Wo darf’s hingehen? #agh16 Taxifahrer-Ausbildung

Wenn mal wieder irgendein Kollege in einem „Taxi-Test“ einen Bock schießt, wird gerne gewettert, was wir als Taxifahrer nicht eigentlich alles können sollten oder gar müssten. Das Sollen ist das eine, müssen tun wir ziemlich wenig, genau genommen besteht unsere Qualifikation aus einem amtlichen Führerschein. Auch wenn dieser über den „normalen“ hinausgeht, so Dinge wie Freundlichkeit, halbwegs passende Kleiderwahl oder Sprachkenntnisse, die über die Zielfindung rausgehen, sind im Grunde freiwilliger Bonus. Sicher, bei groben Verfehlungen reagieren Zentrale und Arbeitgeber und bei extrem ausgeprägtem Nudismus vielleicht sogar das LABO, aber die quasi nicht vorhandene Ausbildung über die Bedienung von Auto und Funkgerät hinaus ist sicher Grund für so ziemlich die häufigsten Kundenbeschwerden. Also, was denken die zur Wahl stehenden Parteien dazu?

Die Ausbildung von Taxifahrern besteht heute im Wesentlichen aus der Ortskunde. Hat Ihre Partei Interesse an einer vielschichtigeren Qualifikation der Fahrer (z.B. Fremdsprachen), oder halten Sie das reine Ortskundewissen weiterhin für ausreichend?

CDU:
Die Ortskunde ist und bleibt für uns als unverzichtbarer Bestandteil der Ausbildung.
Selbstverständlich begrüßen wir die Bemühungen innerhalb des Berliner Taxigewerbes, die bereits stattfindenden Schulungen im Hinblick auf mehr Service und Kundenfreundlichkeit.

FDP:
Gerade der Ortskundenachweis könnte aus unserer Sicht inzwischen entfallen. Viele Taxifahrerinnen und Taxifahrer nutzen derzeit bereits Navigations- und andere Informationssysteme. Im Zusammenhang mit der Festlegung von standardisierten Qualitätskategorien (s.a. unsere Antwort zu Frage 9.) halten wir es für sinnvoll, auch zusätzliche Qualifikationen für Taxifahrerinnen und Taxifahrer festzulegen. Diese könnten z.B. Fremdsprachenkenntnisse, kulturelle Sensibilisierung, für Touristen wichtiges Hintergrundwissen u.ä. beinhalten.

SPD:
[Keine Antwort]

taxi-linkeausbildung

Die LINKE:
Ortskunde ist im Allgemeinen ausreichend im Sinn der unteren Mindestanforderung, die allerdings den Praxistest häufig nicht besteht. Die aktuellen Entwicklungen im Beförderungsgewerbe wie unter drei skizziert, lassen es uns aber sinnvoll erscheinen, die Qualifikationen des Taxipersonals breiter auszubilden, auch um die Konkurrenzfähigkeit des Taxigewerbes zu erhalten. Dies betrifft sowohl die Servicequalität als auch die Erweiterung der Services über die reine Fahrleistung hinaus.

AfD:
Ortskunde reicht.

Die PARTEI:
Taxifahrer müssen interessante Geschichten erzählen können. Alles andere ist zweitrangig.

Auch wenn ich wie so oft die Prioritätensetzung der PARTEI sehr gelungen finde (völlig uneigennützig natürlich als Taxiblogger!), so fand ich die Antworten der anderen interessant. Die CDU hat Recht, es gibt gewerbeinterne Initiativen, aber die sind halt freiwillig und nur leidlich erfolgreich. Die in meinen Augen nicht unsinnige Feststellung von (ausgerechnet, Himmel hilf!) FDP und LINKEN, dass etwas mehr nicht schlecht wäre, wird dann aber leider abgemildert durch die Verwendung des Begriffs „wäre/erscheine sinnvoll“, denn ein wirklicher Handlungswille lässt sich daraus natürlich nicht ableiten. Witzige Nebenerkenntnis: Wer die AfD wählen wollte, weil manche Taxifahrer in seinen Augen zu schlecht deutsch sprechen, der muss nun wohl auch umschwenken, weil: „Ortskunde reicht“.
Insgesamt sieht’s diesbezüglich also wohl eher düster aus, auch wenn FDP und LINKE es zumindest mal moralisch voll dufte fänden, die Qualität im Gewerbe zu erhöhen.

12 Kommentare bis “Wo darf’s hingehen? #agh16 Taxifahrer-Ausbildung”

  1. Eva__R sagt:

    Ich fasse es ja nicht, dass ich mir die ganzen Beiträge jetzt tatsächlich durchlese.
    Zum ausgeprägten Nudismus fällt mir aber eine Verwendung von speziellen Taxifarben wie Lila ein. Ist die Szene groß genug, könnte man ja spezielle Taxis dafür einrichten. Und da wäre eine Erkennungsfarbe doch recht hilfreich, damit z.B. Oma Erna keinen Schock erleidet durch die vollkommene Pracht des Sash. Oder gar enttäuscht ist, weil selbiger Sash eben doch nicht in einem lila Taxi sondern in einer schnöden elfenbeinfarbenen Kutsche daherkommt.

  2. Sash sagt:

    @Eva__R:
    Vielleicht dachte die FDP bei ihrem Vorschlag verschiedener Qualitätsstufen, die farblich gekennzeichnet werden könnten, ja auch an genau sowas. 😀

  3. Roichi sagt:

    Und als Teilzeitnudist muss man sich dann je nach Wochentag ein anders lackiertes Fahrzeug besorgen.
    Und im Winter natürlich umlackieren.

  4. Sash sagt:

    @Roichi:
    Sowieso. Das sollte man mit freischwingendem Pinsel aber in Kauf nehmen können. 😉

  5. MsTaxi sagt:

    @Roichi, @Sash

    Chauvis… Da baumelt dann der Pinsel? Wie war das mit dem geringen Frauenanteil unter dem Fahrpersonal? Ist doch der nun zu gering oder doch eher zu hoch? 🙂

  6. Roichi sagt:

    Du darfst natürlich auch gerne im Winter nackt fahren. Mir wär das zu kalt. Besonders beim Kofferraum ausladen.

    Aber vielleicht sponsort die Stadt dann ja beheizte Taxiwartehallen.

  7. ednong sagt:

    Also wenn ich das richtig deute, würde die Partei auch das dreieinhalbfache des Mindestpreises für eine Fahrt zahlen, wenn der Taxifahrer eine interessante Geschichte erzählt und diese natürlich zu Ende erzählt werden muß (und dafür ein „kleiner“ Umweg notwendig ist). Oder wie?

    Manche Parteien sind ja echt mit Blindheit geschlagen.

  8. Sash sagt:

    @MsTaxi:
    Bei der geringen Frauenanzahl, die ich ja andersweitig erwähnt hatte, dachte ich, eine solche Verallgemeinerung sei mal zulässig. Und selbstverständlich ist der Frauenanteil zu niedrig im Gewerbe, da gibt’s ja nix dran rumzuinterpretieren.

    @Roichi:
    Nee, ich verzichte dankend. 🙂

    @ednong:
    Ist doch eine lobenswerte Einstellung. 😉
    Mal im Ernst: Du nimmst sie echt ein bisschen zu ernst.

  9. ednong sagt:

    @Sash
    Meinst du? 😉

  10. hafensonne sagt:

    Jetzt haben wir die Alternierenden erwischt: Hieß es vorhin noch, Ortskunde aus Bagdad nütze nix, heißt es jetzt: Ortskunde reicht.

  11. Paule sagt:

    Irgendwie könnte ich mich schlapp lachen. Es gibt (wenn überhaupt) den Mindestlohn für uns Kutscher. Dafür sollst du dann möglichst mehrere Doktortitel führen dürfen und auch ein paar Rhetorikkurse absolviert haben. Schwarzer Anzug und Krawatte (besser noch:Fliege) nebst Chauffeursmütze und weissen Handschuhen sind auch nicht verkehrt.

  12. Sash sagt:

    @hafensonne:
    Na, das ist doch keine richtige Ortskunde!

    @Paule:
    Keine Frage, wenn man’s so überspitzt, isses absurd. Wobei es andererseits durchaus schlecht bezahlte Jobs mit Uniformzwang gibt, das alleine ist also als Argument etwas weich. Was wäre denn verkehrt daran, 10% der Ortskunde durch z.B. ein zweistündiges verkehrspsychologisches Seminar oder sowas zu ersetzen? Oder eine Prüfung, ob man die Taxiordnung kennt? Ganz im Ernst: Mir haben die vielleicht 10 – 15 pädagogischen Seminare in meinem Leben mehr für den Job gebracht als die letzten zwei Monate lernen auf die Ortskundeprüfung. Gerade im Hinblick auf die Tatsache, dass wir nicht nur Pakete, sondern Menschen fahren, gäbe es da durchaus Luft nach oben, auch ohne dass es lächerlich wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: