Ortskunde und so

Ich bin ja echt froh, dass ich das mit der Ortskundeprüfung hinter mir hab. Ich denke nicht oft daran zurück, aber dieses Dreivierteljahr irgendwelche Straßennamen und Objekte aneinanderdengeln, um in Gedanken Routen zu fahren, die ich in Realität nicht kannte … ich hab schon schöneres gemacht.

Und ich habe eine Menge relativ unnützes Wissen mitgenommen. Denn das vertrackte an der Ortskundeprüfung ist nicht nur (wenn auch hauptsächlich) der pure Umfang der geforderten Kenntnisse, sondern oftmals sind es die kleinen Details, die man nicht mal eben so im Stadtplan findet. Vielleicht erinnert sich ja der ein oder andere: Ich bin einmal durch die Prüfung gefallen, weil ich kurz vergessen hatte, dass ich in der Friedrichstraße vor dem Friedrichstadtpalast nicht wenden darf. Eine Amtshandlung, die ich eines Nachts um 5 Uhr aus purem Trotz übrigens dennoch getätigt habe.

Eine der größeren Kleinigkeiten ist mir die Tage in einer Polizeipressemeldung über den Weg gelaufen. Die Polizei schreibt dort, ein Bus sei „in der Prinzenstraße in Kreuzberg in Fahrtrichtung Moritzplatz“ angegriffen worden. Und da hab ich spontan gedacht:

„Hä? Und von welcher Seite?“

Google ist da inzwischen zwar korrekt, aber die meisten Stadtpläne zeigen eben gerade nicht, dass die Prinzenstraße nicht am Moritzplatz endet, sondern auch auf der nördlichen Seite noch ein wenig weitergeht. Für die meisten Kreuzberger dürfte die Heinrich-Heine-Straße bis direkt zum Platz gehen. Und das in dem kurzen Eck Prinzenstraße befindliche Motel One hatte sicher schon oft verärgerte Kunden, die nach Stadtplan angereist sind und „in der ganzen Prinzenstraße“ kein Hotel gefunden haben. Damit ist das Eck ja auch noch für Normalsterbliche halbwegs interessant, aber für die Prüfung kann es auch an ziemlich widersinnigen Stellen unpraktisch werden.

Eine meiner Lieblingsstrecken beispielsweise führt mich über die Schillingbrücke unweit des Ostbahnhofes in die Köpenicker Straße. Als ich die Prüfung abzulegen hatte, war das eine kniffelige Stelle: Denn man muss ja in der mündlichen alle Straßennamen runterbeten, die man befährt. Das kurze Stück Straße zwischen der Brücke und dem Beginn von Engel- und Bethaniendamm hatte aber keinen. Und hat wohl bis heute keinen. Bei Google Street View sieht man schön, dass die Straßenschilder nur in eine Richtung zeigen. Ob man die paar Meter davor „an der Schillingbrücke“, im Engel- oder Bethaniendamm ist, ist genau genommen ungeklärt und es interessiert auch kein Schwein, weil dort kein einziges Haus steht. Nur als Ortskundeprüfling denkt man über sowas nach. Immerhin: bei dieser Ecke glaube ich, dass das selbst die Prüfer nicht wissen. 😉

Ortskunde ist echt komisch. Meist zeigt sie sich immer noch dadurch, dass einem just das Hotel, das der Kunde sucht, nicht einfallen will. Manchmal hat man aber auch den Kopf voll mit unnötigem Wissen über die Stadt …

10 Kommentare bis “Ortskunde und so”

  1. Schwarzmaler sagt:

    Und dann kennen die Taxifahrer das Hotel (einer großen Kette) nicht, lassen sich den Weg an jeder Ecke beschreiben oder fahren gleich nach Naiv. Gut, es sind die Ausnahmen, aber irgendwie scheint man an der Ortskundigenprüfung sich vorbeimogeln zu können…

  2. Sash sagt:

    @Schwarzmaler:
    Da sind zwei Dinge:
    1. Ja, sowas gibt es. Es ist kein Geheimnis, dass die Kontrollen lasch sind und einige Fahrer ohne P-Schein unterwegs sind. Das ist allerdings trotzdem ein recht überschaubares Phänomen.
    2. Gerade in großen Städten kommt man an den einzelnen Objekten mitunter mal ewig nicht vorbei. Ich hatte letztes Jahr erst meine erste Fahrt zu einem großen Hotel in der Friedrichstraße. Muss man kennen, keine Frage – ich hatte es trotzdem nach zweieinhalb Jahren im Taxi irgendwann vergessen, ignoriert und bin bei der Tour dorthin erstmal vorbeigefahren, weil ich es ein paar hundert Meter weiter nördlich vermutet hatte. Das kommt eben auch mal vor, so ärgerlich das im Einzelfall sein mag.

  3. elder taxidriver sagt:

    Sash , zeige hier vielleicht doch mal die kleine Karte mit dem Grundriss von Berlin, in dem maßstäblich die Städte Stuttgart
    Frankfurt und München einmontiert sind. Inclusive Vororte. Und wo zwischendurch noch Platz wäre für Castrop-Rauxel,
    Buxtehude oder Oberammergau und Wutöschingen , bzw. alle zusammen.
    Und dann sind die Namen oder Namensversionen der großen Ketten so nichts sagend, dass sie sich auch nicht so
    gut einprägen. Zu beurteilen was ein Taxifahrer kennen muss, dazu bedarf es Vorstellungskraft, Phantasie .. und noch etwas.

  4. elder taxidriver sagt:

    Die meisten haben in etwa verstanden wie groß die Stadt ist, wenn ich die Leucht-Reklame an der Potsdamer Brücke in Tiergarten erwähnt habe ‚ Über 50 mal Mc Donald’s in Berlin.‘ Und Hotels gibt es wohl zwanzig mal so viele.
    Und dann wäre noch zu vermelden , dass es fast 300 Chöre hier gibt. Man wundert sich ja, dass im Gehirn noch Platz
    für Dinge ist, wie : Wo komme ich her, wo bin ich gerade, muss ich links rum oder rechts ? Was oft egal ist. Vorsicht
    Radfahrer, Achtung Feuerwehr, ( fünf Wagen ) haste mal bisschen Mucke? Das Herzkasperl meldet sich an..

  5. hans sagt:

    @schwarzmaler
    wieviele hotels gibt es in berlin,keine ahnung.2012 neue hotels etwa 40?wieviele hotels in den letzten jahren nach
    besitzerwechsel umbenannt?wieviele hotels mit unsinnigem namen(swiss hotel kurfürstendamm in der augsburger str).
    gibt es ein einigermassen genaues hotelverzeichniss?nein,und das ist nur ein kleiner teil des jobs.dazu kommen noch behörden,bundesbehörden und mein absoluter liebling verbände und interessenvertretungen!
    @elder taxidriver
    kann ich nur bestätigen.

  6. Schwarzmaler sagt:

    …ich habe kaum Erfahrung mit Berliner Taxifahrern. Und jeden Respekt für einen Fahrer, der in Berlin auf Anhieb Straßen wie „Am Grünen Anger“ findet.
    Aber generell – ich habe lange in Mainz (ca. 200.000 Einwohner, überschaubare Straßenstruktur) gewohnt und musste viel zu oft den Weg lotsen vom Hauptbahnhof in meine ca. 10 Minuten entfernte Straße. Oder eben jetzt in Helsinki – der Fahrer wusste immerhin noch, daß es zwei Holiday Inn gibt, aber er konnte das außerhalb gelegene zweite Hotel nicht ohne Adresse finden. Aus rein persönlicher Erfahrung ist es nicht so weit her mehr mit der Ortskenntnis, und es wurde in den letzten Jahren schlechter.

  7. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Ich wollte die Karte schon lange mal anfügen, aber ich hab es bisher nicht getan, weil ich da ein Urheberrechtsproblem sehe. 🙁

    @Schwarzmaler:
    Was heißt „das außerhalb gelegene nicht ohne Adresse finden“? Da kommen wir halt wirklich an Grenzen in manchen Gegenden. Also ich stimme Dir insofern ja völlig zu, dass wir uns gut auskennen sollten, oft greift da aber wirklich die selektive Wahrnehmung: Denn eines von zwei Holidy Inns ist eine Auswahl, bei der ich auch sagen würde: Gut, sollte man beide kennen als Taxifahrer! Im Arbeitsalltag könnte das aber auch so aussehen, dass da rund 200 Hotels sind, die man halbwegs kennt und man irgendwann gehört hat, dass jetzt irgendwo draußen ein zweites Holiday Inn aufgemacht hat, bei dem die Kollegen immer sagen: Vorsicht, nicht mit dem anderen verwechseln! Aber hingekommen ist man da noch nie bisher. Und mit der 10 Minuten entfernten Straße – das Gleiche. Ich will dir jetzt auch nicht ausreden, dass es Taxifahrer mit mangelhafter Ortskenntnis gibt, also versteh das bitte nicht falsch. Ich möchte nur mal die andere Seite aufzeigen. 10 Minuten Entfernung sind eine Menge. Je nach Größe der Straße kann das leicht passieren. Ich hab nach 3 Jahren ja z.B. auch noch nicht gewusst, auf welcher Seite der Eingang des Ostels, 400 Meter vom Ostbahnhof entfernt, ist. Gerade WEIL da niemand mit dem Taxi hin ist. Bestimmt gibt es im Umkreis von 2 Minuten zum Bahnhof noch eine Straße, die ich nicht kenne. Da wollte bisher niemand hin, aber wenn, dann wird er mich blöd angucken, wenn ich sage, ich steh eigentlich täglich an dem Bahnhof. 🙂
    Wie gesagt: Sowas kann vorkommen. Dafür finde ich „zufällig“ in Marzahn ziemlich versteckte Bankautomaten, Dönerstände, Supermärkte und Kneipen. Die Leute, die von Mitte aus da hinwollen, halten mich dann wiederum fälschlicherweise für einen absoluten Ortskundegott, weil ich solche unwichtigen Dinge „so weit draußen“ gut kenne.

  8. Kieler Taxe 107 sagt:

    @ flo: vielen lieben dank für den link – eine ganz tolle fotoserie!

  9. Petra sagt:

    http://steffen.in-berlin.de/Berlin32.JPG

    Kopie eines alten Stadtplans von 1938

    Eine Strecke der Köpenicker Straße entlang ist rot angekritzelt.
    Und dort kann man sehen: Das „unbenannte“Stück Straße bis zur Schillingbrücke heißt auch Engel- und Bethaniendamm, ab der Zusammenführung Bethaniendamm bis zur Brücke.

    Sagt übrigens auch mein Google Maps…

    Ansonsten hast Du recht mit der Ortskenntnis. Es hat fast 5 Jahre gedauert, bis die Taxifahrer ohne Fragezeichen im Gesicht in die Joachim-Karnatz-Allee gefunden haben.
    Und Navi hatten in den 90ern noch nicht so viele!

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