Beziehungskrise auf Russisch?

Manchmal hat man so Fahrten, bei denen man sich sicher ist, dass irgendwas passiert. Und das sind nicht unbedingt die schönsten.

Die Wochenendschicht verlief weitgehend schlecht. Endlich hatte ich Glück mit einer Tour von Friedrichshain bis nach Neu-Hohenschönhausen. Bis dahin sind die Fahrten meist eher innerhalb eines Stadtteils geblieben. Ich war also auf der Suche nach Fahrgästen, die mir innerhalb der letzten anderthalb Stunden noch ordentlichen Umsatz in die Kasse spülen. In Hohenschönhausen. Nee, is klar… 😉

Ich war also auf dem Weg in die Stadt, als zwei alles andere als seriös wirkende junge Männer plötzlich auf der linken Fahrbahnseite aufkreuzten und mich heranwinkten. Gleich zu Beginn war ich skeptisch, da sie sich in bester Räuber-Manier verteilten: Einer setzte sich auf den Beifahrersitz, der andere stieg direkt hinter mir ein. Das hat natürlich nicht per se was zu sagen, aber die Kombination ist selten genug, um sich Gedanken zu machen…

Es waren zwei reichlich alkoholisierte Russen mit einem mordsmäßigen Akzent. Darüber hinaus wirkten sie so mittelprächtig harmlos.

„Fahrs duuns Schonfeld?“

„Schönefeld?“

„Da!“

Dann folgte erst einmal das obligatorische Preisgefeilsche. Ich hab gesagt, dass ich am liebsten die Uhr laufen lassen würde, ansonsten wären 35 € pauschal auch ok. Nach einigem hin und her – während wir allerdings schon gefahren sind – haben wir uns auf 30 € geeinigt. Die Uhr hab ich dennoch mitlaufen lassen. Zur Sicherheit. Wenn mir die beiden Spaßvögel verduften, möchte ich wenigstens was zum Vorzeigen haben.

„Anderes! Brings duuns ’nkstelle!“

„Tankstelle? Welche?“

„Egal, fahrsdu hier!“

Zwei Minuten später:

„Nein! Fahrsdu Schonfeld!“

Das ist ehrlich kein gutes Zeichen: Den beiden schien das Ziel eigentlich egal zu sein, und so ganz geheuer waren sie mir immer noch nicht. Ich hab dann gegenüber einer Tanke an der Rhinstraße angehalten und gefragt, ob sie jetzt dorthin wollten oder nicht. Es ging ihnen offenbar um einen weiteren Alk-Einkauf, und ich hab sie letztlich überredet, kurz zur Tanke zu gehen, und dann weiterzufahren. Das war tatsächlich eine strategische Entscheidung. Zum einen hab ich zu dem Zeitpunkt gehofft, dass sie vielleicht doch gleich endgültig aussteigen würden. Dann würde ich zwar kaum Kohle verdienen, mir allerdings viel Stress mit wechselnden Zielen ersparen und bräuchte mir gar keine Sorgen bezüglich eines Überfalls machen.
Sollten sie doch weiterfahren… naja, sagen wir es so: Ich hab sie direkt vor einer Videokamera an der Tanke aussteigen lassen und meine Tageseinnahmen sowie Handy und Kamera in den größten Tiefen meines Autos versteckt. Als sie dann erfolgreich mit Erdbeerlikör (!) wieder ankamen, hätten sie mir höchstens noch 40 € Wechselgeld abnehmen können 😉

Jetzt, da sie mit Lebenselexier ausgestattet waren, war die Stimmung aber gleich viel besser. Ja, es wurde tatsächlich sogar eine recht nette Fahrt. Der eine ist gleich eingeschlafen und der andere hat sich wie so viele Kunden interessiert am Taxifahren gezeigt. Er hat mir dann auch das Ziel genau definiert, und ich hab bei einem Blick aufs Navi feststellen können, dass die vereinbarten 30 € dafür völlig ok waren. Letztlich sollte ich die Uhr etwa einen Kilometer vor dem Ziel ausschalten.

Viel interessanter wurde allerdings die Situation der beiden. Denn sie sind nur mit dem Taxi unterwegs gewesen, weil sie sich mit mindestens einer ihrer Freundinnen gestritten hatten. Selbige war offenbar ein paar Stunden zuvor wutentbrannt mit dem Auto des einen davongeprescht – nach dem die beiden großkotzig verkündet hatten, sie würden eben heimlaufen. Die zwanzig Kilometer…

Als wir mehr oder weniger in der Einflugschneise zu ihrer Heimat waren und er inzwischen mit seiner Freundin „telefoniert“ hat (sie hätten sich wahrscheinlich bei der Lautstärke das Telefon sparen können), bekam ich noch ein paar unwesentliche Details zu hören.

1. Die Wohnlage:

„Is Plattenbau. Aber bessere. Nicht dass du denkst, hier Ghetto und so!“

2. Mein Geld:

„Haben wir nix Geld. Kriegsdu von Freundin! Keine Angst, klappt sicher!“

3. Verhaltenstipps:

„Vielleicht hälst besser bisschen weiter. Egal was passiert: Nicht wegfahren. Kriegst du Geld! Wird sicher nix schön. Wir kriegen große Ärger!“

Puh! Na heilige Scheiße! Bezahlen soll mich also ausgerechnet die Freundin, mit denen die beiden gerade den offensichtlich größten Streit ever haben. Konnte mir ja nix besseres passieren… 🙁

Am Ziel angekommen bekam ich erstmal eine Zigarette aufgedrängt. Der Schlaftrunkene wachte erst nach dem Herausziehen aus dem Auto durch seinen Freund langsam auf, selbiger war hochnervös und ermahnte mich immerzu, ich solle auf alles gefasst sein.
Dann öffnete sich die Tür und mit stampfenden Schritten stürmte eine schon reichlich abgeschminkt aussehende Freundin geradewegs auf mich zu. Für einen kurzen Moment hab ich mir echt überlegt, ob ich der Situation nicht besser bewaffnet hätte begegnen sollen. Die beiden Jungs würdigte sie keines Blickes, und entgegen der ersten Erwartungen stoppte sie vor mir. Sie holte ein Portemonnaie heraus und fragte mit echter Höflichkeit aber aufgesetzter Beherrschung:

„Was kriegen sie denn?“

„Wir haben 30 € ausgemacht.“

„Bitte.“

Das war es dann. Ich war sicher und ich hatte mein Geld. Die Freundin stampfte wutentbrannt und immer noch ohne die Jungs anzuschauen oder auf deren Beschwichtigungen, Vorwürfe, Begrüßungsfloskeln und Lallereien zu achten davon.

Die beiden Helden der Nacht schlichen gesenkten Hauptes hinterher und bereiteten sich seelisch auf „große Ärger“ vor.

Und ich? Nix wie weg! 😀

Spartipp für Taxikunden

Ganz im Ernst: Der Artikel wird nicht halten, was die Überschrift verspricht. Großartige Spartipps fürs Taxi kann ich eigentlich nicht geben. Natürlich hilft etwas Orts- und Tarifkenntnis gegen die Abzocker in unserem Gewerbe, aber beim überwiegenden Teil der Fahrer, die ihre Arbeit so gut wie möglich und im legalen Rahmen machen, markiert der ortsübliche Taxitarif bei den meisten Touren sowohl die Ober- als auch die Untergrenze.

Nein, ich dachte einfach, ich könne noch ein zwei Worte darüber verlieren, dass ich am Wochenende eine lustige Truppe im Auto hatte, der ich tatsächlich einen (nicht ganz ernst gemeinten) Tipp mitgegeben habe.

Es handelte sich um 5 Jungs. Bisweilen schaffe ich es, die Fahrgäste mit ein paar markigen Worten zu beschreiben, bei den fünfen versagt mein Talent. Sie waren alle zusammen etwa so auffallend wie ein Becher Joghurt im Kühlregal und überzeugten wie selbiger mit grotesker Geschmacklosigkeit. Sie waren im Fritz-Club, waren angetrunken und wollten mit dem Taxi heimfahren. Sie waren alle bekleidet, nur keiner sonderlich auffällig. Partnerlook trugen sie trotzdem nicht, und auch ihre Gespräche waren von so seicht dahinplätschernder Belanglosigkeit, dass ich mich ernstlich fragen musste, weswegen so eine Truppe eigentlich feiern geht.

Über die Tour habe ich mich dennoch gefreut, denn immerhin ist sie auch nicht negativ aus dem Rahmen gefallen, und das kann auch mal ganz nett sein. Außerdem fuhren wir bis nach Karlshorst, und mit dem Zuschlag für die fünfte Person sind so gleich mal 18 € zusammengekommen.

Ach ja, der Zuschlag! Das hatte ich doch zu Beginn ganz vergessen. Und so ergab sich folgender kurzer Dialog am Ende:

„So, mit dem Zuschlag für die fünfte Person wären wir dann bei 18,30 €.“

„Wat? Zuschlag? Dit haste aber nich jesacht! Wir hätten den ja ooch dalassen können.“

„Packt ihn nächstes Mal in einen Koffer, dann spart ihr 50 Cent!“

(Gepäckstücke, die nicht in den Kofferraum passen, kosten nur 1,00 € Zuschlag, eine fünfte Person kostet 1,50 €.)

Ach, was waren die Gesichter herrlich 🙂

Ey!

Mit dem Wechselgeld hatte ich eigentlich noch nie ernsthafte Probleme. Ob das daran liegt, dass ich im Kopfrechnen halbwegs fit bin oder meine Kundschaft unter akuter Ehrlichkeit leidet: Ich weiss es nicht. Seit meiner ersten Woche befolge ich eisern den Rat einer Kundin aus der Gastronomie, nie das Geld der Kunden einzustecken, bevor sie das Rückgeld erhalten haben. Damit erübrigen sich die „Ich hab dir aber’n Zwanni gegeben“-Geschichten, die ja einige durchaus als Masche durchziehen sollen.

Und komischerweise hat sich auch nie jemand übers Rückgeld an sich beschwert. Denn die oben genannte Sicherheit im Kopfrechnen ist die Aussage eines überheblichen Abiturienten, dessen Mathenote bei einem Punkt lag. Genau genommen habe ich diesen Punkt im Übrigen erhalten, da just bei meinem Jahrgang eine Textaufgabe in der Prüfung enthalten war, die man eins zu eins aus der erlaubten Formelsammlung abschreiben konnte. Aber gut, genug von mir!

Neulich war ein Kunde dann tatsächlich mal beim Bezahlen fast in Rage geraten.

Die Fahrt kostete 20,20 € und der Kunde reichte mir erstmal einen Zehner. Dann legte er einen Euro nach, reichte noch einen weiteren und grinste mich in seiner Trunkenheit selig an:

„Hier haste noch’n Euro uffe Hand…“

Ich hab meine Hand weiter aufgehalten. Fand ich auch gar nicht so verwunderlich, hatte er doch offensichtlich vergessen, mir einen Zehner zu geben. Zumindest fehlten zum eigentlichen Fahrtpreis noch 8,40 €.
Ich hab ihn fragend angesehen. Nur kurz – bevor ich was sagen konnte. Da hatte er aber schon seine Augen zusammengekniffen und weit ausgeholt:

„Ey Meister! Ick hab dir hier schon ’n Euro uff de Hand jejehm!“

Man hat richtig gemerkt, wie er ausholen wollte zur großen Rede über die unerhörten Taxifahrer, die sich nicht mit dem Trinkgeld zufrieden geben wollen.

Da hab ich ihn dann erlöst 🙂

„Dafür will ich mich auch bedanken, aber einen Zehner bräuchte ich trotzdem noch…“

Seine Reaktion war immerhin süß:

„Ach Meister! Wenn dit alles is! Ick denk hier sonstwat…“

Alternative Zahlung

Ins Auto gefallen ist mir die attraktive Mittdreißigerin als Winkerin im Boxhagener Kiez. Sie hat sich von ihrer männlichen Begleitung recht ungalant verabschiedet, was wortwörtlich etwa so klang:

„Ssississ mir scheißejaaal. Ick jeh poofen, ’sch bin knülle, du Knallkopp! Fickse dich selba du Lulli!“

Na Prost Mahlzeit.

Als sie sich halbwegs aufgerichtet, und ihre makellosen und größtenteils unbekleideten Gliedmaßen sortiert hatte, nannte sie mehr oder weniger schwungvoll den Namen eines recht bekannten Hotels. Ich warf im Gegensatz zu ihr noch kurz einen Blick auf den traurig dreinblickenden Lulli und hab dann die knapp 100 Pferde unter der Motorhaube losgaloppieren lassen.

„Kannse msch weggn, wenn wrn Hotell sin?“

Klar wecke ich dich, wenn du ein Hotel bist.

„Selbstverständlich.“

„Weisse, warn büschen viel, der Lutscher wollte mich wohl abfllllllnn!“

Gute Arbeit, Lulli! 🙁

Aber es war mir nicht wirklich unangenehm, dass sie geschlafen hat. Ihre Kommunikationsversuche waren nicht so sonderlich leicht zu verstehen, und noch mehr Lutscher-Stories wollte ich mir eigentlich gar nicht anhören. Das Hotel lag eine knappe 15€-Tour entfernt, und so blieben ihr durchaus ein paar Minuten dringend notwendige Ruhe.
Als wir ankamen, hatte ich so etwas wie ein Déjà-Vu.

„Ssississ jetzn büschen komisch, abersch hab keene Knete, Jungsche!“

Das erinnerte mich doch stark an den Briten von neulich. Gut, der hat sich noch ein wenig unverständlicher ausgedrückt, aber gerade weil ich den Stress schon neulich hatte, bin ich eben kurz ins Hotel rein. Mit ihr.

„Issja okeeheee! Natürlich habsch Jeld inn Zimma!“

antwortete sie auf meinen Wunsch nach baldiger Begleichung der Rechnung. Warum es sie so genervt hat, dass ich die Fahrt bezahlt haben wollte: Keine Ahnung! Ich bin jedenfalls festen Schrittes voraus ins Foyer gelatscht und hab dem Portier mein Leid geklagt. Hintendrein kam dann die volle Trulla mit einem beeindruckenden Repertoire an Ausfallschritten an und verkündete:

„Issokeehee! Schmachdattja!“

Sie fiel nahezu auf den Tresen, was den Portier beunruhigt einige Unterlagen von dort entfernen ließ, dann fragte ich, in welchem Zimmer sie denn nächtigt.

„Schabne Idee! Mussja nich mit ins Zimma komm. Niemand kommt in mein Zimma!“

„Zahlen sie einfach, dann sind sie mich los.“

„Issgutt!“

Bevor der Portier es in Sicherheit bringen konnte, nahm sie ein prall mit Bonbons gefülltes Glas vom Hoteltresen, hantierte damit für ihren Zustand erstaunlich sicher und griff sich eine Handvoll Bonbons heraus.

„Hier! Kannse ham wieviel de wills! Bezahlschdir mit Bomboms!“

An dieser Stelle kam mir der Portier entgegen und fragte die  „werte Dame“, ob sie vielleicht auf ihr Schließfach mit den Wertsachen zurückgreifen möchte, um mich zu bezahlen. Dann müsse sie nicht bis in ihr Zimmer.

„Könn wa machen, wie wa wolln! Machen wa datt!“

Binnen zwei Minuten hatte ich 20 Euro in der Hand und hab in meinem Geldbeutel nach 5 Euro Rückgeld gesucht.

„Kannsmich auch mitde Bomboms bessahln!“

gröhlte sie ziemlich lautstark. Ich hab dem Portier einen fragenden Blick zugeworfen, denn er hatte das Glas inzwischen sicher auf seinem Schreibtisch hinter dem Tresen untergebracht. Er lächelte etwas nervös, reichte mir das Glas, und ich griff hinein. Etwa 7 oder 8 Bonbons angelte ich heraus und wollte sie der Trulla in die Hand drücken.

„Na dann. Bitte!“

„Wills misch wohl va-aaschn! Ick jeh poofen! Nacht, ihr Lullis!“

war das letzte, was ich von ihr hörte, als sie gen Aufzug stiefelte.

„So kann’s gehen.“

meinte ich zum Portier.

„Da haben sie ihre Bonbons wieder.“

„Nein, nehmen sie die nur mit. Als Entschädigung oder so…“

Irgendwie müssen die Nachtschichtler ja zusammenhalten 🙂

Achthundertsiebenundfünfzig

Wenn man sich darauf freut, Feierabend zu machen, zieht sich die Zeit natürlich ins Unendliche.  8 Stunden wollte ich schon meiner unglaublichen Statistik zuliebe zusammenbekommen, und das brachte mich dazu, dumm in der Gegend rumzustehen. Naja, dazu gebracht hat mich natürlich eigentlich mein eigener Irrsinn.
Aufs Matrix hatte ich heute keine Lust, am Berghain schien sich langsam der Totentanz anzubahnen, also hab ich mich dort niedergelassen, wo die letzte Kundschaft mich hingeführt hat: am Golden Gate.

Der Anfang war auch ok: Ein Kollege stand vor mir, und binnen 10 Minuten war er weg. Mit Kundschaft. Und kürzer als die letzten beiden Berghain-Touren, die mich genau hierhin geführt hatten (7,00 €) wird die Fahrt sicher nicht gewesen sein. Also hab ich abgewartet. Eine geschlagene Stunde…

Während dieser Zeit konnte ich mir sehr gut einen Überblick über die Clubkundschaft machen, über die Einlassstrategie des Türstehers, und nicht zuletzt konnte ich haufenweise Kippen wegquarzen und mir die Discokugel am umliegenden Straßenschild schönreden. Fuck!

Dabei war die Schicht gut gestartet. Im Wochenendtakt hatte ich meine Fahrgäste, und nach 4 Stunden hätte ich nie gedacht, dass ich zur achten meinen Hunni gerade mal so voll hätte. Aber irgendwann kam dann eben doch Kundschaft.

Ein netter junger Kerl, der mit seinen enganliegenden Jeans und seinem T-Shirt einen recht légèren Eindruck machte. Uns beide einte, dass wir eine Nicht-Frisur trugen, und binnen anderthalb Minuten haben wir uns blendend verstanden. Er wollte in den Norden Neuköllns, also keinesfalls eine Hammertour, eher der bequeme Durchschnitt, ein Zehner etwa.  Schon eingepreist, dass wir an einem Späti hielten, wo er sich noch ein abschließendes Bier rausgelassen hat. Er hat von seinem Urlaub erzählt, unter anderem von der Fahrweise spanischer Kollegen (oh, da kenne ich auch eine Geschichte…), und alles in allem kann man sagen, dass ich wegen Kundschaft wie ihm gerne Nachts fahre.

Sicher: Er war nicht nüchtern, und die meisten Kollegen über 50 hätten in ihm erstmal einen potenziellen Zechpreller vermutet, aber er war in Wirklichkeit ein herzensguter Kerl. Dass sein Zwanni fürs Taxi ihm locker reichen würde, hab ich gleich zu Beginn bestätigt, ansonsten war der Preis glücklicherweise nicht mal ein Thema.

Bei 9,80 € auf der Uhr hab ich den Wagen angehalten, kurz nachdem ich gescherzt habe, ich halte besser etwas schräg vor der Türe, wenn er nicht mehr geradeaus laufen könne. Da hatte ich schon eine Menge Lob – und zwar nicht das geschleimte! Das ehrliche – für Banalitäten kassiert und mich in Gedanken mit 20 Cent Trinkgeld von einem „armen Studenten“ abgefunden.

„Weisste, ich würde jetz ja gerne einfach 857 sagen. Einfach weil das ok wäre. Aber so viel hab ich nicht, deswegen sag ich jetzt einfach mal: Zwölf!“

„Vielen Dank! Und ich meld mich dann wieder, wenn das Geld auf dem Konto ist, ok?“

Es ist schön, eine Woche mit gemeinsamem Lachen zu beenden. Immer wieder. Ein kleiner Witz bleibt aber noch: Ich hab beim Saubermachen an der Tanke noch einen Euro gefunden, der davor (ich stand ja eine Stunde rum und hab dies und das gemacht) nicht dort lag. In Anbetracht der Aussage meines armen Studenten nehme ich an, dass es schon ok ist, wenn ich mich jetzt darüber freue 😀

Wos hoabtser gmocht, Buam?

Also ich will mal nix schlechtes auf Österreicher kommen lassen. Wie alle anderen Großgruppen verhalten sie sich irrational bei Wahlen und bei der Sprache sorgen sie immerhin dafür, dass die Sachsen nicht alleine alle Prügel für den miesesten Dialekt abbekommen. Ansonsten kann ich wirklich nicht schlecht über sie reden.

Ein guter Freund von mir ist vor einer Weile nach Österreich gezogen, und das hab ich dem Land auch nicht übel genommen, obwohl es ein wenig weit weg von Berlin ist, also was solls?

Im Umgang mit Dialekten bin ich eigentlich sehr geübt. Da mag es mit reinspielen, dass ich aus dem Schwabenland komme und Urlaub an der Ostsee gewöhnt bin, irgendwie komme ich damit jedenfalls klar. Eigenlob stinkt zwar, aber so wie es hier ohnehin schon riecht, kann ich das ja trotzdem behaupten. Ich bin zwar in vielem nicht so sonderlich gut, aber ein bisschen Prahlerei gegenüber anderen Kollegen darf ja schon mal sein 🙂

Meine Fahrgäste hab ich an der Kulturbrauerei geladen, wo ich derzeit häufiger mal stehe, und meine Route sorgte gleich für Unterhaltungsstoff. Ganz ortsunkundig schienen sie nicht zu sein, und somit wurde mir immer mal wieder reingeredet. Sie wollten zur Behrenstraße/Wilhelmstraße, und ich hielt es für das Sinnvollste, sie über die Bernauer und die Friedrichstraße dorthin zu bringen. Ob das der kürzeste Weg war: Ich weiss es ehrlich gesagt nicht! Der Kollege mit dem Rest der Bande fuhr die Prenzlauer Allee runter, was wahrscheinlich länger ist.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch gesagt hätte, dass ich das jetzt nach Gefühl mache und hoffe, dass es die kürzeste Route ist. Zum Ausstieg quittierten sie das mit einem

„Na, und wenns need die kierzeste woar, dann woarsd siemboaddischsdee!“

Das Trinkgeld blieb dennoch relativ unauffällig. Zwei zerknüllte Fünfer und einen Zweier bekam ich in die Hand gedrückt für die Strecke von 11,60 €. Für mich überschlugen sich die Ereignisse: Hinter mir drängelte ein Kollege, potenzielle andere Kunden fragten nach etwas, gingen dann aber wieder – und der Polizist vor der britischen Botschaft schielte auch schon mit seinem MG ums Eck. Geld einsacken und weg hier! Erstmal Ruhe!

Hm.

Sagen wir es mal so: Ich hab dadurch ein bisschen ungerechtfertigt viel Trinkgeld bekommen…
Wenig später, beim Einsortieren ins Portemonnaie erwiesen sich die zwei Fünfer nämlich als ein Fünfer und ein Zwanni. Somit stieg das Trinkgeld von 40 Cent auf 15,40 €. Bei aller Liebe: Ich glaube nicht, dass das so gemeint war.

Aber gut, es war so oder so zu spät. Freu ich mich eben einfach mal. 🙂

Kollege Nadir aus Pakistan hat folgendes dazu gesagt:

„Kannse nixe mache bei die Ausländer. Habe zuviel Geld un wisse nix wie umgehe mit den. Isse normal!“

Und Jungs, falls ihr mitlesen solltet: Nehmt es sportlich und versucht das als einmaligen Rekord zu sehen 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Inselhelden

Ein besonders herziges Modell von Kunden hatte ich derletzt wieder im Wagen: Den betrunkenen Engländer in Reinform. Er war so schätzungsweise Mitte 30, aber abgefüllt für mehrere Generationen seiner Familie gleichzeitig.
Grundsätzlich war er zwar noch in der Lage, aufrecht zu laufen und sich Gehör zu verschaffen – Kommunikation war allerdings eher schwierig. Dabei bin ich mir sicher, dass er rein vom Bewusstsein her voll anwesend war, alleine die Zunge gehorchte nicht mehr.

Wer sich jemals als Norddeutscher auf der schwäbischen Alb verirrt hat, und dort eine etwa 90-jährige Ureinwohnerin um Auskunft gebeten hat, kann sich vorstellen, wie ich mich mit meinem Schulenglisch in der Situation gefühlt habe.

„Uäuägosessetel!“

„Sorry?“

„Uäuägossessetell!!!“

Kaum ein paar Minuten verlorene Lebenszeit später war klar, dass er eher sagen wollte:

„Will we go to the hotel?“

Was auch immer er sich für eine Antwort erhofft hat.

Aber es gab einen Lichtblick: Eine Karte vom Hotel! Mark Apart Hotel, Lietzenburger Straße. Na also…
Die Fahrt über war ich hauptsächlich damit beschäftigt, ihm zu sagen, dass ich ihn nicht verstehe. Irgendwann hat er dann allerdings geschlafen. Sollte mir nur Recht sein. Die Fahrt verlief komplikationslos, und so kam der Zeitpunkt, zu dem wir vor dem Hotel angekommen sind. Ab da sollte mich die Fahrt noch weitere 15 Minuten beschäftigen…

„Uäsessnomy!“

Aha.

Mit der international gültigen Taschen-Umstülpen-Geste konnte dann selbst er mir erklären, dass er gar kein Geld dabei hat. Ach so. Und dann setzt man sich einfach mal in ein Taxi? Nee, ist klar!

„What’s up with your friends? Are they here in the hotel?“

„Mfrsseshitadey!“

Au Backe!

2,87 € in Kleingeld hat er noch zusammenbekommen. Aber zum einen hatte ich 14,60 € auf der Uhr, zum anderen hab ich es auch wirklich nicht eingesehen, ihn damit davonkommen zu lassen. Die folgende Diskussion verlief sehr einseitig, allerdings auch mit dem einseitigen Ergebnis, dass ich überhaupt nix herausgefunden habe. Ob er irgendwoher Geld holen könnte, ob seine Freunde hier sind, ob er Lust hat, verhaftet zu werden… stand alles im Raum und wurde etwa so beantwortet:

„Uäuäwellssrammdfff!“

Irgendwann bin ich dann mit ihm zum Hotel rein. Ich ging voraus zum Portier und hoffte schon, es ließe sich da was machen im Sinne von „Wir packen die Taxifahrt auf die Hotelrechnung“.

Mein Text begann etwa so:

„Schönen guten Abend. Folgendes Problem: Der junge Mann hier…“

Die Antwort kam prompt:

„Lassen sie mich raten: Sie sind Taxifahrer und der Typ kann sie nicht bezahlen?“

„Äh, ja…“

„Da sind sie nicht er erste heute. Die Jungs feiern Junggesellenabschied oder so. Sind schon ein paar Kollegen vorbeigekommen. Gehen sie mit ihm in den 5. Stock und fragen sie da nach!“

OK, warum nicht?

Etwa eine Minute nachdem ich meinem Fahrgast untersagt habe, auch noch einen dritten Knopf am Aufzug zu drücken, kamen wir in der fünften Etage an, und er entwickelte der Lautstärke nach so etwas wie ein Heimatgefühl. Ich hab ihn zur Ruhe gemahnt in der Befürchtung, irgendwo in Charlottenburg gäbe es auch noch Leute, die nicht an der Party teilgenommen hatten.
Sein Klopfen an der Zimmertür entsprach etwa dem Umgehen eines Schmiedes mit seinem Arbeitsstück, und folglich öffnete sich die Tür auch recht bald. Mir entgegen trat ein tätowiertes Etwas in Unterhosen, dem man den folgenden Kater bereits ansah.

„What the fuck?“

begrüßte er mich standesgemäß, während sein Kumpel hinter mir kurz die Situation schilderte:

„Ssessemudreiffsiom!“

„Exactely! I am the man who drove your friend home. I’m the Taxi Driver and your lovely friend didn’t think about saving money for the tour. So herer we are and I need my money. From you. Sorry ‚bout this.“

Ohne ein weiteres Wort watschelte das tätowierte Etwas ins Zimmer und kam mit 2 Scheinen wieder zurück. Ein Zehner und ein Fünfer. Naja. Immerhin: Es reicht. Mehr als 40 Cent war der Aufwand allerdings locker wert. Und dann? Dann kommt doch mein Fahrgast an und meint:

„Uäää! Lesse tensokee!“

Wat? N‘ Zehner soll in Ordnung sein? Das hat aber ne kurze und zackige Ansprache meinerseits gefordert. Als die zu Ende war, hatte ich 17 € in der Hand und war damit halbwegs zufrieden. Geht doch!

Beim Rausgehen hab ich mich mit dem Portier noch mal eben schnell um die Wette bedauert, und dann ging es auch schon wieder weiter. Zeit verloren hatte ich ja wahrlich genug!