Medienpräsenz

Die ist im Taxi gar nicht mal so gering. Und damit meine ich weder mein Handy, das für mich die Medien ins Auto bringt – sondern die Leute aus dem Genre. Während ich mit Promis insgesamt nur recht wenig bis gar nichts zu tun hab, weil ich die Leute überwiegend einfach auf der Straße einsammele, sind es oft die, die im Hintergrund bis spät in die Nacht arbeiten, die mir ins Auto purzeln. Wobei das mit dem „Arbeiten“ ja gerade in dem Umfeld, in dem auch Sehen und Gesehenwerden eine Rolle spielen, oft mal für Außenstehende nicht so leicht als Arbeit erkennbar ist. 😉

Sehr gefreut hat mich vor ein paar Wochen schon eine Fahrt gleich zu Schichtbeginn: Ein im besten Sinne jung gebliebener Typ schmiss sich an der O2-World in mein Auto und orderte eine Fahrt zur Masurenallee, zum RBB. Er kam von einem Konzert und hatte nun noch die Aufgabe, bis zu den frühen Morgenstunden eine Kritik auszuarbeiten und in sendefähiges Format zu bringen. Dass ein Wort das andere ergab, wo ich ja erst vor kurzem in seiner Sendeanstalt zu Gast war, versteht sich von selbst.
Was mir aber – wie immer – besonders das Herz erwärmte, war, einmal mehr einen Typen zu treffen, der einer recht seltsamen Beschäftigung zu unmöglichen Uhrzeiten nachging und sich einfach darüber gefreut hat. Ich hab ihn an der Tanke rausgelassen, wo er sich noch zwei Bier für die folgenden Stunden gekauft hat …

Nicht mehr nötig hatte ein Typ um die 30 zwei Bier, er hatte ganz offensichtlich schon einige mehr getrunken. Die Fahrtzielansage kam schon in recht eintönigem Singsang, gefolgt von der Feststellung, dass er der Feierkultur in Berlin nicht mehr so recht folgen könne. Es war bereits kurz vor fünf und er war anscheinend einer der ersten, der sich aus einer geselligen Runde gelöst hatte, der Rest wollte wohl noch weitermachen. Anderthalb Minuten Smalltalk später wusste er dann dank gezielten Nachfragen auch, dass ich blogge und versprach mir, ich würde dann sicher die Sendung kennen, die er machen würde. Tat ich.
Eine sehr schöne Ausnahme unter den Fernsehsendungen, ich lasse sie trotzdem unerwähnt, denn ich möchte dem armen Kerl auch nicht auf die Füße treten, der mir überschwänglich versprach, mich ins Fernsehen zu bringen, bevor er sich torkelnd im Schein seines Smartphones nach der Gabe von gerade einmal 40 Cent Trinkgeld vom Taxi entfernte. Hätten wir uns schon eine Stunde früher getroffen, wäre da vielleicht was draus geworden, wer weiß … 😉

Aber ich weiß ja, wie das läuft. Ich mach ja selbst irgendwie „was mit Medien“, nicht wahr?

Hey, Adina-Hotels!

Ich weiß, Ihr seid nicht die ersten*, die diesem unsagbar bescheuerten Trend folgen – aber druckt gefälligst einen Hinweis auf eure Karten, von welchem eurer grandiosen Häuser sie sind! Ich hab echt Verständnis für Corporate Identity und vielleicht kriegt Ihr die Teile ja auch billiger, wenn Ihr sie gleich für alle Hotels bestellt. Aber das ist gespart am falschen Ende!

In Berlin habt Ihr drei innerstädtische Standorte und beim Ruf Berlins als Party-Hauptstadt war der französische Töffel in meinem Taxi sicher nicht der einzige, der sich nicht mehr erinnern konnte, wo sein Hotel jetzt genau liegt – also mal abgesehen von der hilfreichen Antwort „Berlin“.

Mir könnte es ja eigentlich egal sein, für mich als Taxifahrer ist das im Zweifelsfall mehr Umsatz, wenn ich eure Läden alle nacheinander abklappern muss. Das Schlimme ist nur, dass die Idee, für drei Hotels die gleichen Karten rauszugeben, so strunzdoof ist, dass niemand auf die Idee kommen würde, dass man zusätzlich zur Karte auch noch eine gesonderte Adresse mitzunehmen hat. Und das wirkt sich nicht gerade positiv auf die Meinung eurer Kunden aus.

Also falls Ihr euch fragt, wieso der verstrahlte Glatzenträger mit dem schielenden Blick in eurer Niederlassung am Hackeschen Markt beim Auschecken kein Trinkgeld gegeben hat:

Das hat jetzt der Taxifahrer, der eures Ideenreichtums wegen trotz ausreichender Ortskenntnis nach Hotels suchen muss …

*Die Kollegen von Meininger sind da nicht besser …

Ehrlich, Kollege?

Das Schlimme am Taxifahren ist, dass es wahnsinnig oft mit Lügen zu tun hat. Der Kunde, den ich gestern erwähnt habe, ist ein klassisches Beispiel – aber natürlich nur eines von vielen. Dazu gehören ebenso die Millionäre am Taxistand und die Fahrer, die sich beim Funk Fahrten erschummeln, indem sie angeben, näher dran zu sein am Kunden, als sie es eigentlich sind. Und dann wieder Kunden, die „schon 20 Minuten!!!“ auf ein Taxi warten. Ganz abgesehen von denen, die jenseits der eigentlichen Geschäftsbeziehung lügen, was das Zeug hält

Ich mach’s kurz: Ich mag das nicht!

Und – wie in einem der verlinkten Artikel schon gesagt – natürlich sind wir alle mal unehrlich! Boah, voll schlimm! Auf die Frage „Wie seh‘ ich aus?“ hat noch jeder Gefragte mal gelogen, und ich brauch mir da auch keinen Heiligenschein aufsetzen, sowas kommt vor.

Aber eigentlich wollte ich das nur im Vorwort erwähnen. Denn: Ich weiß nicht, was es mit dem Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte auf sich hat. Eindrucksvoll genug, sie zu erwähnen, finde ich sie. Ich weiß allerdings nicht so recht, ob ich hoffen soll, dass sie wahr ist – oder eben nicht.

Mein Fahrgast schwankte bereits beträchtlich, artikulierte sich während der ersten Sätze eher lallend und ließ bei mir schon die ein oder andere Alarmglocke angehen. Da ich zahlendes Publikum aber nur ungerne vor die Tür setze, hab ich ihn mit dem üblichen Spruch bedacht:

„Nur damit wir uns einig sind: Zum Kotzen anhalten kostet 2 € für 5 Minuten! Ins Auto kotzen geht vielleicht schneller, kostet aber 200!“

Ich schaffe es offenbar immer noch, das mit genügend Sympathie rüberzubringen, denn auch er musste grinsen. Dann allerdings kam seine Geschichte:

„Ja, das weiß ich schon. Aber ich hoffe, Du hälst dann auch an. Ich hatte das wirklich mal – keine Sorge, heute geht’s mir gut! Aber als ich in Köln mal im Taxi saß, ist mir schlecht geworden. Jetzt nicht so gleich loskotzen und so. Mir war nicht gut und ich hab dem Fahrer gesagt, dass er anhalten solle – mir ginge es nicht gut. Da hat der einfach „Nein!“ gesagt. Ich so: „Bitte, mir geht’s echt nicht gut, ich glaub, ich muss kotzen!“ und er so: „Nee, da vorne, die Ampel krieg ich sonst nicht mehr!“. Ehrlich. Dann sind wir über die Ampel gebrettert, mit Mordsgeschwindigkeit noch dazu. Mir is‘ noch viel übler geworden und hab noch „Bitte, bitte, ich muss kotzen!“ gesagt. Er meinte nur: „Stell Dich mal nich‘ so an, in 5 Minuten sind wir doch da!“. Und dann hab ich ins Auto gekotzt. Echt jetzt. War mir ultrapeinlich und ich hab versucht, dass echt nix kaputtgeht. Einfach so, mehr auf mein Hemd, bisschen was auf Sitz und Fußmatte. Da hab ich dann – als er gesagt hat, dass das 50 € kostet – auch nur den Vogel gezeigt und ihn weggescheucht. Er is‘ dann auch weggefahren. Weißte, sowas versteh‘ ich dann nicht …“

Mir fiel – bei aller Wut auf die Leute, die im Taxi zu kotzen für selbstverständlich halten! – auch nix anderes ein als:

„Ich auch nicht. Wirklich nicht!“

Na, schöner Mann …?

„… woll’n se noch mitkommen, n‘ paar heiße Kerle aufreissen? War nur Spaß!“

Das isses immer. 🙂

Die Truppe war eigentlich recht lustig, ein ziemlich bunter Haufen, der nur kurz mal zur Busche wollte. Das ist vom Ostbahnhof nur eine kurze Tour an der Eastside Gallery entlang, man kommt mit 5 Euro hin, wenn man nicht direkt vor der Tür halten muss. Dann wird’s nämlich dank Abbiegeverbot am Warschauer Platz deutlich länger – genau, wie wenn man ins Matrix will.

Ich hab mir schon lange überlegt, ob ich zur Überraschung aller einfach mal auf eine der Einladungen eingehen soll. Dumm ist nur, dass das alles kaum planbar ist. Monatelang wurde ich nicht um Begleitung gebeten, am letzten Freitag gleich dreimal. Und die Frage nach der Party in der Busche war die einzige, die nur scherzhaft gemeint zu sein schien.

Dummerweise bin ich da echt erschreckend unflexibel:

– Tanzen mag und kann ich nicht,

– trinken kann man nichts, wenn man danach noch mit dem Auto heim muss,

– mit Frauen was anfangen möchte ich ungern, so lange ich glücklich verheiratet bin und

– auf Männer steh‘ ich einfach nicht.

Und für’n bisschen Quatschen bei einer Cola schmeiß ich keine Wochenendschicht hin. 🙂

Am Freitag war wirklich nichts vernünftiges angesagt. Die englischen Touris im Suicide Circus rumflippen sehen – hmm. Bei den drei Mädels zu Hause (um 5 Uhr morgens) hätte ich wahrscheinlich sogar noch jemandem die Haare zum Kotzen halten dürfen, wo ich’s im Taxi gerade so verhindern konnte. Nee danke!

Vielleicht isses schon besser, dass ich mich da meist gleich rausnehme und einen auf spaßresistenten Dienstleister mache, der ja leider leider noch „ganz lange“ arbeiten „muss“.Und ganz falsch ist es ja nicht: Ich arbeite so wenig, da sollte wenigstens während der Zeit der Umsatz stimmen. Und außer tanzen, turteln, trinken könnten sich die Leute auch mal was neues einfallen lassen.

In den Abendstunden eine Essenseinladung – das wäre mal wieder was! Da mach ich auch mit. 😉


PS: Liebe Kollegen, wenn ihr eine tolle Geschichte zu einer Einladung zu erzählen habt: Im Taxihaus-Blog würde ich mich besonders darüber freuen!

Zeit- und Magenmanagement

Bestellungen von euch Lesern sind immer angenehme Touren gewesen. Rein statistisch kommt zwar sicher mal ein Psychopath auf die Idee, mir persönlich zu sagen, wie scheiße er mich findet, aber bislang hatte ich da Glück. 🙂
So gesehen ist das Schöne schon einmal, dass ich mir bei den Fahrgästen sicher bin, meist kommen auch noch ganz ansehnliche Strecken oder gutes Trinkgeld zusammen. Im besten Fall läuft es wie am Samstag, da traf auf eine Fahrt, die ich schon zum zweiten Mal gemacht hatte, alles oben genannte zu.

Nun haben aber auch die schönsten Dinge Schattenseiten – und bei Leserfahrten bedeutet das, dass es eben meist vorbestellte Touren sind. Und die haben die Angewohnheit, deutlich mehr Zeit zu kosten als sie eigentlich dauern: man kriegt einfach selten punktgenau eine Fahrt zum entsprechenden Zeitpunkt in die entsprechende Richtung.

Der Samstag lief ja blendend. Es war ziemlich schnell klar, dass die Leser-Tour um 4 Uhr meinen Umsatz in extremen Höhen landen lassen würde, denn davor gab es kaum Pausen. Als die Uhr 3.10 Uhr anzeigte, war mir trotzdem klar, dass die nun folgende Fahrt die letzte davor sein würde, danach wäre es einfach zu eng. Dann stand es plötzlich vor mir, das junge Pärchen, und wollte nach Hellersdorf.
Ich hab mit mir gerungen, denn die Tour versprach gegensätzlichstes: zum einen war es insbesondere der Wetterlage wegen eine ziemlich abenteuerliche Vorstellung, vom Ostbahnhof nach Hellersdorf zu fahren und von dort ans Kottbusser Tor – in 50 Minuten. Zum anderen gab das aber ziemlich genau die Kohle, die ich noch brauchen würde, um mein Wochenziel zu erreichen und nach der langen Leserfahrt ins Umland nach 10 bis 11 Stunden Feierabend zu machen.

Manchmal siegt der Geldbeutel übers ungute Gefühl – ich hab sie eingeladen.

Sie eine resolute junge Frau mit blondem Kurzhaarschnitt und Lippenpiercing, er eher so ein bisschen im Britpop-Stil unterwegs, dank Alkohol jedoch eher weniger eloquent und selbstsicher. Aber das war ok. Sie machte die Ansagen und lästerte darüber, dass er etwas viel getrunken hätte. Er spielte das Spiel mit, gut gelaunt.
Während ich mich durch ein paar kleinere Nebenstraßen in Richtung Landsberger Allee durch den Schnee kämpfte, zog es plötzlich kalt an meinem Rücken, ich merkte, dass er das Fenster runterkurbelte. Beinahe zeitgleich rief ich „FUCK!“ und trat die Bremse durch (was dank vereistem Boden ein extrem angenehmes Anhalten war) während Madame fragte: „Alles ok, Schatz?“ und selbiger mehr gewollt als gekonnt aus dem Fenster spuckte.

Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es ist recht wichtig, dass er noch nicht ernsthaft kotzte. Da kam zwar was hoch, aber er hat daraufhin das Fenster aufgemacht, um es einfach auszuspucken. Hat halbwegs geklappt, einen einzelnen kleinen Fleck an der Scheibe konnte ich gleich entfernen. Aber es war ja klar, dass das nicht alles gewesen sein würde, wenn wir die Fahrt einfach fortgesetzt hätten. Ich hab ihm die Tür aufgemacht, ihn rausgelassen und das Auto am Straßenrand in eine Lücke manövriert. Der Kollege, der sich an mir vorbeizwängte, sah mich fragend und mitleidsvoll an, ich hab den Daumen gereckt und gegrinst.

War ja nix passiert. Mein Fahrgast stand auf dem Gehsteig und versuchte, beim Kotzen die Balance zu halten. Hat geklappt, sah aber irre komisch aus. 🙂
Mit der Freundin hab ich über meinen Zeitplan gesprochen, sie aber auch beruhigt, dass ich schon wesentlich peinlicheres erlebt habe. Und ich hab angeraten, dass er ruhig alles rauslassen sollte, weil sie nicht wissen will, was ich an diesem guten Abend für ein vollgekotzes Auto für eine Rechnung ausstellen würde. Neben meiner Ansprache hab ich ihm Tücher angeboten und als er abgelehnt hat, hab ich gefragt, ob er wenigstens ein Bonbon gegen den Geschmack haben wolle. Er nahm an und formulierte seinen Dank wie folgt:

„Also schbin ja jetz – oh, sdess peinlich! – schier mit kotzn unn so, nee! Aber weissu: Du bis mal echt der wirklich voll total netteste Tassifahr, den ich jejeabtab!“

Ich hab’s etwas sachlicher beantwortet:

„Hey, ich will genauso wie ihr, dass wir die Fahrt ohne Probleme über die Bühne bringen, klar?“

Die Zeit eilte mir davon, der Minutenzeiger lag bereits im unteren Viertel des Ziffernblattes. Wir haben uns trotzdem die Minute genommen, ihm zu erklären, warum ich ihn nicht mehr an der Tür mit Kindersicherung sitzen haben will und dass er gefälligst nicht dran denken soll, ob ein Stopp peinlich wäre – sondern allenfalls, ob notwendig.

Dann ging’s auf die Landsberger, die restliche Fahrt ging bis auf einmal Abbiegen immer nur geradeaus. Das hat sicher geholfen. Mir saß ein wenig die Angst im Nacken, obwohl ich  ihn nun beobachten konnte. Wie alle Alkoholopfer, die sich von ihrem Mageninhalt überraschen lassen, war er nämlich ein fertiges, zittriges Häufchen Elend, bei dem man nie so genau wusste, ob er am einnicken oder wegkippen war. Da werden 10 Kilometer verdammt lang. Natürlich hab ich mich ein bisschen verflucht dafür, die Fahrt angenommen zu haben – aber jetzt, in dem Zustand, konnte ich die beiden gleich dreimal nicht irgendwo rauslassen. Also gute Miene zum bösen Spiel und am Ende ein immerhin recht schnelles Absetzen direkt vor der Haustüre. Keine Sekunde zu früh, direkt aus dem Wagensitz hat er nochmal eine Ladung nachgeschoben. Aber brav nach draußen. Wenigstens zurechnungsfähig war er am Ende dann doch.

Etwas missmutig hab ich am Ende festgestellt, dass auch der wirklich voll total netteste Tassifahr eine Tour von 25,40 € auf den Cent genau bezahlt bekommen kann. 🙁

Inzwischen hatten wir 3:43 Uhr. Da half alles nichts. Also hab ich telefonisch dazu angeregt, die Lesertour auf 4:10 Uhr zu verschieben. Dank extrem gutem Timing haben wir uns schon 4:09 Uhr getroffen und der Weg für die Abschlusstour war frei. Nochmal 20% Umsatz und 50% Trinkgeld auf die bisherige Schicht obenauf, wichtiger allerdings: eine nette Tour ohne jeden Ärger mit viel Spaß. Und danach hab ich Feierabend gemacht. Bei meinem Glück hätten mich dieses Mal auf dem Rückweg die selben Töffel wie damals angehalten und das wäre mir echt zu viel gewesen …

Grenzen

„Hey, ich wollte mal fragen, wie viel es bis zur Hastenichtgesehenstraße in Pankow kostet.“

„Hm, vielleicht so 20 Euro. Aber mit deinem Kumpel mach‘ ich das nicht, sorry.“

„Kann ich verstehen. Is halt scheiße, ich muss den irgendwie heimbringen und …“

„Ey, ich bin kein Arschloch, ganz ehrlich. Und ich gehör zu den Taxifahrern, die auch Leute mitnehmen, bei denen es eng werden könnte. Aber so wie dein Kumpel da seit 10 Minuten wild durch die Gegend kotzt und dich dann auch noch anbrüllt, wenn Du ihn was fragst … für so was fehlt mir heute der Nerv, ehrlich!“

„Ich weiß. Kotzt mich ja selber an! Aber ich …“

„Hey, frag ruhig die Kollegen hier und ich wünsch‘ euch auch, dass ihr wen findet. Aber heute Nacht bin ich’s mal nicht!“

Und da soll mir mal noch ein Kollege vorwerfen, ich könne nicht auch hart sein! 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Paul

Arm an Kuriositäten ist Silvester natürlich nicht. Auch nie gewesen. Die Anzahl bekloppter Totalausfälle hat sich bei mir dieses Jahr sichtbar in Grenzen gehalten, abgesehen vom stressigen Fahrgast, den ich gestern erwähnt hatte, bleibt nur noch Paul.

Aufgegabelt hab ich ihn wie erstaunlich viele Fahrgäste in dieser Nacht in Friedrichsfelde. Dort kam er als ich an einer Ampel stand auf mich zugesprintet und ich war ein wenig erleichtert, dass er geradeaus laufen konnte. Sein bismarck’scher Bart verriet mir, dass kein jugendlicher Springinsfeld meine Dienste beanspruchte, sondern jemand, der sich vielleicht wenigstens auskennt mit den Folgen, die der Alkohol so auf seinen Körper hat. Diesbezüglich lag ich auch richtig. Ein wenig abstrus war die Fahrt dann trotzdem.

„Guten Abend und frohes Neues! Wo soll es denn hingehen?“

„Hinjehn? Ubahnstraße.“

„Urbanstraße, ja?“

„Saick doch!“

„In Kreuzberg, nehme ich an.“

„Logo.“

Zugegeben: aus dem Kopf hätte ich keine andere gekannt, aber man muss in Berlin ja wachsam sein.

„Und Du? Darf ick Du sang? Du bis ok?“

„Alles bestens – und das Du ist auch ok.“

„Ick bin Paul.“

„Sascha.“

„Sascha. Jut. Ick bin Paul. Bringste mir heim?“

„Das hatte ich vor.“

„Jut, haste Jeld bei?“

Au Backe. Ich hab während meine Antwort unauffällig zu ihm geschielt um das Risiko abzuschätzen. Gut, einen Überfall hatte er sicher nicht geplant. Aber die Frage nach meinem Geld ist nichts, was ich so einfach auf die leichte Schulter nehme. Da ist Taktieren angesagt.

„Naja, ein bisschen Wechselgeld halt, wie üblich.“

„HAHA! Ick mach doch nur Spaß. Ick zahl Dir dit ja ooch.“

„Das will ich doch hoffen. Ich dachte, das ist Teil des Deals.“

„HAHA! Klar. Du bringst mir heim, allet ok! Haste Jeld bei?“

„Wechselgeld, hab ich eben schon gesagt.“

„HAHA! Du bis mir eener! Ick mach nur Spaß! Ick bin Paul, und Du?“

Das Gespräch sollte nach diesem Start (wir waren noch nicht einmal auf der Frankfurter Allee!) nicht arg viel besser werden. Ein „HAHA!“ jagte das nächste und ich wurde etwa 15-mal gefragt, ob ich Geld dabei hätte. Immerhin war damit schnell klar, dass keine böse Absicht vorlag und einfach nur aufgrund des Alkoholpegels die Witzeplatte in seinem Kopf ein wenig sprang.

Ich hab silvestermäßig Fünfe grade sein lassen und nicht einmal protestiert, als er das ein oder andere Lachen damit verband, meinen Arm zu – ja was eigentlich? Knuddeln, massieren, festhalten … egal! Paul war dicht, ich hatte eine 20€-Tour und wäre ihn bald wieder los. Ich entschied mich für den Weg über die Elsenbrücke, es war mir im Gegenzug recht egal, ob wir vielleicht über die Schilling ein paar Cent hätten sparen können. Paul fragte ohnehin immer nur nach, wo wir seien, um anschließend mit lautem „HAHA!“ einzuleiten, dass es ihm völlig egal sei, so lange ich ihn nur heimbringen würde.

Also heim. Genau genommen ging es in eine Kneipe, was ich zwar nicht für die beste Idee hielt bei seinem Zustand, aber wieder einmal hab ich mich einfach zurückgezogen in die Rolle des Fahrers. Ich konnte an Silvester nicht die Welt retten und der Kater eines einzelnen Bismarcks konnte mir gleich dreimal egal sein. Am Hermannplatz fing er an, sich kindisch zu freuen und kurz vor seiner Kneipe fragte er ein letztes Mal, ob ich Geld dabei hätte. Aber wie ich erwartet hatte, zahlte er anstandslos die knapp 20 € auf der Uhr.

Während Paul mir für die 80 Cent Trinkgeld, die er gab, versuchte möglichst viele blaue Flecken durchs Anknuffen meines Arms zu verschaffen, sah ich etwas ängstlich zu einem Typen vor mir an der Straße, der im Gegenzug zu Paul zwar nicht den Bart, dafür aber den Habitus des deutschen Reiches versprühte. Seine Brille nur durchs zweite Glas von einem Monokel zu unterscheiden, steifer Gang, altmodische Weste … ein bisschen psychopathisch wirkte er schon. Aber er war ein potenzieller Kunde. Paul knuffte noch um sich und bedankte sich überschwänglich, als der feine Herr Kurs auf mein Taxi nahm. Naja, immerhin ein Fahrgast!

„Nee Paul, kaum jeh ick, kommste jeloofn!“

richtete er das Wort an meinen Fahrgast. Sie kannten sich also. Wahrscheinlich hat das geholfen, den überglücklichen Paul schneller aus dem Auto zu bekommen. Bismarck der Zweite ist dann übrigens trotzdem eingestiegen. War eine sehr nette Fahrt ohne komische Dialoge bis nach Lichtenrade. Nochmal 20 €, dieses Mal aber mit mehr Trinkgeld …