fahren konnte. Mein damaliger Chef hatte dafür kein Verständnis und hat mir wegen „Arbeitsverweigerung“ eine Abmahnung geschrieben. Aber das war egal.

  13. Sash sagt:

    @Wahlberliner:
    Naja, über die gezielte Tötung von Tieren kann man trotz Verspeisungsabsicht streiten. Aber das Fass wollte ich mit dem Artikel echt nicht aufmachen. Bewusste Selbsttötung halte ich allerdings auch für eine gewagte Theorie, wo Panik und Reflexe doch eigentlich näher liegen.

    @Raoul:
    Also wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich Ratten sicher nicht beibringen, wie man die Straße überquert.

    @aus gutem Grund diesmal ohne Namen:
    Also bezüglich des Begriffs „plastisch schildern“ werden wir uns wahrscheinlich nicht einig.
    Was die Stigmatisierung von Ratten als Haustiere angeht, bin ich mir sicher, dass das nur noch eine Frage der Zeit ist, bis das aufhört. Viele ältere Leute haben sie halt noch als furchterregende Krankheitsüberträger kennengelernt und sowas setzt sich halt irgendwann fest. Ich kenne in meinem Umfeld jedenfalls keinen mehr, der ernstlich Probleme mit Ratten hätte.

    @elder taxidriver:
    Plötzlich wieder lebendig werdende Tiere sind auch ein ganz eigenes Problem – und so ein Wildschwein überredet man dann ja auch nicht so leicht zum Bleiben. 🙂

    @highwayfloh:
    Interessant. Hab ich zwar auch schon mal irgendwo gelesen, hatte es aber nicht parat.

    @Wolfy:
    Man sollte natürlich auch nicht vergessen, dass Tiere anders auf Autos reagieren als Menschen. Als Gefahrenquelle nehmen sie diese sicherlich wahr, mit dem Abwägen von Optionen dürfte es bei den meisten aber wohl nicht weit her sein.

    @Aro:
    🙁
    War sicher richtig – jetzt mal egal, ob rechtlich ok oder nicht. Aber ich bin gerade ernsthaft am Überlegen, ob ich es gekonnt hätte. Dabei halte ich mich ja eigentlich doch für einen pragmatisch handelnden Menschen. Aber ich hätte die Auszeit sicher auch gebraucht und mir wäre der Chef da ebenso egal gewesen wie Dir.

  14. Wahlberliner sagt:

    @Sash: Richtig. Meine Meinung dazu: Besser nicht töten und essen. Wenn es unbedingt sein muss, dann idealerweise selbst machen (damit man das Erlebnis des tote Tiere Verspeisens auch vollumfänglich auskosten kann). Im Laden kaufen ist ja einfach, kann ja jeder.
    Und nein, ich spreche nicht aus Erfahrung. Würde es aber gut finden, wenn das so liefe, weil dann weniger Tiere industriell zum Verzehr „gefertigt“ würden. Egal, wollte nur kurz meine Meinung zu dem Nebenthema hier reinpupen, jetzt zum eigentlichen Thema weiter:
    Die meisten Menschen trauen Tieren weniger Bewusstsein/Verstand zu. Ich glaube schon, dass da mehr ist, als man allgemein so denkt (oder mancher gar für möglich hält), selbst so kleinen Tieren wie Ratten. Dass Tiere den Tod ganz anders „ansehen“ als wir Menschen, ist für mich aber auch klar.

  15. werner sagt:

    servus, sash!
    ich hab dich auf meinen blog verlinkt.
    ich bin 25 jahre taxi gefahren und jetzt seit august in der pension, aber immer noch an drei tagen auf tour.
    lese deinen blog gern,
    auch den vom thorsten in paderborn.
    lieben gruß,
    werner
    yaddac.blogspot.com
    twitter.com/mathematikos
    gplus.to/michaelherzberg

  16. Der Banker sagt:

    Ratten wissen in einem bestimmten Umfang, was sie gerade tun. Experimente haben ergeben, dass die „beschreiben“ konnten, ob sie sich gerade putzen, fressen, trinken oder schlafen. Aber „sich kratzen“, das war ihnen nicht bewusst.
    Und aus meinen eigenen Beobachtungen wissen sie auch nicht, wo ihr Schwanz ist. Es geht über „hinten“ nicht hinaus. Wenn eine Ratte auf einer oberen Etage sitzt und ihr Schwanz hängt eins tiefer und irgend so ein Spielkind zwickt rein, können sie denjenigen nicht lokalisieren – und kommen auch nicht drauf, den Schwanz da wegzunehmen.

    Von dem Auto hat die Ratte nichts gesehen. Zwei grelle Lichter, und plötzlich war Schatten über ihr, Lärm und ein Luftzug. Ratten geraten in Panik, wenn sie etwas von oben greift, wilde noch mehr als domestizierte, die es gewöhnt sind, angefasst und gestreichelt zu werden.
    Ratten sehen kaum was… und schon gar kein KFZ auf 5 Meter.
    Dieses Gerede von Selbstmord ist Vollquatsch.

  17. Der Banker sagt:

    BTW: wenn einem was zustößt, weswegen man sich dann psychisch nicht in der Lage fühlt, arbeiten zu gehen, kann man sich krank schreiben lassen.

  18. S-Man sagt:

    „Vielleicht war es sogar eine sehr sympathische Ratte, die erst kurz zuvor einem Nazi in die Wohnung gekackt hat“
    Herrlich 🙂

  19. highwayfloh sagt:

    Und eine eigene Begebenheit als ich mal eine Ausflugsfahrt mit „Frau Mondzwerg“ gemacht hatte … da hoppelte ein ganz junges Eichkätzchen (bayrisch „Oachkatzerl“) über die Straße, und wir mögen diese Tiere einnfach…

    Ich konnte, da gottseidank niemand hinter mir war, meine Geschwindigkeit reduzieren um es nicht zu überfahren. Da bleibt es plötzlich auf der Fahrbahn sitzen (wäre auch kein Problem gewesen) und dreht sich um und rennt wieder zurück… genau unter den Autoreifen… . Wir hatten beide keine Chance mehr – leider … tut mir heute noch leid um das Vieh!

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