Taxi-Dialoge (9)

Fahrgast 1: „Wenn du erzählst, dass ich kein Techno gehört habe auf dem Weg, dann verrate ich, dass du Sudokus löst!“

Fahrgast 2: „Ich könnte auch sagen, dass du Sudokus löst…“

Fahrgast 1: „Dann erzähle ich eben, dass du Herbert Grönemeyer hörst Nachts um drei…“

Zur Erklärung: Fahrgast 1 wünschte sich einen „Oldie“-Sender auf dem Weg zum Watergate. Dort kam irgendwann Grönemeyer…

Offenheit…

…ist ja quasi eine Schlüsselqualifikation heutzutage.

„Gnädige Frau, bringen sie mich bitte zur Fickzentrale! Ich bin der Sash, dass da sind meine notgeilen Anhänger, und ich hab heute sowas von dicke Eier… bin ich froh, dass ich nachher noch ficken kann. Und da drüben, also das… das ist eine FICKGARANTIE! Da werd ich mir aber sowas von… Endlich!“

Würde ich so bei einer Taxifahrerin einsteigen? Natürlich nicht. Ist aber so ziemlich genau das, was ich mir heute anhören durfte. Nur vom anderen Ufer. Ehrlich gesagt, finde ich den Umgang der meisten Schwulen mit ihrer Sexualität beeindruckend. Im Positiven Sinn. Nicht nur (aber sicher auch), weil ich Homosexuellen in Anbetracht ihrer (immer noch andauernden) Unterdrückung in so einem Fall Mut zugestehen muss, sondern weil ich es grundsätzlich nicht schlimm finde, Sexualität als einen Teil des Lebens zu betrachten, und selbigen somit auch benennen zu können. Folglich habe ich auch kein Problem mit deutlichen Ansagen. Noch dazu war in diesem Fall ja CSD, also kam die Feierlaune natürlich auch noch dazu. Aber wirklich an der Grenze war dann die Aussage:

(Minderjährige bitte erblinden!)

„Ich hab mir den Aaaaafter auch schon eingecremt. Das ist so eine lange wirkende Creme, weisst du?“

Meine Antwort hat wenigstens seine Mitreisenden erheitert, ich habe damit nur klargestellt, dass er das für mich nicht hätte tun müssen:

„Das ist ja nicht schlecht, sonst wäre das ja völlig umsonst gewesen…“

Aber da man solche Aussagen schnell mal in den falschen Hals bekommen kann: Ich möchte hier echt mal eine Lanze für meine schwule Kundschaft brechen: Ich hab zwar schon viele Dinge von ihnen erfahren, die mich als Hetero nur begrenzt interessieren, aber ich habe mich niemals bedrängt gefühlt. Mal abgesehen davon, dass ich auch schon eine Menge übles Geschwätz von sexuell anders orientierten Menschen abbekommen habe. Die Schwulen waren bisher immer (und da zählt auch der Meister von heute – abgesehen von seiner Wortwahl – dazu) angenehme Kunden, die sich zu benehmen wussten. Noch dazu waren es meist lustige und interessante Leute. Also versteht das hier nicht als Klischeegelaber über Schwule.

Doppelt grenzwertig

Der Freitag verlief… mal so und mal so. Insgesamt eher durchschnittlich. Nach rund 10 Stunden stand ich bei 160 €, was kein Knaller fürs Wochenende ist, aber doch noch erträglich. Unter der Woche würde ich jubeln…

Naja, ich hab das Auto von innen weitgehend gereinigt, getankt, mehr oder minder für die Übergabe fertig gemacht. So, dass ich im Zweifelsfall bei zeitlicher oder örtlicher Übereinstimmung jederzeit Feierabend machen kann. Zum Abschluss habe ich wie meistens noch ein paar vielversprechende Straßen abgefahren, um nach winkenden Spätheimkehrern Ausschau zu halten.

In einer Szene-Ecke in Friedrichshain wurde ich fündig. Eine beleibte Dame winkte mich heran, und nach mir ihre Begleitung. Da ging es los… Die beleibte Dame war die Tante, im Folgenden T genannt. Sie wollte, dass ihre Nichte mit ihr heimfährt. Diese nennen wir mal N. Dazu kam Kerl K, der offenbar mit Nichte N liiert war. Oder noch ist – das kann ich nicht mit letzter Gewissheit sagen. K hatte schon Glück, dass er nicht von den Freunden von N und T vor der Lokalität verdroschen wurde, weil sich binnen weniger Minuten eine „gruppendynamische Diskussion“ vor dem Auto entwickelte, wer jetzt wen wie hasst, und warum wer wann wohin mitkommt. T wollte heim, N nicht. K schon, aber nicht zu T. N beschloss dann, K zu überreden, zu fahren, der wiederrum wollte nur fahren, wenn N mit ihm kommt. T versuchte zu vermitteln, und grundsätzlich wollte eigentlich jeder jedem aufs Maul hauen.

T hat irgendwann beschlossen, sie fährt wirklich mit mir, und mir sowohl einen Zwanziger gegeben, als auch bereits eine Zieladresse genannt. Charlottenburg! Wow! Mal abwarten, vielleicht beruhigt sich die Situation ja noch. Letztlich wollte T natürlich keinesfalls ohne N fahren, was aber immer noch nicht erklärte, warum irgendwann N im Auto saß, nicht aber T. Eigentlich ist das alles auch völlig egal:

Als sie letzten Endes ins Auto stiegen, waren sie friedlich (ich hab auch gesagt, dass sie das zu sein hätten), gleichwohl war ich der einzige im Auto, der keinen akuten Streit hatte. Das Ganze ging runde 700 Meter gut. N begann mir, in weinerlichen Bruchstücken ihr Leben zu erzählen, mit besonderer Betonung auf den Gemeinheiten von K. Dieser verhielt sich eigentlich ruhig bis auf die gelegentlichen zynischen Kommentare, die N dann sofort zum Kreischen nötigten. T wusste nicht so recht, auf welcher Seite sie eigentlich steht und redete beiden gelegentlich ins Gewissen und beschloss das einzig logische:

Zusammen frühstücken!

Das Fahrtziel wurde noch mehrfach umgeändert, es wurde mehrfach beschlossen, dass mal N, mal K das Fahrzeug verlassen, aber letztlich „einigte“ man sich dann doch aufs Frühstück in einem Café. Puh, bloß loswerden die drei! Praktischerweise stand die Uhr auf 19,70 €, als wir 30 Meter vor dem Café waren, wo T meinte, ich solle stoppen. Daraufhin fragte mich N, was das soll, sie wollten doch zum Café.

„Naja, da sind wir doch. Hier, sind noch 10 Meter!“

„Nee, fahren sie mal richtig vor. Direkt vor die Tür. Das geht ja so gar nicht…“

„Klar, mache ich gerne. Ihre Tante wollte ja, dass ich hier halte…“

„Bitte bitte fahr vor, ich zahl auch extra!“

„Kein Problem, ehrlich! Ich muss ja nur wissen, wo ich halten soll. Bei zwei verschiedenen Meinungen…“

OK, ich bin die paar Meter noch vorgefahren. T hatte auch nichts dagegen, für die war der Tag wahrscheinlich so oder so gelaufen. Sie sah zu, dass sie ihr Zeug packte, und so blieben mir ein paar Sekunden mit N alleine im Wagen.

„Tut mir leid, ich bin eigentlich nicht so…“

Hmpf! Jaja, „nur wenn ich betrunken bin“, „nur wenn mich jemand ärgert“ etc. pp. Ehrlich gesagt war mir nach einer halben Stunde Gekreische und mehrmaligen Bitten, sich zu einigen meinerseits nicht mehr nach gepflegter Konversation. Natürlich bin ich mehr oder minder freundlich geblieben, aber ich hatte nun wirklich nicht vor, so zu tun, als würde mich das jetzt noch begeistern. Insbesondere kann ich es nicht ab, wenn jemand versucht, mich in Beziehungskriegen für irgendwas einzuspannen. Auch nicht, wenn es erfolglos war…

„Was bekommen sie denn?“

„Nichts! Ich hab schon 20 €, das ist genug! Mir reicht’s!“

„Entschuldigung. Sie sind ein guter Mensch, ich seh es an ihrem Gesicht!“

Boah, Lady. Mein Gesicht steht gerade irgendwo auf „Verpiss dich einfach, du hast mir eine wundervolle Schicht noch fast ruiniert!“ Einfach aus-stei-gen. Das kann doch nicht so schwer sein wie das Einsteigen, oder? Oder um es in Dienstleister-Sprache zu übersetzen:

„Ist ok. Einen schönen Tag wünsche ich noch.“

„Hier, nehmen sie!“

Sprach’s und drückte mir zwei Zehner in die Hand…

Ich will ehrlich sein: Zwanzig Euro machen schon einiges wieder gut. Das ist sowas von überdurchschnittlich, das geht schon gar nicht mehr. Aber hätte ich aber den kompletten Verlauf der Fahrt vorhersehen können, dann hätte ich irgendeinen besoffenen Freak auf der Straße, der mir eine gemütliche 8€-Fahrt geboten hätte, eher mitgenommen. Naja, so hab ich mit 185 € plus 40 € Trinkgeld Feierabend gemacht. Wenigstens das Gesamtergebnis kann sich sehen lassen.

Taxi-Dialoge (8)

Ein weißer Hund läuft überraschend über die Straße.

Fahrgast 1: „Achtung, ein Wolf!“

Fahrgast 2: „Ein Wolf!“

Fahrgast 3: „Hilfe, ein Schaf!“

Fahrgast 4: „Ein Eisbär!“

Fahrgäste 1 -4: „KNUT!“

Äh, seltsam…

Fahre ich heute um 0.30 Uhr am Matrix vorbei. Zu früh, keine Frage. Aber was soll man machen, wenn man schon in der Nähe aufgeschlagen ist. Zwei Kollegen stehen schon dort, und sofort fällt mir ein junger Mann auf, der von ihnen zu mir wankt.

„bla bla Kurzstrecke“

war ein von ihnen mir zugerufener Hinweis. Äh, was bitte? Will der Kerl also eine Kurzstrecke und konnte bei den Kollegen (verständlicherweise) nicht landen?

„Nimmst mich mit?“

fragte er mich.

„Gerne, aber was ist denn mit den Kollegen?“

„Ach, die Wichser haben irgendein Problem!“

Jaja, vonwegen Kurzstrecke vom Stand, denke ich mir. Ist ja nur berechtigt. Das hat durchaus mein Interesse geweckt, aber er war nicht gewillt, weitere Auskünfte zu geben. Naja, ich will zwar keine Kollegen verärgern, aber Kundschaft verprellen ist auch nicht besser, also lasse ich ihn einsteigen. Falls die Kollegen mitlesen: Sagt mir doch bitte, was los war, ich will es einfach nur wissen!)

„Bringst mich nach Adlershof?“

OK, das ist nun wirklich alles andere als eine Kurzstrecke. Eine echt gute Tour, fast das doppelte vom Durchschnitt. Naja, vielleicht haben die Kollegen ihn nicht mitgenommen, weil er zu betrunken ist. Er konnte mir nämlich nur kurz folgen, legte als Zielpunkt den S-Bahnhof Adlershof fest und schlief fast umgehend ein.

„Stress gehabt?“

fragte ich ihn noch, aber das war sinnlos, denn seine letzten Worte vor dem Wegschlummern waren:

„Wenn ich wollte, schon. Aber heute nicht. Ist genug…“

Äh? OK! Ein sonderlicher Ausbund an Sympathie war er wirklich nicht. Dass er Stress im Matrix oder mit den Kollegen hatte, verwunderte mich nicht. Aber er war bei mir sehr friedlich und schlief seelenruhig. Dass es beim Bezahlen Ärger geben könnte, habe ich befürchtet. Ich habe mir überlegt, ob ich mir via Funk vorsichtshalber eine Eskorte ordere, aber während der (reichlich vorhandenen) Zeit zum Überlegen ist mir klargeworden, dass er schon eine äußerst kuriose Waffe haben müsste, um in seinem Zustand noch ernstliche Probleme zu machen, die ich selbst nicht bewältigen könnte.

Ich habe ihn also schlafen lassen, und erst kurz vor dem Bahnhof wieder angesprochen:

„Hey, wir sind jetzt fast am  Bahnhof. Wohin jetzt?“

„Egal!“

„Wie egal? Ich kann ja jetzt nicht einfach immer weiter fahren…“

Am Bahnhof bin ich rechts rangefahren und habe ihn dann endgültig aufgeweckt. Er war zwar – was seinem Zustand nach zu erwarten war – etwas verwirrt, aber zugleich froh, am Bahnhof zu sein.

„Was macht’n das jetzt?“

„18,50 €.“

„Waaas? Scheiße hier, soviel hab ich nicht. Von wo bist du denn gefahren?“

„Vom Matrix!“

Er hat sein Portemonnaie umgegraben, und ich hab beim Zusehen festgestellt, dass er einen Zwanziger darin hat. Puh! Erstmal durchatmen! Zur Bank geht der also höchstens alleine! Er hat das Geld, und ich werde da auch rankommen. Punkt.

Den Zwanziger hat er – ob gewollt oder nicht – übersehen, und angefangen, Kleingeld zu zählen.

„Des is? Was? Wieviel?

„18,50!“

„Des hab ich nicht. Wo ist denn der Rest?“

„Welcher Rest?“

„Bin ich allein mit dir gefahren?“

„Äh… ja! Du bist auf mich zugelaufen, hattest wohl noch Stress mit meinen Kollegen. Warum, weiss ich nicht, dazu wolltest du nichts sagen. Sonst war da keiner mehr!“

„Was macht das?“

„18,50!“

„Soviel hab ich nicht!“

An dem Punkt habe ich meine Contenance vergessen, gepaart mit ein wenig überwissendem Nachdruck:

„Du hast noch nen Zwanni! Gib mir den, und mach hier nicht rum!“

Er hat daraufhin den Zwanziger gezückt, ihn mir gegeben, und dann noch einen Fünfer:

„Hier hast du 20, 25…“

Für einen Moment habe ich schon gedacht, hier liegt eine Situation vor, in der ich meinen Fahrgast davor warnen müsste, dass er zu viel Trinkgeld gibt. War natürlich nicht so. Hätte ich wissen sollen…
Während er seinen Geldbeutel nach Kleingeld durchforstet, sagt er mir folgenden – definitiv noch nie gehörten – Satz:

„Ich geb dir achtnzwanzigfünfzich und du gibs mir’n Zehner zurück!“

Kurios, aber immerhin mal was neues! Ich hab ihm den Zehner gegeben, und lauschte ebenso irritiert wie fassungslos, dass er sich verabschiedete mit den Worten

„Ich hoffe, dass ich von hier aus heimkomm…“

Kann mir das mal einer erklären?

Ob ich was bitte da habe?

War eine schöne Abschlusstour eines ungemein kurzen Arbeitstages. Einmal in die Kaserne. Noch dazu gleich mit 6 Leuten… da knackt man die 25 € ziemlich sicher. Zudem haben sie mein Nein zu einem Festpreis problemlos akzeptiert und waren alles in allem diszipliniert, freundlich und unproblematisch. Nicht gerade das, was ich bei Soldaten als Standard kennengelernt habe…

„Kannste mal Mucke machen? JAM FM wär jetzt echt cool…“

„Na klar, kein Problem!“

„Sach, du hast nicht zufällig ne Britney-Spears-CD dabei, oder?“

Und die haben das ernst gemeint. Hallo? Die gehen demnächst auf das Konzert hier in Berlin…

Na gut, sagt der geneigte Beobachter, haben wir es eben mit ein paar Sensibelchen zu tun. Dumm nur, dass es in den sonstigen Gesprächen – wie immer bei Soldaten – ausschließlich um „Saufen“, „Weiber“ und „Party“ ging. Irgendwas ist seltsam an der Geschichte. Da steckt bestimmt irgendwas großes dahinter. Ich kann mir das sonst nicht erklären…

Soldaten und Britney Spears? War das versteckte Kamera oder was?

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Sash wieder Marienkäfer…

Ja, ich werde wieder Punkte haben. So sieht es derzeit aus. Mein Einspruch zu dieser Geschichte ist – wie eigentlich erwartet – nicht einfach so durchgegangen. Ich hab die Ladung zum Verfahren gekriegt, und natürlich werde ich jetzt meinen Einspruch zurückziehen.

Natürlich bin ich nicht scharf auf die drei Punkte. Natürlich bin ich auch nicht scharf darauf, mal eben 113,50 € zu zahlen. Vor allem, weil ich immer noch der Meinung bin, nicht über Rot gefahren zu sein. Aus einem Gerichtsverfahren aber ergeben sich weitere finanzielle Unwägbarkeiten – zumal ich mir keine Hoffnung mache, mit meiner Aussage gegen die der zwei Cops was zu erreichen. Kann ja jeder sagen, dass das nicht stimmt.

In dubio blabla… können sie sagen, was sie wollen.

Ein bisschen genervt endet dieser Eintrag wie die Geschichte insgesamt für mich: Mit drei Punkten…