Einfach mal fragen

Es war wirklich bescheuert von mir, an den Ostbahnhof ranzufahren. Die letzten Züge waren raus, der McDonald’s hatte bereits zu und von den umliegenden Clubs hatte keiner überhaupt erst aufgemacht. Aussichtsloser kann’s für Taxifahrer nicht mehr werden. Also vor allem für einen Nichtfunker wie mich. Aber ich fuhr gerade so vorbei und da stand ein mir bekannter Kollege. Also hab ich angehalten und ihn mal gefragt, ob hier noch was gehen würde. Die Antwort lautete ungefähr:

„Nee, ganz bestimmt nicht. Gerade kam ein Reisebus an, aber die zwei an der Haltestelle dort vorne sind die einzigen übrigen Menschen hier und die warten wohl auf den Nachtbus.“

Und der kam dann auch und sackte sie ein.

Ich und der Kollege quatschten kurz, dann kam von weiter hinten doch noch ein Pärchen an. Die beiden waren alt und langsam, also sagte ich dem Kollegen, er solle vorfahren – wenn sie tatsächlich kein Taxi brauchen würden, würde ich ihn wieder auf Position eins lassen. Wir waren ja die beiden einzigen dort. Also ist er vorgefahren und hat die Leute tatsächlich eingeladen.

Da hab ich dann aufgegeben. Es waren endgültig alle Menschen weg und der Kollege nun auch. Und ich hatte mich nicht reingesteigert, dort noch eine Tour zu bekommen. Also hab ich noch während des Einladevorgangs der anderen den Kollegen überholt und bin einfach losgefahren. Wohin auch immer. Und dann stand ganz ganz am Ende der Haltestelle noch ein kleiner alter Mann mit großem Koffer und guckte mich skeptisch an. Also hab ich’s riskiert und einfach mal gefragt, ob er zufällig ein Taxi brauchen könnte.

Und siehe da: Er konnte ein Taxi brauchen! 🙂

Es stellte sich schnell raus, dass er wegen seines schweren Asthmas nicht bis zum Stand laufen konnte – von Rufen wollen wir gar nicht reden! Er brauchte auch im Auto noch ein paar Minuten, um wieder ordentlich atmen zu können, aber immerhin hatte er schon eine grobe Ecke in Hellersdorf genannt. Eine 25€-Tour, das tat gut nach langem Leerlauf bei mir. Der überaus lustige Kauz hat mir erzählt, er sei in Südfrankreich gewesen un dieses und jenes und überhaupt. Bis in die Sechziger zurück haben seine Geschichten gereicht.

Das Fahrtziel konnte ich nur auf vielleicht einen Kilometer genau einschätzen, also fragte ich zwischendurch mal nach, ob mein vorgeschlagener Weg ok sei. Er meinte dann, dass er anders fahren würde, er zeige es mir. Ich hab nix gegen solche Ansagen – und der alte Herr hatte mir einige Jahrzehnte Ortskunde voraus. Dass das nicht viel aussagte, wurde mir dann drei Minuten später bewusst, denn er brachte einige Straßen ziemlich durcheinander – was an dem Punkt dann bedeutete, dass wir einen ziemlich gewaltigen Haken fahren mussten und ich vorher doch lieber meinem Instinkt hätte vertrauen sollen.

Aber der freundliche Greis entschuldigte sich noch bei mir und sagte, ich solle die Uhr ruhig anlassen.

„Ick ärger mir, wenn dit’n Fahrer so von sich aus macht. Aber war ja nu auch mein Fehler, so’n bisschen, wa?“

Wir haben uns drauf geeinigt, dass wir ein wenig aneinander vorbeigeredet hätten – auch wenn er wirklich argen Bockmist bei seinen Ansagen verzapft hat. Am Ende war aus der 25€-Fahrt eine Tour geworden, bei der 29,00 € auf der Uhr standen – satte drei Kilometer Umweg. Das war in der lauen Nacht Geschenk genug, ich hab mich in Gedanken mit dem erwarteten einen Euro Trinkgeld zufrieden gegeben. Und dann streckt mir der Vogel einen Fuffi zu und meint:

„Gib’s ma’n Zehner wieder! OK?“

Meine aufrichtigen Dankesworte quittierte er mit den Worten:

„Ach, dit war allet so teuer, da kommt’s darauf och nich‘ mehr an. Man muss dit Jeld unta de Leute bring‘, saick imma!“

Ein Leut dankt! Und ist froh, dass es gefragt hat. 🙂

Secondary skills

Eine Kleinigkeit wollte ich mal nebenbei festhalten:

Ich fahre ja weiterhin die 2925, die neben einigen anderen Macken nach wie vor kein Navi hat. Das heißt nicht, dass ich ganz ohne elektronische Unterstützung unterwegs bin – aber das Aushilfsnavi nutze ich so gut wie nie. Bisher für exakt zwei Fahrten …
Darüber hinaus ist mein Tracker, mit dem ich gerne cheate, auch nur hilfreich, wenn man schon ziemlich genau weiß, wo es hingeht. Mal eben checken, in welchem Stadtteil eine Straße liegt, geht damit schlicht nicht.

Aber es geht insgesamt.

Nun könnte ich ja einfach mal sagen, dass ich auf einmal voll die Ahnung hab. Also das, was navilose Kollegen gerne behauptet haben, wenn ich früher gestanden hab, mein Gerät öfter zu benutzen. Aber so tief muss das Niveau hier ja nicht sinken.

Ich hab inzwischen – binnen weniger Wochen schon – einfach festgestellt, dass es mir im Zweifelsfall viel leichter fällt, die Kunden zu fragen. Nicht, dass ich das bisher nie gemacht hätte! Aber ich mach’s nun auch bei eher schweigsamen Gesellen, bringe mein Unwissen besser rüber, diese Geschichten.

Selbst beim Taxifahren schleicht sich Routine ein und man macht dieses und jenes nach Muster A oder B. Es ist interessant, da nach Jahren noch Änderungen an sich selbst zu bemerken.

Eine frische Sicht auf Berlin

Manchmal attestiere ich mir immer noch eine unbedarfte und frische Sicht auf diese Stadt, die man vermutlich nie ganz erschlossen haben wird. Noch besser klappt das allerdings von ganz außerhalb, wenn man auf Besuch ist. Das ist jetzt nicht unbedingt mein Thema, ich hab mich dann ja doch schon ein wenig eingelebt in den letzten 7 Jahren.

(Fuck, so lange schon? Irgendwann gehen den vor noch längerer Zeit Zugezogenen eventuell sogar die Argumente gegen mich aus … 🙂 )

Besuch, Berlin, was hat das mit GNIT zu tun? Was haben die Touris im Taxi jetzt schon wieder angestellt?

Nix. Und das ist das Problem. Die waren alle brav und nicht bloggenswert. Deswegen aber möchte ich ein weiteres Mal auf Reinhold aus München verweisen, der Anfang des Jahres eine Reise nach Berlin gemacht hat. Und darüber gebloggt. Ich hab ihn dabei nicht getroffen, wir kennen uns (bislang?) nicht persönlich. Dennoch ist es ein schöner Reisebericht, wie er nur von Menschen geschrieben werden kann, die Freude daran haben, Neues zu erkunden. Ich kenne die Orte und Kneipen teilweise nicht, die Reinhold besucht hat, hab also auch noch neues gelernt – aber trotzdem (oder genau deswegen) einfach gerne seine bisherigen Texte gelesen. Na gut, eigentlich lese ich ja ohnehin gerne bei ihm. 😉

Der Einstieg ist leicht bedrückend, da er noch vor Berlin ein Besuch am Grab von Klaus und Moni schildert – aber ja, auch das ist gerade in Taxibloggerkreisen in/um Berlin ein Thema gewesen und ich finde es schön, dass Reinhold den Besuch gemacht und das niedergeschrieben hat.

Bis heute erschienen sind bei ihm folgende Reiseetappen:

Erster Tag – Letzter Besuch

Dickes B

ÖsterReichisches

System

und

Eingewickelt

Wie gesagt: Ich mag Reinholds Schreibstil, seine Herangehensweise an Neues, seinen Blog allgemein. Auch wenn die genannten Texte mit dem Taxifahren nicht viel zu tun haben, erzählen sie dann doch auch was über Berlin – und damit wiederum etwas, das mich als Berliner Taxifahrer anspricht. Bayern und Berlin sind womöglich die unterschiedlichsten Welten in Deutschland. Ob für Taxifahrer oder andere Menschen. Wenn ich Reinholds Blog empfehle, dann deswegen, weil er es schafft, zum einen genau das zu betonen – und zum anderen aufzuzeigen, dass diese Unterschiede in erster Linie interessant, erfahrenswert und bereichernd sind. Ich jedenfalls hab beim Lesen viel gelernt und gelacht. Und was, wenn nicht das, ist ein Grund zum Lesen, sharen und liken?

In diesem Sinne auch nochmal persönlich:

Lieber Reinhold,

danke für deine wunderbaren Texte!

 

Ich bekomme jetzt den Mindestlohn! \o/

Wie allgemein bekannt ist, ist mit dem Feuerwerk zum Jahreswechsel auch der flächendeckende Mindestlohn in Deutschland eingeführt worden. Es wurde viel darüber gestritten und debattiert – und es wird wohl auch weiter gestritten und debattiert werden. Jetzt aber ist er erst einmal da und ich als persönlich halbwegs betroffener Angestellter kann mich ja erst einmal darüber freuen.

\o/

Noch ist es freilich zu früh für irgendein Fazit oder irgendeinen fundierten Ausblick. Erst die nächsten Monate, wenn nicht Jahre, werden zeigen, ob das grundsätzlich eine gute Idee war. Uns Niedriglohnjobber kann’s aber vorerst einfach mal freuen.

Ich bin von mehreren Fahrgästen in der Silvesterschicht darauf angesprochen worden, überwiegend war der Tenor positiv. Wie das alles im Taxigewerbe laufen wird, ist indes natürlich noch eine mehr als offene Frage. Man hört wie erwartet vielfach von Kündigungen – aber ob das jetzt nur kleine Filterbubble-interne Ausschläge nach oben oder schon der das Gewerbe durchziehender Umbruchsprozess ist, das weiß vermutlich noch niemand. Ebenso ist völlig unklar, wie sich das Ganze auf das Gros der angestellten Fahrer auswirken wird. Denn das ist wieder von Person zu Person und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Dem Hörensagen nach gibt es nämlich Chefs, die völlig umstrukturieren und ihre Fahrer zu Festlöhnen GPS-gestützt zielgenau durch die Stadt lotsen – während es in anderen Betrieben einfach Mindestumsätze geben soll, die die Fahrer halt in ihren Stunden zu erreichen haben. Ganz davon abgesehen, dass es auch etliche Unternehmen geben wird, die ggf. die Arbeitszeiten „kreativ“ aufschreiben.

Und das ist natürlich das, wovor jetzt alle Angst haben: Die illegalen Tricksereien. Dass da ein gewisses Potenzial da ist, ist schwer zu verleugnen – unser Gewerbe ist ja auch bisher nicht gerade ein Aushängeschild für durchgehend rechtssichere Beschäftigungsmodelle. Es gibt eine ungewisse aber existente Menge an Unternehmen, deren Geschäftsgebahren irgendwo zwischen hellgrau und dunkelschwarz angesiedelt ist. Dass die sich plötzlich fair verhalten, ist natürlich nicht unbedingt zu erwarten. Allerdings – und das sei den Ganzen Untergangsapologeten entgegengehalten – das ist beim Mindestlohn eine ganz andere Ausgangslage als beispielsweise bei der Schwarzarbeit. Die organisierte Schwarzarbeit hat (zumindest kurzfristig betrachtet) zwei Gewinner: Unternehmer und Fahrer. Bei einem Runterrechnen der Umsätze und Verdienste spielen Fahrer natürlich mit, weil sie am Ende mehr netto vom Brutto oder einen netten Nebenverdienst über die Bundesagentur haben. Warum sich Fahrer auf un- oder unterbezahlte Arbeit einlassen sollten, entzieht sich meinem Gespür für Logik ein wenig.

Und das mit der Schwarzarbeit kommt dann mit dem Fiskaltaxameter auf den Tisch … die Umsätze der nächsten Jahre werden auf wundersame Art und Weise steigen, für die Vorhersage braucht’s keine Aushilfsorakel.

Aber wie gesagt: Es wird noch dauern, bis da verbindliche Daten existieren. Noch wird das Gewerbe dominiert von Kollegen, die nicht einmal wissen, wie viel Umsatz sie so pro Stunde machen („Ich schreib mir doch meine Stunden nicht auf …“) und von denen, die nach wie vor erzählen, „dass das bei uns sowieso nicht klappt“.

Am meisten bedauere ich die Kollegen, die vermutlich fliegen werden, einfach weil sie mit weniger Verdienst zufrieden waren. Die Fahrer, die das alles noch eine Spur gemütlicher sehen als ich und (oft in den Randbezirken) einfach ihre paar Touren mitnehmen und mit dem Fuffi pro Tag zufrieden sind. Ob er sie nun 3 oder 8 Stunden Wartezeit kostet – was natürlich für Chefs künftig nicht mehr finanzierbar sein wird.

Und was ändert sich bei mir?

Aller Voraussicht nach nicht viel. Ich nehme zwar an, ich werde ein wenig mehr verdienen – das allerdings nur indirekt durch den Mindestlohn. Meine Bezahlung bleibt die gleiche, ich werde am Umsatz beteiligt und auch die Prozente ändern sich nicht. Die einzige Änderung ist die, dass ich künftig – wenn mein monatlich ermittelter Stundenlohn darunter fallen sollte – wenigstens die gesetzlich vorgeschriebenen 8,50 € bekommen werde. Momentan gehe ich allerdings davon aus, dass das nicht passieren wird, und wenn, dann nur in unbedeutendem Maße. Meine Statistik ist recht umfangreich, deswegen kann ich zwar nachvollziehen, dass ich den Mindestlohn seit November 2012 in 10 Monaten unterschritten habe, allerdings nur dreimal im vergangenen Jahr, und davon nur zweimal deutlich. Und im Vorjahr hatte ich noch wesentlich ineffizienter gearbeitet. Zudem gehe ich davon aus, dass die Umsätze gerade wegen des Mindestlohns deutlich steigen werden. Die größte Gefahr für mich also ist, dass meine Chefs wegen anderer Kollegen pleite gehen. An dem bei mir vielleicht anfallenden Fuffi Mehraufwand für 2015 wird’s vermutlich eher nicht scheitern.

Natürlich gibt es auch hier Unwägbarkeiten: Welche Fahrer werden wann welche neuen Muster fahren? Versuchen zwischenzeitlich mehrere, die Samstag-Nacht-Schicht zu bekommen? Bricht ein Großteil jeden schlecht laufenden Abend ab? Oder versuchen sie stattdessen auf Teufel komm raus, das wieder auszugleichen? Wie viele werden wirklich entlassen, wie viele tricksen wobei? Das weiß niemand und ich hab entsprechend auch keine Ahnung. Die nächsten Monate werden von einem Umwälzungsprozess geprägt sein, der sicher mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlägt. So gesehen wird es eine spannende und leider nicht für alle schöne Zeit.

Ich versuche indes einfach, weiterhin meine Kunden ans Ziel zu bringen und bin ziemlich sicher, dass das am Ende so schon passen wird. Mit etwas Glück ist es einfach etwas weniger ärgerlich, wenn der Tag mal schlecht läuft.

Fremde Angelegenheiten

Dass Kunden aus einem Taxi aussteigen und anschließend zu einem Taxi laufen, kommt vor. Wenn dann allerdings der Taxifahrer hinterherfährt, kommt meist nix gutes dabei heraus. Und genau so geschah es, als zwei Damen mein Taxi enterten, nachdem sie zuvor bei einem Kollegen ausgestiegen waren – und jener gleich wendete und auch an mein Auto herantrat.

Ich möchte erst einmal ein wenig auf meine Situation eingehen. Ich stand unter der Woche zu ungewohnt später Stunde am Ostbahnhof an erster Position. Was ungünstig war. In gewisser Weise. Laufkundschaft war nämlich, salopp gesagt, alle – das einzige, was uns paar Fahrer noch hielt, war der um anderthalb Stunden verspätete ICE aus München, der in wenigen Minuten eintreffen sollte. Verspätete Züge sind für uns super, denn dann schmeißt die Bahn in der Regel mit Taxigutscheinen, gerne auch mal für Fernfahrten, um sich. Ungünstig war meine Pole Position deswegen, weil in der Regel zuerst die aus dem Bahnhof gestürmt kommen, die sich zuvor nicht um Gutscheine rangeln und entsprechend meist kürzere Touren haben, bei denen es keine Rolle spielt, wer sie bezahlt.

Nun stiegen die beiden jungen Frauen also ein und wollten … zum Berghain.

GNIT-Leser wissen inzwischen sicher, dass das eine ultrakurze Strecke von vielleicht 800 Metern ist. Dieses Mal hätte mir das perfekt gepasst: Schnell binnen zwei Minuten zum Berghain und zurück – und dann an Position 5 oder so anstellen, um eine der lukrativen Ferntouren abzugreifen …

Nun aber kam der Kollege an und forderte die beiden Damen auf, ihre Taxifahrt zu bezahlen. Oha! Zechpreller, ehrlich?

Die folgenden zwei Minuten waren ein einziger Disput rund um mein Auto, wobei es aber nicht um mich ging. Immerhin. Und erstaunlicherweise war das Problem der Anwesenden sogar nachvollziehbar – und dennoch nicht so einfach zu lösen.

Unstrittig war, dass der Kollege die beiden Damen zum Ostbahnhof gebracht hatte, damit sie an einem Geldautomaten Geld abheben können, um letzten Endes die Fahrt zum Berghain bezahlen zu können. Und bezahlt hatten sie nicht. Was eindeutig für den Kollegen spricht. Die Frauen erzählten mir, dass sie den Fahrer gebeten hätten, das Taxameter während des Stopps auszuschalten, was dieser wohl bejaht hatte. Als sie wiederkamen, standen allerdings 3 € mehr auf der Uhr, weswegen sie sich verarscht vorkamen und nicht mehr weiterfahren wollten, sondern lieber einen anderen Fahrer.

Nun wird’s schwierig …

Zunächst einmal gibt es absolut keinen Grund, das Taxameter für so einen Halt zu stoppen. In der Zeit ist man als Taxifahrer gebunden und schon der Begriff „Wartezeittarif“ zeigt ziemlich deutlich auf, dass wir auch Geld fürs Warten nehmen dürfen, wenn es anfällt. Diesbezüglich waren die beiden Damen also rechtlich in ziemlich schwieriger Lage. Andererseits muss man auch mal zu Protokoll geben, dass derartige Taxameterstopps trotzdem gang und gäbe sind. Auch ich hab das schon gemacht. Wenn’s danach noch weitergeht, macht man lieber mal 5 Minuten unbezahlte Pause und raucht eine, bevor die Kunden abspringen. Und wenn man das nicht machen will als Fahrer – was wie gesagt völlig ok ist – dann sollte man wenigstens nicht vorher zusagen, dass man es macht. Weiterer Pluspunkt für die Fahrgäste: Sie waren in der Tat sehr ruhig, während der Kollege Zeter und Mordio schrie. Der erste Satz der einen war tatsächlich:

„Please calm down, so we can talk to each other!“

Ja, nu saß ich da ernstlich zwischen den Stühlen. Dass die beiden die Fahrt zu zahlen hatten, war klar. Zumindest mal bis zum Anhalten, immerhin auch ein ganzer Zehner. Das hab ich auch erklärt. Nun gab es dummerweise aber auch noch Sprachprobleme: Die Fahrgäste sprachen kaum deutsch, der Taxifahrer kaum englisch.

Und überhaupt: Warum ich? Ich bin kein Kollegenschwein, ehrlich. Aber was hätte ich außer vermitteln tun können – was keine der beiden Parteien irgendwie wirklich honoriert hat …

Dementsprechend dankbar hab ich angenommen, was eine der Damen anbot:

„I’m sorry, we leave your cab. OK? I know, you’re waiting for other customers.“

Und – mit Zustimmung des Kollegen – beschlossen sie, die vor Ort ansässige Polizeiwache aufzusuchen. Was mit Sicherheit die bessere Wahl war als mein Taxi. Eine friedliche Einigung wird es vermutlich nicht geworden sein, aber wenigstens eine, die dann hoffentlich alle akzeptieren.

Anschließend hab ich tatsächlich eine Fahrt aus besagtem ICE bekommen. Keine mit Coupon, aber immerhin eine für 17 €. Man will ja nicht meckern, wenn andere sich schon wegen drei Euro in die Haare kriegen …

Mehr als nötig

Die heutige Nacht war sowas wie ein Brücken-Arbeitstag für mich. Wirklich Lust auf Arbeit hatte ich nicht, zumal ich sowieso ungewohnte 8 Tage am Stück arbeite diese Woche. Sicher, die Kohle kann ich brauchen – aber der letzte Tag macht weder einen guten Monat zum Überbringer noch einen schlechten Monat richtig gut. Der letzte Tag ist immer ein bisschen für’n Arsch. Aber dadurch, dass ich die Schicht heute unterwegs war, konnte ich fließend zum Silvesterauto wechseln. Sowohl meine eigentliche 2925 als auch die die letzten Tage gefahrene 2223 sind in der Nacht der Nächte mit anderen Fahrern besetzt. Also musste ich tauschen.

Die 871. Gut, hab ich nie gefahren, wird aber schon in Ordnung sein. Laut Schichtplan ist sie heute ab 7 Uhr verfügbar. Deswegen hatte ich die Nacht spät gestartet – ich wollte bis morgens fit sein, um das Auto an der Firma wechseln zu können. Spart mir zwei Bahnfahrten zu je ungefähr einer Stunde.

Dumm war halt, dass meine Arbeitslust ziemlich darnieder lag. Ich hab mich erst um 23 Uhr auf die Straße gequält und eigentlich ab 1:30 Uhr ständig ans Aufhören gedacht. Aber naja, hier noch eine Tour, da noch mit Kollegen quatschen …

Gegen 4 Uhr hab ich’s nicht mehr ausgehalten. Mir sind trotz ausreichender Koffeinzufuhr fast die Augen zugefallen. Also hab ich das bisherige Auto betankt und geputzt und war zudem eigentlich ganz zufrieden mit den knapp 100 €, die ich eingefahren hatte. Dass der mir unbekannte Kollege an einem Dienstag wirklich bis 7 Uhr arbeiten würde, glaubte ich ohnehin nicht. Lange würde ich nicht auf’s Auto warten, dachte ich mir, als ich auf den Hof rollte.

Es war sogar noch besser: Die 871 stand bereits auf dem Hof. Das Ärgerliche daran: Sie sah nicht gerade aus, als wäre in den letzten drei Tagen überhaupt jemand mit ihr gefahren. Und diesbezüglich ist die Beweislast erdrückend:

Wir hatten viel Schnee in den letzten 30 Minuten! Quelle: Sash

Wir hatten viel Schnee in den letzten 30 Minuten! Quelle: Sash

Ich hab’s sportlich genommen und mich gefreut, dass ich den Hunni Umsatz gemacht habe. Denn hätte ich abends gleich die Kisten getauscht, wäre ich viel früher heim. Insofern ist das jetzt schon ok. Schon gar keine Vorwürfe mache ich dem Kollegen, der seine eingetragene Schicht nicht gefahren ist – denn das hab ich selbst schon sicher fünfzig Mal gemacht. Damals hat das halt nur Harald und mich betroffen, weil wir uns das Auto zu zweit geteilt haben und niemand anders unsere Uralt-Kiste im Nordosten der Stadt haben wollte.

In solchen Fällen merkt man dann, dass nichts zu 100% perfekt ist und alles seine Vor- und Nachteile hat. In dem Fall, dass meine Chefs nicht viel von Arbeitspflicht halten und es zudem sehr locker sehen, wenn man nicht Bescheid sagt, dass man nicht fährt (obgleich sie’s natürlich gerne hätten, wenn wir es täten). Aber obwohl ich mich in dem Fall über eine rechtzeitige Info gefreut hätte, bin ich doch trotzdem froh, dass man bei uns nicht gleich einen Anschiss kriegt, nur weil man abends mal vergessen hat, Cheffe anzurufen.

Wie dem auch sei: Damit ist 2014 durch für mich und ich hab am Ende eine halbe Schicht mehr als geplant runtergerissen.

Jetzt jedenfalls werde ich in obigem Kistchen die Silvesterschicht rocken. Sie scheint vollkommen ok zu sein und fährt sich gut. Kleines Manko auch hier: ein Navi hat sie nicht. Und dieses Mal hab ich nicht einmal einen Ersatz – nur mein Handy für den Notfall. Aber wie sagt mein Chef so gerne:

„Du bist doch Taxifahrer, wozu brauchst Du’n Navi?“

Und obwohl ich das bei der riesigen Stadt und den tausenden Sonderzielen, die man niemals alle kennen kann, so nicht unterschreiben würde, stimmt’s andersrum dann halt doch wieder: Seit ich in der 2925 das nervige Aushilfsnavi drin habe, hab ich es für exakt eine einzige Fahrt benutzt. Ganz so schlecht scheint es um die Ortskunde meiner Wenigkeit dann ja doch nicht bestellt zu sein.

Aber das alles passiert erst 2015. Den heutigen Abend werde ich wie immer gemütlich mit Ozie zu Hause verbringen und mich erst mit Verstummen des Feuerwerks auf die Straße schmeißen. Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch und eine fette Feier! Und ärgert mir die Taxifahrer auf der Straße nicht zu sehr, ok?

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Taxifahren an Silvester

Die langjährigen Leser werden auf das Revival dieses Textes so sehr gewartet haben wie auf die Best-of-CD von Scooter, den neuen bringe ich hiermit das näher, was einfach gesagt werden muss, wenn Silvester bevorsteht:

Stellt Euch darauf ein, dass es schwer bis unmöglich wird, an Silvester ein Taxi zu bekommen und bleibt trotzdem gelassen!

Damit ist das wichtigste gesagt. Wer alles weitere als lockere Liste haben will, dem sei dieser Text aus dem Vorjahr empfohlen: 10 Tipps zum Taxifahren an Silvester. (ihr dürft das gerne wieder in den Social Networks teilen – wie auch diesen Artikel hier)

Nun aber in der langen Version:

Wie sich die meisten sicher denken können, ist Silvester für uns die lohnendste Schicht. Das ganze Land feiert, fast jeder trinkt – und am Ende müssen alle zu besonders später Stunde und bei kaltem Wetter heim. Das ist natürlich großartig für Taxifahrer, andererseits sind die Ausmaße an Silvester einfach so gigantisch, dass wir schlicht nicht alle Kunden befördern können. Obwohl wir die meiste Zeit des Jahres ewig rumstehen und auf Kunden warten, also in mehr als ausreichender Zahl existieren, wird es an Silvester eng. Das Problem lässt sich auch nicht einfach lösen, denn wo sollen plötzlich mehr Autos und Fahrer herkommen? Für eine einzelne Schicht wohlbemerkt.
Der effizienteste Weg für uns (und die Kunden) ist damit, dass wir einfach alle Kunden aufsammeln, die uns über den Weg laufen und sie schnell heimbringen, dort die nächsten einladen usw. usf. Damit sind fast alle Taxis fast immer besetzt, besser kann man es nicht machen. Was aber dennoch heißen kann, dass man als einzelner Kunde ewig warten muss oder gar kein Taxi bekommt. Das ist natürlich immer blöd in dem Moment (und ich kriege jedes Jahr erboste Hinweise, was für eine Frechheit das doch ist), aber über den eigenen Tellerrand schauend sollte jeder sehen, dass es insgesamt unsinnig wäre, ewig leer zu den Kunden hinzufahren, obwohl unterwegs genügend andere Leute warten und man in derselben Zeit eigentlich doppelt so viele Fahrgäste transportieren hätte können.

Deswegen ist es an Silvester soweit ich weiß überall unmöglich, sich ein Taxi zu bestellen oder gar vorzubestellen. MyTaxi zum Beispiel hat gestern schon eine entsprechende Rundmail rausgeschickt.

Für alle, die keine Möglichkeit haben, mit einem Privatauto (mit nüchternem Fahrer bitte!) oder Bus und Bahn heimzukommen, empfehlen sich also Geduld, warme Klamotten und Wegzehrung für den Fall, dass man kein Glück hat.

Darüber hinaus bringt es überhaupt nichts, zu versuchen, sich vorzudrängeln oder sich gar ums Taxi zu streiten. Ich kenne keinen Taxifahrer, der sich in so einem Fall nicht für die anderen Kunden entscheiden würde. Und auch wenn man persönlich Pech hatte: Bitte lasst das am Ende nicht an dem Fahrer aus, der Euch dann mitnimmt! Wir, die wir auf der Straße sind, wenn alle anderen feiern und uns den ganzen Stress mit streitenden Kunden, Feuerwerk und Glasscherben auf der Straße geben, sind die, die am allerwenigsten dafür können, wenn es bei Euch länger dauert. Schiebt Frust wegen der zu dünnen Fahrpläne der Bahnen, ärgert Euch darüber, dass Ihr zu blau zum Autofahren seid oder dass eure Eltern in so eine blöde Wohngegend gezogen sind. Wir paar Taxifahrer auf der Straße sind die, die all das ausbügeln und ich glaube, ich spreche für alle Kollegen, wenn ich sage, dass wir an dem stressigen Tag trotz 25 € Stundenlohn (die Zahl ist halbwegs realistisch als Maximum) nicht auch noch Lust haben, uns anzuhören, dass wir an der Misere schuld seien.

Im Gegensatz zur privaten Konkurrenz können wir in dieser Ausnahmesituation nicht einmal unsere Preise erhöhen, sondern fahren zuverlässig zu dem Tarif, der auch für die Fahrt am vorletzten Montag gültig war.

Bitte bedenkt das, wenn es Euch selbst gerade nervt: Wir haben es in der Nacht auch nicht leicht, obwohl unser Umsatz gut ist!

Ich schreibe das wie jedes Jahr aber nicht, um Euch vom Taxifahren abzuhalten. Mitnichten! Über verständnisvolle Kundschaft freuen wir Taxifahrer uns an Silvester mehr noch als an anderen Tagen – und unsere Umsätze sind auch nur deshalb so ein guter Ausgleich für den Stress, weil so viele Leute ein Taxi brauchen. Am Ende wird das schon irgendwie. Mit ein bisschen Warten oder umdisponieren kommen am Ende wie jedes Jahr doch alle nach Hause und wir Taxifahrer hatten auch eine gute Schicht. Es wird halt alles nochmal besser, wenn alle ein wenig mitdenken und Verständnis haben.

So gesehen bleibt also alles beim alten: Ihr feiert schön und am Besten ohne Gefahr zu laufen, Brocken zu lachen – und wir Taxifahrer schmeißen uns in unsere Kisten und bringen Euch schnell und sicher heim. Und mit ein wenig gegenseitiger Unterstützung habt Ihr den besten Tag und wir zumindest den besten Arbeitstag des Jahres.

Deal? 🙂

PS:

Für alle, die gerne vergleichen wollen: Hier ist der entsprechende Text aus dem Vorjahr (mit Links zu anderen Silvester-Texten der Jahre davor).