Doppelt grenzwertig

Der Freitag verlief… mal so und mal so. Insgesamt eher durchschnittlich. Nach rund 10 Stunden stand ich bei 160 €, was kein Knaller fürs Wochenende ist, aber doch noch erträglich. Unter der Woche würde ich jubeln…

Naja, ich hab das Auto von innen weitgehend gereinigt, getankt, mehr oder minder für die Übergabe fertig gemacht. So, dass ich im Zweifelsfall bei zeitlicher oder örtlicher Übereinstimmung jederzeit Feierabend machen kann. Zum Abschluss habe ich wie meistens noch ein paar vielversprechende Straßen abgefahren, um nach winkenden Spätheimkehrern Ausschau zu halten.

In einer Szene-Ecke in Friedrichshain wurde ich fündig. Eine beleibte Dame winkte mich heran, und nach mir ihre Begleitung. Da ging es los… Die beleibte Dame war die Tante, im Folgenden T genannt. Sie wollte, dass ihre Nichte mit ihr heimfährt. Diese nennen wir mal N. Dazu kam Kerl K, der offenbar mit Nichte N liiert war. Oder noch ist – das kann ich nicht mit letzter Gewissheit sagen. K hatte schon Glück, dass er nicht von den Freunden von N und T vor der Lokalität verdroschen wurde, weil sich binnen weniger Minuten eine „gruppendynamische Diskussion“ vor dem Auto entwickelte, wer jetzt wen wie hasst, und warum wer wann wohin mitkommt. T wollte heim, N nicht. K schon, aber nicht zu T. N beschloss dann, K zu überreden, zu fahren, der wiederrum wollte nur fahren, wenn N mit ihm kommt. T versuchte zu vermitteln, und grundsätzlich wollte eigentlich jeder jedem aufs Maul hauen.

T hat irgendwann beschlossen, sie fährt wirklich mit mir, und mir sowohl einen Zwanziger gegeben, als auch bereits eine Zieladresse genannt. Charlottenburg! Wow! Mal abwarten, vielleicht beruhigt sich die Situation ja noch. Letztlich wollte T natürlich keinesfalls ohne N fahren, was aber immer noch nicht erklärte, warum irgendwann N im Auto saß, nicht aber T. Eigentlich ist das alles auch völlig egal:

Als sie letzten Endes ins Auto stiegen, waren sie friedlich (ich hab auch gesagt, dass sie das zu sein hätten), gleichwohl war ich der einzige im Auto, der keinen akuten Streit hatte. Das Ganze ging runde 700 Meter gut. N begann mir, in weinerlichen Bruchstücken ihr Leben zu erzählen, mit besonderer Betonung auf den Gemeinheiten von K. Dieser verhielt sich eigentlich ruhig bis auf die gelegentlichen zynischen Kommentare, die N dann sofort zum Kreischen nötigten. T wusste nicht so recht, auf welcher Seite sie eigentlich steht und redete beiden gelegentlich ins Gewissen und beschloss das einzig logische:

Zusammen frühstücken!

Das Fahrtziel wurde noch mehrfach umgeändert, es wurde mehrfach beschlossen, dass mal N, mal K das Fahrzeug verlassen, aber letztlich „einigte“ man sich dann doch aufs Frühstück in einem Café. Puh, bloß loswerden die drei! Praktischerweise stand die Uhr auf 19,70 €, als wir 30 Meter vor dem Café waren, wo T meinte, ich solle stoppen. Daraufhin fragte mich N, was das soll, sie wollten doch zum Café.

„Naja, da sind wir doch. Hier, sind noch 10 Meter!“

„Nee, fahren sie mal richtig vor. Direkt vor die Tür. Das geht ja so gar nicht…“

„Klar, mache ich gerne. Ihre Tante wollte ja, dass ich hier halte…“

„Bitte bitte fahr vor, ich zahl auch extra!“

„Kein Problem, ehrlich! Ich muss ja nur wissen, wo ich halten soll. Bei zwei verschiedenen Meinungen…“

OK, ich bin die paar Meter noch vorgefahren. T hatte auch nichts dagegen, für die war der Tag wahrscheinlich so oder so gelaufen. Sie sah zu, dass sie ihr Zeug packte, und so blieben mir ein paar Sekunden mit N alleine im Wagen.

„Tut mir leid, ich bin eigentlich nicht so…“

Hmpf! Jaja, „nur wenn ich betrunken bin“, „nur wenn mich jemand ärgert“ etc. pp. Ehrlich gesagt war mir nach einer halben Stunde Gekreische und mehrmaligen Bitten, sich zu einigen meinerseits nicht mehr nach gepflegter Konversation. Natürlich bin ich mehr oder minder freundlich geblieben, aber ich hatte nun wirklich nicht vor, so zu tun, als würde mich das jetzt noch begeistern. Insbesondere kann ich es nicht ab, wenn jemand versucht, mich in Beziehungskriegen für irgendwas einzuspannen. Auch nicht, wenn es erfolglos war…

„Was bekommen sie denn?“

„Nichts! Ich hab schon 20 €, das ist genug! Mir reicht’s!“

„Entschuldigung. Sie sind ein guter Mensch, ich seh es an ihrem Gesicht!“

Boah, Lady. Mein Gesicht steht gerade irgendwo auf „Verpiss dich einfach, du hast mir eine wundervolle Schicht noch fast ruiniert!“ Einfach aus-stei-gen. Das kann doch nicht so schwer sein wie das Einsteigen, oder? Oder um es in Dienstleister-Sprache zu übersetzen:

„Ist ok. Einen schönen Tag wünsche ich noch.“

„Hier, nehmen sie!“

Sprach’s und drückte mir zwei Zehner in die Hand…

Ich will ehrlich sein: Zwanzig Euro machen schon einiges wieder gut. Das ist sowas von überdurchschnittlich, das geht schon gar nicht mehr. Aber hätte ich aber den kompletten Verlauf der Fahrt vorhersehen können, dann hätte ich irgendeinen besoffenen Freak auf der Straße, der mir eine gemütliche 8€-Fahrt geboten hätte, eher mitgenommen. Naja, so hab ich mit 185 € plus 40 € Trinkgeld Feierabend gemacht. Wenigstens das Gesamtergebnis kann sich sehen lassen.

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8 Kommentare bis “Doppelt grenzwertig”

  1. Aro sagt:

    Uff, Glück gehabt.

  2. Sash sagt:

    Allerdings…

  3. Sica sagt:

    Du bist doch wirklich ein Glückspilz, Sash. Aber wenn du aussiehst wie ein guter Mensch (wie sehen die eigentlich aus? Wie Gandhi?) dann ist das wohl selbstverständlich, dass man dir zwanzig Euro schenkt…Vielleicht siehst du ja auch so furchtbar aus, dass jeder, der dich ansieht, Mitleid mit dir haben muss…
    Aber ich denke, dass der spendable Typ sich geschämt hat für seine wirrköpfige und kreischende Bekannte…

  4. Ne Sica, das olle Weibchen hat die Scheine doch springen lassen…..

  5. Sica sagt:

    …tschuldigung, hab wohl zu flüchtig gelesen. Also die Kreischende hat Wiedergutmachtung geleistet und Sash 20 € geschenkt…
    Na, dann hat sie sich wohl geschämt, dass sie soviel Krawall gemacht hat…

  6. Ozie sagt:

    @Sash: Darf ich jetzt einen bösen Kommentar zum Thema Mitleid bringen, weil die Vorlage so gut war oder sollte ich die Gerüchte zerstreuen. Ich bin verunsichert. Das mit den Umgangsformen im Web 2.0 ist so schwer. Und wir wissen ja, dass die Anonymität im Internet uns alle zu Monstern macht. *hilfe*

  7. Sash sagt:

    @Sica:
    Ja, das war definitiv Glück. Ob sie es ernst gemeint hat – oder vielleicht doch nur nicht bemerkt hat, dass die Fahrt schon gezahlt ist: Dieses Mal ist es mir egal! Aber sowas von!

  8. Sash sagt:

    @Ozie:
    Besser nicht…

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