Das dumme Navi

Ich hab ja gestern erst mein Navi als das dümmste dieses Planeten beschimpft und ich denke, ich sollte mal erklären, wie ich zu so einer Einschätzung komme. Ich habe ja schon öfter gejammert und mir auch immer wieder das von vor 9 Jahren in der 1925 zurückgewünscht. Aber wirklich nie war das berechtigter als jetzt.

Ich gebe zu, dass ich in den paar Monaten, die ich es jetzt nutze, noch nix an der Routenführung zu meckern hatte und vielleicht liegt das sogar wirklich daran, dass es da ganz gut ist. Es ist mir immer noch etwas zu langsam, aber das geht mir eigentlich auch sonstwo vorbei. Meine Kritik bezieht sich auf einen einzigen, aber unfassbar elementaren Programmierfehler: Es kennt keine doppelten Straßen!

Ihr kennt meine Rants über die dumme Angewohnheit Berlins, etliche Straßen doppelt zu haben. Das mag ein Nischenproblem von Taxifahrern sein, aber wenn man’s mal genau nimmt, ist es damit auch eines von Taxikunden und damit potenziell von allen Menschen.

Was mein derzeitiges Navi (ich kenne die Typbezeichnung nicht, es ist ein eingebautes von Opel) macht, ist so schlecht, dass ich schon mehrfach selbst drüber lachen musste, obwohl es mich irgendwann mal richtig Nerven kosten wird: Wenn man eine Straße eingibt, die es in Berlin mehr als einmal gibt, dann stellt es keine Fragen oder bietet Optionen an, sondern navigiert zu einer offensichtlich vorher festgelegten Straße dieses Namens und ignoriert die anderen einfach.

Herausgefunden habe ich das glücklicherweise ohne Kundschaft, als ich einen Kollegen in der Kastanienallee treffen sollte. Diese Straße in Hellersdorf kenne ich, aber ich hab’s der Hausnummer wegen eingegeben. Plattenbauviertel sind gerne mal ziemlich verschachtelt, es schien mir sinnvoll. Und das Navi wollte mich einfach nach Prenzlauer Berg lotsen. Ich will ehrlich sein: 95% aller Fahrten in eine Kastanienallee gehen zu genau dieser, aber neben ihr und der in Hellersdorf gibt es auch noch ein paar weitere.

Das gestern mit der Uhlandstraße war dann der Beweis, dass die Wahl nicht einmal nach Beliebtheit oder Zentrumsnähe oder so getroffen wird, denn statt zu der großen, langen, zentralen und einzigen mir bekannten Uhlandstraße in Charlottenburg wollte mich das Navi zu einer Nebenstraße am Stadtrand in Lichtenrade lotsen. WTF?

Richtig absurd wird es aber da, wo ich dachte, dass ich das System zwar unbequem, aber immerhin irgendwie austricksen könnte: Das Navi erlaubt nämlich neben der Eingabe der Stadt alternativ auch die Postleitzahl. Das schien mir ein gangbarer Weg. Natürlich nur für Notfälle, denn viele Kunden kennen die Postleitzahl ihres Ziels nicht, aber immerhin irgendwas!

Nope.

Irgendein Programmierer hat das Navi so „intelligent“ gemacht, dass es nach der Eingabe von nur zwei Ziffern erkennt:

„12? Aha! Du willst nach Berlin!“

Und dann Berlin als Zielstadt auswählt.

Den ersten Teil der Problematik kann ich trotz Ärger verstehen. Da wusste wohl jemand nicht, dass es in Berlin zig Straßen doppelt, drei- oder elffach gibt. Aber dass dann eine andere Funktion AKTIV dafür sorgt, dass das Gerät NOCH unbrauchbarer wird … da jubiliert der Anarchist in mir, das ist so grotesk scheiße, dass ich eigentlich nur noch drüber lachen kann.

Ich weiß, ich wollte mir ewig schon ein eigenes Navi anschaffen. Ich werde es tun, aber derzeit überwiegt die Faulheit.

Der klitzekleine Mehrwert

Ich hacke ja gerne mal auf autonomen Autos rum oder behaupte, dass mir bei aller gegenteiligen Behauptung seitens Uber die Ortskundeprüfung wirklich was gebracht hat. Dabei spitze ich natürlich oft zu und Ihr wisst ja eigentlich alle, dass ich mit meinen Fails bezüglich Ortskunde auch nicht hinterm Berg halte und all das stets mit einem Augenzwinkern tue. Aber selbst der absurd-konstruierte Randfall kommt mal vor, in diesem Fall gestern.

Ein Winker nahe des Ostbahnhofs:

„Sag mal Alter, Du hast Navi, oder?“

„Äh ja, sicher …“

„Dann mach mal U bei Charlottenburg!“

Ich weiß, dass ich derzeit das wirklich mit Abstand dümmste Navi auf diesem Planeten habe, aber es ist nun wirklich nicht das einzige, bei dem man Straßennamen nicht auf einen Stadtteil beschränken kann.

„Ähm, das wird schwierig. Worum geht’s denn?“

„Mann, ich kenn die Straße nicht. Fängt mit U an und ist Richtung Charlottenburg.“

„Also als erstes würde mir die Uhlandstraße einfallen.“

„Uhland? Ja, ja, das ist sie!“

Und nein: Da standen noch eine Menge Möglichkeiten im Raum, aber ich hab ihm vorgeführt, dass eine berlinweite Suche nach „U“ halt zu gar nix führt. Mein Navi fängt erst bei „UHL“ an, die Optionen aufzulisten. Er hatte die Adresse natürlich im Handy, aber das war halt kein normales, sondern so ein teures, dessen fruchtiger Hersteller es für Mehrwert hält, keinen USB-Anschluss zu haben. Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass das zusammentrifft: Ein völlig verstrahlter Typ mit leerem Handy und ein Taxifahrer ohne Adapter mit einem Navi, das so bescheuert ist, dass es selbst bei der Uhlandstraße in Berlin zuerst und alleinig (!) an die in Lichtenrade denkt.

Aber hey, ich hatte mit meiner Vermutung recht, wir kamen schnell und sicher an. Und während ich das schreibe, hab ich eben mal versucht, Google zu überreden, mir alle Charlottenburger Straßen mit U zu zeigen. Tja … nee, nicht so wirklich.

Wenigstens der Punkt geht dieses eine Mal also an mich. 🙂

Ende gut, alles gut.

Offenbar ist gerade sowas wie Idioten-Hochsaison. Zumindest hatte ich heute wieder so eine Fahrt, bei der ich rückblickend vielleicht lieber einen Horrorclown gehabt hätte, der mir nach 20 Minuten erklärt, dass das, was er trage, eigentlich gar kein Kostüm sei.

Es hat schon etwas gruselig angefangen, denn in Friedrichsfelde-Ost standen plötzlich drei Männer mittleren Alters in Anzügen um mein Auto und stritten sich. Allerdings auf Vietnamesisch, so dass ich nicht wusste, worum es ging. Einer wollte dann einsteigen und er wollte offenbar nicht, dass einer der anderen mitfährt. Aber sie haben das dann außerhalb des Autos geklärt. Mit ein bisschen mehr Rumschubsen als ich es von Anzugträgern erwartet hätte, aber wirklich was passiert ist auch nicht. Die zwei anderen sind dann gegangen und der kleine Mann im khakifarbenen Anzug entschuldigte sich mit einem tiefen „Sorry“ und bat mich, ihn nach Schönefeld zu fahren.

Gruselig wurde es, als er nach der Hälfte der Strecke schwitzend vornüber kippte. Als ich ihm dabei behilflich war, wieder in den Sitz zu sinken, sah ich, dass sein Hemd rot verschmiert war.

Mein erster Gedanke war natürlich naheliegenderweise, dass der Typ offenbar schwer verletzt war und offensichtlich kurz davor, hier mal eben vom Bewusstsein Abschied zu nehmen. Also hab ich gefragt, ob er verletzt sei, ob ich ihn in ein Krankenhaus bringen sollte. Er verstand mich nicht sehr gut, aber er bestand darauf, zum Bahnhof gebracht zu werden. Obwohl er sichtbar Schmerzen hatte. Hmm …

Eine ganze Weile lang hätte ich schnell in Richtung Köpenicker Krankenhaus abbiegen können, also hab ich mal abgewartet und beobachtet. Gut ging es ihm zwar weiterhin nicht, aber ich hab z.B. schnell gesehen, dass die Flecken auf seinem Hemd zum einen eher doch kein Blut waren, zum anderen aber selbst dann wenigstens nicht größer wurden.

Ich lag damit vermutlich sehr richtig, was aber nur so halb gut war, denn irgendwann fing er dann doch an zu würgen. Hat der sich jetzt echt nur mit seinem Drink besudelt und dann das Erbrechen zurückgehalten, bis es wehgetan hat? So absurd es klingt: Im Nachhinein scheint mir das das Wahrscheinlichste zu sein, denn nach einem wenig würdevollen Stopp in der südöstlichen Berliner Prärie hatte er seine Magensäfte bis hin zu den ersten drei Portionen Galle auf der Straße verloren und die paar Spuren auf dem Seitenschweller hab ich sogar noch neben der Patientenbetreuung sauber machen können. Und danach ging’s ihm vergleichsweise gut. Also 3,5-Promille-gut.

Er entschuldigte sich hundertfach und änderte das Fahrtziel auf einen Bahnhof weiter. Meinetwegen. Dort angekommen war ich erfreut, dass er deutlich ausgenüchtert schien und sofort fragte, was ich bekommen würde. Mit Stopp und Umweg wegen der Zieländerung waren das 33,10€ und wir sind erst einmal beide ausgestiegen, weil er nicht mehr in der Lage war, im Sitzen sein Portemonnaie aus der Hose zu ziehen. Leider erwies es sich auch nach dem Rausziehen als eher leer, woraufhin er gut gelaunt „Fun Minut!“ rief und Richtung Bahnsteig spazieren wollte. Ja nee, schon klar!

Mit einem Klick hab ich das Auto hinter uns verriegelt und ihm scheißfreundlich gesagt, dass ich ihn gerne kurz begleite, wenn er Geld holen geht. Er war auch nicht der geborene Abzocker oder so, er hätte nur binnen 12 Sekunden vergessen, dass er mit dem Taxi hergekommen ist, entsprechend hatte er nun auch gar nix dagegen, dass ich mitkomme. Aber er hatte halt keinen Plan, wohin. Ein Geldautomat jedenfalls war nicht in Sicht. Also hat er notgedrungen nochmal das Portemonnaie begutachtet und dabei mindestens 15 bereits benutzte BVG-Karten wild um sich geschmissen, um einen besseren Überblick zu bekommen. Dann kramte er in einem der Seitenfächer und förderte Geld zutage: Vier Dollar und ein Euro. Kannste Dir nicht ausdenken!

Ich hab also weiter drauf bestanden, mein Geld zu bekommen und das Ganze entwickelte sich dann noch zu einer Art Slapstick-Posse, bei der er jedes Mal nach erfolglosem Suchen noch einmal die vier Dollar in meiner Hand sehen wollte, dabei die Zweier für Zwanziger hielt und frohen Mutes wegspazieren wollte. Aber ich blieb auch ohne böse Worte sehr überzeugend und er versuchte es folglich immer wieder.

Ich hatte die Hoffnung lange aufgegeben und war eigentlich nur noch am Überlegen, ob ich den Hirbel an die Cops weiterreichen soll, da fischt der doch tatsächlich aus der drölften Jackettasche noch einen Fuffi. So schnell hab ich noch nie einem Kunden das Geld abgenommen …

Auch wenn er keine Ansage gemacht hat, hab ich dann doch recht selbstverständlich einen Zehner Rückgeld gegeben und meinerseits meinen Geldbeutel weggepackt. Er hat kurz etwas sparsam geguckt, dann aber doch recht schnell verstanden, dass eine Diskussion darüber, ob er jetzt noch 6,90€ bekommt, vielleicht ein kleines bisschen unangemessen wäre. Ich meine: Mal abgesehen davon, dass er mir technisch gesehen aufs Auto gekotzt hat, hätten wir das Geld locker schon als Wartezeit auf der Uhr gehabt, bis er sein Geld gefunden hatte. Ich bin ja für jeden Spaß zu haben, aber in dem Fall hatte selbst meine Hutschnur schon dezente Risse.

Am Ende war’s mit Abstand die lohnendste Fahrt des Abends. Wobei ich fürchte, dass der Typ jetzt noch irgendwo in einer S-Bahn seinen Rausch ausschläft.

Ach, Fuck!

Ich hab eine Kundin an einem der Oktoberfeste eingeladen. Die Zieladresse war schnell klar und sie hat auch nicht gestört, dass mir ihre Straße zunächst nix gesagt hat. Aber die Richtung war eben auch schnell ermittelt und die Fahrt damit kein Problem. Wie eigentlich fast alle. Da sie im Dirndl sichtbar vom Fest kam, hab ich eher rhetorisch gefragt, ob sie einen guten Abend gehabt hätte.

Als sie nur mit „naja“ geantwortet hat, hab ich mir noch nix gedacht. Kann ja alles überall mal so mittel sein. Aber bereits auf die Nachfrage, ob sie Stress gehabt hätte, hat sie wortkarg angemerkt, dass da halt eine Menge „komische Typen“ gewesen seien. Ich hab versucht, das nicht unsensibel anzugehen und vermutend angemerkt:

„Lassen Sie mich raten: Alle besoffen …“

„Ja, ja, das auch …“

Mir war schnell klar, dass sie mir nix näheres sagen wollte. Aber sicher, ich bin halt auch nur so ein x-beliebiger Kerl an dem Abend gewesen. Doch in Gedanken hab ich sie zum Hashtag #metoo twittern sehen und mir hat das unendlich wehgetan. Sie hat sich dann auch offensichtlich bewusst nicht bis zur (nie näher definierten) Haustüre bringen, sondern mich zwei Kreuzungen vorher stoppen lassen.

Ich verstehe das, aber ich hätte ihr gerne ein wenig mehr den Glauben in die Menschheit zurückgeben wollen.

Die gute Tat für heute

Ich hab spät in der Nacht ein Pärchen nach Mahlsdorf gebracht. Und Mahlsdorf klingt nicht nur wie „Dorf“, es ist auch eines. Ich hätte bei runtergelassener Scheibe quasi nach Brandenburg spucken können. Und dann hundert Meter  stadteinwärts eine Winkerin. Yeah! \o/

„Bestellt auf XY?“

„Oh. Nein, das  bin ich nicht. Ich war nur zufällig hier, hab gerade Kundschaft abgeladen.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Sehen Sie, ich würde sie natürlich gerne mitnehmen. Aber vermutlich kommt der Kollege gleich. Der hat extra gewartet und sich nun auf den Weg gemacht …“

„Oh! Verstehe. Gerade hieß es halt, dass in einer Minute … und jetzt sind Sie da …“

„Wissen Sie was? Ich fahre jetzt mal hier ran. Sollte in fünf Minuten niemand da sein, dann nehme ich Sie mit. Aber so viel Kollegialität muss sein, so verdienen wir halt unser Geld.“

„Oh, ja, ja … vielen Dank! Sie sind der erste, der mir das so erklärt.“

Der Kollege kam eine Minute später. Definitiv keiner, der sich via Sprachfunk näher an die Kundin herangelogen hat, was ja leider immer noch passiert.

Ja, ich hätte die Tour gut gebrauchen können. Und ja, ich hab zwei Lebensminuten mit dem Gespräch „verschwendet“. Am Ende der Schicht wusste ich nicht einmal mehr, ob das gut oder schlecht war, weil ich die ein oder andere Tour danach zwei Minuten früher nicht bekommen hätte. So geht’s also auch, liebe Tourenklauer …

Wer gibt früher auf?

Ich hab’s so oft geschrieben: In Berlin alles zu kennen, ist nicht möglich! Auch für uns Taxifahrer. Es wird immer irgendeine Eckkneipe, irgendeine Straße, ja selbst irgendeinen Club geben, der jetzt gerade in diesem Augenblick diesem einen Taxifahrer  nix sagt. Und das nicht wegen seiner Inkompetenz, sondern weil Berlin fast 900km² umfasst, in denen sich ständig alles ändert.

Aber nun das: Am Bahnhof Friedrichsfelde-Ost. Eine Station der U6, die mit N anfängt und irgendwo in der Nähe von Stadtmitte liegt.

Nope. Sorry.

Aber ich hab ihr zuliebe mein Handy gezückt und nach der U6 gesehen. Nix. Also zumindest nix, was nahe genug war und ihr vertraut vorkam.

Sie wollte weiter suchen, also war ich dabei. Der komplette Linienverlauf? Hier, bitte!

Nope.

Aber sie hatte sich das Hotel abgespeichert. Ob ich Strom für ihr Handy hätte?

Ich dachte, ich hätte, da wir beide ein Samsung unser eigen nannten, aber:

Nope.

Ob sie mal mein Handy haben könnte, um sich bei Hotmail anzumelden? Da hätte sie die Adresse.

Was macht man nicht als kundenorientierter Taxifahrer?

Natürlich hab ich abgecheckt, wohin sie mit meinem altersschwachen S5 hätte rennen können und ob sie mir vielleicht absichtlich einen Zweitaccount bei meiner Lieblingspornoseite erstellt, aber:

Nope. Sie hat die Mail nicht gefunden.

Aber „Hallesches Tor“ sei ihr vertraut. Da seien sie heute schon umgestiegen. Ob ich sie und ihren Freund da hinbringen könnte?

Natürlich!

Nun aber wollte der Freund nicht, der bereits „seriously mad“ ihretwegen sei.

Ob ich ihr noch einmal bei Google-Maps den Stadtplan zeigen könnte. Klar, aber:

Nope. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie genau müsste.

„Well, then  sorry! We’ll wait here …“

Worauf oder auf wen sie warten wollte, weiß ich nicht. In dem Fall bin ich mir aber zumindest sicher, dass ich WIRKLICH alles versucht habe und es nicht meine Schuld war, dass das keine Tour wurde.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Die Guten mal wieder …

Wie jedem Menschen, der online irgendwas schreibt, sitzen auch mir ständig die Leute im Nacken, die alles besser wissen und mir geradezu erzählen müssen, weswegen nun genau das falsch ist, was ich gerade gesagt habe. Oder gemacht habe. Mal abgesehen von all den Rassisten sind da z.B. die Leute, die mir einreden wollen, nie betrunkene Leute mitzunehmen. Meist sind das Kollegen, die bei diesem Job, den man auf zigtausend Arten machen kann, eine der zigtausend anderen Arten nutzen, um ihr Geld machen. Wenn das nicht illegal ist, ist das auch ok und ich gönne wirklich jedem seinen Weg, aber bei allzu offensichtlicher Ignoranz lehne ich Lebensweisheiten anderer auch gerne ab.

Ich glaube gerne, dass Kollegen wesentlich mehr Stress mit Besoffenen haben als ich. Nur liegt das meiner Erfahrung nach nur zu einem (eher kleinen) Teil an der betrunkenen Kundschaft. Ein nicht ganz unwesentlicher Faktor ist halt auch, wie man den Menschen begegnet. Sorry, dass ich den Text hier so belehrend einleite, aber es ist die fucking Wahrheit! Denn wenn ich an meine Arbeit mit der Überzeugung rangehen würde, dass alle Männer oder alle Weißen, alle Deutschen und alle Arbeiter scheiße sind, dann wäre ich halt nix anderes als ein Nazi mit einigen Orientierungsproblemen. So wie eben die eher orientierten Nazis Frauen, Schwarze, Ausländer und Akademiker scheiße finden.

Aber ja: Auch ich hab gezuckt, als mich zwei besoffene Typen in Marzahn direkt beim Überholen eines Autos gestoppt haben, nahezu lebensmüde beim Überqueren der Fahrbahn. Nur einer der beiden sprach Deutsch und beide kamen offenbar aus Litauen (dieses Wissen verdanke ich witzigerweise dem, der kein Deutsch sprach).

Kurzstrecke zu einer mir bekannten Straße in Marzahn. Ist ok, reicht. Da der neben mir sitzende Kandidat gleich das Kleingeld zählte, war ich etwas unsicher, als er dann doch eine Tanke ansteuern wollte, um noch Bier zu holen. Aber ich bin Dienstleister, deswegen hab ich meine Sorgen kurz in eine brauchbare Ansage übersetzt:

„Die Jet? Ist ok. Aber dann werden es mehr als 5€, ist das ok?“

„Da. Ja, OK.“

Ich will nicht verneinen, dass man da Vorkasse verlangen kann. Mir war das nur so mittel genehm, aber die Welt ist ja nicht schwarz-weiß. Mal abgesehen davon, dass mich z.B. 5 bis 10 € nicht in der Existenz bedrohen, wusste ich nun ja z.B. auch, dass ich den Typen bei einem Fluchtversuch hätte hinterherrufen können, dass sie auf dem Video der Tanke erkennbar sind. Und all die Neunmalklugen können sich nun gerne mal überlegen, welchen Effekt sowas haben könnte …

Nun aber stand ich alsbald an der Tanke und der Tanz der Betrunkenen sorgte bereits bei der Bediensteten dort für dezentes Augenrollen. Obwohl nur zwei Bier geordert wurden.

Der im Fond verbleibende Typ textete mich inzwischen in einer Sprache zu, die ich nicht verstand. Aber er schien nett zu sein. 🙂

Dann also der „Rückweg“ zur Wohnung. Und zur Bestätigung: Wie erwartet: Marzahn, Plattenbau, Osteuropäer, nur Münzgeld, besoffen, mit Umweg! Sowas nehmen ja manche, die sich hier „Kollegen“ nennen, gar nicht an.

Ich stoppte also vor einem der acht Eingänge des Zwölfgeschossers, mache das Licht an, und … der Typ neben mir kramt vier Münzen aus seiner Hosentasche. Sechsfuffzig.

„Was machen genau?“

„Wir sind jetzt insgesamt bei 11,50€.“

„Aber chab’ch seechs.“

OK, die Arschlöcher hatten recht, ich bin ein Idiot, ich hätte es ja wissen müssen! Oder?

„Daan soorry! Chmuss kurz in Wohnung, Geeld! Kuussin blejbn! OK?“

Na klar. Wie so oft: Da ist noch Geld in der Wohnung gewesen und neben dem Rucksack blieb mir auch der litauische Cousin als Pfand. Am Ende eine Allerweltsgeschichte, die ich so auch zigfach bei nicht besoffenen Deutschen hatte. Überraschung! Ich werde sie hier trotzdem mit „zahlungsunfähig“ taggen, weil da alle Geschichten reinkommen, bei denen es ums Geld geht. Egal, ob zu viel, zu wenig, Trinkgeld oder  Tourumsatz, ob überraschend absurd passend oder weil mein Fahrgast Mario Draghi war … ich bleibe dabei: Meist läuft es am Ende gut.

🙂