Kollegenfahrt

Einen Kollegen im Auto zu haben, ist nicht gerade spektakulär. In Deutschland müsste es irgendwas um die 100.000 Taxifahrer geben, von Ex-Fahrern mal ganz abgesehen. Seltener ist es, Taxi- und Taxiblog-Kollegen in Personalunion durch die Gegend fahren zu können. Jetzt aber hat das mal wieder geklappt.

Der Fahrer der Bremer Seite „Taxiblog Bremen“ war übers Wochenende in Berlin und hat gefragt, ob wir uns zu diesem Anlasse treffen könnten. Das hat sogar geklappt – obwohl ich in den letzten Tagen einige Zeit krank und im Bett liegend zugebracht habe. Aber wie man sonst mit dem Wetter Glück hat, hatte ich es gesundheitlich: In den gesamten 24 Stunden davor und danach ging es mir nicht so gut und unser Treffen ist wirklich angenehm geworden. Die Runde durch (Überwiegend Ost-) Berlin wurde zwar relativ willkürlich, aber wir haben die Zeit auch vor allem genutzt, um uns eben unter Kollegen über unsere Arbeitsbedingungen und das Bloggen zu unterhalten.

Und abgesehen von der tollen Fahrt an einem für mich aussichtslosen Tag hab ich auch das Privileg anzukündigen, dass es beim Bremer Kollegen im Blog bald weitergehen wird. Und mehr Taxiblogs sind immer gut! \o/

Und auch wenn unsere Blogs sehr unterschiedlich sind: Ich kann nach unserem Treffen doch eines sagen: Wir zwei sind uns ziemlich ähnlich, was unsere Sicht auf den Job angeht. Also freut Euch auf seine nächsten Beiträge!

(Auf meine natürlich bitte auch, aber wem sage ich das … 😉 )

Dienst nach Vorschrift

Ich kränkel ein wenig vor mich hin, hab die gestrige Schicht nach nur 6 Stunden abgebrochen. Um nach einer kurzen Essenspause wie tot  zwei bis drei Stunden vor der eigentlichen Zeit ins Bett zu fallen. Naja, wenn’s hilft …

Entsprechend wenig engagiert war ich gestern auch auf der Straße. Bin gerne einfach an den Stand gefahren, hab nicht jede Ecke zweimal abgegrast, um nach Winkern zu suchen, etc. pp.
Aber im Gegensatz zu manchen Kollegen hat’s dann halt doch noch für Kundenservice und vorschriftsmäßigem Dienst gereicht.

„Moin, Matrix is‘ Dir zu kurz, oder?“

„Nö, Quatsch. Steigt ein.“

Irgendein Kollege „da vorne irgendwo“ war offenbar schon so hinüber, dass er sich nicht einmal mehr an die grundsätzlichen Regeln des Berufes erinnern konnte. Traurig, solche Schicksale. Ich hab die Jungs dann kurz am Tunneldurchgang an der Warschauer abgesetzt und für die 5,80 € einen glatten Zehner bekommen. Danach hab ich wirklich einen 5km-Haken geschlagen, um am Ende noch einen Winker nach Schöneberg (18 €) und auf dem Rückweg welche nach Lichtenberg (15 €) zu bekommen.

Für alle gesundheitlich angeschlagenen da draußen: Nur zur Arbeit gehen, wenn man noch weiß, welchen Job man macht, ok?

Flottenstützpunkte bei Nacht

In den nächsten paar Monaten werde ich (mit Ausnahme von Silvester vielleicht) wieder im Dunkeln Feierabend machen. Und zumindest vorübergehend einmal die Woche dabei das Auto an der Firma abstellen. Und wie siehts da so aus?

Dunkel und opelig:

Na, welcher ist die 72? ;) Quelle: Sash

Na, welches ist die 72? 😉 Quelle: Sash

Das Abstellen an der Firma ist ein wenig blöd wegen der langen Anfahrt, dafür muss ich’s derzeit nur einmal in der Woche machen und hab das Auto sonst vor der Türe. Ich hab also achtmal 15 Minuten Arbeitsweg durch zweimal 60 Minuten ersetzt. Das bleibt in der Summe gleich und ist eigentlich gar kein so schlechter Deal. Andererseits ist es komisch, dass das Auto jetzt auch für Springer genutzt wird – ich muss mir jedes Mal den Sitz aus vollkommen anderen Positionen zurechtnudeln. Obwohl’s mir gerade wirklich gefällt (auch ein längerer Arbeitsweg hat ja manchmal was entspannendes), wäre es doch eigentlich schön gewesen, die 72 noch mit Harald zusammen runterzurocken. 🙁

Liebe GDL,

als Mensch und Bahnfahrer ohne eigenes Auto habt ihr es schwer, meine Zuneigung zu bekommen. Die vielen ausgefallenen Züge, das Gedränge in den noch fahrenden, ach!

Als Linker und Arbeitnehmer habe ich großes Verständnis für einen aggressiv geführten Arbeitskampf und ihr somit meine Unterstützung, auch wenn mir die Tatsache, dass es nicht nur um die Verbesserung für die Angestellten, sondern auch um euren Machtbereich geht, Magengrummeln bereitet.

Als Taxifahrer aber muss ich euch einfach loben. Arg viel direkter als mit massenhaften Zug- und S-Bahn-Ausfällen kann man das Taxigewerbe kaum noch unterstützen. Ich hatte dank Euch ein Wochenende, das stellenweise an Silvester erinnert hat und deswegen wollte ich einfach mal danke sagen! 🙂

Aber da sich der Mensch in mir gerade vordrängeln will und ich heute das Auto nicht mit heimnehmen kann: Ich hoffe, dass es bald mal eine Eingung bei euch gibt.

Küsschen,

Sash

Schlechter Fang?

Gut, ich stand schon etwas. Da wären lange Touren natürlich herzallerliebst. Wo es hingehen sollten, sagten die 6 Leute dann allerdings erst einmal nicht, sondern fragten, ob sie überhaupt reinpassen würden ins Auto. Das hatten wir dann recht schnell geregelt, also schwang ich mich unter den leuchtend blauen Lettern, die da „BERLIN OSTBAHNHOF“ in die Nacht brüllten, in den Wagen und drehte den Zündschlüssel um.

„Wo darf’s denn hingehen?“

„Das A&O-Hostel in der Köpenicker.“

Uff. Irgendwas zwischen 900 Metern und einem Kilometer. Entsprechend hab ich nach grob geschätzt 50 Sekunden den Zündschlüssel wieder umgedreht und den Preis angesagt. Der war dank Einstiegspreis, Zuschlägen und den ja durchaus teuren ersten Kilometern bei 8,20 €. Ich weise da auch immer drauf hin, dass es wegen dem Zuschlag so teuer sei, weil …

„Ja ja, blabla, passt so.“

Zehn Euro. Für eine Minute Fahrt. Andererseits hab ich dafür aber auch 6 Leuten mal eben schnell die Heimfahrt in vielleicht einem Zehntel der sonst benötigten Zeit ermöglicht. Oder das Laufen erspart. Wirklich nach Feiern zumute war ich aber erst, als ich von der Köpi (200 Meter entfernt) mal noch schnell eine 15€-Winkertour bekommen habe. 🙂

Am Ende ist es dann ja egal, wie man auf seinen Schnitt kommt …

Confusing

Es war ein selten klischeehaftes Gegacker, als die vier jungen Damen eingestiegen waren. Ich stand auf der Warschauer Brücke, wo dank wunderbarer Baustellen inzwischen nachts um 1 Uhr nicht nur auf dem Gehweg, sondern auch auf der Straße Stau herrscht. Kaum dass die Mädels eingestiegen waren, plapperten wirklich alle gleichzeitig auf mich ein, es war schlicht überhaupt nichts zu verstehen. Die Namen von Straßen und Bahnhöfen, alles wild durcheinander. Irgendwo glaubte ich ein „Rehberge“ zu hören, dann aber wurde halbwegs verständlich „Ritter Butzke“ gesagt. Na also, das kenne ich doch!

(Den U-Bahnhof Rehberge auch, aber das nur nebenbei …)

Ich wendete also baldestmöglich und prompt baten mich die Damen, das Auto zu stoppen. Also eine, nein zwei von ihnen. Es war wohl tatsächlich so, dass zwei zum Ritter Butzke und zwei zum U-Bahnhof wollten. Völlig entgegengesetzte Fahrtrichtungen. Das freilich hatten sie nicht etwa zuvor geklärt, sondern taten es nun, wo ich auf der Brücke stand und auf halbwegs eindeutige Anweisungen wartete. Würde mir nicht einfallen, aber kann man ja mal machen. Bei laufender Uhr ist das auch für mich kein Problem.

Obwohl für mich der Bahnhof Rehberge eine bessere Tour bedeutet hätte, war es schon ok, dass mir am Ende die Ritter-Butzke-Fraktion blieb. Die anderen wollten schließlich insbesondere deswegen heim, weil sie schon einen über den Durst getrunken hatten. Was man von den beiden Partytanten neben und hinter mir nicht sagen konnte. Die hatten eindeutig noch mehr geplant und waren noch entsprechend fit. Nachdem wir die anderen losgeworden waren, bekam ich eine wirklich aufrichtige Entschuldigung für den Stress:

„I am so, soo, sooooo sorry for that, believe me! Soooooo sorry!“

„No problem, really. It was just a bit, you know, confusing. But that’s all, everything’s fine.“

Die folgende Fahrt über haben wir uns hauptsächlich über meine Englischkenntnisse und ihre Taxierlebnisse unterhalten. Und immerhin kann ich inzwischen relativ gut auf englisch erzählen, wie schlecht ich englisch kann. 😉

Im Ernst: Ich hab‘ eine gute Aussprache, aber mein Vokabular ist eben beschränkt. Aber es wächst – und damit auch das Lob der Fahrgäste. Faire Entlohnung sozusagen. Der Taxifahrer vom Flughafen aus hätte nur schlecht englisch gesprochen, viel schlimmer aber sei gewesen, dass er nicht wusste, wo sie hinwollten. Also hab ich den jungen Touristinnen mal eben die Taxi-Problematik in Schönefeld erläutert und dass das bedeutet, dass die Fahrer dort keine Ortskunde für Berlin haben müssen. Was im Taxi eben so unter Smalltalk fällt.

Das Trinkgeld am Ende war schlecht, sehr schlecht sogar, das muss ich zugeben. Was aber keinesfalls böse gemeint war, sondern eher der Unwissenheit geschuldet. Und dann mag ich das nicht so recht als Manko sehen. Denn zum einen hätten mich die beiden auf einen Drink eingeladen, zum anderen betonten sie, dass ich „the best taxi driver we ever met“ gewesen wäre und eine der Damen bestand darauf, mich mit einem High-Five zu verabschieden. Sicher, kaufen kann ich mir dafür nix. Aber solche Touren sorgen auf der anderen Seite dafür, dass einem die Arbeit gar nicht wie Arbeit vorkommt. Und fürs nette Quatschen mit fremden Menschen bekommen die meisten anderen auch nicht mehr als Anerkennung. Da sind vierfuffzig brutto zusätzlich doch eigentlich schon ok …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Tariferhöhung – ja oder nein?

Es war erwartbar. Angesichts des zum ersten Januar einzuführenden Mindestlohns haben die Gewerbevertretungen auch für Berlin Anträge auf eine Erhöhung des Taxitarifs gestellt. Ja, Plural – einig sind sie sich wie immer nicht. 🙁

Nun ist das ausnahmsweise mal eine schwierige Situation. Ich bin nach wie vor kein Freund von Tariferhöhungen, allerdings sowohl ein Freund des Mindestlohns als auch meines Arbeitsplatzes an sich. Und in der aktuellen Situation ist es einfach schwer, sich für oder gegen eine Erhöhung an sich zu entscheiden.

Eine Tariferhöhung sorgt in erster Linie für mehr Einkommen, schon klar. Andererseits schreckt es Kunden ab und es gäbe nach wie vor andere Möglichkeiten, den Verdienst zu erhöhen. Zusätzlich zur normalen Inflation kommt jetzt der Mindestlohn, der etliche Unternehmer einfach wegen des geringen Stundenumsatzes der Fahrer wirklich an die Grenze der Rentabilität bringt. Ist andererseits ein Stellenabbau nicht auch gut? Fragen über Fragen – und vieles eine reine Meinungs- und Gewichtungssache.

Argumente pro Tariferhöhung:

Trotz Abschreckungseffekt würden die Umsaätze im Taxigewerbe wohl etwas steigen.

Sollte das zutreffen, könnten durch einen erhöhten Tarif mehr Arbeitsplätze gerettet werden.

Argumente gegen die Tariferhöhung:

Die Kunden zahlen mehr für Taxifahrten.

Die Zahl der Kunden verringert sich (ob merklich oder nicht, es passiert).

Am Ende bleibt die Glaubensfrage, ob es um die Auslastung oder die Bezahlung gehen soll. Der (durchschnittliche) Lohn der Taxifahrer wird notgedrungen im Laufe der Zeit auf Mindestlohnniveau steigen. Mit Tariferhöhung oder ohne. Ohne würde bedeuten, dass mehr Taxifahrer ihren Job verlieren. Auch nicht zu verachten: Wenn mehr Taxifahrer ihren Job verlieren, es also weniger Taxis gibt, wird die Verfügbarkeit sinken. Ob das dramatisch wird: Keine Ahnung. Aber ja, ein Teil des Taxipreises ist immer auch der Verfügbarkeit geschuldet gewesen.

Ich persönlich schätze, dass eine auf Mindestlohnniveau „lohnende“ Arbeit drin ist, wenn einige Taxen wegfallen und die Tarife nicht erhöht werden – und das, ohne dass es die Kunden zu arg beeinträchtigt. Aber dafür hab ich keine Zahlen, es gibt vermutlich auch keine. Und im Einzelfall könnte tatsächlich deswegen mal kein Taxi verfügbar sein, das es davor noch gegeben hätte.

Eine Tariferhöhung hingegen könnte mehr Menschen in Lohn und Brot stehen lassen und damit mehr Taxen in der Stadt garantieren. Allerdings für höhere Preise, weiterhin niedrige Auslastung und auf die Gefahr hin, dass noch mehr Leute auf Alternativen umsteigen.

Obwohl ich gerne gegen eine Tariferhöhung plädiere, kann ich mich dieses Mal nicht hinstellen und sie voller Überzeugung als grenzenlos gut darstellen. Wie immer hat alles Vor- und Nachteile, und jetzt ist es schwieriger denn je, sie abzuwiegen. Von den Details der einzelnen Vorschläge will ich dabei noch nicht einmal reden. Bin ich dafür, dass mehr Kollegen arbeitslos werden oder dafür, dass die Kunden höhere Preise zahlen und weniger werden? Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. 🙁

Das Taxigewerbe in Berlin steht an der Wand gerade, ganz ehrlich. In Teilen selbstverschuldet, aber auch dem Senat haben wir da einiges zu verdanken. Detlef Freutel hat Recht, wenn er sagt, dass auch die Politik Schuld daran hat: im Kampf gegen Schwarzarbeit wurden wir im Stich gelassen – ja wirklich! Anfangs begeistert vom „Hamburger Modell“, das im Wesentlichen mehr Überprüfungen vorsieht, hat der Senat am Ende kaum was davon umgesetzt – am allerwenigsten die Kontrollen. So stehen die ehrlichen Firmen seit Jahren schon unter dem Druck, illegale Konkurrenz erdulden zu müssen, was natürlich die Umsätze senkt.

(Kleiner Funfact: Uber hat es also nicht einmal geschafft, in Punkto Illegalität innovativ zu sein. Gut, sie sind weiter gegangen als die Schwarztaxler, aber selbst das taugt für ihre „Voll neu!“-Legende kaum.)

DIE richtige Entscheidung gibt es beim Thema Tariferhöhung alleine also nicht. Man müsste den Wirkungsbereich ausweiten. Denn wirklich perfekt wäre tatsächlich, den Tarif nicht zu erhöhen und stattdessen einfach mal ein paar Kontrolleure loszuschicken. Dann würde sich die Zahl der Taxifahrer durch den Wegfall der schwarzen Schafe ergeben und die Kunden müssten eine geringere Einschränkung der Verfügbarkeit hinnehmen, während die Taxifahrer immer noch besser ausgelastet wären und damit besser verdienen würden. Aber dreimal dürft Ihr raten, welcher Wunsch genau nicht in Erfüllung gehen wird …