Die Kollegen Dunning und Kruger

Der Dunning-Kruger-Effekt ist für mich eine sehr gute Erklärung, warum man mit Idioten so viele Probleme hat. Idiotie alleine wäre oftmals allenfalls eine niedliche Macke und im privaten Bereich vielleicht sogar recht unterhaltsam. O.g. Effekt beschreibt das, was uns dann aber allen auf den Keks geht:

Eben durch ihre Inkompetenz fehlt den Leuten die Einsicht, dass sie inkompetent sind. In der Folge fehlt – flapsig ausgedrückt – just den größten Idioten die Ahnung, dass sie keine Ahnung haben, Sie werden ihre Meinung selbstsicher vertreten, sich überschätzen und erst Recht schlecht blicken, wenn jemand anders cleverer ist. (Wikipedia zum Dunning-Kruger-Effekt)

Das Schöne daran ist: so lange man der selben Meinung ist, passiert auch nix. Im Dienstleistungsbereich gerät man aber immer mal wieder in Situationen, in denen die Meinung von Kunde und Dienstleister aufeinander treffen. Da die beiden Parteien von den Umständen des Gegenüber oft recht wenig wissen, begibt man sich somit leicht auf’s Glatteis eines Kompetenzgefälles – und nicht immer kommt man dabei vorwärts, ohne auf die Nase zu fliegen.

Ich stand letztes Wochenende in Hohenschönhausen und war eigentlich schon vorab ein wenig verärgert, weil ich wegen einer unglücklichen Infopanne umsonst dorthin gefahren war. Scheinbar war das Glück mir jedoch hold und sandte mir ein paar Fahrgäste. Na prima?

Denkste!

„Na endlich sind Sie da!“

„Oh! Hatten Sie etwa ein Taxi bestellt?“

„Na sicher – sie sind doch Suleyman!“

„Ähm, nein. Leider nicht! Aber ich bin sicher, der Kollege kommt gleich.“

„Können Sie uns nicht einfach kurz mit dem Kind hier durch die Gegend fahren?“

Ich hab mich überwinden müssen, sie nicht einfach einzuladen. Aber es wäre unfair dem Kollegen gegenüber gewesen und zudem hätte ich für das Kind wirklich keine passende Sicherung gehabt. Dafür war es schlicht zu klein. Ich habe also freundlich, dennoch bestimmt, verneint und sie gebeten, doch kurz zu warten.
Für den ersten Moment schienen sie das auch zu akzeptieren. Ich hatte noch kurz was im Auto rumzuräumen, stand also noch etwa fünf Sekunden da. Dann riss der Typ, Marke Möchtegern-Irgendwas mit Karohemd und Brille, abermals die Beifahrertür auf und schnauzte mich an:

„So ein Scheiß! Erst schicken Sie uns mit dem Kind hier durch die Gegend und dann wollen Sie uns nicht mitnehmen! Eine Frechheit!“

Keine Ahnung, wie es euch so geht, aber ich lass mich ungern anschreien. Schon gar nicht, wenn ich nichts für den Ärger kann. Am liebsten wäre ich natürlich rübergegangen, hätte den Kerl gefechtsunfähig gemacht und ihm vorgeworfen, der Blödheit der Menschheit Vortrieb zu leisten, indem er sich auch noch vermehrt. Wäre sicher befriedigend gewesen, aber ich halte es da dann doch mit Fettes Brot:

N‘ dummer Bauer
mit blaugehau’nen Augen
wär keine Nummer schlauer
das wäre blauäugig zu glauben …

(witzigerweise ein Text, der auf einen Taxifahrer bezogen ist)

Aber hey: ich hatte überhaupt niemanden irgendwohin geschickt und ich hätte sie eigentlich sehr gerne mitgenommen. Außerem wusste ich, dass ich nicht bestellt war, dass noch ein Taxi unterwegs ist und dass ich die Fahrt wegen fehlendem Kindersitz gar nicht hätte machen dürfen. Für mein Gegenüber, immerhin erwachsen genug um ein Kind zu tragen, stand ganz offensichtlich die Gleichung fest:

„Ich hab ein Taxi bestellt + da steht ein Taxi = mein bestelltes Taxi ist da“

Für mich war das etwas unbefriedigend, denn nach kurzer Selbsteinschätzung war ich immer noch Sash, nicht Suleyman – und meiner 1925 war auch noch kein passender Kindersitz und eine neue Konzessionsnummer gewachsen. Also bin ich zumindest oberflächlich ruhig geblieben, ausgestiegen und hab einfach darauf hingewiesen, dass ich doch nicht einmal wüsste, welches Taxi sie wo bestellt hätten und mich deswegen ein bisschen zu Unrecht angegangen fühlen würde. Aber klar – an einer inhaltlichen Diskussion lag den Intelligenzverweigerern wenig Sie hatten ja Recht, soll dieser Depp von Suleyman doch sagen, was er will!
Ihre „logische“ Konsequenz auf meine Nachfrage war, sich ein freies Taxi heranzuwinken. Klar: Man kann ja ruhig mal drei Taxifahrer in einer Viertelstunde beschäftigen!

Ich hab natürlich auf eine große Szene verzichtet. Schlimm genug, dass ein egoistischer Schwachmat mir meine Laune versaut, was sollte ein Streit um eine Tour, die ich jetzt ganz sicher nicht mehr fahren wollte, bewirken? Und wenn er so weiter macht, vermöbelt ihn schon mal jemand anders für mich mit, das ist ok.

Ich sollte da nicht so emotional sein. Schon klar. Ich freue mich trotzdem immer, wenn man nach ein paar gewechselten Sätzen den Erkenntsnisstand angeglichen hat – dann kommen die Kollegen Dunning und Kruger gar nicht erst zum Zug. 😉

18 Kommentare bis “Die Kollegen Dunning und Kruger”

  1. Lifthrael sagt:

    Passt nicht ganz zum Thema, aber ich dachte, es könnte dir gefallen 😉 http://m.9gag.com/gag/6368100

  2. Auch wenn es den Rest der Geschichte nicht ändert, aus der Aussage „Endlich sind sie da!“ könnte man zum Schluss kommen, dass der bestellte Kollege mehr als leicht überfällig ist (klar, muss nicht sein, kann genauso gut auch noch 5 Minuten vor der vereinbarten Zeit sein).
    In Situationen, wo ich selber schon auf ein bestelltes Taxi gewartet habe, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen, ist es mir dann auch herzlich egal, wenn der bestellte Fahrer umsonst kommt, wenn er deutlich zu spät ist.

    Passt hier vermutlich nicht so ganz , erklärt aber schon auch etwas das genervte Verhalten des Kunden …

  3. hartmut sagt:

    Der „Warten“-Teil der Situation erinnert mich ein wenig an http://www.youtube.com/watch?v=QARuqoQX4EE 😉

  4. Hm Sash, was das ehrliche Verhalten angeht – Ich habe mich an deinem Verhalten orientiert und dich als Vorbild genommen. Heißt: Wenn ich nicht bestellt wurde bzw. ich einen Eintsteiger habe, obwohl ich nicht an 1. Position stehe, habe ich freundlich und ehrlich auf den Kollegen verwiesen.

    In meiner recht kurzen Karriere als Taxifahrer habe ich auf dem Dorf nun aber gelernt: Mach das nicht . . . denn Kollegialität im Gewerbe ist scheinbar ein Fremdwort. Daher bewundere ich dich, dass du nach allden Jahren nicht so abgewichst bist…

  5. nania sagt:

    Obwohl man dem Mann vielleicht zu Gute halten muss, dass er von Taxifahren vermutlich keinerlei Ahnung hat.
    Also ist die Gleichung Taxi bestellt + Taxi da = mein Taxi vollkommen nachvollziehbar.

    Viele Dinge übers Taxifahren habe ich erst hier gelernt, was wohl auch der Grund ist, warum ich mich jetzt allein in ein Taxi „traue“ 😉

  6. Sash sagt:

    @Lithrael:
    Ah, ein Klassiker! 🙂
    Ja, der ist immer schön!

    @lichterspiele:
    Ich weiß und natürlich kommt das auch oft genug vor. Aber in dem Punkt bin ich inzwischen auch nicht mehr sonderlich gewillt, blind allen zu glauben. Ich verstehe, dass man sich ärgert, wenn man sich ein Taxi bestellt und dann ist ein anderes zufällig da. Aber wenn man irgendein Taxi haben möchte, dann sollte man halt winken.
    Ich stand in dem Moment da, weil ein Kunde zwei Taxen (zur Sicherheit!) bestellt hatte und nun mit dem Kollegen weg ist. In so einem Fall ist es einem dann eben nicht wirklich egal, dass das halt so gemacht wird.
    Und bei dem Blödel schien die Eile auch ohne Realitäts-Abgleich vorhanden zu sein …

    @hartmut:
    Jetzt weiß ich wieder, warum ich die 80er nie so mochte … 😉

    @Busfahrer und Taxifahrer:
    Ach, Einsteiger hinten am Stand hab ich ja ständig. Ansonsten lege ich halt Wert darauf, die Situation zu klären. Ist der Kollege wirklich deutlich überfällig oder dergleichen, dann lade ich die Kundschaft durchaus ein. Also so lange sie mir nicht blöd kommt. Und es ist mir relativ egal, wie andere Kollegen das halten. Die meisten, die solche Sachen mitkriegen, sind ausgesprochen nett zu mir …

  7. Sash sagt:

    @nania:
    Natürlich. Aber man sollte halt schon zulassen, dass einem jemand erklärt, was genau jetzt das Problem ist.

  8. elder taxidriver sagt:

    Das ist magisches Denken, das kannten die Römer schon: Ein Geschehen, das nach einem anderen geschieht.
    Muss damit aber nicht zusammenhängen obwohl man es eben, je nach Fall und/ oder Doofheit glaubt.
    Die Mediziner sagen: ‚Post hoc ergo propter hoc‘ danach also deswegen‘ stimmt vielleicht oft, aber nicht immer.

    Wenn man aber natürlich den anderen , also hier Sash nicht anhört und ihm nicht glaubt, da kann er nix machen, nur wegfahren..

    Nachts um drei im schlafenden Bezirk Grunewald , Auftrag zur Douglasstraße. Dauert bisschen bis ich da bin. An der Ecke zur Königsallee stehen zwei: Haben Sie bestellt? ‚Ja, haben wir‘. Leider habe ich nicht nach dem Namen gefragt.
    Das waren nämlich nicht die Richtigen. Es gibt eben auch um diese Zeit in dieser Gegend mal zwei Anrufer für eine Taxe direkt im Nebenhaus. Und die riefen dann an: Wo bleibt unsre Taxe?

    Funksperre für elder taxidriver zu Recht, glaube für drei Stunden.

  9. Rupa sagt:

    Sehr viele Menschen, die ein Taxi bestellen, denken, sie hätten bei DER örtlichen Zentrale angerufen, an der alle Taxis des Ortes angeschlossen und miteinander vernetzt sind. Diese Menschen steigen dann nach der Bestellung ins nächstbeste Taxi ein. Ruft man sie nach Ankunft an der Abholadresse an, bekommt man ohne jedes Unrechtsbewußtsein zu hören: „ich sitz doch schon im Taxi“. Daß da jetzt ein Fahrer einer kleineren Zentrale möglicherweise 15min. zum Arsch der Welt gefahren ist um dann ebenso lange wieder an einen für ihn brauchbaren Standplatz zurückzugondeln, will ihnen einfach nicht einleuchten. Genausowenig wie die Tatsache, daß das Taxi in dem sie sitzen kein Kollege ist, sondern die Konkurrenz, und daß es für den Fahrer so ärgerlich ist, weil er nach Umsatz bezahlt wird und eine halbe Stunde ohne Einnahmen ihm den ganzen Abend verderben kann. Führest Du mit Funk, wäre das für Dich eine vollkommen alltägliche Situation, die absolut keinen Aufreger und schon gar nicht solche Beschimpfungen rechtfertigt.

  10. Sash sagt:

    @Rupa:
    Menschen, die mich anbrüllen, weil sie keine Erklärung hören wollen, kann ich nennen wie ich will. Der Artikel ist ziemlich oft umgeschrieben worden …
    Und irgendwie passt der letzte Satz ohnehin nicht so ganz zum Rest deines Textes, oder? 🙂

  11. MsTaxi sagt:

    @Bus & Taxifahrer

    Das miese Verhalten von Mitbewerbern (ich kenne nicht wirklich Konkurrenten) darf dich nicht runterziehen, wichtig ist es, dass DU DEINE Verhaltensmaßstäbe hochhältst. Mach dir klar, du musst morgens beim Zähne putzen in den Spiegel schauen und was hilft dir ein guter, aber auf miese Tour erwirtschafteter, Umsatz, wenn dir ausgerechnet im dem Moment schlecht wird?

    @Sash

    Man kommt halt leicht in die Situation, dass man die Intelligenz seiner Umwelt überschätzt 🙂

  12. Luci sagt:

    Naja und ich bin dann vor ein paar Wochen von einer Feier zum nächsten Bahnhof gewandert in der Hoffnung, dass ich dorten ein Taxi bekomme. Auf dem Weg dorthin hielt einer an und fragte, ob ich ihn bestellt hätte, sagte aber auch die Adresse, zu der er fahren sollte (da, wo ich herkam). Ich verneinte, andere Partygänger warteten schließlich auf ein Taxi und da die Adresse selber etwas ab vom Schuss war, hätten die da sonst ewig gewartet.
    Weder auf meinem Weg zum, noch am Bahnhof stand ein Taxi, weshalb ich dann doch eins telefonisch zum Bahnhof rief. Und in der von der Zentrale angegebenen Zeit kam auch eins (was mir allerdings erst im Nachhinein bewusst wurde: Die Fackel war wohl an gewesen). Der Fahrer hielt und fragte, ob ich ein Taxi bestellt hätte. Ich bejahte, stieg ein und wir fuhren los. Da kam dann das nächste Taxi um die Ecke – Fackel aus. Und der Kommentar des Fahrer: Ach, das wird der Kollege sein, den Sie bestellt haben…

    Fand ich vom Fahrer auch alles andre als in Ordnung, aber ich hatte weder Lust mich auf eine Diskussion mit irgendwem einzulassen (*sing* Alkohoooool, Alkohooool), noch, das Taxi dann nochmal zu wechseln.

  13. Sash sagt:

    @MsTaxi:
    Ich bin sicher auch nicht immer der Cleverste – aber da ist schon was dran 😉

    @Luci:
    Ich weiß, dass sowas passiert und ich mache auch einem unwissenden Fahrgast da keinen Vorwurf. In deinem Fall war es ja ohnehin der Kollege, der die Situation ausgenutzt hat.
    Nein, woher sollen denn auch alle Leute wissen, wie’s bei uns läuft? Mich ärgert wenn dann diese Mischung aus grenzemlosen Egoismus und Dummheit – auf beiden Seiten.

  14. Will Sagen sagt:

    Sag doch einfach das nächste Mal, du bist von jemand anderem bestellt mit

    a) größerem Kind
    b) zwei Personen mit zwei Fahrrädern
    c) einem Rolli
    c) einer Gruppe mit sechs Personen

    halt irgendwas, was auf die Gruppe nicht zutrifft. Die leuchtende Fackel wird wohl egal sein. 😉

  15. Der Banker sagt:

    Das Gemeine am Dunning-Kruger-Effekt ist, dass man oft nicht wirklich objektiv wissen kann, wer von beiden Parteien der Idiot ist, womöglich beide oder auch garkeiner – und dass wahrscheinlich der andere mit der selben Inbrunst der Überzeugung meint, er selber sei es definitiv nicht, sondern vielmehr du…

  16. Sash sagt:

    @Will Sagen:
    🙂
    Man schaltet ja nur auch immer nicht so schnell.

    @Der Banker:
    Keine Frage. Und ich hab lange überlegt und die Sache von beiden Seiten angesehen, um auszuschließen, dass ich in dem Fall der eigentliche Idiot bin. 🙂

  17. Cliff sagt:

    Dunning-Kruger… Soso…
    Na, da muss ich doch mal ganz am Rande die alte Sapir-Whorf-Hypothese auspacken („language determines thought“), vor allem in Bezug auf Marzahn und Prenzlauer-Berg-Schwaben…
    https://en.wikipedia.org/wiki/Linguistic_relativity

    Und du bist dir echt sicher, dass du nicht doch noch Soziologie studieren willst, Doktor Sash?

  18. Sash sagt:

    @Cliff:
    Ich muss zugeben, dass mich englische Fachartikel dann doch ein wenig überfordern. Ich bin alles in allem dann doch eher ein halbwegs passabel informierter Laie. Wenn schon studieren, dann jedenfalls sicher nicht bis zum Doktor und sicher nicht Soziologie. 🙂

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