Zeitmanagement auf der Warschauer

Ich weiß nicht, ob die Warschauer tagsüber gerade noch eine Straße ist, denn die Baustellen sorgen teilweise bis nach Mitternacht für Rückstaus. Das müsste zu hellen Stunden einer Komplettsperrung gleichkommen. Die zwei Jungs wollten aber undbedingt zum Bahnhof, änderten ihr Ziel dann aber zur Ecke Revaler. Und da war er nun, der Stau. Und der verbleibende Weg betrug etwa 400 Meter. Ich hab sie vorsichtig drauf hingewiesen:

„Mir soll’s zwar egal sein, aber ich glaube, ihr seid zu Fuß schneller.“

„Ach was, wir sind heute stinkfaul. Das passt schon!“

5 Minuten und 200 Meter weiter:

„Du, wir steigen doch besser aus …“

20 Sekunden später löste sich der Stau komplett auf und ich überholte die Jungs auf halber Strecke. Das ist nicht mal nur Stau, das ist auch noch vollkommen fies, was der Verkehr da macht! 🙂

Kontrolliertes Koma

Über den Abend des Kunden versuchte ich mir möglichst keine Gedanken zu machen. Er winkte mich hackevoll vor einem Puff ran; und zwar so voll, dass es mich gewundert hat, dass er noch Geld fürs Taxi besaß. Er war so dermaßen hinüber, ich hätte ihm wahrscheinlich am Ende der Fahrt alles erzählen können, vielleicht einen Mondumrundungsaufschlag verlangen oder so (ich notiere mir das mal gedanklich, man weiß ja nie …).

Zunächst war da natürlich die selbe Sorge wie bei allen Druffis: Hoffentlich reihert mir der nicht ins Auto!

Aber weit gefehlt. Erst nannte er mir eine Adresse, noch dazu eine nicht ganz einfache, bei der ich wegen der Schreibweise in Vertretung meines Navis nachfragen musste. JWD in Mahlsdorf, eine gute Tour von der Länge her. Kaum dass er mir die gewünschte Auskunft gegeben hatte, trat er umgehend weg, Zack – als hätte wer einen Schalter umgelegt. Er hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, sich gemütlich einzurichten. Er war eingeschlafen, wie er eben mit mir gesprochen hatte: Aufrecht und nicht angelehnt sitzend, die eine Hand am Türgriff (nicht der zum Öffnen!), den Mund offen. Nur der Kopf war leicht nach vorne genickt. Ein faszinierendes Bild.

Und sowohl den schlafenden Zustand als auch die Sitzposition hat er über 20 Minuten durchgehalten. Er ist nicht beim Beschleunigen in den Sitz gesunken und beim Lenken nicht gegen die Scheibe gedonnert. Chapeau!

Und trotzdem habe ich ihn am Ende mit einem einfachen „Hey, wir sind da …“ wecken können. Gut, seine Orientierung hat noch eine Minute zum Aufwachen gebraucht und er ist am Ende einmal gegen sein Gartentor gelaufen (Also ich hoffe zumindest mal, dass es seines war. 😉 ).

Orale Verabreichung, ausreichende

Schon die dritte Winkertruppe, die den Feierabend verzögerte. Na, sei’s drum – ich wollte ja Geld verdienen. Es ging nach Weißensee und die beiden Jungs waren für eine besoffene Männertruppe echt lustig. Einer der beiden sprach nur Russisch, der andere dolmetschte aber netterweise für mich. Wobei er das keinesfalls nur sachlich machte. Zuerst lästerten wir etwas über das immer noch doofe alte Navi in meinem Auto, dann ging es endlich ums Wesentliche: Alkohol!

Sie wären betrunken, aber das sei nicht so wild. Und der Russe, so sein Begleiter, hätte auch nur Bier zu sich genommen. Nicht Wodka, wie sonst immer. Etwas ärgerlicher sei da nur, dass ihm die Ärzte die Spritzen verboten hätten, und er sich das Bier jetzt oral verabreichen müsse.

Nachdem er das zurück ins Russische übersetzt hatte, bekam der fremdsprachliche Freund einen herzerweichenden Lachanfall, bei dem ich unweigerlich mitlachen musste.

Ja, man sollte Drogen nicht verharmlosen. Aber im Gegensatz zu dem, was manch andere unter Alkoholeinfluss von sich geben, war das dann doch einfach nur den Umständen entsprechend lustig. 🙂

Ich glaube, meine Schulter hatte heute Sex im Taxi …

Und eigentlich habe ich immer noch keine Ahnung, was genau los war.

Eingeladen hab ich sie, da war ich schon fast auf dem Weg zur Firma. Der Abend lief erst schlecht, dann gut, und so langsam hatte ich meine Zeit abgesessen und die nötige Kohle im Sack. Aber dann: Winker. Na gut, alles mitnehmen, warten kann ich auch morgen wieder!

Die beiden waren sehr sehr betrunken und außerdem Schotten. Mein Englisch loben konnten sie ganz gut, das eigene war aber schon des Alkohols wegen kaum mehr verständlich. Die Straßenangabe war so schwammig, dass ich von der Allee der Kosmonauten bis zur Littenstraße bei jedem Versuch etwas neues herausgehört habe. Aber es sollte unweit des „Nollnoplaas“ sein, von dort könnten Sie es mir zeigen. Und nach einer dreiminütigen Vergewisserung, dass es der Nollendorf- und nicht der Nöldnerplatz war, konnte es auch schon losgehen. Ein guter Zwanni, von so mitten in Friedrichshain – nicht ganz meine Richtung, aber Geld ist Geld.

Während er eher müde vor sich hinbrabbelte, fand die junge Dame allerdings offenbar Gefallen an dem Taxifahrer, der sie sicher heimbringt, wo sie doch keine Ahnung hätten, wo sie wären. Das gipfelte in dem Wunsch, ich solle doch einfach dahin fahren, wo ich wolle, sie würde einfach mitkommen. Was grundsätzlich eine nette Idee war, aber ich glaube, sie hätte sich ziemlich verarscht gefühlt, wenn ich sie im Hinterhof meiner Firma in Niederschöneweide rausgelassen hätte. 😉

Aber natürlich war das so nicht gemeint. Sie lehnte sich zum Reden stets so vor, dass sie mir fast direkt ins Ohr flüsterte und legte mir die Hand auf die Schulter. Damit kann ich inzwischen ganz gut leben, am Anfang hat mich das noch erschreckt. So wirklich üblich ist Körperkontakt dann ja nun auch nicht zwischen Fahrern und Kunden im Taxi. Soweit hätte ich das mit allen Komplimenten, die sie mir machte, auch noch als weitgehend normal abgetan. Man klopft einem Kumpel ja auch mal auf die Schulter, ne?

Dann aber hat sie damit angefangen, mich zu massieren. Ich will jetzt nicht behaupten, dass das grundsätzlich einfach in Ordnung ist, aber ich hab nunmal auch meine Vorlieben und die Tatsachen, dass sie nett war und wir uns gut verstanden, haben mich das dann doch durchaus genießen lassen. Hey, eine Schultermassage während der Arbeit … andere bezahlen für sowas!

Etwas irritiert hab ich dann allerdings zur Kenntnis genommen, dass die gute Frau zum einen nur noch schwer geradeaus reden konnte – und dieses Mal weder ihres Akzents noch des Alkohols wegen, sondern weil sie leise aber doch hörbar gestöhnt hat – und zum anderen meine Schulter indes angepackt hat, wie man normalerweise fremde Schultern wirklich nicht anpackt. Ich kenne den Unterschied zwischen Massage und Festkrallen – und das war letzteres. Wobei es, das muss ich auch zugeben, immerhin dazu geführt hat, dass meine linke Schulter nun derart unverkrampft ist, dass ich merke, wie verspannt die rechte ist …
Was immer da zwischen der jungen Dame und meiner linken Schulter vorgefallen ist: Es hat beiden Seiten gefallen. Und nur um das festzuhalten: Es geht hier nicht um eine flüchtige Berührung, der Spaß hat ein paar Minuten angehalten.

Am Ende habe ich die beiden mangels näherer Zielinfos am Nollendorfplatz rausgelassen. Ihr Begleiter meinte, er wisse schon, wo sie nun lang müssten. Sie hat mir mich anschmachtend irgendwelche Unanständigkeiten ins Ohr geflüstert, die ich aber ganz ehrlich nicht mehr verstanden habe. Alkohol und so. Dann gab es von ihm (!) fast einen Fünfer Trinkgeld und ich darf mich jetzt mit der Frage beschäftigen, was da eigentlich genau passiert ist.

Nicht wirklich hilfreich dabei war, dass ich beim Abstellen des Autos auf ihrem Sitzplatz eine Dose Vaseline gefunden habe.

Immer wenn man denkt, man hat schon alles erlebt …

Die eindeutig bessere Wahl

Ich verkündete der Kundin, dass das mit der Kurzstrecke wie von mir prophezeiht hingehauen hätte und nun vier Euro von ihr bekommen würde. Sie drückte mir allerlei Kleingeld in die Hand und fragte, ob das so stimmen würde. Ich kam alleine beim Zählen der Euro-Münzen auf sieben Euro, nebenbei lag aber noch einiges an Centbeträgen auf meiner Handfläche …

„Ja, reicht definitiv. Ich würde sogar sagen, dass das eher schon zu viel ist.“

„Dann stimmt das so. Besser zu viel als zu wenig sag ich immer!“

Die Einstellung gefällt mir. 🙂

Was Fahrgäste vorgeben zu sein …

Das war seit langem die außergewöhnlichste Fahrt. Eine Winkertour in den frühen Morgenstunden, die ich nur bekommen habe, weil bei einem Kollegen in die E-Klasse ein Möbelstück nicht reingepasst hatte. Na also, wozu fahre ich schließlich genau dieses Auto!?

Zunächt hatte ich noch gedacht, sie hätten das gute Stück direkt von der letzten Kneipe geklaut, aber im Gespräch fiel sehr schnell das Wort Flohmarkt. Die beiden hatten gut einen im Tee, ein Pärchen rund um mein Alter, er eher etwas jünger, sie etwas älter. Eigentlich nix besonderes.

Nach dem Taxifahrer-Kunden-Smalltalk redeten die beiden munter untereinander. Ich hab mich nicht mehr eingemischt, ist ja nicht meine Sache. Als er dann aber sagte, dass er ja immerhin 300 € die Stunde für sie zahle – und sie das mit „Na das wär‘ ja ein Traumlohn!“ beiseite wischte – war ich etwas verwundert. Aber egal, ob sie nun wirklich Prostituierte oder das alles nur ein Necken war … alles im grünen Bereich.

Irgendwann fing er dann aber an, über ihren Zuhälter zu reden:

„Ich kenn doch den Paul, brauchste mir nix erzählen …“

Und sie konterte:

„Ach, Paul! Paul ist egal. Paul ist nur für Probleme da. Der hat gar nix zu sagen. Mit Matze müssteste reden, wenn’s ums Geld geht!“

„Na, dann ruf ich den doch mal an …“

„Matze? Den kennste nicht.“

„Natürlich.“

„Niemals. Der ist für Kunden nicht erreichbar.“

„Ohne Witz! Ich ruf‘ den jetzt an!“

„Jaja, schon klar. Na, dann mach mal …“

Bis dahin hab ich das noch für eine Neckerei gehalten. Dann hat er telefoniert:

„Hi Matze, Tom hier. Du, ich bin gerade mit Leila unterwegs, eine von deinen Frauen, kennste, ne? Ja, Leila. Ja nee, wir fahren gerade zu ihr. Was denn? Darf man nicht mal mehr Spaß haben? Nee, im Ernst, ist das ok? Ah, ok, verstehe. Freundschaftspreis, ja? Danke, Alter! Ja, sag ich ihr, geile Sache!“

Um ehrlich zu sein, das klang dann doch ziemlich nach Fake-Anruf. Aber schließlich bat sie darum, noch eben mit ihm sprechen zu können – und das hörte sich ungefähr so an:

„Matze? Ja. Ja. Ja. Was? Ey, nee! Nicht dein Ernst. Ja, nee passt schon. Wir sehen uns dann.“

Und während sie auflegte, kam dann noch mittelleise folgendes hinterher:

„Freundschaftspreis!? Du Arschloch!“

Die Fahrt dauerte noch an. Ich wunderte mich so langsam wirklich über die Umstände der Protagonisten. Am Ende rief Tom nochmal Matze an, was aber kaum sinnvolle Infos ergab, da Tom breit war wie sonstnochwas und ich Matze nicht hören konnte. Und Leila schmollte.

Beim Bezahlen bat Tom dann Leila, mir aus seinem Geldbeutel einen Zwanni zu geben; die Fahrt plus gutem Trinkgeld also.

Hä? Wieso hatte sie jetzt sein Portemonnaie?

Da meinte Leila dann:

„Ach, Sie als Taxifahrer kriegen sicher noch komischeres als unsere Gespräche mit, oder?“

Ich flüchtete mich in die nächstgelegene Ausredengasse:

„Vielleicht. Ich hab ehrlich gesagt nicht wirklich zugehört.“

Bis dahin hatte ich noch nicht ernsthaft beschlossen, die Fahrt zu verbloggen. Ich hab mich in einem Pärchen verschätzt, ach herrje, sowas passiert dann doch öfter mal. Dann aber meinte Leila enttäuscht:

„Was? Dabei haben wir uns so eine Mühe gegeben! Und Sie beachten unser Hörspiel gar nicht!?“

PS 1:
WTF?

PS 2:
Doch „Leila“, ich hab zugehört. Ich wollte bei der Nachfrage nur niemanden in Verlegenheit bringen.

PS 3:
Auch wenn ich das jetzt verfremdet habe: Wir Taxifahrer haben keine Schweigepflicht! Die beiden wussten das wohl – aber ich erwähne das an dieser Stelle nicht ohne Grund! 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Fahrgäste, die gierig und fies sind.

„Kriegst auch einen Euro Trinkgeld. Oder wären Dir zwei lieber?“

„Das ist jetzt fies.“

„Was ist daran fies?“

„Na komm‘, wenn ich mich jetzt für zwei entscheide, dann klingt das, als wäre ich gierig …“

„Nur keine Sorge. Also ich … ich arbeite für die Pharmaindustrie, ja?“

„OK?“

„Und mein Medikament kostet 2.800 €. Für eine Injektion. Und da machst Du dir Sorgen, wegen einem Euro gierig zu wirken?“

„OK, dann hätte ich gerne zwei.“

„Na also.“

Der eine Euro mehr hat sich im Übrigen als 50-Cent-Münze herausgestellt. Aber das war dem Alkohol geschuldet, da bin ich mir sicher.

PS: Es ging im Übrigen um eine Kurzstrecke. Da ist mehr als der eine Euro schon eher selten. Obwohl ich in den letzten Tagen mehrfach das Vergnügen hatte.