Sportlich

Schichtende! Dachte ich zumindest.

Nach nur siebeneinhalb Stunden hatte ich die Obergrenze dessen, was ich einfahren wollte, erreicht. Sicher, ich hätte jetzt, da es gut lief, auch einfach noch zwei oder drei Stündchen dranpacken können. Aber es ist ja auch so, dass mehr Kundschaft auch anstrengt. Nicht der Kundschaft selbst wegen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob ich in 8 Stunden nur 30 Minuten Pause habe, oder aber gleich 4 Stunden wie üblich. Und 8 Stunden am Steuer sind wirklich genug.

Meine Tour war vom Ostbahnhof bis nach Hellersdorf gegangen, eine von mehreren unverschämt langen Touren an diesem Wochenende. Auf dem Rückweg stellte ich die gute alte „Starfish“-Platte von Limp Bizkit ein paar Nummern lauter und hielt mich nicht immer ganz an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die die um 4 Uhr morgens natürlich verwaisten Baustellen auf der Landsberger Allee mir aufzwingen wollten. Dennoch sah ich den Arm eines Winkers emporschnellen und hielt – man lässt sich dann ja doch nix entgehen – zügig an. In die Weiß-der-Teufel-wo-Straße wollte mein jugendlich anmutender Fahrgast. Aber er legte bei meiner fragenden Grimasse gleich nach:

„Hier, Konrad-Wolf kennste?“

„Sicher.“

„Ist da ums Eck.“

Ja, scheiß doch die Wand an! Der Tag war so oder so schon perfekt gelaufen und jetzt sollte ich tatsächlich eine abschließende Tour bis kurz vor den Abstellplatz des Autos bekommen? Ja. Ich für meinen Teil war mit der Welt im Reinen. Mein Fahrgast nur bedingt.

„Weißte, bin ick ja jerade jeloofn.“

„Was?“

„Na, den Weg hier. Einssiebzehn.“

„Bitte was?“

„Einssiebzehn ha’ick jebraucht.“

Während wir unweit meiner Haustüre durch Marzahn brezelten, erzählte er mir dann, was Sache war: Er hatte mit einem Kumpel gewettet, dass er von Alt-Hohenschönhausen bis ans hintere Ende von Marzahn in einer Stunde und 15 Minuten laufen könnte. Und?

„Ha’ick mir verlaufen. Hier, da hinten! Wusst‘ ick nich‘, wo jenau ick da durchkomm‘. Einsfuffzehn hätte jelangt. Und einssiebzehn ha’ick jebraucht. Jetz‘ schuld ick ihm ’n Kasten.“

Das mit dem Verlaufen war natürlich blöd. Aber der Sportfreak wusste wenigstens zu unterhalten:

„Die Leute werden sich auch gedacht haben: Wat ’n Irrer!“

„Weil Du gelaufen bist?“

„Naja, im Suff. Und am Anfang mit Döner …“

Schätze mal, die Kalorien hat er nach rund 10 Kilometern locker wieder runter gehabt. 🙂

Mein Fahrgast hat mir daraufhin noch ein bisschen davon erzählt, was er sonst so läuft. Mir als Couchpotatoe wäre da schier unfreiwillig der Kiefer runtergeklappt. Da er in nächster Zeit noch was größeres vorhat, will ich keine Details nennen. Nicht, dass man ihn noch wiedererkennt. Aber ich sag’s mal so: Die Marathon-Distanz ist offenbar nicht für alle eine Grenze …

Ich hab mich selten so inaktiv dabei gefühlt, mein Auto ein paar hundert Meter weit zum Abstellplatz zu fahren. Aber gut, gegen das Gefül hat der Umsatz geholfen. 😉

Meinem Fahrgast jedenfalls wünsche ich noch ein paar weitere Rekorde. Verdient hat er sie sich, denn unter all den Irren, die mit einem Döner in der Hand besoffen 10 Kilometer durch Ostberlin laufen, war er sicher einer der sympathischsten. Oder so.

4 Kommentare bis “Sportlich”

  1. Josefine sagt:

    Ich nehme an, er gehört zu denen die Ultras laufen? 😀

    Hab davon erstaunlich viele im Freundeskreis … Auch wenn es für mich nie was wäre. Zumal der eine als Trainingsprogramm mindestens einmal die Woche einen Marathon am Abend läuft.

  2. Katie sagt:

    Joey Kelly? 😀

  3. Sash sagt:

    @Josefine:
    Ganz sicher. Das war jenseits von Hobby-Jogging. 🙂

    @Katie:
    Nein, nicht.

  4. LGMA sagt:

    So als Ausklang für einen alkoholisierten abend find ich ein wenig laufen nicht schlecht …

    7km durchs frühmorgentliche Berlin ist bisheriger Rekord(sicherlicht weit von dem entfernt, was dein Läufer sich antun wollte)

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