Kurze Freude

Heute Nacht war nicht wirklich eine Arbeitsnacht. Sie hätte eine sein sollen, ja. Aber die letzten Tage waren auch ohne Taxi anstrengend und so hab ich das mit der Arbeit bei einem „Naja, vielleicht ja noch …“ werden lassen. Was, um ehrlich zu sein, hieß, dass mich keine zehn Pferde auf die Straße kriegen würden, ich mir aber die theoretische Option offen lasse. Cheffe wird’s nicht freuen, aber ich hab nicht so sonderlich oft eine Deadline für die Manuskriptabgabe. Und im letzten Moment ist natürlich trotzdem alles zu eng, auch wenn’s davor ja „gar kein Problem“ war. 😉

Aber gut. Zeitgleich hatte meine bessere Hälfte Prüfungen und am gestrigen Abend war bei uns beiden herrlich zeitgleich alle Luft raus. Was für ein Timing! Es lief dann auf völlig hirnentleerendes Fernsehschauen mit leckerem Essen hinaus und dabei hätte es eigentlich bleiben können. Aber dann saß ich plötzlich um 2 Uhr als einzig noch wache Person in der Wohnung rum und war plötzlich nicht mehr sonderlich müde. Also denn: Raus auf die Straße, rein ins Taxi!

Ziele hatte ich keine, ich wollte nach Möglichkeit ein paar Winker mitnehmen, mehr so zum Spaß. Das aber sollte so nicht klappen. Überall freie Taxis und kaum Leute auf der Straße. Der Nieselregen hat wohl den meisten die Laune zum Weggehen verdorben. Nach einer Stunde ohne Kundschaft war mir das dann zu blöd und ich bin wieder heim. Just da hab ich dann immerhin noch eine Kurzstrecke mitgenommen. Ist eigentlich nicht der Rede wert, aber wortwörtlich besser als nix …

Gelohnt hat sich der Ausflug finanziell nicht, dafür habe ich aber einen besonders schönen Satz an einer Ampel aufgeschnappt. Ein paar junge Leute, wohl auf dem Heimweg. Und einer meinte:

„Ich schwör’s Euch! Ich hab vorher voll den Zauber-Döner gegessen!“

Die Meldungen des Tages wären aber natürlich nicht komplett ohne den Hinweis darauf, dass die unlängst aufgehobenen Verbote von Uber in Berlin und Hamburg wieder gültig sind. Jetzt, da ich das schreibe, gibt es von Uber noch keine Stellungnahme, aber ich wette, dass es in dieser um Smartphones und Innovationen sowie Wahlmöglichkeiten gehen wird. Wie immer, egal was gerade passiert.

Das Recht zu Schweigen

Nicht nur bei der Polizei hat man grundsätzlich ein Aussageverweigerungsrecht, auch im Taxi ist man nicht gezwungen zu reden. Ich hatte das hier bei GNIT ja schon oft, dass es da manchmal Differenzen zwischen Fahrern und Fahrgästen gibt. Die einen quasseln, die anderen schweigen – und zwar auf beiden Seiten. Und immer ist dem anderen eines der beiden lieber. Ich gönne jedem Kunden seine Ruhe, aber ich bin immer froh über ein Gespräch. Das verkürzt die Zeit, macht für mich als Dienstleister die Stimmung und die Wünsche der Kunden offensichtlicher und führt manchmal ja auch zu interessanten Themen, bei denen ich vielleicht noch was lerne – oder sogar der Fahrgast. Weiß man nie vorher, meist bleibt’s natürlich bei Smalltalk.

Allerdings gibt es die seltenen Fälle, wo auch ich mir denke:

„Boah, hätteste besser mal die Klappe gehalten!“

Und da war der Typ neulich definitiv ein gutes Beispiel. Er hatte (meiner bescheidenen Einschätzung als Nicht-User nach) ein bisschen zu viel Koks genommen und ist entsprechend ein wenig rumgeflippt und hat mich über irgendwelche Meetings zugequatscht, von denen er in der Eile sogar vergessen hat, worum es bei denen ging. Aber gut zu wissen, dass der Vortrag vom Thomas voll – aber so richtig voll – in die Hose gegangen ist. Das alleine ist ja noch irgendwie erträglich. Mein Ohr fängt nicht umgehend an zu bluten, wenn jemand vor sich hinquasselt. Am Ende meinte er dann aber, mir unbedingt Fotos zeigen zu müssen, auf denen er mit einer Frau zu sehen war, die ihm das Ohr ableckte. Das war ihm so wichtig, dass er mir sein Handy während der Fahrt vor die Nase halten musste und ich echt kurz davor war, mir zu überlegen, ob das nicht schon einen Eingriff in die Betriebssicherheit darstellt, der mir erlaubt, die Beförderung abzubrechen. Und wir waren da noch keine vier Minuten unterwegs und nur noch zwei von seinem Ziel entfernt.

Die Fotos kommentierte er im Übrigen wie folgt:

Und, Alter, das is‘ meine Professorin! Meine Professorin! Das ist doch eine kranke Welt!“

Den letzten Satz war ich bereit zu unterschreiben. Und die 1,40 € Tip liefen dieses Mal unter dem Label Schmerzensgeld …

PS: Komme gerade wenig zum Bloggen, aber keine Sorge: das wird sehr bald wieder besser. Danke an die vielen Leser, die mir weiterhin Links zu Uber oder ähnlichem zuschicken! Ich nehme das nicht nur zur Kenntnis, sondern sehe mir sie an und baue sie im Hintergrund weiterhin in die UberPop-FAQ ein, die ich weiterhin aktuell halten will und die gerne verlinkt werden darf. Und gerade jetzt, wo ich wenig Zeit habe, kommt mir das sehr entgegen, die Artikel zugeschickt zu bekommen. Also wirklich vielen vielen Dank!

Der harte Achtzehnte

Dass das mitgeschleifte Elend noch ein Mensch war, war schwer zu erkennen. Ich schätze, dass selbst eingefleischte Mediziner dem an den Taxistand geschleiften Kerl keine allzu hohe Überlebenschance mehr attestiert hätten. Aber als Taxifahrer hat man halt auch so seine Erfahrungen …

Ich hab die Tour kein Bisschen gerne angenommen. Der von zwei Helfern angeschleifte Typ war wirklich völlig sturzbesoffen. Konnte nicht alleine stehen, die Augen öffnen oder sich koordiniert bewegen. Weit mehr als ein Drink zu viel. Aber was willste machen? Haben nicht auch Leute, die sich beim Alkohol verschätzt haben, ein Anrecht darauf, heimgebracht zu werden?

Für die drei Kollegen vor mir war klar: nein!

Auch ich haderte mit dem Gedanken der Ablehnung, aber eine zweite abgelehnte Tour in nur 5 Jahren hätte mir meine Statistik dann doch arg versaut. Weit mehr ausschlaggebend war dann aber der leider nicht immer anwesende gute Freund des Opfers, der augenscheinlich nüchtern, anbei verständnisvoll und liebenswert versichert hat, dass das schon klappen würde und das alles ja zudem nicht so geplant war.

Ich will den unbotmäßigen Alkoholkonsum nicht schönreden, aber zumindest in der Rolle jenes Freundes war ich auch schon und zudem bin ich Fahrer des öffentlichen Personennahverkehrs und hab auch meine Ehre. Wenn da wer in Not ist und mich anfragt, dann will ich den auch sicher zu Hause wissen, wenn ich gemütlich Feierabend mache!

Das Fahrtziel lag natürlich nicht direkt ums Eck, sondern gut 7 km entfernt. Insofern half es leider nur bedingt, dass das Spiel 3 km lang problemlos gut ging. Ich hatte meine Ansprache gehalten, dass es hässlich wird, wenn er ins Auto kotzt – und etwa 4 Sekunden vor seinem Versuch aus dem Fenster zu kotzen habe ich auch gesagt, dass er alles tun sollte, bloß nicht versuchen, aus dem Fenster zu kotzen. Nun ja.

Da sprudelte der Fahrgast also vor sich hin, der gute Freund war entsetzt und ich entsprechend unbegeistert. Der junge Mann hat sich sichtbar Mühe gegeben, aber das half natürlich wenig. Zwischen innen und außen liegt die Scheibe und was da reinläuft …

„Scheiße! Und was kostet jetzt so eine Reinigung in dem Fall?“

fragte mich der gute Freund mit Brille und Kurzhaarfrisur.

„Hier, nimm‘ das Papier!“

hab ich geantwortet. Denn was „das in so einem Fall“ kostet, kann keiner sagen. Wenn ich es alleine putzen muss und nichts allzu dramatisches passiert, dann kostet das 200 €. Ein netter Kollege hat aber vor Gericht auch schon mal 1.600 € erstritten. Da ging es zwar auch um kompliziertere Probleme (Lüftung, Radio etc.), dennoch sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn einem im Taxi schlecht wird. Anhalten ist IMMER die bessere Option! Und jeder Taxifahrer mit Verstand kommt der Bitte auch nach.
In dem Fall aber waren wir schnell. Während unser Opfer auf dem Gehsteig kotzend umhertorkelte, haben sein Freund und ich umgehend die Scheibe in Angriff genommen und das Schlimmste verhindert. Und scheißegal, ob mich die Kollegen deswegen für bekloppt halten: in so einem Fall kostet das bei mir das, was auf der Uhr steht.

5 Minuten Putzen waren ausreichend, danach war das Auto wieder sauber und wohlriechend. So lange das so ist: Wayne?

Nun war die Frage, wie es weitergehen sollte. Das Geld der Fahrgäste war knapp, mein Vertrauen hinüber – und bei der Problematik, wie der Kerl heimkommt, waren wir nicht wirklich weiter. Also ja, 3 Kilometer, aber das hilft auch nicht viel, wenn der Kunde nur mit Mühe und Not 5 Meter bis zur nächsten Hauswand schafft.

Ich hab im Auto noch eine Tüte gefunden, die unsere gemeinsame Entscheidung dann beeinflusst hat. Der Kotzer selbst schwor, sie sich immer vors Gesicht zu halten – und der Freund schwor, das zu überwachen. Das hat die nächsten 3 Kilometer nicht unstressig gemacht, da dem Kerl immer noch schlecht war – aber ich hatte Hoffnung.

Und einmal mehr: ohne den begleitenden Freund hätte ich die Tour abgebrochen. Der nämlich wusste nicht nur, diese Überwachung ernsthaft durchzuführen, er war auch über alle Maßen dankbar und hat zudem wohlwollend meine Arbeit wie auch meinen Einsatz kommentiert. Es war ihm peinlich, ganz offensichtlich. Aber er konnte seinen Kumpel ja nicht hängenlassen. Und das verstehe ich durchaus.

Nach weiteren 3 km kam es aber trotzdem zu einem erneuten Stopp. Unser Spezialkandidat hatte nicht nur in die Tüte gereihert, sondern seinen Auftrag, selbige vor den Mund zu halten, auch dahingehend übererfüllt, als er auch nur durch selbige atmete. Dass er folglich noch mehr kotzte und zudem einen Ausweg suchte, kann ich eigentloch gut verstehen. Ich fuhr also abermals rechts ran und der Spezialkunde setzte sich ins Gebüsch. Ehrlich. Er saß in der Hocke da und reiherte weiter in die Tüte. Warum auch immer er sie auch dort so wichtig nahm …

„Der 18. Geburtstag ist echt der mieseste von allen!“

brachte er zwischendurch raus, dann plätscherte es wieder ins geduldige Plastik. Ach je, der wird sich wundern, wenn er noch älter wird.

Da wir nur noch rund einen Kilometer vom Ziel entfernt waren, stellte sich die Frage, ob ich überhaupt weiterfahren sollte. Zumal die Finanzen der Fahrgäste langsam knapp wurden. Zuletzt habe ich aber auch das noch gemacht. Der erleichterte Freund überzog mich mit Dankesworten und schüttete den Restinhalt seines Portemonnaies in meines. Was am Ende auch kaum mehr als 2 € Trinkgeld waren, ich aber in Anbetracht der Lage zu schätzen wusste. Für mich war die Aktion damit zu Ende und es ist nicht mehr mein Problem, wie es weiterging. Reichlich Wasser vor dem Einschlafen und eine Aspirin habe ich vorher schon empfohlen. Hoffen wir das Beste.

Wie die Kollegen hätte ich die Jungs nicht mitnehmen müssen. Und ich hab mir unterwegs oft genug gewünscht, ich hätte es nicht getan. Jetzt aber bin ich froh darüber, es doch gemacht zu haben. Obwohl ich die 12 €, die ich damit verdient habe, sicher ein paar Minuten später leichter hätte verdienen können. Und da geht es nicht darum, der Arsch vom Dienst zu sein; ehrlich nicht. Manchmal ist es auch einfach schön, jemandem geholfen zu haben mit der Arbeit, die man (mehr oder weniger) sowieso erbracht hätte.

Tarifverhandlungen gescheitert

Dank Uber war ich gewerbepolitisch in letzter Zeit leider andersweitig beschäftigt und habe das Thema Mindestlohn aufgeschoben. Nun also ein kurzer Zwischenstandsbericht:

Der deutsche Mietwagenverband BZP hat sich im Laufe des Jahres zum Tarifpartner auf Arbeitgeberseite aufwerten lassen und vertritt nun tarifpolitisch die Taxiunternehmen. Und zwar weil ein schon vor 2015 bestehender Tarifvertrag (in diesem Fall mit Ver.di) die einzige noch verbleibende Möglichkeit ist, die Einführung des Mindestlohns im Taxigewerbe zum Beginn nächsten Jahres zu verzögern.
Sprich: schließt man jetzt noch eilig einen Tarifvertrag mit Löhnen unter 8,50 € ab, besteht für die Arbeitgeber die Möglichkeit, diesen sonst ab dem kommenden ersten Januar verpflichtenden Betrag nach einer stufenweisen Annäherung erst ab Anfang 2017 zahlen zu müssen.
Da die Löhne im Taxigewerbe fast überall – zumindest aber durchschnittlich – weit unter 8,50 € (nämlich eher bei 6,50 €) liegen, wäre den Unternehmen daran natürlich viel gelegen.

Doch der Traum scheint erst einmal geplatzt zu sein.

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Ist das nun gut oder schlecht?

Das ist ganz klar eine Meinungsfrage. Die umgehende Einführung des Mindestlohns wird zweifelsohne Arbeitsplätze kosten. Das behaupten Vertreter aller Branchen, bei uns ist das aber eklatant sichtbar. Wenn der Gewinn eines Taxiunternehmens bei 5 bis 10% des Umsatzes liegt, dann kann der Lohn des Fahrers nicht um 20 oder 30% erhöht werden – dann wird dieser Fahrer seinen Job verlieren oder das Unternehmen pleite gehen, so ist das einfach. Die Frage ist demnach: ist es sinnvoller, alle Arbeitsplätze wie bisher zu erhalten – oder nach einem Abbau den restlichen Fahrern zumindest mal den Mindestlohn zu bezahlen? Und je nach Weltanschauung kann man da zu unterschiedlichen Ansichten kommen.

Meine ist klar:

Ich bin für den Mindestlohn und dementsprechend froh darüber, dass die Tarifverhandlungen geplatzt sind!

Und das nicht, weil ich Taxiunternehmer für böse halte und ihnen den Untergang wünsche. Im Gegenteil: ich bin mit sehr guten und sehr sozialen Chefs gesegnet, deren Unternehmen ich grundsätzlich bereit bin auch mit eigenen Mitteln mitzuverteidigen. Mir ist klar, dass sie mit dem Mindestlohn Probleme bekommen werden und in diesem einen Fall weiß ich, dass das nicht ihr Fehler ist. Ich werde wie die meisten Berliner Taxifahrer am Umsatz beteiligt und liege dank günstiger Arbeitszeiten jetzt schon über 8,50 € Lohn pro Stunde. Aber der Umsatz des einzelnen Fahrers (und in Berlin auch Unternehmens) lässt sich nicht beliebig steuern. Wenn in der Stadt mehr Taxis zugelassen werden (seit meinem Eintritt ins Gewerbe 2008 waren das irgendwas um 500 bis 1000 neue), dann sinkt entsprechend der Umsatz des einzelnen. Die meisten Aufträge werden hier von Zentralen vermittelt, die nicht mit den Unternehmen identisch sind – ergo kann man sich als Unternehmer auch durch z.B. bessere Qualität nicht deutlich mehr Kunden sichern. Was soll ein Unternehmen hier schon machen, außer sich mit mehr Fahrern mehr Anteil sichern?

Aber ungeachtet dessen: 6,50 € können kein vernünftiger Stundenlohn sein!

Das Jammern über den Verlust von Arbeitsplätzen unterschlägt immer, dass es dabei verdammt nochmal um Arbeitsplätze geht, die mit unter 8,50 € pro Stunde bezahlt werden. Da sind reihenweise Arbeitsplätze dabei, die jetzt schon dank Aufstockung staatlich mitalimentiert sind und andere, bei denen Leute ihre Familien um den Preis sie nicht mehr zu sehen ernähren. 6,50 € brutto bedeuten gerade mal 1300 € im Monat – bei mehr als 40 Wochenstunden! Natürlich hätte es eigentlich anderer Mittel bedurft, das Problem zu lösen. Der Senat hätte die Anzahl der Taxis begrenzen können. Man hätte durch Tarifsenkungen, Werbung oder Qualitätsverbesserungen mehr Kunden finden können oder auch einfach wenigstens aktiv die Schwarzarbeit bekämpfen, die immer noch zu viel Geld aus dem Gewerbe zieht.

Hätte, könnte. Fakt ist: das hat gerade hier in Berlin niemand geschafft. Und selbst in Anbetracht des bevorstehenden Mindestlohnes poltert der „Taxiverband Berlin Brandenburg“ als eine der Gewerbevertretungen schon wieder los, man bräuchte (ein Jahr nach der letzten Erhöhung) 23% Aufschlag auf den Taxitarif. Falls wer sein Milchmädchen vermisst: es arbeitet offenbar beim TVB.

Das Grundproblem ist hier wie überall eine grundsätzliche (Ausnahmen bestätigen die Regel …) Überversorgung mit Taxis. Wir müssen zwar um verfügbar zu sein Leerlaufzeiten haben, dennoch braucht es bei den meisten in Deutschland gültigen Tarifen kaum mehr als vielleicht 10 bis 13 besetzt gefahrene Kilometer pro Taxi und Stunde, um auch mit Mindestlohn wirtschaftlich zu sein. Und das ist wirklich kein utopischer Wert, selbst wenn wir weiterhin eine Versorgung garantieren wollen. Autos, die mit von der Beschäftigung abhängigen Fahrern zwei Drittel der Zeit stehen, sind Überfluss.

Nun wird es halt der Mindestlohn schaffen, das durchzurütteln. Das Dumme daran ist zweifelsohne, dass er unfair ist. Der Mindestlohn sorgt nicht automatisch für eine Bevorzugung der ehrlichen Unternehmen und spielt gleichermaßen auch jenen in die Hände, die schon jetzt wirtschaftliche Vorteile durch, nun ja, „kreative Buchführung“ haben.

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Bemerkenswert ist aber auch die Argumentation der beiden Tarifparteien:

Hier die Presseerklärung von Ver.di.

Hier die Presseerklärung des BZP.

Dass beide Parteien „Mimimi, die anderen sind schuld!“ rufen, ist die eine Sache. Der BZP allerdings wird wirklich albern. In Verhandlungen mit einer Gewerkschaft zu gehen um den Lohn zu senken ist das eine. Dabei allerdings überrascht zu sein, dass die das nicht tun, ohne andere Zugeständnisse zu kriegen – das ist nur noch lächerlich.

Der BZP behauptet z.B., dass eine Arbeitszeiterfassung via Taxameter technisch noch nicht möglich und problematisch beim Datenschutz wäre. Was für eine Zumutung! Arbeitgeber sollen wissen, wann ihre Arbeitnehmer arbeiten! Man stelle sich das mal in anderen Branchen vor … oh, wait! (Und by the way: natürlich protokolliert mein Taxameter meine Arbeitszeit …)

Und eine 40-Stunden-Woche ist nicht einführbar wegen Großveranstaltungen und dem Wetter!? Will irgendwer mal zum BZP gehen und denen sowas wie Überstunden, Freizeitausgleich etc. pp. erklären?

Nicht zu vergessen der weinerliche Hinweis darauf, dass es voll gemein wäre und Ver.di doch irgendwie hätte großzügiger sein müssen, weil die Branche ja keine Sonderregelung bekommen hätte. Ganz ehrlich, lieber BZP: WTF? Ihr habt noch nicht geschnallt, dass wegen Arbeitgebervertretern wie Euch sowas wie ein Mindestlohn erst nötig war und unser Gewerbe keine Ausnahmegenehmigung bekommen hat, weil gesamtgesellschaftlich nichts gegen 8,50 € Lohn für Taxifahrer spricht, sondern ausschließlich die teils hausgemachte Misere innerhalb des Gewerbes.

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Ich freue mich nicht darüber, dass Unternehmen pleite gehen und Fahrer entlassen werden. Schon gar nicht, wenn es Unternehmen betrifft, die es besser machen wollten, aber nicht konnten – oder Fahrer, die zufrieden waren mit dem Status Quo. Aber mal im Ernst: das Taxigewerbe ist wichtig und hat sich im Laufe der Jahrzehnte teils eigenverantwortlich, teils durch miserable Verkehrspolitik in eine Lage gefahren, die prinzipiell abartig ist. Obwohl uns Qualität abverlangt wird, verdienen wir Dienstleister so wenig, dass es uns spaltet in die, die mit Herzblut bei der Sache sind und dafür alles hinnehmen – und andererseits die, für die es „immerhin besser als nix“ ist und teilweise auch dementsprechend arbeiten. Eigentlich ist der Mindestlohn für nix davon eine angemessene Lösung, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung – nämlich das Dilemma unserer Unterbeschäftigung zu beseitigen.
Ich möchte dafür nicht die Freiheiten geopfert sehen, die die Arbeit mit sich bringt; aber im Gegenzug sollten wir zufriedenen Fahrer, die gerne hätten, dass alles so bleibt wie bisher, uns auch mal fragen, ob es im Gegenzug ok ist, dass sich in unseren Reihen Leute kaputtschuften, nur um noch ein paar Euro mehr als HartzIV zu bekommen (Und das ist eine realistische Darstellung, wenn man z.B. von einer Familie ausgeht, bei der nur ein Elternteil arbeitet). Wer von uns arbeitet den WIRKLICH freiwillig 60 Stunden die Woche? Was könnten wir erst reissen, wenn wir besser verdienen würden und deswegen weniger arbeiten müssten?

Unmögliche Schicht

Heute war wieder so eine Nacht …

Zu allererst war sie verdammt komisch. Obwohl ich die 72 ohnehin noch ein paar Tage alleine gehabt hätte, fühlte es sich verdammt komisch an, zu wissen, dass ich das Auto künftig nicht mehr mit Harald teilen werde. Was auch daran liegt, dass ich eben doch als Junior-, bzw. Zweifahrer dazu gekommen bin und die Ordnung im Auto überwiegend seine Handschrift trägt. Über was man sich halt so Gedanken macht … 🙁

Meine Laune war also ohnehin auf Halbmast. Eigentlich wollte ich heute Nacht mehr als die normal angepeilten 170 € einfahren, aber ich hatte ehrlich gesagt schon nach anderthalb Stunden keinen Bock mehr, überhaupt was zu tun. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend – in meinem Fall eher: dem Morgen – loben. Da kamen dann zum einen viele nette Worte von Kollegen, dann eine Stammkunden-Vorbestellung für später, die mich etwas bei der Stange hielt. Waren die Fahrten bis dahin an einer Hand abzuzählen, ging es nun deutlich schneller.

Am Ende haben dann zwei besonders lange Fahrten dafür gesorgt, dass ich doch 9 Stunden auf der Straße war, der Kilometer-, der Stundenschnitt sowie das Endergebnis gepasst haben. Dazu mit fast schon absurd netter Kundschaft und langen Gesprächen – mehr Win-Win geht in so einer verkorksten Nacht echt kaum noch. Aber ja, es gibt sie halt doch: die Gründe, diesen Job wahnsinnig zu mögen und die einen binnen einer Schicht wieder ein bisschen aufs Neue begeistern.

Einzelheiten reiche ich später nach. Ich muss den gestrigen Tag trotzdem erst einmal verarbeiten. Auch bei den Kommentaren werde ich vermutlich erst später wieder reinschauen.

Mein Tagfahrer

„Mein Tagfahrer“, der ist vielen hier ein Begriff, obwohl ich ihn aus dieser Blogsache hier immer rausgehalten hab. Er hat nie viel mit dem Internet zu tun gehabt und GNIT nicht viel mit ihm. Gerade wenn man sich ein Auto teilt, liegt es in der Natur der Sache, dass man sich kaum über den Weg läuft. Dabei hat er natürlich die Hauptarbeit auf der 1925, später dann auf der 72 geleistet. Hat im Gegensatz zu mir Vollzeit gearbeitet und nebenbei noch die ganzen Werkstattfahrten machen müssen, die ich meiner Arbeitszeit wegen nicht machen konnte. Mein Tagfahrer hat seit dem ersten Tag ganz wesentlich mitbestimmt, wie das Taxifahren für mich ist und war deshalb für mich eben nicht „mein Tagfahrer“, sondern Harald.

Harald, der eine wirklich wichtige Kollege in der Firma. Harald hat angerufen, wenn was mit dem Auto war, Harald hat vor meiner Schicht vollgetankt und das Auto sauber gemacht, so wie ich es dann umgekehrt für ihn getan hab. Als gut eingespieltes Team hatten wir uns über unsere Arbeitszeiten, das Abstellen des Autos und so ziemlich alles verständigt, wofür man nicht direkt den Chef anrufen muss. Vor einer Woche hat er seinen Jahresurlaub genommen, da hab ich ihn nach Hause gefahren und seitdem seinen Schlüssel für die 72 bei mir, damit ich ihn ihm – falls niemand ihn zwischendrin braucht – kurz vor seiner Rückkehr wieder in den Briefkasten werfen kann.

Dazu kommen wird es leider nicht mehr. Vorhin hat mein Chef mich angerufen und mich informiert, dass Harald während seines Urlaubs einen Herzinfarkt erlitten hat und verstorben ist. Einfach so. Hat jahrelang gewissenhaft seine Arbeit gemacht, war noch weit von der Rente weg und hinterlässt von heute auf morgen eine Familie, von deren Trauer ich mir nicht anmaße, eine Vorstellung zu haben, wenn schon ich hier mit Kloß im Hals und Tränen im Auge vor dem Monitor sitze.

Harald war vom ersten Tag an da und er blieb mein Tagfahrer. Egal ob das Auto wechselte, die Firma umzog, alles was wichtig war, habe ich immer mit Harald besprochen und sein Tod tut weh, auch wenn ich ihn gar nicht so besonders gut kannte.

Eine Familie hat einen guten Vater und Mann verloren,

ich einen guten Kollegen

und Berlin einen guten Taxifahrer.

Er wird fehlen.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

„Diese Straße … 47!“

Es gibt so Fahrten, die einen ganz eigenen Typus begründen. Derer gibt es fraglich viele verschiedene. Und sicher hat jeder Fahrer so seine eigenen Schubladen, in die er die Fahrten ggf. steckt. Ich hab da beispielsweise die „Rentner vom Bahnhof in einen Außenbezirk“-Fahrten als eigene Kategorie. Die sind überwiegend stressfrei und nicht selten ertragreich beim Trinkgeld. Zusätzlich gibt’s oft interessante Infos aus der Berliner Geschichte.
Oder die „Berghain zu einer Schwulenbar nach Schöneberg“-Touren: ebenso stressfrei, meist sogar langweilig, dafür viel Englisch.

Worauf ich jetzt eigentlich raus will, sind die fast schon hobbymäßigen „Null Aufwand und damit gutes Geld“-Fahrten. Schätze, diese Sortierung nehmen andere Kollegen auch gelegentlich vor. Das sind die Fahrten, die man kriegt, wenn man sowieso in die Richtung unterwegs ist – oder etwa eine Kurzstrecke mit nur ein paar Metern Umweg serviert bekommt. Am Sonntagmorgen hatte ich z.B. meinen Umsatz beisammen, als ich einen Kunden am Adlon abgeliefert hatte. Auf dem Heimweg stieg mir an der Französischen Straße ein Winker zu und wollte zum nh Hotel „Alexanderplatz“. Das lag (abgesehen von 5 Metern Umweg in die Hotelvorfahrt) komplett auf dem Weg, den ich sowieso fahren wollte und hat mir schnell einen Zehner Umsatz gebracht, auf den ich an anderen Tagen eine Stunde warte.

Nun aber zu den zwei Trunkenbolden.

Ich war auch hier auf dem Weg nach Hause. Vor der Schicht. Ich darf das Taxi privat nutzen, also tue ich es gelegentlich. In dem Fall wollte ich zu Hause meine bessere Hälfte abholen und mit ihr zusammen zwei Sendungen aus der Packstation holen. So halten wir das öfter, gerade bei schwereren Paketen. Wann immer ich nach Hause fahre, entscheide ich je nach Laune, wann ich die Fackel ausmache. Mal will ich davor gar keine Kundschaft, mal schalte ich sie erst aus, wenn ich fast da bin. Dieses Mal habe ich sie angelassen und bekam ungelogen 100 Meter vor der Haustür – beim wunderbaren Döner, der in unserem Viertel sowohl das nächtliche Essen als auch die Rund-um-die-Uhr-Versorgung der ortsansässigen Alkoholiker gewährleistet – Winker. Zwei stark schwankende Gesellen, um 21 Uhr bereits voller als die halbe folgende Nachtschichtkundschaft zusammen.

Ihr Deutsch war mittelprächtig, wahrscheinlich waren es Russen. Der eine auf dem Beifahrersitz wies mit ausladender Geste Richtung Westen und sagte:

„Diese Straße!“

Was halb Berlin hätte bedeuten können.

„47.“

Aha. Er meinte also genau diese Straße, in der wir uns befanden …

„Ach so, also Marzahner Promenade?“

„Ja. 47.“

Gut, die 47 liegt natürlich in die andere Richtung – aber für derartige Ortskenntnis hat man ja uns Taxifahrer. Und nachdem ich gewendet hatte, konnten sie mir die richtige Einfahrt auch zeigen. (Nee, ist nicht so einfach bei uns mit dem Straßenverlauf …)

Ich hatte gnädig eine Kurzstrecke eingetippt und sie nach einer Minute Fahrt mit einem zusätzlichen Euro Trinkgeld auch bezahlt bekommen. Würde ich alle drei Minuten 2,80 € (Bruttolohn-Anteil von 4 € + Trinkgeld) verdienen, wäre ich mehr als nur zufrieden. 🙂

Kurioser Nebeneffekt dieser Fahrt: Ozie hatte dieses Mal meinen Tracker im Blick, um zu wissen, wann ich komme – und sich entsprechend gewundert, dass ich quasi direkt vor der Tür nochmal umgedreht habe. Aber wenn ich mir meinen Blog so durchlese, glaube ich eh, dass der Job per se etwa kurios ist …