Sven, sein Handy und die Polizei

Obwohl ich eigentlich schon wieder grünes Licht seitens der Ampel hatte, hielt ich an. Ein Winker. Quasi. Denn es war ein Polizist in voller Ausrüstung und als er mir erklärte, was sein Anliegen war, war klar, dass es nur so mittel normal war:

„Hey, wir haben hier auf der Mittelinsel einen Typen, der ziemlich betrunken ist. Der ist sauber, hat Geld dabei, die Sanitäter wollten ihn nicht mitnehmen. Der muss nach Reinickendorf. Würdest Du den mitnehmen?“

Nach den üblichen 0,25 Sekunden Bedenkzeit hab ich zugestimmt. Zweifelsohne war das jetzt nicht das, was mir gerade gut gepasst hätte, denn die Stadt war voll mit Kundschaft. Aber ich stehe nunmal dazu, auch gerade die schwierigen Touren wegzurocken.

„Na gut, krieg ich hin.“

„Dann fahr‘ mal hinter unseren Wagen.“

Ich wurde trotz nun roter Ampel eingewiesen, Spezialauftrag für Geheimagenten quasi. Ich hab mich gefühlt wichtig auf der Kreuzung positioniert, weit ordnungswidriger als Tempo 80 in einer 30er-Zone. Aber ich war halt wichtig. Der Kunde, auch von den Beamten nur beim Vornamen genannt, erwies sich als eigentlich harmlos. Völlig besoffen, natürlich, aber in sich selbst ruhend. Zunächst.

Einer der Beamten hatte seinen Geldbeutel in der Hand, reichte mir einen Fuffi daraus und fügte hinzu, dass ich ihm den Rest zurückgeben sollte.

„Keine Sorge, ich wollte hier kein krummes Ding abziehen!“

„Ach ja, hier …“

Der Polizist zeigte mir den Personalausweis:

„Der muss in die XYZ-Straße, quasi beim Rathaus.“

„Danke, aber das kläre ich gleich mit ihm!“

„Ach, der wird Dir nicht mehr viel sagen …“

Ich verstehe den Einwand, aber Polizei hin oder her: Wenn da wer in meinem Taxi sitzt, dann gilt für mich das Wort des Kunden. Für Entführungen sind andere Leute zuständig. Ich will nicht anzweifeln, dass es gut wäre, einen volltrunkenen Sven heimzubringen, aber mir fehlt jegliche Handhabe, ihn dazu zu zwingen.

Nichtsdestotrotz hatte ich den Fuffi von Sven nun und der hatte halt ganz andere Pläne, als ins Taxi zu steigen. Er wollte sein Handy.

Ich glaubte den Cops, dass sie es nicht hatten, nicht finden konnten und dass es vermutlich zuhause war, aber ich war weiter denn je entfernt davon, hier die Ansagen zu machen. Sven wehrte sich dagegen, in mein Auto eingeladen zu werden, schrie nach seinem Handy und am Ende kam halt heraus, dass das doch keine Tour für mich werden würde. Einfach weil er nicht wahrhaben wollte, dass die Beamten im sagten, dass sie sein Telefon nicht genommen hätten oder auch nur hätten finden können.

„Na gut, wenn er nicht einsteigen will …“,

meinte eine Polizistin.

„Also nehmt Ihr ihn mit?“,

fragte ich ebenso duzend in die Runde.

„Ja, geht wohl nicht anders …“

wurde mir mitgeteilt.

So gerne ich die Fahrt gemacht hätte und so sehr ich glaube, dass Sven sich damit einen Gefallen getan hätte: Ich war froh bis geradezu überrascht, wie nett die Beamten waren, obwohl er sich wie das letzte Arschloch aufgeführt hat und oft bedenklich nahe an der Grenze zum gewalttätigen Widerstand gekratzt hat. Hätte ich als Demonstrant einmal soviel Nettigkeit von der Staatsgewalt erfahren, würde ich sie wohl emotional mehr würdigen können.

Nachdem klar war, dass die Tour ausfällt, hab ich den Beamten, der gerade am wenigsten mit der Inschachhaltung von Sven beschäftigt war, noch kurz darauf hingewiesen, dass da noch eine Kleinigkeit offen wäre:

„DER ist dann wohl auch nicht meiner …“

Und hab den Fuffi weitergereicht.

„Oh ja, stimmt ja!“

Ich hoffe jetzt einfach mal, dass Sven gut heimgekommen ist, dort sein Handy wiedergefunden hat und zudem noch im Besitz seines Fünfzigers ist. Falls nicht, kann ich nur anmerken, dass ich als Taxifahrer wirklich alles dafür getan habe, dass dem so ist.

9 Kommentare bis “Sven, sein Handy und die Polizei”

  1. Ana sagt:

    Wie wird die angelaufene Zeit denn dann üblicherweise verrechnet? Du hast ja durch die Polizei den Verlust, nicht durch Sven.

  2. Jens sagt:

    Im Beitrag klingt das jetzt nicht nach Ewigkeiten, von daher tippe ich mal, dass das nicht anders ist als mit Partygängern, die nach minutenlanger Diskussion über den zu erwartenden Preis dann doch nicht mitfahren – ärgerlich, fällt aber wohl unter übliches Berufsrisiko.

    @Sash: Korrigiere mich bitte, falls ich daneben liege.

  3. Sam sagt:

    Was mir beim Lesen aufgefallen ist: hier im Ruhrgebiet gäbe es das Komma im Titel nicht. 😉

  4. Sash sagt:

    @Ana:
    Jens hat recht, es waren vielleicht drei Minuten vergangen. Und gerade bei sowas schalte ich die Uhr auch nicht vorher an. Sicher, das könnte hier und da mal einen Euro bringen, aber in dem Fall hatte ich den „Auftrag“ ja nicht einmal von Sven gehabt, wieso hätte er dann die Anfahrt zahlen müssen. In das Wespennest will ich lieber nicht reinstechen, ganz ehrlich.

    @Sam:
    Das glaube ich nicht. Und bevor Du mir erklärst, warum: Es ist eine Aufzählung von drei „Dingen“, nicht von zweien. 😉

  5. Joe sagt:

    Sam, meinte wahrscheinlich ‚Dem Sven sein Handy und die Polizei‘ aber dann bekommt der Satz einen anderen Sinn.

  6. Sash sagt:

    @Joe:
    Du hast sehr schön in eigenen Worten wiederholt, was ich im Kommentar zuvor gesagt habe. Danke.

  7. Fastdäne sagt:

    Moin Sash,
    vielleicht fällt das bis Drei zählen im Ruhrgebiet schwer. Da lässt man dann mal ein Komma weg und schon passt es wieder. 🙂
    Gruß Frank, der den Slang des Rheinlandes und des Potts liebt.

  8. Der Eine sagt:

    Ist doch klar wieso sie so nett zu ihm waren: er war betrunken. Säufer sind doch Nationalhelden und die muss man natürlich mit Respekt behandeln.

    Ganz anders als die ekligen Raucher die ja selbst dran Schuld sind dass sie rauchen (was ja auch stimmt, aber die Säufer zwingt halt auch niemand und ich hab noch nie gelesen dass ein Raucher unter dem Einfluss seiner Drogen jemand anderem geschadet oder jemanden getötet hätte).

  9. Sash sagt:

    @Der Eine:
    Wow. Unter „alle machen alles falsch“ bist Du nicht für einen Kommentar zu bewegen, was?
    Kleiner Tipp: Interessiert kaum jemanden.

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