Da isses wieder. Ausgerechnet Sigmar Gabriel hat derletzt das Tempolimit auf deutschen Autobahnen mehr oder weniger versehentlich mal wieder ins Gespräch gebracht – obwohl für rufschädigende Auftritte in der SPD doch eigentlich Kanzlerkandidat Steinbrück zuständig ist. Sachen gibt’s.
Ich finde, ich sollte zum Tempolimit auf der Autobahn als Berufskraftfahrer auch mal was sagen. Und das ist ganz klar:
Mir als Autofahrer gefällt das nicht!
Darüber hinaus bin ich aber auch Gehirnträger und Mensch. Und da sieht es anders aus: Ich halte es für eine gute Idee!
Dass ich den Shitstorm jetzt ertragen muss, ist klar. Aber ich möchte das doch für einen Moment näher beleuchten. Als Autofahrer hab ich – wie oben geschrieben – echt was übrig für’s gepflegte Heizen. Das ist aber auch das Einzige, was für eine Freigabe spricht: Ein bisschen Spaß am Fahren. Den will ich nicht kleinreden, auch mir ist in meinem Job der Spaß am Fahren wichtig. Aber vom offensichtlichen Symbolcharakter der Thematik abgesehen: Ist das alles andere wert?
Die Vorteile einer Geschwindigkeitsbegrenzung sind sicher erst einmal begrenzt. Es würde natürlich nicht die Verkehrstoten auf Null reduzieren und nicht das Klima retten. Es würde allenfalls hier und da ein bisschen positiv wirken. Je nach Ausgestaltung im Übrigen, die Festlegung auf eine Zahl will ich mir da echt nicht auch noch ans Bein nageln. Aber hey: Immerhin weniger Tote und weniger CO2. Und als Gegenargument steht immer noch:
Nur der Spaß am Fahren.
Wichtiger sind in meinen Augen aber ohnehin die indirekten Auswirkungen: Wie stehen die Chancen, dass in Zukunft Autos besser an den alltäglichen Anforderungen gemessen konstruiert werden – wenn Deutschland als letzter ernstzunehmender Industriestaat auch keine Geschwindigkeiten jenseits von 200 km/h mehr zulässt? Wieviel landschafts- und umweltschonender lassen sich künftige Autobahnen trassieren, wenn sie geringere Kurvenradien z.B. vertragen würden? Welche positiven Auswirkungen auf die Statussymbolträchtigkeit von unwirtschaftlichen und umweltschädlichen Autos hätte es wohl, wenn diese im Alltag einfach nicht sinnvoll nutzbar wären? Wie sähe es mit der Attraktivität der Bahn aus, wenn man sich nicht einreden könne, theoretisch doch in dreieinhalb Stunden von Berlin nach Stuttgart zu kommen?
Sicher, das stößt uns erst einmal bitter auf, jetzt wo endlich auch fast alle unsere Kleinwagen die 200 km/h schaffen. Aber warum? Ist das nicht eigentlich nur eine Gewohnheit, die abzulegen gar nicht so doof wäre? Und wie viel unserer Zeit verbringen wir denn eigentlich wirklich auf freigegebenen Strecken ohne Stau und schlechte Witterungsbedingungen – also wirklich jenseits von 130 – 150 km/h?
Und wir haben auf Autobahnen Geschwindigkeitsvorschriften. Nicht nur auf einem Drittel, wie oft einseitig berichtet, sondern auf 100% ihrer Länge: Fahrzeuge mit einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit unter 60 km/h dürfen dort nicht fahren. Das wird auch von niemandem scharf angegriffen, obwohl auch das nur der Sicherheit dient: Damit die Geschwindigkeitsunterschiede nicht zu Unfällen führen. Seit der Erbauung der Autobahnen haben sich die Geschwindigkeiten jedoch deutlich nach oben entwickelt. Während LKW zwar immer noch mit 80 über die Straße „kriechen“, schafft jeder Mittelklasse-Wagen die 200 km/h in überschaubar kurzer Zeit. Inwiefern 200 km/h vs. 80 km/h ungefährlicher sein sollen als 50 km/h vs. 80 km/h, ist rational nicht begründbar. Von Extremen über diese Werte hinaus brauchen wir da gar nicht reden.
Unsere Autos sind vergleichsweise sicher, sie liegen gut auf der Straße und wir haben eine Menge gute Autofahrer da draußen. Das will ich alles nicht anzweifeln. Ich sehe mich selbst nach 10 Jahren Arbeit im Fahrdienst als geübten Fahrer und ich wünsche mir manchmal, es wären alle so vernünftig und versiert. Aber im Gegensatz zu Rennstrecken mit halbwegs fairen Bedingungen unter den Teilnehmern (betreffend sowohl Übung als auch Fahrzeugstärke) ist der öffentliche Verkehr ein Raum mit unterschiedlichen Mitspielern. Auf Autobahnen fahren sowohl extrem geübte – aber langsame – LKW- und Busfahrer, ängstliche Kleinwagenfahrer, versierte Limousinenchauffeure, tollkühne Motorradfahrer und übermotivierte Supersportwagen-Besitzer. Hierbei sind die Adjektive willkürlich austauschbar, wer kennt nicht die tollkühnen Kleinwagenreiter?
Und (glücklicherweise!) hat keiner von denen mehr Rechte oder Pflichten als jeder andere. Sie alle dürfen unter der Berücksichtigung der anderen eine Autobahn nutzen, um ihr Ziel zu erreichen.
Anstatt zu akzeptieren, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn ähnlich sinnvoll sein könnte wie die auf allen (!) anderen Straßen, erklären die Deutschen hier lieber die Technik (und damit, wenn wir ehrlich sind, die finanziellen Möglichkeiten) des Einzelnen zur Grenze des Erlaubten? Wieso eigentlich?
Ich bin – die meisten Leser sollten das inzwischen wissen – wahrhaftig kein Befürworter eines „starken Staates“. Ich tendiere immer und immer wieder zur Maxime „Freiheit statt Angst!“. Freiheit ist wichtig! Gesellschaftlich, politisch, psychisch, in allen Lebensbereichen!
Aber bei der Geschwindigkeitsfreigabe geht es nur um den Spaß am Fahren! Einen Spaß, für den man meinetwegen dutzende Rennstrecken alleine rund um Berlin bauen kann. Und wo sind eigentlich die 50 bis 80% Freiheitsbefürworter bei Themen, bei denen es nicht nur um ihren eigenen Spaß geht? Bei Themen wie der Drangsalierung von Arbeitslosen, beim Leistungsschutzrecht, bei der Reisefreiheit von Asylbewerbern etc. pp.?
Wir – und an der Stelle schließe ich mich gerne mit ein – wollen gerne schnell fahren. Das ist ok, uns als Autofahrern macht das eben Spaß. Aber verdammt nochmal: Selbst ich als Taxifahrer bin nur Teilzeit-Autofahrer – aber Vollzeit-Gehirnbesitzer.
