Liebeserklärung an Berlin

Im Grunde ist es ja noch nicht so lange her, dass ich nach Berlin gezogen bin. Sicher: Es war schon im letzten Jahrzehnt, aber gerade meiner Arbeit wegen fühle ich mich hier doch inzwischen durchaus auch in gewisser Weise zu Hause. Das ist in meinen Augen keine Selbstverständlichkeit, denn ich bin zwar kein ausgesprochener Lokalpatriot, aber ich brauche meine Homebase, meine Heimat, einen Ort, den ich Zuhause nennen kann. Natürlich wird Stuttgart das auch immer für mich bleiben, aber Berlin macht es einem nach dem ersten Durchfahren ja auch wirklich leicht. Zumindest, wenn man wirklich in dem Teil der Stadt landet, der einem zusagt.

Mein Fahrgast kam aus der tiefsten Provinz, war allerdings schon locker zwei weitere Jahrzehnte vor mir in der Hauptstadt gelandet. Ich hab ihn vom Bahnhof nach Altglienicke gefahren, auch dort eher in eine ruhige Ecke mit Einfamilienhäusern locker zwei oder drei Stufen über meiner Einkommensklasse.

Er erzählte, dass er in Frankfurt am Main arbeitet und darüber hinaus drehte sich unser Gespräch hauptsächlich darüber, dass die Bahn mal wieder 2 Stunden Verspätung hatte und er trotz schlechten Gewissens wohl wieder aufs Flugzeug umsteigen würde. Seit 10 Jahren würde er nun schon pendeln erklärte er mir, verbunden mit der Aussage, dass er seinen Wohnsitz in Berlin nie wieder aufzugeben gedenkt:

„Wissen sie, ich könnte ja ohne weiteres nach Frankfurt ziehen. Ich hab dort einen Job, und der ist verdammt gut honoriert. Ich könnte mir 10 Stunden Reiseweg jede Woche ersparen, aber ich werde es nicht tun. Ich hab noch 10 Jahre bis zur Rente, aber ich würde nicht auf die Idee kommen, deswegen hier wegzuziehen. Berlin ist eine fantastische Stadt, trotz aller Probleme und aller unschöner Seiten. Aber bevor ich mich in Frankfurt niederlasse, pendel ich lieber die 10 Jahre noch hin und her!“

Ein bisschen verstehen kann ich ihn ja 🙂

13 Kommentare bis “Liebeserklärung an Berlin”

  1. Ich auch. In FFM möchte ich nichtmal tot überm Zaun hängen.

  2. Marco sagt:

    Naja, ich war die letzten 5einhalb Jahre in Frankfurt, und sooo schlimm wie immer alle tun ist es auch nicht (wobei ich zugeben muss, dass ich trotzdem als Wochenendpendler in meine Heimat, wo ich jetzt auch wieder hingezogen bin, gefahren bin… ;-))

  3. anonym sagt:

    Ich habe nichts gegen Berlin, obwohl ich die allgemeine Euphorie nicht teile. Meine Theorie ist: Wer mal nach Berlin gezogen ist (in einem Alter, wo er diese Entscheidung selbst getroffen hat), der fühlt sich irgendwie verpflichtet, diese Entscheidung immer wieder zu rechtfertigen. (Damit sage ich nicht, daß die Entscheidung für ihn falsch war.) Wer schon immer hier war, dem kann es letztlich egal sein, ob Berlin nun so eine tolle Stadt ist oder nicht, es ist schlicht wurscht. Wenn jemand z. B. sagt, Berlin ist häßlich, habe ich damit überhaupt kein Problem, gleiches kann man auch mit ähnlichem Recht beispielsweise über London sagen.

  4. dt64 sagt:

    @Marco

    Doch, FFM ist so schlimm. Wohne schon lange genug hier…

  5. TorXx sagt:

    Jetzt macht aber mal halblang.

    Ich wohne jetzt seit gut 20 Jahren in FFM, und es gibt wahrlich schlimmere Staedte. Zum Beispiel Bielefeld oder Mannheim.

    Frankfurt hat auch ne Menge schöner Ecken, vor allem die westlichsten Vororte oder im Norden der Stadt. Und wir können uns auch stolz die grünste Stadt Deutschlands nennen.

  6. Maik aus Wilhelmshaven sagt:

    Grünste Stadt? Der Titel lag doch immer bei Gelsenkirchen?
    Wenn man mal googelt, dann nennt sich scheinbar jede Großstadt grünste Stadt 🙂
    Hab ein Ranking gefunden, wo der Anteil des Grüns an der Stadtfläche als Grundlage genommen wird.
    Da führt dann Magdeburg 🙂

    Denke einfach mal, es gibt auch keine schlimmen und häßlichen Städte.
    Wilhelmshaven wird von vielen als häßlich und langweilig bezeichnet. Hier sei auch nichts los. Gute Freunde aus Essen, hannover, und Braunschweig waren dann aber erstaunt, das man bis nachts 5 Uhr essen gehen und bis morgens um acht Uhr in einer Bar sitzen kann. Kannten sie aus ihren Städten nicht. Vielleicht auch nur, weil sie nie gesucht haben.
    Es ist halt immer eine Frage des Blickwinkels, warum komme ich in eine Stadt, wohin, und will ich mich mit der Stadt befassen.

    Grüße aus der grünen Stadt am Meer 😉

  7. missac sagt:

    Recht hat er, für mich persönlich ist NYC die beste Stadt auf diesem Planeten, aber da überlebe ich gerade mal ne Woche und selbst dafür habe ich dann ein Jahr lang gespart. Von daher gibts in Deutschland zumindest keine bessere Stadt als Berlin!

  8. missac sagt:

    Achso, und warum ist das so? Also bisher habe ich überall wo ich war festgestellt, dass ich als Berliner ziemlich abgehärtet durch die Welt gehe. 😀 Und kurioserweiser habe ich mich trotz der berliner Härte noch nie unsicher hier gefühlt.

  9. Sieglinde Groth sagt:

    es ist der 18.November. Du hast zwar nicht verraten in welchem Jahr,aber ich nehme mal an 2011,also ich hatte bei meiner Hochzeit keine Zeit fürn PC :). Man kann nur hoffen du langweilst dich nicht. Alles Gute.
    Liebe Grüße aus Gera

  10. Marco sagt:

    @Sieglinde: Wie ich den Sash „kenne“ (also aus dem Blog) hat er, serviceorientiert wie er ist, ein paar Beiträge für uns im Voraus geschrieben und lässt sie automatisch zeitgesteuert erscheinen, damit wir uns hier nicht gar so verlassen fühlen 🙂

  11. Sash sagt:

    @Sieglinde Groth:
    Ich hab seit meinem Geburtstag nix mehr geschrieben hier 🙂
    Ich bin zu nix gekommen – also zu noch weniger als ich geplant habe. Aber die GNIT-Artikel waren schon im Kasten…

  12. Wahlberliner sagt:

    Als echter Wahlberliner, der seit kurzem sein 10-jähriges Jubiläum in dieser Stadt (und in derselben Wohnung) hinter sich hat, kann ich das vollkommen verstehen. Wenn ich Familie/Freunde in der mittelhessischen Provinz besuche (etwas nördlich von FfM), dann geht das dorthin kommen immer mit einer seltsamen Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit einher. Wenn ich dann wieder zurück nach Hause (=Berlin) komme, fühle ich mich immer sofort wieder zuhause, bereits auf der Avus spüre ich die Freude, sowie ich wieder unter die „Berliner Glocke“ tauche.
    Ich liebe diese Stadt, ohne genau zu wissen wieso.
    Interessanterweise habe ich in meiner Berliner „Anfangszeit“, auf der Suche nach einem Bezirk, zwei bemerkenswerte Erfahrungen gemacht: Einmal in der Breiten Straße an der Pankower Kirche – da hat sich alles so vertraut angefühlt, als würde ich dort schon ewig wohnen, dabei war ich zum ersten mal in meinem Leben dort. Als ich da vor Kurzem noch einmal vorbeigefahren bin, hatte ich dasselbe Gefühl wieder.
    Und dann habe ich für eine Bekannte mal mit einer „Robbe“ eine Transportfahrt gemacht, aber das war ganz am Anfang, als ich noch nicht in meiner jetzigen Wohnung wohnte. Bei dieser Fahrt bin ich an meiner jetzigen Wohnung vorbeigekommen, und habe intuitiv gespürt, fast gehört: „Da werde ich mal wohnen!“ – ich hab mir nix weiter dabei gedacht und es wieder vergessen. Jahre später, nachdem ich schon jahrelang in meiner Wohnung wohne, habe ich mich auf derselben Strecke, die ich seitdem auch schon hunderte Male gefahren bin, wieder an diese Situation erinnert, und hatte ein wirklich seltsames Gefühl dabei…

    Sowas passiert einem nur in Berlin!

  13. Bevor ich so dämlich pendele und sinnlos zwei Wohnungen unterhalte, zieh ich um oder suche einen anderen Job.

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