Mehrwert

„Bringen Sie uns zum Estrel?“

„Kriegen wir hin. Alles andere wäre auch etwas traurig.“

„Naja, die S-Bahn hat’s schon mal nicht geschafft.“

„Ach, deswegen kosten wir mehr? Wir bringen die Kunden auch ans Ziel …“

Und zack: Eis gebrochen, nette Fahrt, alles bestens. Eigentlich sollte ich der S-Bahn Berlin danken. Aber da ich ebenso gelegentlich Kunde bin: Äh … nein!

Danke, Kollege!

Die Schicht war ohnehin schon gut, aber als ich am Bahnhof Friedrichsfelde-Ost gesehen habe, dass der einzige Kollege dort bereits Kundschaft hatte, wollte ich da doch kurz noch ranfahren. Die nächsten gehören mir, yes! \o/

Aber es kam noch besser, denn der Kollege kam gleich auf mich zu und fragte, ob ich englisch sprechen würde. Nun hatte er zwar eigentlich keine Lust, die beiden Damen mit einem Fahrtziel in Mitte abzugeben, aber er fürchtete, die beiden würden denken, ihr Hotel sei nur ums Eck. Dem war mitnichten so, sie hatten den Fahrpreis korrekt ergoogelt und wollten sich nun nur versichern, dass das richtig sei. Das hab ich bejaht und die Info auch an den Kollegen weitergegeben.

Verständlicherweise wollten die Kundinnen nun aber lieber mit mir fahren, weil ich sie verstehe. Ach, scheiße! Ich hab den Kollegen gefragt, ob er sie fahren wölle und er bejahte. Natürlich. Warum auch nicht? Aber die Kundschaft bestand auf meine Wenigkeit. Der Kollege nickte das dann ab und meinte:

„Naja, wenn Du sie verstehst, dann nimm Du sie mit!“

„Kollege, ganz ehrlich: Ich will Dir die Tour nicht klauen …“

„Ach, lief heute bisher eh scheiße. Pack sie ein, ist ok!“

Ich hab mich selten schlechter bei sowas gefühlt. Der Kollege war nett, allenfalls ein kleines Bisschen genervt wegen des bisherigen Verlaufes. Und ich war zufrieden. Ich bin sicher, er hätte die beiden ebenso gut ans Ziel gebracht (er kannte die Adresse) und auch wenn ich mit den Fahrgästinnen rumgealbert habe: Eine normal gute Taxifahrt hätte er auch hingekriegt. Trotz Einschränkungen bei der Sprache.

Deswegen geht an genau den Kollegen heute ein herzliches Danke raus, obwohl ich ihn nicht kenne. Möge er kurz danach eine Fahrt für 50€ ins Umland gehabt haben, ich würde sie ihm gönnen!

So naja …

Touren, bei denen man sich fragt: „Was war das denn eben?“

Kenne ich natürlich, aber ein bisschen speziell war der Typ schon. Netter Kerl, sehr gesprächig. Was von Vorteil war, denn hätte er bei „Nicht falsch verstehen, ich bin auch so ein bisschen rechts!“ aufgehört, hätte ich ihn wohl nur für einen Idioten gehalten. Da er das aber erzählte, während er mir erklärte, wie er von einem Nazi Prügel kassiert hat, weil er einen „ick nehm‘ mal an: rumänischen“ Bettler verteidigt hat, hat er durchaus einiges an Boden gutgemacht bei mir. Offensichtlich (ich verzichte jetzt mal auf weitere Details) ein eigentlich recht netter Kerl mit natürlich durchaus auch Schattenseiten. Ein Mensch halt. Und eben ein Schwätzer vor dem Herrn.

Mal abgesehen von seiner sehr interessanten Lebensgeschichte bemüßigte er sich nämlich auch noch, mit einem netten Augenzwinkern meine Route zu kommentieren:

„Na, jetzt sind wir aber … deine Strecke ist aber auch nur so naja …“

Und in gewisser Weise trifft das sicher auf 50% aller Strecken zu, meistens findet sich ja doch noch eine einspurige Pflastersteinstraße mit drei Ampeln mehr, mit der man bei Vollmond noch 20 Cent sparen könnte. Aber hier war ich überfragt. Und nicht nur ich. Auch der Fahrgast konnte mit Müh und Not mutmaßen, dass „von der anderen Seite“ vielleicht ein wenig kürzer wäre.

Mir ist keine Möglichkeit eingefallen. Aber ich überlasse das mal Euch findigen Lesern:

Meine Route, nur so naja …. Quelle: openrouteservice.org

Im Ernst: Es gibt keine kürzere Strecke! Aber bei Zweiflern, die zudem nett sind und Trinkgeld geben, will ich auch nicht nachtragend sein. 😉

Kurz ums Eck

„Kurz ums Eck“ ist so ein Begriff für kurze Strecken, den man leichtfertig gebraucht, bis es dann mal wirklich stimmt. So wie bei der ersten Fahrt gestern:

Kurz ums Eck, Quelle: openrouteservice.org

Mein Fahrgast hat mir im Übrigen den Umsatz um 10 bis 30 Cent erhöht, indem er um den Kurzstreckentarif gebeten hat. Und DAS passiert wirklich selten!

„Aber mit Vergnügen!“

„Ich hätte gerne eine Kurzstrecke zur Danziger Straße.“

„Kein Problem. Wohin da genau?“

„Ecke Kniprode.“

„OK, ob das mit Kurzstrecke reicht, muss ich mal sehen. Könnte knapp werden.“

„Was würde das denn sonst kosten?“

„Wenn’s nur knapp darüber hinaus ist, sind das so acht bis zehn Euro.“

„Ach, das ist schon ok.“

Immer gut, wenn es deswegen keine Streitereien gibt. Dann zeichnete es sich aber ab, dass das wirklich der fiese Randfall war: Etwa 2,3km, also etwa 8,50€ statt 5,00€ für 2,0km.

„… ist ja auch nur der Normaltarif, aber die letzten 300 Meter wirken halt sehr teuer.“

„Ach, das war so nett mit Ihnen, das zahle ich doch mit Vergnügen!“

Auch wenn’s keine lange Strecke war: Bitte mehr von genau diesen Kunden! 🙂

Unentschlossen

Kunden, die nicht wissen, wo sie hinwollen. Das ist so eine Art 1A-Klischee, das gerne mal die Runde macht unter Taxifahrern und denen, die es werden wollen. Der Alltag gibt dem recht, allerdings ahnt man manchmal nicht, wie belanglos und gleichzeitig bescheuert das sein kann.

Stellt Euch einfach mal vor, Ihr seid ich. Ein Taxifahrer, der zumindest bei netter Kundschaft wirklich bereit ist, alles zu tun. Rückwärts die vereiste Einbahnstraße im Schneckentempo (Aber spätestens bis 1:05 Uhr!) durch eine angetrunkene Horde Helene-Fischer-Fans entlangdriften? Na klar, macht nach Tarif 11 €, passt schon!

Und dann das „große Problem“: Die Zieladresse liegt in einer Einbahnstraße. Inzwischen sogar wieder befahrbar, das war nicht immer so. Und „voll schwer“ zu erreichen. Will heißen. Von der Hauptstraße rechts ab in die Nebenstraße, dann links in besagte Einbahnstraße. Eine Geschichte von 200 Metern. Für unbedarfte Fahrer wie mich.

Die Kundin bittet mich nach dem Abbiegen in die Nebenstraße allerdings anzuhalten. OK, warum nicht? Wenn sie den Rest laufen will …

„Jetzt muss ich überlegen …“

„Ich fahr Sie gerne hoch, ist kein Ding.“

„Jaja, für Sie und mich nicht, aber andere Menschen …“

„Ich kann auch hier halten.“

„Nein, warten Sie, ich muss überlegen!“

„OK.“

„Ich weiß jetzt auch nicht …“

„Wollen Sie alleine da rübergehen?“

„Ja. Nein. Also vielleicht …“

„Bitte! Ich stehe mitten auf der Straße!“

„Ja, also bringen Sie mich …“

Ich setze den Blinker.

„NEIN! Halten Sie einfach hier!“

„Gerne, kein Prob …“

„Aber eigentlich wäre es nur …“

„Wie gesagt, ich bringe Sie gerne …“

„Ach, hier ist schon ok!“

Ich hoffe, all der Stress hat wenigstens in ihrem Universum Sinn ergeben. In meinem war’s ehrlich gesagt einfach nur unnötig stressig.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Die eher kuriose Kurztour

An diesem Abend, an dem ich noch keine Tour für mehr als 10€ gesehen hatte, war ich geradezu erfreut, als Zweiter am Ostbahnhof nach nur sehr kurzer Wartezeit die Anfrage zu hören, ob ich auch fünf Leute mitnehmen könne. Also die Tour, die der Kollege nur nicht machen konnte, weil er halt leider nur eine E-Klasse fährt und keinen Zafira. Meine Sternstunde, yes!

OK, vergesst das!

Denn auf die Frage, wo es hingehen sollte, antworteten die Fahrgäste ernsthaft mit „Kater Blau“.

Ich hab nach wie vor nichts gegen kurze Strecken, aber das war hochgradig absurd. Und zwar eben nicht einfach, weil sie fahren wollten: Ach herrje, ich fahre jemanden auch gerne für die 3,90€ Startpreis 0,25 Meter weit. Wenn’s ihm oder ihr das wert ist …

Nein, die Tour kostet einfach mal 5,10€ auf Uhr für bis zu vier Personen, was bedeutet, dass das Warten auf ein Großraumtaxi einem nur genau 10 Cent spart, weil das nunmal 5,00 € Aufpreis kostet. Völlig irre, noch dazu bei einem Auto wie meinem, bei dem in der letzten Sitzreihe auch nur leidlich wenig Platz ist, es also auch unbequemer ist als zwei Taxis zu nehmen.

Aber bevor Ihr mich wirklich für undankbar haltet: Die Tour war großartig! Ehrlich! Ein Haufen Schweizer, denen alles (insbesondere das Geld) völlig egal war. Ich sollte nicht gegenüber des Clubs  halten, sondern durfte (auch dank einer Baustelle) einen ziemlich dummen Umweg fahren und am Ende hab ich für die fast schon dreiste Aktion, ihnen über 11€ für nur 500 Meter Weg abzunehmen auch noch einen lockeren Fünfer Trinkgeld bekommen.

Wenn ich ehrlich sein soll: Nur noch solche Touren wär eigentlich ein ziemlich geiles Szenario. 😀