Taxifahren ist ja nun wirklich ein interessanter Beruf, und er hält für die dort angestellten einiges an Absurditäten und Überraschungen bereit. Ein besonders kurioser Fall hat sich neulich ergeben, als ich vier französische Puff-Besucher im Auto hatte, die mich nicht nur ermutigt haben, mich mehr ihrer Heimatsprache zu widmen (ja, sie meinten tatsächlich die Sprache!), sondern es auch bedauerten, dass es hier keinen Mindestlohn für Taxifahrer gäbe, so angenehm und nett wie ich und meine Kollegen doch bisher gewesen seien.
Balsam für die Seele. Zufriedene Kunden mit Wertschätzung fürs Gewerbe. Ich hoffe, ihr Umgang mit den Prostituierten ist ähnlich!
Aber dann das Wort: Mindestlohn!
Ich will ehrlich sein: Ich hab mich um das Thema immer herumgedrückt. Ich habe nach wie vor nur teilweise Ahnung von der Struktur des Gewerbes in dem ich arbeite (vor allem in anderen Orten!), und zudem übersteigt die Thematik in manchen Punkten meine Kompetenz bezüglich ökonomischer Zusammenhänge.
Aber einen unbedarften, naiven Blick auf die Geschichte möchte ich doch irgendwann mal werfen – also warum nicht heute? Ich stehe dem Thema auch nach allen Überlegungen immer noch ambivalent gegenüber, lasse euch aber gerne an meinen Überlegungen teilhaben. Über fundierte Kritik wäre ich dieses Mal im Übrigen besonders froh, ich kann mir vorstellen, dass ich einiges vergessen habe.
Derzeit werde ich – wie die meisten Taxifahrer in Berlin – ausschließlich nach Umsatz bezahlt. Eine Stunde ohne Kunden bedeutet für mich – brutto wie netto – einen Verdienst von 0,00 €. Ich verfluche natürlich die schlechten Januarschichten, bei denen ich nach 10 Stunden mühsam 80 € Umsatz zusammengekratzt habe und damit mit 3,60 € brutto pro Stunde in den Morgenstunden nach Hause schleiche. Gut, immerhin plus Trinkgeld, im Normalfall dann nochmal 40 ct pro Arbeitsstunde.
Die Vorstellung, garantiert 7,50 € – oder gar 8 oder 10 € zu bekommen, reizt mich wie sie jeden Arbeitnehmer reizt.
Das Problem ist die Struktur des derzeitigen Gewerbes. Der Gesamtumsatz der etwa 12.000 Taxifahrer in Berlin ist erst einmal nicht von uns abhängig. Es ließe sich sicher durch drehen an der Tarif-Preisschraube oder Werbung etwas bewegen, aber alleine durch die Einführung eines Mindestlohnes würde sich der Umsatz nicht erhöhen. Dazu ist es schlicht und ergreifend nötig, dass mehr Leute Taxi fahren.
Nun ist es so, dass die Taxifahrer in Berlin mit Sicherheit weniger pro Stunde verdienen als ein angemessener Mindestlohn fordern würde. Das liegt auch überwiegend gar nicht an irgendwelchen ausbeuterischen Chefs, die Margen sind in dem Gewerbe einfach nicht endlos hoch.
Die daraus folgende Logik ist im Prinzip simpel: Der erreichbare Umsatz wird unter zu vielen Beteiligten gesplittet – es sind zu viele Taxen auf der Straße. Darüber darf gestritten werden, aber letztlich müsste bei gleich bleibender Kundenzahl entweder die Zahl der Taxen ab-, und damit die Wartezeit der Kunden zunehmen – oder pro Kunde mehr Geld gezahlt werden. Was für den Kunden natürlich die Wahl zwischen Pest und Cholera ist, könnte man aus unserer Sicht so zusammenfassen: Wir verkaufen unsere Dienstleistung auf unsere eigenen Kosten zu günstig, eine Verbesserung für uns schadet zwingend dem Kunden.
Sicher nicht immer merkbar. Ob das Taxi nun 5 oder 6 Minuten zum Kunden braucht, interessiert nicht wirklich – ich möchte es nur anmerken.
Aber natürlich wäre ein Mindestlohn prinzipiell durchsetzbar. Und wünschenswert. Ich hoffe nicht, dass es ernstlich eine Mehrheit da draussen gibt, die der Meinung ist, es wäre ok, für 5 € pro Stunde einen Vollzeitjob zu machen – einen Vollzeitjob also, mit dem niemand eine Familie ernähren könnte. Der Nachteil in unseren Kreisen wäre aber auch ganz deutlich: Es würden Arbeitsplätze wegfallen!
Ehrlich: Ich finde es besser, wenige „gut“ bezahlte Arbeitsplätze zu haben, als etliche schlecht bezahlte. Viele gute wird indes auch Ver.di nicht herbeizaubern können, so sehr wir uns alle das wünschen würden.
Für uns Fahrer ergäbe sich mit Einführung eines Mindestlohnes ein sehr zwiespältiges Bild:
Zum einen würde unsere Arbeitszeit endlich einen Wert bekommen. Das klingt seltsam, aber solange wir umsatzbasiert bezahlt werden, hat sie den natürlich nicht. Meinem Chef ist es bisher egal, ob ich eine oder zehn Stunden für 10 € Umsatz arbeite. Mein Lohn beträgt in beiden Fällen 4,50 € brutto. Wenn ich aber einen Mindestlohn kriegen müsste, hätte er natürlich ein Interesse daran, meine Arbeitszeit produktiv zu gestalten. Und da sind wir beim zweiten Punkt:
Zum anderen würde nämlich unsere Freiheit während der Arbeit darunter leiden. Ob das schlimm ist, muss jeder für sich selbst beantworten – aber natürlich wäre es plötzlich ein wirtschaftliches Risiko für den Chef, wenn der Fahrer lieber eine ruhige Kugel schiebt und damit am Ende nur 10 € pro Stunde einfährt. Im Übrigen etwas, das einem nicht nur durch Faulheit passieren kann, sondern auch mal durch Pech, die falsche Wahl der Halte etc.
Und wenn ich in 3 Stunden nur 5 € Umsatz gemacht habe, dann ist es ja nur zu verständlich, dass mein Chef wissen möchte, was ich bitte gemacht habe – immerhin müsste er mir dafür ja plötzlich mehr Geld zahlen, als er erhält…
Für uns würde sich also der Verdienst mit ziemlicher Sicherheit erhöhen, dafür kann davon ausgegangen werden, dass wir auch einen Mindestumsatz erbringen müssten, bzw. gewisse Einschränkungen in unserer Bewegungsfreiheit hinnehmen. Das mag bei einem freien Job wie Taxifahren Jammern auf hohem Niveau sein, aber ich mache den Job auch eher der Freiheiten, weniger des guten Verdienstes wegen.
Es droht aber auch noch Ungemach von ganz anderer Seite. Zum Beispiel die Selbstständigen. Von selbstständigen Unternehmern lässt sich kein Mindestlohn einfordern. Die stellen aber einen nicht unbedeutenden Anteil an Taxifahrern. In Berlin verteilen sich beispielsweise 12.000 Fahrer auf 5.000 Unternehmen. Dass da viele Unternehmen aus nur einem Fahrer bestehen, kann man sich denken – genaue Zahlen habe ich allerdings auch nicht. Fakt ist aber, dass Selbstständige einige „Vorteile“ haben. Nicht nur, dass ihr Lohn schlecht reglementiert werden kann: Auch ihre Arbeitszeit ist frei. Im Gegensatz zu Angestellten unterliegen sie keiner Beschränkung der Arbeitszeit, sie könnten theoretisch jeden Tag 24 Stunden fahren. Das ist insbesondere deswegen interessant, weil im Falle eines Mindestlohns die Schwarzarbeiter der Branche sich sicher darauf verlegen würden, statt wie bisher die Umsätze, nun eher die Arbeitszeiten kleinzurechnen. Die Selbstständigkeit wäre hier ein Ausweg, und wahrscheinlich würden sich sogar sehr lukrative Wege der Scheinselbstständigkeit finden lassen, um letztlich Fahrer unter dem gesetzlichen Lohn fahren zu lassen.
Insbesondere, wenn wegen des Mindestlohnes das Modell der umsatzabhängigen Bezahlung zugunsten eines Stundenlohnes flächendeckend eingeführt werden würde, würde dies auch die Fahrer dazu ermutigen, hier und da mal besser illegal ohne Uhr zu fahren.
Im Endeffekt würde das bedeuten, dass das System mit einem Mindestlohn nur funktionieren würde, wenn – mal rein kapitalistisch gesprochen – eine schnelle Auslese einsetzt. Entweder die Unternehmen würden ziemlich rigoros jeden Fahrer feuern, der zu wenig Stundenumsatz bringt – oder die Unternehmen, die das nicht tun, würden recht schnell von der Bildfläche verschwinden, weil sie pleite sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Selektionsprozess zu Ungunsten der ehrlichen Unternehmer ausfällt, ist nicht allzu gering, da schon jetzt Schwarzarbeit ein riesiges Thema in der Branche ist.
Worauf will ich hinaus?
Naja, wie ich sagte: Ich habe eine ambivalente Meinung!
Zum einen wäre ein Mindestlohn natürlich klasse, denn sobald man den Job macht, um vielleicht mehr als sich selbst halbwegs zu versorgen, verdient man da bisher zu wenig. Das zu ändern ist eigentlich dringend notwendig, und langfristig liegt sicher eine enorme Chance darin, dass nicht jeder Idiot Taxifahrer werden kann, weil auch die Chefs sich entscheiden müssten für die Leute, die ihren Job gut machen, vielleicht Stammkunden binden etc.
Zum anderen würde eine plötzliche Umsetzung auch Probleme bereiten. Es könnte sein, dass sich die Schwarzarbeit sogar noch mehr durchsetzt als bisher, dass unseriöse Kollegen in die Selbstständigkeit flüchten, und somit nicht nur das Ziel verfehlt wäre, sondern sogar Nachteile geschaffen würden. Ganz abgesehen davon, dass wir Fahrer wesentlich weniger Freiheiten hätten.
Nun stehe ich auf Freiheit mindestens genauso sehr wie auf ordentliche Entlohnung meiner Arbeit. Deswegen würde ich an dieser Stelle ein unverbindliches Fazit bevorzugen: Gerne ein Mindestlohn, aber bitte nur, wenn man sich gleichzeitig um die anderen Probleme des Gewerbes kümmert!
