Wenn Fahrgäste mal RICHTIG Panik kriegen

Die drei betrunkenen Briten waren eigentlich guter Laune, aber plötzlich tippte mir der Beifahrer hektisch auf die Schulter und meinte, dass wir Probleme mit dem Auto hätten und nestelte panisch an seinem Sicherheitsgurt. Ich hab die Welt nicht mehr verstanden und folgte seinem angsterfüllten Blick auf die Mittelkonsole und musste mich beherrschen, nicht laut loszulachen.

Der Zufall war einfach zu genial. Ich muss da kurz ein wenig ausholen …

Ich höre gelegentlich zur Entspannung Musik im Auto und das tue ich manchmal auch, indem ich mich aus meiner CD-Sammlung zu Hause bediene und ganze Alben mitnehme. Da die Anzeige gerne mal Fragen aufwirft, sehe ich inzwischen aber zu, dass ich wenn Kunden einsteigen nicht nur wie immer die Musik leise mache, sondern auch auf Radio als Quelle switche. Das hatte ich dieses Mal vergessen. Die CD hatte CD-Text, und dabei zeigt das Radio nur selbigen, keine Titelnummer oder ablaufende Zeit an. Das lautlos vor sich hindudelnde Album war die gute alte Americana von The Offspring und wir waren bei Titel 10 angekommen. Die Angst des Fahrgastes lässt sich somit ganz gut nachvollziehen:

In der Tat eine, ähm, missverständliche "Warnmeldung". :) Bild später nachgestellt, Quelle: Sash

In der Tat eine, ähm, missverständliche „Warnmeldung“.
Bild später nachgestellt, Quelle: Sash

Ich überlege gerade, ob ich mir einen Sampler mit fehlinterpretierbaren Titeln zulegen sollte … Vorschläge für Lieder? 😀

Wie man’s wieder reinholt.

Natürlich ist es unsinnig für mich persönlich, freiwillig die Option Kurzstrecke zu erwähnen. Mache ich auch wesentlich seltener als früher, aber es kommt trotzdem immer wieder vor, dass ein Fahrgast es vergisst, rechtzeitig zu erwähnen und am Ende alle völlig genervt von 3 € Preisunterschied sind. Deswegen hab ich den etwas schüchternen Winker (vom Ostkreuz zum Sisyphos) tatsächlich vorsichtshalber gefragt, ob er jetzt eine Kurzstrecke meinen würde. Eher nicht so wirklich, denn die Antwort war ein überraschtes

„Oh? Äh … ja, das … äh, wäre natürlich toll.“.

Naja. Am Ende hat er dann die Kurzstrecke mit 7 € beglichen, was – es war nicht direkt am Ostkreuz, wo er zugestiegen war – selbst auf den Normalpreis noch einen Euro Trinkgeld bedeutet hätte. So aber eben drei. 🙂

Zur Lage am Sisyphos wollte ich ohnehin noch was sagen: Da scheint die Trinkgeldbereitschaft der Kunden im Vergleich zum letzten Jahr deutlich hochgegangen zu sein, kann das ein Kollege bestätigen?

Menschen, die sich kompliziert bekleiden

Das Pärchen war für die Party hergerichtet, umfassend. Auffallend insbesondere waren die engen Latexröcke, die beide trugen, sie wie er. Was die beiden deutlicher unterschied, war die Fähigkeit, ins Auto zu steigen. Während er recht schnell saß, musste die werte Dame locker 5 Anläufe nehmen, um irgendwie reinzukommen. Und der Grund war eben jener Rock, denn er war derart eng, dass sie die Beine einfach nicht weit genug außeinander bekam, um mit einem Fuß ins Auto zu steigen und den anderen derweil sicher auf dem Bordstein zu belassen. Das war in all den Jahren ungelogen das erste Mal, dass der Zafira in Sachen Einsteigen eher negativ aufgefallen ist. Sonst wird er höchstens gelobt. So gesehen tendiere ich dazu, mich über die Kleidung lustig zu machen, die derart elementar die Bewegungsfreiheit einschränkt … 😉

Und sowas höre ich JEDE NACHT!

Wenn es Leute interessiert, wie das Leben als Taxifahrer so ist, dann unterteilen sie sich ziemlich deutlich in zwei Gruppen:

Gruppe 1 fragt, ob das nicht ein total langweiliger Job sei, immer nur hin- und herfahren, kaputte Leute, scheiß Verkehr …

Gruppe 2 ist der festen Überzeugung, als Taxifahrer hätte man jeden Tag mit Spitzenpolitikern, Schwerkriminellen und vor allem natürlich mit Sex zu tun. Gerne auch alles auf einmal. Äh, vergesst den letzten Satz – niemand sollte sich schwerkriminelle Politiker beim Sex vorstellen müssen … 😉

Wen ich mag, das sind die Leute aus der völlig untergehenden Gruppe 3: Die absolvieren gerade eine nahezu durchschnittliche Taxifahrt, erkennen dabei ein oder zwei lustige Dinge und sind dann völlig gefesselt von der Vorstellung, sowas könne einem als Taxifahrer öfter passieren.

Dieses Mal war es eine tiefenentspannte und vor allem völlig müde Truppe aus dem Sisyphos. Seit 30 Stunden wollen sie gefeiert haben, und wer das Publikum dort kennt, weiß, dass das kein Witz war. Sie ließen sich an unterschiedlichen Punkten der Route aussetzen und dabei kam es zu einer wirklich unglaublich lächerlichen Begebenheit:

Person A versprach, sich morgen wegen einer ausgeliehenen Jacke nochmal zu melden und sie vorbeizubringen – und Person B entgegnete, dass sie das doch schon gestern getan hätten und sie die Jacke schon wieder hätte. Aber natürlich ist diese kleine Vergesslichkeit auf Drogen viel lustiger. Und so wandte sich Person B zu mir, stierte mich mit weit aufgerissenen Augen über den Innenspiegel an und meinte:

„O mein Gott, und sowas musst Du JEDE NACHT mit anhören!?“

Nein, nicht. Aber:

„Sagen wir’s mal so: Mir ist an der Fahrt bisher nichts besonderes aufgefallen.“

Und so isses halt: DIE großen Stories passieren selten, selbst uns Taxifahrern. Unsere Zielgruppe sind ja nicht nur Verhaltensauffällige. Aber man kriegt halt irgendwann alles mal mit. Und wirklich ungewöhnlich ist dann halt auch recht schnell nichts mehr – dazu muss man sich schon wie ich bemühen, auch kleine Dinge lustig zu finden.

PS: Das erste Mal hatte ich „Gruppe 3“ in Form von ein paar Mädels, die sich einfach nur darüber unterhalten haben, wie eine von ihnen ein neues Bett gekauft und aufgebaut hat. Wirklich unglaublich … ähm, spannend?

Eine der besten Fragen zu Beginn

Dank unzähligen Taxibloggern inklusive mir ist die Frage „Sind Sie frei?“ in einem begrenzten Kreis ja inzwischen zu einer eher lustig konnotierten Kontaktaufnahme mit dem Taxifahrer geworden. Schließlich sind nur die wenigsten Berufsgruppen mit einem eigenen Lichtzeichen für den Beschäftigungszustand ausgestattet.

Eine der selteneren Variationen hatte ich die Tage am Sisyphos. Ich stand da in froher Erwartung einer Tour von Clubheimkehrern. Natürlich gerne nicht nur für 6,80 € zum Ostkreuz, sondern lieber für einen Zwanni nach Prenzl’berg. Aber es war noch zu früh, es kamen nur Leute an. Schon wieder raus wollte keiner. Ich überlegte schon, ob ich wieder wegfahren sollte, da stoppte vor mir ein Auto und der Beifahrer stieg aus. Und er fragte mich:

„Na, haste Bock?“

Obwohl ich immer mal wieder die Befürchtung hab, damit irgendetwas zuzustimmen, auf das ich ganz sicher keinen Bock habe, hab ich ihn mit freundlicher Geste einsteigen lassen.

Es ging nicht zum Ostkreuz und auch nicht nach Prenzlauer Berg. Es ging nach Lankwitz, nochmal ein knapper Zehner mehr. Zumal mit einem ausgesucht freundlichen Fahrgast (im Übrigen Busfahrer bei der BVG, um einmal mehr ein Klischee zu zersägen), mit dem ich mich äußerst angenehm über unsere Jobs, Berlin und unsere jeweiligen Wohnlagen inklusive Themen wie Gentrifizierung und Löhne unterhalten habe. Die Fahrt endete mit einer von ihm ausgegebenen Zigarette vor seiner Wohnung und den bestmöglichen gegenseitigen Wünschen.

Wer bitte sollte auf sowas keinen Bock haben?

Wie eine gute Schicht endet

Seit der Tour mit den spendablen SO36-Besuchern waren 15 Touren ins Land gezogen. Für einen Wochenendtag nicht sonderlich viele, aber sie waren länger als der Durchschnitt und so hatte ich meinen Schwan (200 €) voll. Ab Richtung Heimat!
Gut, die Fackel hab ich trotz Morgendämmerung angelassen. Wenn der Tag schon gut läuft …

Und so kam ich tatsächlich am Ostkreuz vorbei und wurde rangewunken.

„Ach ja, wo soll’s schon hingehen?“,

dachte ich einmal mehr.

Was Bullshit ist. Es mag gewisse Wahrscheinlichkeiten geben, nach denen Winker am Ostkreuz in östlicher Fahrtrichtung in Richtung Osten wollen – für eine einzelne Fahrt indes sagt das NICHTS aus!

„Regattastraße.“,

sagte mein Fahrgast.

Ich dachte nach: Grünau, eine lange Fahrt. Nicht direkt zielführend, aber immerhin in den Osten. In diesem Fall Südost statt Nordost – aber da kann man ja trotzdem schnell nach Hause cruisen! Passt also!

„Die in Reinickendorf!“,

warf mein Fahrgast dann ein.

BITTE, WAS?

Aber ja, auch dort gibt’s eine Regattastraße.

Nachtrag: NEIN, NICHT! Fehler meinerseits: Es war wohl nur ein Verhörer und ich hab nicht aufs Straßenschild geschaut. Der Fahrgast meinte die Ragazer Straße. Sorry an alle Kollegen, die jetzt am Suchen waren und danke an @taxijuergen auf Twitter, der mich zum Nachdenken gebracht hat!

Hab ich auch erst durch diesen Fahrgast erfahren. War richtungsmäßig eine mittlere Katastrophe, aber eben auch für gutes Geld. Diese kuriose Taxifahrer-Haltung vor Feierabend („Mist, falsche Richtung – aber immerhin schön weit!“) kam hier voll zum Tragen.

Ich hab es gemacht und dennoch (an angemessener Stelle!) dem Fahrgast mein Leid geklagt. In dem Fall hat sich das sogar gelohnt: Die 24,80 € hat er mit immerhin 28,00 € beglichen.

Dann war aber wirklich Ende. Fackel aus und Sturzflug in Richtung Marzahn! Ich war zwar umsatzmäßig zufrieden, aber eben spät dran …

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wie eine gute Schicht anfängt

„Bringst‘ uns zum SO36?“

„Sicher. Dafür sind wir ja da.“

Eine unspektakuläre Winkertour, knapp ein Zehner vielleicht von Friedrichshain aus, wo ich das Pärchen aufgegabelt hatte. Aber eben genau der Grund, weswegen ich nicht zielstrebig eine Halte ansteuere, sondern über jene Ecken fahre, die winkerträchtig sind.

Es war auch sonst eine 08/15-Fahrt: Nettes Gequatsche, wenig Besonderheiten, mittelprächtiger Verkehr zur frühen Abendzeit. In den meisten anderen Jobs würde man das „Dienst nach Vorschrift“ nennen.

Umso erstaunter war ich, als wir am Ende vor dem SO36 standen. Während der junge Kerl schnell das Auto verließ, drückte die Dame mir für die 9,40 € Fahrtkosten 15 € hin und meinte wie so viele ganz locker:

„Stimmt so.“

Man sollte Touren besser niemals vor dem Ende bewerten. 🙂