Kassensturz

Im Grunde sind die meisten Taxifahrer durchaus professionell. Manchmal wirken wir wie ein ungestümer Haufen und ein paar laute Typen werden dem Image sicher auch gerecht. Vielfach jedoch üben wir unseren Job auch aus wie manch Büroangestellter. Da hat man dann sein Freßpaket, das im klischeehaftesten aller Fälle von der Frau geschnürt wurde, man hat Arbeits-Koffer / -taschen /-Rucksäcke. Im Auto hat alles seinen angestammten Platz. Vom Ersatzquittungsblock bis zur Trinkflasche sind die Dinge organisiert und geplant.

Manchmal trifft das sogar noch auf die Fahrten zu. Manch einer hat seine Lieblingshalte, trifft jeden Tag dieselben Kollegen, beginnt seine Schicht mit demselben Ritual. Ein bisschen in diese Kategorie fällt Matthias. Ein Kollege, der nicht nur genauso lange im Betrieb ist wie ich, sondern mit dem ich sogar schon die Qualen der Ortskundelernerei hinter mich gebracht habe. Einmal haben wir uns sogar im Vorzimmer der Innung getroffen.

Der startet seine Schicht jeden Abend im tiefsten Südosten mit einem gepackten Köfferchen voller Leckereien. Als erstes stellt er sich an den Flughafen in Schönefeld – nach seiner ersten Tour trifft man ihn gerne mal am Ostbahnhof. Ich hab noch nie gehört, dass bei ihm mal was außerplanmäßig gelaufen wäre. Manchmal bezweifel ich, dass er Touren Richtung Westen überhaupt annimmt 🙂

Aber ich bin ja selbst so ein Gewohnheitstier…

Heute hat er sich am Bahnhof in mein Auto geschwungen und gemeint:

„Na Sash, haste heut schon dick Geld verdient?“

„Äh, nö. Hab gerade 3 Touren…“

„Dann kannste mir auch nichts wechseln?“

„Sieht eng aus. Also ganz großes sicher nicht.“

Heute hat Matthias es genauso gemacht wie immer. Er ist losgefahren, zum Flughafen, hat sein Essen ausgepackt und anderthalb Stunden gewartet. Als er kurz vor seinem ersten Kunden war, rief seine Frau an:

„Matthias, was ist mit dir los? Du hast die ganzen Scheine aus der Kasse hier liegen lassen…“

Mit der ersten Tour hatte er doppelt Glück: Der Fahrgast hatte ihm nicht nur eine Tour für über 50 € zu bieten, sondern konnte ihm das Geld sogar passend geben. Und nun stand er da. Zum Zurückfahren war es ihm eigentlich zu weit – obwohl er sich ohnehin schon aus dem Nordwesten zum Ostbahnhof aufgemacht hatte. Also hab ich ihm meine bisher verdienten 30 € in kleinen Scheinen als Wechselgeld überlassen. Geliehen, bis morgen.

Also wenn einer wieder auftaucht, dann definitiv Matthias 😀

PS: Ich bin übrigens wegen des Wechselgeldes am Ende noch ganz schön ins Schwitzen gekommen, weil die nächsten 4 Kunden alle mit Zwanzigern gezahlt haben und zwischen 5 und 11 Euro zurückhaben wollten. Aber – spitz auf knapp – es hat gereicht. Ende gut, alles gut 🙂

PPS: Sorry, dass ich gerade nicht zum Kommentare-Beantworten komme. Ich lese fleissig mit und hole das Kommentieren nach, versprochen!

5 Kommentare bis “Kassensturz”

  1. Max sagt:

    Wo ist das Problem, zur Bank zu fahren und sich 50 oder 100 Euro in kleinen Scheinen abzuheben? 😉
    Sollte ja kein Problem sein, bzw. ist die einfachste Lösung, wenn man gar kein Wechselgeld mehr hat.

    Und wenn man nur noch 50er in der Geldbörse hat, ist doch normal der erste Weg zur Tanke, oder nicht?
    Also ich seh hier ständig Taxler mit ganzen Bündeln 50er, die sie wechseln lassen.

    Ich selbst hatte das Problem zum Glück erst ein paar Mal… da ich als Lieferfahrer meistens in der „Basis“ wechseln kann 🙂

  2. Ohwei, wehe jemand stört meine morgendlichen Rituale. Insbesondere die Kontaktaufnahme vor dem ersten Liter Kaffee. 😀

    Aber schön zu lesen, dass bei euch kollegialer Zusammenhalt gelebt wird.

  3. Marcus sagt:

    Kommt es nicht vor, das man auf dem Weg zur Lieblingshalte schonmal Winker erwischt?

  4. Wolfy sagt:

    @Marcus:

    Die kann man ja „übersehen“ 😀

  5. Sash sagt:

    @Max:
    Dazu muss man seinen privaten Geldbeutel aber dabeihaben. Oder Geld auf dem Konto 😀

    @Der Maskierte:
    Ach, ich finde das in solchen Fällen echt selbstverständlich…

    @Marcus:
    Sicher. Aber zum Flughafen? Ich sollte Matthias mal fragen 😉

    @Wolfy:
    Gut, ich glaube so krass ist dann auch keiner drauf. Wobei ich schon von Flughafenfahrern gehört habe, die auf dem Rückweg die Fackel ausmachen…

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