Unkoordiniert

Mit einem gewissen Hang zum Sarkasmus habe ich ja die Artikel, in denen es ums Thema bezahlen geht, in die Kategorie „zahlungsunfähig“ eingeordnet. Ganz so schlimm ist es ja glücklicherweise selten mit meinen Kunden. Eine kuriose Form der tatsächlichen Zahlungsunfähigkeit ist mir dann aber neulich begegnet und diese Geschichte beginnt an der Landsberger Allee.

Wie so oft war ich aus dem tiefsten Osten mal wieder auf dem Weg Richtung Innenstadt und logischerweise habe ich mich gefreut, als ich herangewunken wurde. Ein Mann, gut 8 Jahre jünger als ich, gut angezogen und trotz Colaflasche in der Hand leicht angetrunken. Es war gerade erst so um Mitternacht, ich vermutete gleich, dass die Party erst noch starten würde.

Als Fahrtziel gab er das Watergate an. Nun entwickelte sich langsam, aus mehreren Dialogfetzen verschiedener Telefonate mit Freunden und Gesprächen zwischen uns ein etwas kompliziertes Bild:

Er selbst war gerade von all seinen Freunden weggefahren, weil die

„bei irgend so ’ner Tussi rumhocken, die sie dann eh nicht vögeln.“

Bei diesem Ausbruchsversuch aus dem öden Leben hat er mal eben alles liegen lassen, vor allem seinen Geldbeutel. Inklusive Geld und Bankkarten. Auf der anderen Seite war aber noch ein weiterer Kumpel, mit dem er sich treffen wollte. Dieser Kumpel hatte auch noch 30 €, dummerweise war er beim ersten Telefonat noch in Charlottenburg. Sie verabredeten sich an der U-Bahn-Station. Ein Gespräch später verabredeten sie dann auch, an welcher.

Wir fuhren letztlich zum schlesischen Tor. Das war für seinen Kumpel die beste Möglichkeit auszusteigen, wenn sie anschließend ins Watergate wollten. Selbst der Clubbesuch war allerdings kein wirklicher Grund zur Freude, denn eigentlich hätte er auf der Gästeliste stehen müssen, tat er aber nicht. Und die Schlange – das haben wir im Vorbeifahren gesehen – war schon auf eine abenteuerliche Länge angewachsen.

Bei unseren letztlich fast 20 Minuten Wartezeit kamen noch einige andere Probleme zusammen. Nicht nur, dass selbst das uns entgegenfahrende Geld langsam knapper wurde, nein: er musste Pinkeln und der Akku seines Telefons war nur noch zu 6% voll. Was seine Freunde aber auch nicht dazu brachte, so langsam mal mit Akku und Geld von der „Tussi“ abzuhauen.

Irgendwann bei 4% kam dann die frohe Botschaft, dass der Kumpel nur noch eine Station entfernt sei. Was mich hätte irritieren können, denn zu diesem Zeitpunkt hielt eine U1 am schlesischen Tor.

Ein weiteres Gespräch später war dann klar, dass der Kumpel doch bis zur Warschauer Straße gefahren ist. Also nochmal 1,50 € extra für mich…

Und dann, endlich, standen wir da und sein Kumpel drückte mir 20 € in die Hand für die 19,80 €, die bis dahin aufgelaufen waren. Mein Fahrgast verabschiedete sich höflich mit Handschlag:

„Vielen Dank. Mein Name ist übrigens Norbert. Norbert Kenner*, Anlageberater aus Neubrandenburg.“

Na, dem seine Anlagestrategien will ich nicht sehen.

*Name selbstverständlich geändert.

6 Kommentare bis “Unkoordiniert”

  1. Immerhin weißt du bereits, wem du dein künftiges Vermögen nicht anvertrauen solltest. 🙂

  2. anonym sagt:

    Das ist das Schöne an der Demokratie, daß Leute, die ihr eigenes Leben noch nicht einmal geregelt bekommen, frei z. B. in Berlin herumlaufen dürfen. Diese Liberalität sollte man preisen!

  3. Sash sagt:

    @Der Maskierte:
    Ein Schritt weiter…

    @anonym:
    🙂
    Wobei man ja ehrlich sagen muss, dass ein Abend Verpeilung jedem gegönnt sei!

  4. ednong sagt:

    Hm,
    also er bekommt doch alles geregelt. Nur vielleicht etwas anders, als es uns vorschwebt. Aber geregelt bekommt er es. Und außerdem heißt „Anlageberater“ ja nicht „der Gott der Geldmacher“ oder „König der Anlageberater“.

    Das sein hinterlassener Eindruck nicht gerade positiv beeinflußt, ok, das geb ich ja zu 😉

  5. Cliff McLane sagt:

    > Sie verabredeten sich an der U-Bahn-Station. Ein Gespräch später verabredeten sie dann auch, an welcher.

    Wenn ich mit meinem Spezl vereinbare, er soll mich am Bahnhof abholen, dann weiß der, wo er hinzufahren und zu halten hat: Mitten auf der Taxispur, weil da eh nie eins steht, und wir haben nur einen Bahnhof in der näheren Umgebung. Wie soll man als Landei draufkommen, dass es da mehrere geben könnte?

    Der war aber nicht wirklich Anlageberater aus Neubrandenburg, das hast du erfunden, gib’s zu! (Obwohl: Wenn er sich mit Handschlag verabschiedete könnt’s hinkommen. Die dauernde Händeschüttelei scheint bei den Ostdeutschen genetisch bedingt zu sein. Ich bin ja mehr für kurzes Winken und ein „danke, ciao, man sieht sich“ zum Abschied, was vor allem in der Grippesaison bestimmte Vorteile hat *hüstel*)

  6. Sash sagt:

    @Cliff McLane:
    Den Beruf hab ich mir nicht ausgedacht. Namen und Ort schon. Dass er Anlageberater war, ließ sich über Facebook verifizieren 😉

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