Alltag, leider.

Ich stand mit zwei Kollegen am Ostbahnhof, da kam ein reichlich strammer Geselle dahergewatschelt. Ich überlegte noch, ob ich mutig genug wäre, ihn einzuladen, aber er saß recht schnell im Auto des ersten und das Taxameter wurde angeschaltet. Ich als Dritter gab meine Bedenken auf, inspizierte fortan eine SMS in meinem Handy und war recht erstaunt, dass, als ich aufsah, das Taxi des Kollegen mit offener Tür dastand und der Kunde von dannen watschelte.

Erstaunt war ich nicht alleine, auch die Kollegen vor mir stiegen aus und der zweite fragte den ersten:

„Was war? Wusste er nicht, wo er hin will?“

„Doch, schon. Pallasstraße. Aber er hatte kein Geld dabei.“

Ja, kommt vor. Traurig, aber wahr. Wir Taxifahrer gehören trotzdem zu den wenigen Dienstleistern, bei denen das regelmäßig versucht wird. „Mal rumfahren“ ist ja nicht so wirklich ein Job, beim Bäcker nach kostenlosen Brötchen fragen ist meines Wissens nach eher eine seltenere Randerscheinung.

Knappe Planung

Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein, was die Gebühr für nichtbare Zahlung in Berlin angeht. Ob sie auch für Kartenzahlung gelten muss, ob sie zu hoch oder unnötig ist, was auch immer. Trotz all der dazu anfallenden Diskussion hab ich aber bis gestern noch nie erlebt, dass jemand deswegen nicht Taxi fährt. Dass stattdessen Bargeld rausgekramt wird, ok. Dass die Leute sich ärgern, ok.

Aber dann stand sie gestern da und fragte, ob ich auch EC-Karten nehmen würde.

„Ja, klar.“

„Kostet das Gebühren?“

„Sind in Berlin immer noch die 1,50 €.“

„Hmm, ok, dann nicht. Sorry.“

Mich hätte jetzt eigentlich noch interessiert, ob der Restbetrag auf dem Konto auf 1,50 € Genauigkeit an den zu erwartenden Taxipreis reichte oder ob sie einfach prinzipiell Gegnerin der Gebühr war.

Was die Fahrt anging: Ich hätte sie gerne gemacht, hatte andererseits bereits 12* Sekunden später andere Kundschaft.

*nicht verifizierbare innergehirnliche Messung. 😉

Völlige Verplanung

Eine Sechsertruppe als Winker aufgabeln und mit ihnen eine 30€-Tour haben? Fuck, yeah! Aber wenn dann alle rumflippen, Festpreise erörtern wollen und bei der erstbesten Möglichkeit gleich mal das Taxameter ausschalten? Holy Fuck!

Um ehrlich zu sein: Abgesehen von der Fehlfahrt zu Beginn ist leidlich wenig passiert, wenn man mal blödes Gelaber von der Liste nimmt. Ich war zwar trotz der finanziellen Aussicht froh drum, sie doch nicht anschließend zu ihrem Hotelbesuch zum Club fahren zu dürfen/müssen, aber auch dankbar, die Tour gehabt zu haben. Nachtschichtstress, passiert halt auch mal.

Beim Bezahlen allerdings gingen sie ähnlich clever vor wie beim Versuch, meine Sympathie zu erwerben. Es fing an mit:

„Dann sind wir bei 31,10€.“

„Mach mal 35.“

„Oh, danke.“

„Hier sind schon mal sieben.“

Bei allem folgenden Hin und Her wurde ich gefragt, was noch fehlen würde, und ich hab versehentlich eine leicht zu meinen Gunsten ausfallende Zahl genannt. Es lag mir fern, jemanden zu bescheißen, aber am Ende hat mir das statt 1,90€ wesentlich eher berichtenswerte 6,90€ Trinkgeld gebracht.

Aber wenn selbst ich da nüchtern nicht mehr mitgekommen bin, wird es dem Jungesellenabschied von ein paar Touris sicher auch nix angehabt haben.

Sündenbock

Als ich nach dem Winken angehalten hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir mit der Fahrt einen Gefallen getan hatte. Vier Jungs, allesamt Brecher meiner Größe und ziemlich laut unterwegs.

„Mach mal Kurzstrecke, Digger!“

Während einer gleich angefangen hat, mir zu beschreiben, wie genau ich fahren soll, meinte ein anderer:

„Ey, mein Bruder is‘ auch Taxifahrer, weisste, Digger?“

Damit war alles ok. Im Ernst. Die größte Sorge bei einem Rudel Betrunkener ist, dass sie irgendwie Ärger machen, wegen Bullshit. Leute aber, die von Bruder, Vater, Tante oder Großcousine wissen, wie der Job so ist, sind  fast automatisch immer lieb. Die sehen in uns halt nicht einfach irgendeinen potenziellen Abzocker am Steuer, wie manch andere in angespitztem Zustand.

Der junge Mann holte dennoch verbal bedrohlich aus, brachte dann aber eine 1A-Pointe:

„Aber weisste, Digger, wenn ich mir anschau, wie so manche Taxifahrer heizen … weisste, die so glauben, dass ihnen die Straße gehört … wenn ich sowas seh, Digger, dann … dann würde ich am liebsten zu meinem Bruder fahren und ihn schlagen!“

😀

Das Ende vom Lied waren zwei Euro Trinkgeld auf eine Kurzstrecke und gute Laune. Und der Bruder hat diese Nacht vermutlich auch nix abbekommen. 😉

Berliner Stilleben

Ich hätte es fotografieren sollen, aber das Handy hing noch im Auto. Aber ja, da stand ich nun und neben der geöffneten Fahrzeugtüre standen auf dem Bürgersteig in Friedrichshain eine leere Flasche Beck’s, ein nur noch viertelvolles Glas Rotwein und eine volle Babyflasche mit Milch. Und ich würde gleich Geld für die dazugehörige Fahrt kriegen.

Das allerdings wurde etwas verzögert, weil zunächst irgendeine Hippie-Gestalt die Bierflasche mitnehmen wollte und zudem irgendwas von den guten und bösen Kräften der Erde und des Himmels erzählen musste, während ich ihr das untersagte. Berlin eben.

Bald aber kam der Bräutigam wieder und wimmelte sie ab.

Ja, ehrlich.

Im Grunde war es eine zwar lukrative, aber unspektakuläre Fahrt: Ich wurde im äußersten Südosten der Stadt rangewunken und habe die Fahrgäste bis nach Friedrichshain bringen dürfen. Tatsächlich war es ein Brautpaar, das aufgrund nicht näher zu beschreibender Ereignisse vor allen anderen Gästen die Hochzeitsfeier verlassen musste, weil sonst ihr junges Baby nix zu trinken gehabt hätte. Und, ich zitiere die beiden mal:

„Ohne Flasche geht da gar nix!“

Eine unglückliche Verkettung von Umständen, die letztlich dazu führten, dass die beiden sowohl mit ihren Getränken als auch der Babynahrung mal schnell für 30 € den „schönsten Tag ihres Lebens“ beenden mussten. Ich hab Bonuspunkte durch besonnene und doch schnelle Fahrweise sammeln können und ebenso durch den Bericht von meiner Hochzeit, die ich – wie Insidern bekannt sein dürfte – auf dem Standesamt mit Restalkohol und bei der Feier mit Fieber durchgestanden habe.

Und am Ende haben die beiden eben alle Getränke auf den Gehweg gestellt, die Braut ist zur Sparkasse gewuselt und der Bräutigam gab kurz darauf bekannt, dass er mal kurz, also gegenüber, er müsse wirklich ganz ganz dringend …

Und ich durfte dann die freilaufenden Hippies abwehren. Was halt so passiert. 🙂

Don’t judge a book by its cover!

Er machte die Tür auf, tat zwei bis fünf Ausfallschritte und stand dann erst einmal orientierungslos in der Gegend rum. Und das junge Pärchen, das fünf Meter entfernt stand, rief aus zweierlei Kehlen:

„AH! OH MY GOD!“

Ja, man konnte den Typen schon leicht mit einem psychopathischen Serienmörder verwechseln. Ich sag nur: „Trevor Philips“. Für mich indessen war längst klar, dass der Kerl völlig ok war. Natürlich hatte er zu viel getrunken und das hatte er mir auch unnötigerweise schon gebeichtet. Aber er war ein extrem Lieber. Er hat mit mir um den Namen einer Straße gewettet (ich hab gewonnnen), mir das höchste Trinkgeld der Nacht vermacht und hätte wahrscheinlich einen Cage-Fight gegen zwei fünf Wochen alte Kätzchen verloren.

OK, wollen wir ehrlich bleiben: Niemand würde den zwei Kätzchen was tun, aber trotzdem!

Obwohl ich die Angst des Pärchens nachvollziehen konnte: Ich hab mich gefreut, es besser zu wissen. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wenn’s so richtig schief läuft

Ich hatte eine paar Runden durch den Osten der Stadt gedreht und dank mitternächtlichem Starkregen kam dabei am Ende sogar sowas ähnliches wie ein normaler Schichtumsatz raus. Der Anfang war nämlich eher mies gelaufen. Nun aber hatte ich seit rund fünf Kilometern nix mehr zu tun und obwohl es vergleichsweise früh war, steuerte mein Auto wie von Zauberhand in Richtung Heimat.

Am S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße stand dann ein Typ im Regen, die Augen aufs Handy gerichtet, ein paar LP’s in der Hand. Der wird doch hoffentlich … und zack, war die Hand von ihm oben! Nice.

„Abend. Wo darf’s denn hingehen?“

„Steglitz.“

WTF?

In jedem anderen Bundesland landet man mit so einer Strecke in einer Nachbarstadt. Ich hab mir ganz ehrlich sogar „Scheiße!“ gedacht, weil mir eine Tour für 10 € ums Eck eigentlich viel besser gepasst hätte. Aber gut, nun also Steglitz. Auch mit dem Preis war er erst einmal zufrieden und ich will auch gar nicht auf seine halblebigen Feilschereien gegen Ende der Fahrt hin eingehen. Er hat den Preis auf der Uhr zuzüglich eines kleinen Trinkgelds gezahlt, damit ist gut. Nein, viel interessanter war ja die Frage, wie jemand aus Steglitz mit drei Punkrock-Platten nachts in Marzahn landet.

Und wie erwartet: Er hat’s wirklich rausgehabt!

Er war im Cassiopeia bei einem Konzert. Im Glauben, von dort mit der S2 heimzukommen (was auch Blödsinn ist) ist er in die S7 Richtung Ahrensfelde gestiegen und hat sich dann etwas gewundert, dass das nicht so ganz geklappt hat. Und nicht nur das: Er hat auch noch die letzte Bahn erwischt, nach der folglich keine mehr zurück wenigstens in Richtung Innenstadt fährt. Ist natürlich ein unschönes Tagesende, unfreiwillig 40 € im Taxi liegenlassen zu müssen, aber  bis wir bei ihm waren, hatte ich ihn immerhin soweit, dass er wenigstens froh war, dass ich gerade vorbeigekommen bin und er nicht auch noch 20 Minuten auf ein bestelltes Taxi warten musste. Was durchaus hätte passieren können.

Dass das für mich eine Spitzentour war, brauche ich jetzt ja nicht gesondert erwähnen, oder? 😉