Völkerverständigung im Taxi

OK, zugegeben: Mit verschiedenen Völkern im ursprünglichen Sinn hatte das nix zu tun. Soweit ich das einschätzen konnte, waren sowohl der Fahrgast als auch ich weiße europäische Männer, vermutlich beide deutsch. Dennoch hätten wir unterschiedlicher nicht sein können, denn er fiel gleich mit dem Hinweis ins Taxi, dass er normalerweise ja heimlaufen würde. Von Schöneweide nach Prenzlauer Berg, schon klar.

„Nee, ehrlich jetzt! Gut, DIE Strecke nicht immer, aber ich lauf halt immer, muss rennen, mich fit halten, ich brauch das!“

„Da bin ich leider auf der anderen Seite. Ich versteh’s, kann es aber nicht nachvollziehen. Schätze, ich hab deswegen den Bauch.“

„Ach was, Alter! Das ist doch kein Bauch, das is‘ so’n  bisschen …“

„… das sind mehr als 40kg Übergewicht.“

„Nicht wahr, Alter!“

„Doch, aber trotz gelegentlicher Versuche, das zu ändern: Is‘ schon ok.“

„Aber Alter, wenn ich nicht drei bis vier Stunden Sport am Tag mache, fühl‘ ich mich mies, depressiv und so.“

„Hab ich oft gehört, glaube ich Dir. Ich bin da halt anders.“

„Aber, aber …“

„Hey, Du scheinst’n verständnisvoller Typ zu sein. Also meine Frage an Dich: Wenn Du vier Stunden Sport am Tag machst, wann liest Du dann deine 250 Feedreader-Einträge neben all den Büchern? Und wann zur Hölle kommst Du zum Schreiben? Denn das wäre wiederum für mich unerklärlich.“

„Alter …“

Und ich will meinen Fahrgast jetzt nicht als blöde hinstellen, nur weil er so oft ‚Alter‘ gesagt hat. Er war trotz deutlich vorzeigbarer Muskeln mit allerlei Klischeetattoos und einem auch sonst stimmigen Schubladenbild ein verdammt cooler Typ:

„Alter … wenn Du das so sagst: Verstehe ich voll! Ich meine, das ist nicht mein Ding, aber wenn das das ist, was Du brauchst … Bro-Fist, Alter!“

Ja, ich nehme an, dass wir uns noch in ganz vielen anderen Punkten mindestens ebenso unterschieden haben. Und ich will nicht sagen, dass ich ihn dieses (natürlich gekürzten) Gesprächs wegen alleine in meinen Freundeskreis einladen würde. Aber er wäre einer der Typen, über die ich mich vermutlich gerne bei „Deutschland spricht“ (eine in meinen Augen nicht perfekte, aber immerhin überdenkenswerte Aktion der ZEIT) gefreut hätte. Zumindest habe ich mich in ein paar Artikeln zum Thema wiedergefunden und mich daran erinnert, wie ich dereinst als jugendlicher Punk die Chance genutzt habe, mich eine Stunde lang mit einem mir über drei Ecken dann halt doch leider bekannten Neonazi zu unterhalten. Inhaltlich bin ich seiner Fraktion nie auch im Ansatz nähergekommen, und ich muss fürchten, dass es umgekehrt ähnlich war. Aber es hat mich auch einiges über Debattenkultur und Differenzen gelehrt und ich kann nur hoffen, dass wenigstens das etwas ist, das er auch mitgenommen hat. Über dieses Gespräch hinaus haben wir uns natürlich trotzdem nie mehr gesehen, aber das versteht sich von selbst, wenn jemand am Ende trotzdem ein Nazi bleibt.

Da ist ein Gespräch über Sport und Lesen mit Fahrgästen natürlich weit offener im Ergebnis.

*gesendet nach sowas ähnlichem wie Sport*

2 Kommentare bis “Völkerverständigung im Taxi”

  1. Hey, Du scheinst’n verständnisvoller Typ zu sein. Also meine Frage an Dich: […] Und wann zur Hölle kommst Du zum Schreiben?
    1. Handy zum WLan-Hotspot machen.
    2. Ama*zon Ec*ho in den Joggin-Rucksack stecken.
    3. Beim Joggen rufen: Alexa! *japs* Schreibe einen neuen Blogeintrag! *japs* Überschrift: Heute läufts… *hechel*
    😉

  2. Faxin sagt:

    Als Mensch mit 30kg Übergewicht finde ich die Comics von „Erzählmirnix“ gut. Zufällig habe ich gesehen, dass die Dame, die diese Comics macht, ein Buch names „Fettlogiken“ geschrieben hat und da ich ebenfalls viel am Rechner sitze (zum Beispiel jetzt) und schreibe, was mir ebenfalls wichtig ist und mir der Stil der Dame gut gefällt dachte ich, liest Du mal was amüsantes, vielleicht lernst Du noch was, wie Du ein paar Kilos los wirst. Ich habe nie einen Abnehmratgeber gekauft und das Buch eigentlich auch weniger zum Abnehmen, als einfach um was nette, einfache „Toilettenlektüre“ zu haben.
    Ich gehe, bzw. eher sitze arbeiten, Zeit zum Kochen habe ich wenig, heute ist „Dönerstag“, es geht also gleich zum Schnellimbiss und die Kollegin hat Kuchen mitgebracht, der sich vorhin spontan in mein Frühstück verwandelt hat.

    Das Buch ist keine Beschreibung wie man am besten abnimmt, es ist eine weitreichende Erklärung, wie man zunimmt und warum. Ganz einfach, weil man da steht und weiß, warum man zunimmt, wenn man das da jetzt in den Mund steckt, dann wird man dick. Die Waage zerspringt nicht, weil man schwere Knochen hat. Man nimmt auch nicht zu, weil man mal einen Tag sündigt – man nimmt zu, weil man einen Tag sündigt und sich dann erklärt, dass der Diättag eh gelaufen ist und sich dann die nächste Portion reinhaut, wo man ja schonmal dabei ist…
    Seitdem ich das Buch gelesen habe nehme ich langsam aber stetig ab. Ohne Diat. Einfach nur, weil ich mir bewusst mache, was ich esse. Wie gesagt… eben Kuchen, gleich Döner. Aber den Smoothie, den ich nach dem Essen rtank, den lasse ich halt nahezu grundsätzilch weg. Macht 200kcal pro Tag. Macht 1kg Unterschied in 2 Monaten. Oder halt 6 Kilo im Jahr. Wenn man sein Gewicht sonst hält, verliere ich dadurch 6 Kilo nach einem Jahr. Nehme ich den Smoothie zusätzlich, habe ich nach einem Jahr 6 Kilo mehr Übergewicht. Und genauso nimmt man ja auch zu… ganz langsam… Letzten Monat war’s noch 1kg weniger. Und zwei Monate später ist es wieder ein Kilo mehr. Und 5 Jahre später sind es 25kg und man stellt fest: Da ist die Wampe, wie soll man soviel jetzt wieder los werden? Einfach den Smothie weglassen und abwarten. Oder Apfel statt Pudding.

    Die Pfunde purzeln nicht, aber 5kg in 2 Monaten und das Leben ist noch lang. Noch 25 kg, das müsste in den nächsten Jahren ja machbar sein. Ich könnte auch schneller abnehmen, ähnlich wie die Autorin, die fast 100kg abgenommen hat. Muss ich aber nicht. Ich will erstmal nur nicht noch mehr Übergewicht haben. Und beiläufig abnehmen ist ansonsten schon ganz okay.

    Leider ist meine Nicht-Diät bisher auch noch ohne Sport, denn das Runners High kenne ich auch noch aus der Vergangenheit und habe den Drang des Körpers nach Bewegung durchaus auch schon am eigenen Körper gespürt. Es fühlt sich genauso intensiv an, wie heute der Drang des Körpers, sich auf die Couch zu legen. Sport macht aber mehr Spaß. Oder eben den ganzen Tag bei einen Umzug helfen, Möbel, Kisten, Waschmaschine schleppen und abends trotzdem fit sein, während der Kollege aus dem letzten Loch pfeift. Das fühlt sich gut an.
    Man kann Schreiben und Sport durchaus auch mischen. Zumal beim Sport der Kopf frei wird und sich nach dem Kopf mit neuen Gedanken füllt. Sport hilft auch den Kopf fit zu halten. Wenn Du also Schreiben willst, dann ist Sport vielleicht ein Doping für Deinen Kopf? Für mich war das immer die Hauptmotivation für den Sport.

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