Nie erlebt

3 Jungs sind mir vors Auto gelaufen. Anstatt sie des Alkoholpegels wegen vorsichtshalber gleich zu erlegen, hab ich sie dann aber doch eingeladen, um sie ein Stückchen mitzunehmen. Es ging von der Warschauer Straße ein Stück nach Kreuzberg rein und unterwegs haben sie dann angefangen, über den Abend zu sinnieren. Die an den Fenstern vorbeiziehende Umgebung schien sie dabei ein wenig zu verstören, denn der Dialog unter ihnen lief (in etwa) so:

„Ist das da hinten nicht…“

„Nein, wir waren wo anders.“

„Aber da ist doch das eine Haus, wo die…“

„Ja, genau da.“

„Nein, das war in Friedrichshain!“

„Ist hier Friedrichshain?“

„Wo müssen wir hin?“

„Na nicht dahin, wo wir herkommen.“

„Also da vorne…“

„Ich denke eher, dass da hinten die Bar war, wo…“

„Bar? Hier vorne sind Bars!“

„Dann sind wir falsch gelaufen.“

„Gelaufen?“

„Heute morgen.“

„Aber das war eher da drüben…“

So ging das sicher zwei oder drei Minuten lang. Dabei habe ich als schweigsamer Zuhörer weder rausgefunden, wo sie herkommen, schon waren oder ggf. neben dem eigentlichen Fahrtziel noch hinwollen könnten. Irgendwann unterbrach einer der Jungs das kryptische Gelalle und meinte laut und deutlich:

„Jungs, ihr wisst: Wenn wir wollen, haben wir das alles nie erlebt!“

Unkoordiniert

Mit einem gewissen Hang zum Sarkasmus habe ich ja die Artikel, in denen es ums Thema bezahlen geht, in die Kategorie „zahlungsunfähig“ eingeordnet. Ganz so schlimm ist es ja glücklicherweise selten mit meinen Kunden. Eine kuriose Form der tatsächlichen Zahlungsunfähigkeit ist mir dann aber neulich begegnet und diese Geschichte beginnt an der Landsberger Allee.

Wie so oft war ich aus dem tiefsten Osten mal wieder auf dem Weg Richtung Innenstadt und logischerweise habe ich mich gefreut, als ich herangewunken wurde. Ein Mann, gut 8 Jahre jünger als ich, gut angezogen und trotz Colaflasche in der Hand leicht angetrunken. Es war gerade erst so um Mitternacht, ich vermutete gleich, dass die Party erst noch starten würde.

Als Fahrtziel gab er das Watergate an. Nun entwickelte sich langsam, aus mehreren Dialogfetzen verschiedener Telefonate mit Freunden und Gesprächen zwischen uns ein etwas kompliziertes Bild:

Er selbst war gerade von all seinen Freunden weggefahren, weil die

„bei irgend so ’ner Tussi rumhocken, die sie dann eh nicht vögeln.“

Bei diesem Ausbruchsversuch aus dem öden Leben hat er mal eben alles liegen lassen, vor allem seinen Geldbeutel. Inklusive Geld und Bankkarten. Auf der anderen Seite war aber noch ein weiterer Kumpel, mit dem er sich treffen wollte. Dieser Kumpel hatte auch noch 30 €, dummerweise war er beim ersten Telefonat noch in Charlottenburg. Sie verabredeten sich an der U-Bahn-Station. Ein Gespräch später verabredeten sie dann auch, an welcher.

Wir fuhren letztlich zum schlesischen Tor. Das war für seinen Kumpel die beste Möglichkeit auszusteigen, wenn sie anschließend ins Watergate wollten. Selbst der Clubbesuch war allerdings kein wirklicher Grund zur Freude, denn eigentlich hätte er auf der Gästeliste stehen müssen, tat er aber nicht. Und die Schlange – das haben wir im Vorbeifahren gesehen – war schon auf eine abenteuerliche Länge angewachsen.

Bei unseren letztlich fast 20 Minuten Wartezeit kamen noch einige andere Probleme zusammen. Nicht nur, dass selbst das uns entgegenfahrende Geld langsam knapper wurde, nein: er musste Pinkeln und der Akku seines Telefons war nur noch zu 6% voll. Was seine Freunde aber auch nicht dazu brachte, so langsam mal mit Akku und Geld von der „Tussi“ abzuhauen.

Irgendwann bei 4% kam dann die frohe Botschaft, dass der Kumpel nur noch eine Station entfernt sei. Was mich hätte irritieren können, denn zu diesem Zeitpunkt hielt eine U1 am schlesischen Tor.

Ein weiteres Gespräch später war dann klar, dass der Kumpel doch bis zur Warschauer Straße gefahren ist. Also nochmal 1,50 € extra für mich…

Und dann, endlich, standen wir da und sein Kumpel drückte mir 20 € in die Hand für die 19,80 €, die bis dahin aufgelaufen waren. Mein Fahrgast verabschiedete sich höflich mit Handschlag:

„Vielen Dank. Mein Name ist übrigens Norbert. Norbert Kenner*, Anlageberater aus Neubrandenburg.“

Na, dem seine Anlagestrategien will ich nicht sehen.

*Name selbstverständlich geändert.

Keine Taxen…

Wochenende. Es ist zwar einiges los in der Stadt, aber die meisten Leute sind bereits in den Clubs, zwei eher ruhige Stunden für uns. Am Ostbahnhof wächst die Taxischlange ins Unermessliche, aber wirklich bewegen will sich da nichts. Ich habe irgendwann keine Lust mehr, setze den Blinker und ziele in Richtung Boxhagener Kiez. Nur 300 Meter ums Eck winkt mich eine junge Frau heran. Sie bittet mich, sie nach Biesdorf zu fahren, was ich nicht nur in Anbetracht der Länge der Tour gerne annehme. Es entwickelt sich folgender kurzer Dialog:

„Sagen sie mal, ist das normal, dass da überhaupt keine Taxen am Ostbahnhof stehen?“

„Ja, am Hinterausgang schon…“

Hilfreiche Informationen

Informationen sind wichtig. Man braucht sie, um Prüfungen zu bestehen, Regierungen zu stürzen und – genau! – um Taxi zu fahren. Ich würde spontan sagen, dass ich als Fahrer von Fahrgästen mindestens eine Information brauche: Wo sie hinwollen. Diese Info zu bekommen, klappt ja meist mehr oder weniger gut. Manchmal tut es schon ein genuschelter Clubname wie „Börgn“ (Berghain), manchmal ist es besser, eine vollständige Adresse mit Straße und Hausnummer zu haben.

Meine italienische Kundschaft wollte ein Lokal besuchen. Der Name des Lokals sagte mir zunächst nichts, aber die Information dazu lautete:

„Oranjeburtor“

Oranienburger Tor. Prima. Das reicht von der Warschauer Brücke aus zweifelsohne als grobe Richtungsbeschreibung um erst einmal loszufahren. Nun gibt es im weiten Umfeld des Oranienburger Tors aber sicher hundert Lokale. Also habe ich den einzigen wenigstens der englischen Sprache mächtigen Fahrgast gefragt, ob er es genauer wüsste. Daraufhin erzählte er mir ziemlich konfus was von

„Station Friedsenstraß first or second left and right. or left.“

Ähm, ok.

Der Verkehr war verdammt fies an diesem Abend und ich sah auch so keinen großen Grund, den Umweg über die Linden zu nehmen, also hab ich ihn gefragt, ob er mir das eventuell genauer sagen könnte. Den Straßennamen wenigstens. Ist das jetzt in der Friedrichstraße oder der Oranienburger Straße? Oder vielleicht in der Tor-, Linien- oder Johannisstraße?

„Wait. Call my friend!“

Bald darauf hatte ich einen alten Nokia-Knochen in der Hand – beim Fahren natürlich – und es meldete sich Olli. Ich hab Olli kurz mitgeteilt, dass ich gleich da wäre (wir waren tatsächlich bereits am Hackeschen Markt vorbei) und eigentlich nur wissen wollte, an welcher Straße auf welcher Seite das Lokal nun genau wäre. Und Olli sagte:

„Kein Problem. Das ist direkt am Oranienburger Tor. Also quasi da wo die Friedrichstraße und die Oranienburger Straße zusammen kommen, da am Platz, quasi direkt am U-Bahnhof.“

Die Frankfurts

Irgendwann erwischt es dann ja doch jeden Taxifahrer mal: Eine längere Tour nach außerhalb. Mit Düsseldorf kann ich nach wie vor nicht dienen (da würde mein Autochen auch beim Tankinhalt stark an seine Grenzen kommen!), aber wenigstens war ich dieses Wochenende mal (fast) in Frankfurt.

Die Umstände für mich waren genau passend für die Tour. Nicht nur, dass alle Kollegen über miese Umsätze geklagt haben: Meine eigenen waren besonders unterirdisch. Ich hab ungewöhnlich spät mit Arbeiten begonnen und entgegen alle Wochenend-Hoffnungen war der Umsatz danach nicht arg viel besser. Magere 37,50 € habe ich mir erkämpft, weil ich nicht nur relativ wenige, sondern auch kurze Touren hatte. Und da stand sie dann plötzlich und sagte, dass sie nach Frankfurt/Oder müsste. Mit Zähneknirschen auf beiden Seiten haben wir uns auf 130 € geeinigt, was nur knapp über dem Taxameterpreis war und damit schon so ziemlich das Niedrigste, was ich anbieten konnte.

(Hier nochmal der Text zu der Frage, warum die Preise nach außerhalb höher sind)

Für mich war das natürlich das Beste, was passieren konnte: Ausgerechnet während der toten Stunden mal schnell 130 € machen!

Für sie hingegen war es natürlich eine Notlösung. Und ich komme nicht umhin, hier die Umstände anzuschneiden. Sie wollte sich mit Geschäftspartnern treffen. Am Nachmittag. In Frankfurt. Sie selbst kam aus dem Ruhrgebiet. Jetzt der Teil, bei dem ich mir dann doch auf die Lippen beissen musste: Sie haben nicht ausgemacht, in welchem Frankfurt…

(denkt einfach noch ein Bisschen drüber nach, es macht Spaß…)

Jedenfalls fand sie sich irgendwann fälschlicherweise in Frankfurt/Main wieder und nach ein bisschen Hin und Her war auch klar, dass das so nicht ganz richtig war. Also startete sie umgehend mit dem ICE nach Berlin. DAS wiederum hätte sie gechillter und billiger angehen können, denn der ICE fuhr eine Dreiviertelstunde Verspätung ein. Damit war ihr letzter Anschlusszug weg, bzw. sie hätte weitere 2 Stunden warten müssen, während ihre Bekannten sich bei Frankfurt/Oder die Räder eckig warteten. Ironischerweise hätte sie diesen Zug wohl nahezu wartezeitfrei erreicht, wenn sie in Frankfurt/Main einfach mit Regionalzügen für die Hälfte des ICE-Preises gefahren wäre.

Und die Bekannten? Konnten die nicht einfach…? Nein: Um das Chaos perfekt zu machen: Die konnten ihr auch nicht entgegen fahren, da sie mit dem LKW unterwegs waren und ihre Lenkzeiten bereits ausgereizt hatten.

Und so durfte ich sie dann zu einem LKW-Rastplatz an der A12 fahren. Besonders entzückt war ich übrigens über die Frage:

„Kennen sie den?“

Ja klar, warum fragen sie mich nicht nach einer Truckerkneipe auf der B27 oder dem Anglerbedarfhandel an der L1134? Ich wünschte ja auch, ich hätte wie manche Kollegen schon rund 10 Fahrten in die Ecke gehabt, aber leider beschränkt sich meine Ortskenntnis dann doch halbwegs auf die Gebiete in denen ich schon mal war…

Da sie aber sogar die Nummer der Ausfahrt wusste, wäre ich eigentlich auch ohne Navi dahingekommen, obwohl ich mich doch bedeutend besser fühle, wenn es mitläuft, so lange ich in komplett unbekanntem Gebiet unterwegs bin.

Das Schönste an der Tour war aber zweifelsohne die Rückfahrt. Ganz alleine im Auto, Musik auf Anschlag, Tempomat auf 130 und ansonsten einfach chillen… Hach! 🙂

Getrommelt sei’s!

„Fährst du mich zum Yaam!“

meinte der überaus gut gelaunte Afrikaner, als er mir am Ostbahnhof ins Taxi stieg. Ich war nun nicht gerade der erste in der Reihe, aber zum Yaam! fahren? Nichts gegen kurze Touren, aber da ist man zu Fuß einfach schneller. Wenn man bei Rot über die Ampel geht, wahrscheinlich um mehrere Minuten…

Aber so wild war es gar nicht. Natürlich sollte der Club nicht das Fahrtziel sein, sondern nur der Punkt, an dem ich die restlichen Leute und das Gepäck einladen sollte:

„Ist meine Band, wir hatten ein Konzert und brauchen ein Taxi für die Trommeln zur Heimfahrt!“

Und tatsächlich: Als wir dort ankamen, warteten am Eingang ca. 15 Leute und 20* Trommeln. Der erste Blick machte klar: Das wird nix. Aber ein anderes Auto lud plötzlich die meisten Fahrgäste ein, ein paar liefen weg, am Ende blieben etwa 5 Mann und 25 Trommeln. Während ich mit einem gut gelaunten Helfer und bei laufendem Taxameter die ersten Trommeln verladen habe, entspann sich so etwas wie ein Disput darüber, wer jetzt nicht mit ins Taxi darf.

Nachdem das langsam ausdiskutiert war und wir mittels Raumkrümmung und Draufhopsen etwa 50 Trommeln in meinem Kofferraum untergebracht hatten, ging die Fahrt bis fast nach Tempelhof. Die vier Passagiere haben sich gut unterhalten und die etwa 200 Trommeln im Kofferraum waren so verkeilt, das da nicht einmal was geklappert hat.

Als wir ankamen, haben wir die 1000 Trommeln ausgeladen, sie haben alle bezahlt und ein kleines Trinkgeld gab es auch. Der Kilometerschnitt war bombig und das einzig Negative war, dass eine der Millionen Trommeln offenbar im Sand gestanden hatte, sodass ich die Überreste des selbigen erstmal von der Kofferraummatte fegen musste. Boah, tragisch!

Kaum hatte ich das getan, kam einer der vier Fahrgäste, ein großer korpulenter schwarzer Mann, wieder aufs Auto zugewackelt und schmiss eine Sporttasche in den Kofferraum. Dass wir die auch dabei hatten, hab ich unter den Abermilliarden Trommeln schlicht übersehen.

„Ich nehm das Taxi jetzt!“

verkündete er und sagte eine U-Bahnhaltestelle in Mariendorf an. Ich kann mich nicht beschweren, dass sich die Tour nicht gelohnt hätte!

*es waren etwa 12 bis 15 Trommeln 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Überraschend überschaubar

Ich fahre gerne irgendwo zwischen der Schönhauser und der Prenzlauer Allee entlang. Ob nun am Kollwitzplatz vorbei oder nur schnell über die Danziger Straße: Die Anzahl der Winker, die ich in Prenzl’berg aufgenommen habe, wird langsam unüberschaubar. An diesem Abend war es ein Ehepaar, das sich bis zur Danziger, fast an der Prenzlauer, zu Fuß durchgeschlagen hatte und nun erfreut war, dass bereits nach nur kurzer Wartezeit ein Taxi angepfiffen kam.

Sie enterten die Rückbank und ließen als Fahrtziel das Westin Grand verlauten. Mittelprächtige Tour, direkt nach Mitte – arg viel besser konnte es kaum kommen. Die Fahrt von dort gestaltet sich ja reichlich unspektakulär: Rechts auf die Prenzlauer fahren und wenn man das nächste mal abzubiegen gedenkt, steht man schon vor dem Gebäude.

Die beiden schnatterten miteinander und bekamen nicht viel mit von der Fahrt am Alexanderplatz vorbei. Erst als wir dann vor ihrem Hotel standen, bemerkten sie:

„Ach, wir sind ja schon da. Na, so groß ist Berlin ja dann auch nicht.“

Naja, das könnte natürlich daran liegen, dass ihre 10-minütige Fahrt nicht wirklich durchs ganze Stadtgebiet geführt hat – auch wenn der ein oder andere Bewohner von Mitte ihnen das vielleicht so erklärt hat…


Größere Kartenansicht

Und nein, auf dieser Karte ist auch noch nicht ganz Berlin zu sehen…