Selbsthilfe-Gruppe

Es gibt eine Menge Sätze, die im Taxi eher selten gesagt werden. Von diesen eher seltenen Sätzen gibt es ein paar, die es relativ vorhersehbar machen, dass die Tour bloggenswert wird. Mit allzu langweiligen Beispielen möchte ich nicht aufwarten, deswegen sei hier gleich der genannt, der zur folgenden Tour gehört:

„Und, wann hast du dich das letzte Mal selbst befriedigt?“

Ich denke, ich muss erst einmal das Personal vorstellen. Da wäre zum einen Peter*. Peter ist ein Angetrunkener Mittvierziger, der sich etwas holprig artikuliert, dennoch den oben genannten Satz formuliert hat. Er hat auf dem Standard-Sitz hinten rechts Platz genommen. Als zweites wäre da Lulu*. Sie fungiert vorübergehend als Beifahrerin und soll die Frage beantworten. Sie ist deutlich jünger als Peter, aber sicher Mitte 30. Als Dritte im Bunde, hinter mir, komplettiert Erika die Runde. Bis zu oben genannter Frage hatte ich sie für Peters Frau gehalten, sie kam ihm auch altersmäßig näher.

P: „Und, wann hast du dich das letzte mal selbst befriedigt?“

E: „Sag mal, du kannst doch nicht einfach…“

L: „Warte, warte! Das kann ich genau sagen. Wir haben Samstag, dann war das Mittwoch!“

E: „Könntet ihr vielleicht bitte damit auf…“

P: „Weil das hat mich immer schon interessiert: Wie das geht.“

E: „O Gott, es tut mir so leid, Herr Taxifahrer…“

Wieso? So kam doch erst Leben in die Bude 🙂
Also gut, es ist zugegebenermaßen eine Frage, die ich jetzt nicht unbedingt in der Öffentlichkeit stellen oder beantworten würde, aber ich hab schon schlimmere Sachen gehört. Also schlimm im Sinne von eklig und verachtenswert. Da ist eine vernünftige Diskussion übers Onanieren doch eigentlich harmlos.

Lulu begann also mit Peter zu reden und zu reden und zu reden. Vorträge über klitorale und vaginale Orgasmen, Lulus Vor- und Nicht-so-wirklich-Vorlieben für Anal- und Oralverkehr, Geschlechtskrankheiten und wie toll das doch alles sei. Wir erfuhren alle, dass Peter Lulu gerne einmal dabei zusehen wollte und dass Lulu dem nicht abgeneigt war. Einzig Erika war abgeneigt. Aber weniger wegen Peter als wegen mir. Sie mögen das Gespräch doch bitte in der Wohnung weiterführen.

Ich hab ihr zu verstehen gegeben, dass sie sich wegen mir mal keine Sorgen machen müsste. Ich fahre in Berlin nachts Taxi und hab schon einiges gehört. Zumal die beiden nicht nur den streng sachlichen Ton einer Aufklärungssendung beibehielten, sondern überhaupt nichts schlimmes machten. Also ich hab mich in meiner Privatsphäre kein bisschen verletzt gefühlt. Und den anderen beiden war es offensichtlich egal oder nur recht. Peter begann ohnehin, meine zu Beginn der Fahrt leichtsinnig getätigte Äußerung, ich würde bald Feierabend machen, so umzudeuten, dass ich sie natürlich begleiten würde…

Also haben wir noch ein paar Minuten den Ausführungen über Lulus maßlos begabte Hände gelauscht.

Das Ziel der nicht mehr ganz frischen Truppe lag unweit des Abstellplatz meines Autos, was ich mit Hilfe des Navis recht schnell lokalisieren konnte. Die direkte Einfahrt zur Zieladresse habe ich allerdings ziemlich doof verpasst, weil kurz vor dem recht leicht zu übersehenden Weg eine größere Straße abging, die ich dann versehentlich befuhr. Anhand von Straßenschild und Navi hab ich das allerdings auch nach 30 Metern bemerkt:

S: „Ups, ich glaube, ich bin eine zu früh abgebogen, sorry.“

Ich hab den Wagen zurückgesetzt, als Lulu mir plötzlich ins Wort fiel:

L: „Ja, aber des zahlen wir jetz nich, des is ja wohl klar!“

S: „Meinetwegen. Ganz ehrlich, wenn es um die 20 Cent geht…“

Ganz so herzlos gemeint hab ich das gar nicht. War zweifelsohne mein Fehler, aber da es sich wirklich mit Zurücksetzen um einen Weg von vielleicht 80 Metern gehandelt hat (also 40 Meter Umweg etwa), hab ich nicht einmal daran gedacht, die Uhr auszumachen. Und dass das lächerlich war, wollte ich der lockeren Gesellschaft durchaus klarmachen. Aber ich bekam auch gleich Unterstützung:

P: „Echt jetzt, Lulu! Mach mal nicht rum. Kannst doch hier nicht als Pornostar so rumzicken bei dem coolen Taxifahrer. Du schrubbst dir hier jeden Tag selbst einen und machst hier wegen der paar Meter rum!“

Ab diesem Moment war Erika in einem – man könnte es mit einem Orgasmus vergleichen – zyklisch verlaufenden Lachanfall gefangen und wiederholte nur stockend das ein oder andere Wort von Peter:

E: „Pornostar!!! Schrubbt sich!!! Meter!!! Lulu!!!“

Lulu indes bemühte sich, das Bild von sich zurechtzurücken:

L: „Schnucki, tut mir leid! War nicht so gemeint. Aber ich bin Event-Managerin, kein Pornostar. Ehrlich!“

Zu guter Letzt bat sie mich noch um eine Zigarette, die ich ihr gerne spendiert habe. Zumal sie mir dafür „alles Kleingeld, was ich noch hab, außer Rotgeld, des is ja blöd“ gegeben hat. Von Peter bekam ich zusätzlich zu diesem Euro noch vier weitere zugesteckt. Was sie jetzt machen, da ich diesen Text schreibe, kann ich mir zwar viel zu genau vorstellen, aber ich lasse es besser. Nicht, dass Erika sich aufregt 😉

*Namen natürlich geändert

10 Kommentare bis “Selbsthilfe-Gruppe”

  1. Oh mein Gott 🙂 brüllend unterm Schreibtisch liegt. You made my day 🙂

  2. Daniel sagt:

    Gelegentlich scheint der Kundschaft nicht ganz bewusst zu sein, dass das Wesen am Steuer des Taxis nicht nur Ohren hat, sondern dass deren Funktionsweise auch zu allem Überfluss noch akke fünf Jahre amtlicherseits überprüft werden 🙂

  3. Herrlich, das bringt Sonne in meinen sonst so trüben Bürotag. 🙂

  4. Tjeika sagt:

    *prust* Herrlich!

  5. oldschool sagt:

    Sah Lulu wenigstens süß aus?

  6. Dominik B. sagt:

    LOL *GGG* Herlich, gut, dass du das weitererzählen kannst!

  7. Sash sagt:

    @alltagimrettung und Der Maskierte:
    Das freut zu hören. Aber die Truppe hat auch meinen Tag gerettet 🙂

    @Daniel:
    Für einen Moment habe ich daran gedacht, mich als Blogger zu outen. Aber ich wollte den Spaß dann doch nicht zu schnell abwürgen 😉

    @oldschool:
    Also ich würde sagen, sie sah gut aus. Aber die Geschmäcker sind ja verschieden.

  8. Tom's Taxi sagt:

    Das ist für mich jetzt schon der Artikel des Jahres! 😀

  9. Tom's Taxi sagt:

    Also für mich ist das schon jetzt der beste Artikel des Jahres! 🙂

  10. Sash sagt:

    @Tom’s Taxi:
    Die Tour war auch zweifelsohne spitze. Aber man sollte den Tag nie vor dem Abend loben – und das Jahr ist noch verdammt lang…

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