Etwas fragwürdige Stimmung

Der Tag heute wird eigentlich ganz locker. Mit einer Ausnahme: Die Prüfung. Das dritte Mal gehe ich zur mündlichen Ortskundeprüfung – aber wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich nicht daran, sie dieses Mal zu bestehen. Ich hab mein Ziel nicht aufgegeben, ich werde nachher mein Bestes geben, aber ich glaube eben, dass das dieses Mal erst recht nicht genug sein wird. Ich habe in den letzten Wochen viel zu wenig gelernt, wahrscheinlich falle ich dieses eine Mal wirklich mit Pauken und Trompeten – und nicht nur knapp wie die letzten beiden Male – durch.
Obwohl das Ganze insbesondere finanziell eine Mehrbelastung wäre, bin ich aber gerade nicht nervös, nicht niedergeschlagen und Angst hab ich auch keine. Ich will diesen Schein und diesen Job. Immer noch! Aber im letzten Monat konnte ich nicht mehr. Die Monate des Lernens waren an und für sich schon stressig, dann kam die Freizeit mit dem gebrochenen Bein und danach der Total-Crash meines Computers. Ich stelle diesen blöden PC nicht über die Prüfung, aber ich lerne mit ihm. Daneben weiss ich auch, dass das eine Ausrede ist, mit der ich rechtfertige, dass ich mich in den vergangenen Wochen viel um den PC, den Blog, um die WG (wir hatten viel Besuch) und mich selbst gekümmert habe, und das Lernen erst einmal hinten anstand.
Vielleicht ist das eine falsche Prioritätensetzung gewesen – ich kann’s jetzt aber eh nicht mehr ändern. Seit mehr als einem halben Jahr lerne ich den Stadtplan von Berlin auswendig, und allen, die das noch nicht gemacht haben, kann ich nur sagen, dass das vor allem deswegen schwer ist, weil es für derartiges Wissen kaum Methoden gibt, es sich anzueignen – schon gar nicht, wenn man gelegentlich Erfolgserlebnisse braucht.
Ja, ich bin wirklich kein Mensch, der sich monatelang auf eine Sache konzentrieren kann. Ich habs gelegentlich versucht, aber ich glaube, das kann ich mir nicht mehr beibringen. Vielleicht werde ich doch langsam alt 😉
Alle Leute, mit denen ich über die Prüfungen geredet habe, waren überrascht, manche fast geschockt, als sie gehört haben, wie schwer sie sind. Wer denkt an sowas, wenn man eh nur Taxifahrer erlebt hat, bei denen man froh war, wenn sie ihre eigene Fahrertüre gefunden haben?
Keine Frage, andere Leute haben noch härtere Prüfungen bestanden, genauso wie ich diese bald haben werde. Aber der letzte Monat war eben mal kein Taxi-Monat. Vielleicht der letzte der nächsten paar Jahrzehnte bei mir. Ich werde morgen mal nicht zitternd zur Prüfung nach Charlottenburg fahren, und ich werde mir nicht denken „Wieso bloß?“, falls ich die zweite Fahrt in den Sand setze. In dem Fall werde ich mir einen neuen Termin geben lassen, mich freuen, dass ich nun wieder einen ganzen Monat (hoffentlich nicht länger) habe, um mir die Straßen meiner neuen Heimat zu Gemüte zu führen, und dann werde ich relativ unbeschwert gehen. Ja, wenn ich die Prüfung heute nicht bestehe, werde ich mir den Luxus gönnen, nicht an mir selbst zu zweifeln, mich nicht mit den Fragen quälen, ob ich tatsächlich zu dämlich bin, ein paar Straßen auswendig zu lernen. Ich werde mir mal keine Vorwürfe machen, ich hätte doch gestern noch dieses Objekt nochmal anschauen können, oder jeden Tag zehn Fahrten mehr.
Ich will diesen Job machen, und ich sehe ihn anders als andere nicht als irgendeinen Niedriglohn-Scheißjob, sondern ich weiss, dass ich ein verdammt guter Taxifahrer werde. Genau der Taxifahrer, den man sich wünscht, wenn ein anderer Fahrer mürrisch grunzt und dann noch Umwege fährt. Mein erklärtes Ziel ist nichts geringeres, als bei diesem Job den Trinkgeld-Rekord zu knacken, ohne unverschämt hohe Trinkgelder anzunehmen. Und das werde ich auch schaffen. Wenn der Grundstein dazu nicht heute, sondern erst in einem Monat gelegt wird, dann ist das auch ok.
Bis dahin werde ich mich dann weiter von der Bild beschimpfen lassen, dass ich ein skrupelloser Abzocker der Menschheit bin, weil ich arbeitslos bin. Einen Tod muss man wohl sterben…

4 Kommentare bis “Etwas fragwürdige Stimmung”

  1. tasha sagt:

    dann will ich dir mal ganz feste beide daumen drücken!
    ich hab so überlegt, eben beim lesen, wie ich das machen würde mit dem lernen…
    ich würde wahrscheinlich 2 x täglich mitm auto die strassen abfahren – alle! theoretisch ist das scheisse schwer. ich kenn das aus meinen fahrzeiten und egal wsa man gesucht hat… man verfranzt sich immer irgendwo. beim 2, spätestens 3. mal nicht mehr…
    aber auch eine reine kostenfrage. bei uns in der provinz ginge das aber berlin. das wär wohl jeden tag eine tankfüllung 🙁
    doof! jedenfalls viel glück für dich!

  2. Sica sagt:

    Hey, ich wünsch dir auch, dass du die Prüfung bestehts.

    Warum sie so schwer ist, liegt, denke ich mir, daran, dass Berlin eben eine so riesengrosse Stadt ist…würdest du in Hamburg diese Prüfung machen müssen, wäre das sicher leichter.

    Viel Glück!

  3. Sash sagt:

    @tasha
    Danke! Vielleicht klappts ja. Das mit dem Abfahren ist leider illusorisch. Zudem: Ich muss ja die Straßennamen kennen, ich muss wissen, an welcher Kreuzung die Namen sich ändern, etc. Das kriegst du mit Fahren nie hin. Da stehste an der dritten Ampel deinem Vordermann im Heck, weil du nach dem Straßenschild geschielt hast, das an dieser Kreuzung leider gerade abmontiert wurde 🙂 Soll nicht nach trübseeliger Meckerei klingen, natürlich KANN man das alles lernen. Aber leicht isses eben nicht.
    Ach so: Auf dem Land sind die Strecken doch eher noch weiter…

  4. Sash sagt:

    @sica
    Danke auch an dich! Ich werde es versuchen.
    An der Größe der Stadt liegt es sicher auch – das ist klar. Aber letztlich könnte die Prüfung auch hier lockerer sein. Wieso gibt es von der Taxi-Innung – die die Prüfungen macht und die Konditionen festlegt – keine Lösungsbücher. Weil: Damit verdienen die Taxischulen ihr Geld – finanzielles Geklüngel also. Nun stehen die Taxischulen da, und müssen interessierten Aspiranten aber auch sagen: „Naja, da es kein Lösungsbuch gibt, liegt es im Ermessen der Prüfer, was die kürzeste Strecke ist…“
    Ohne sauer oder empört zu sein, weil ich bisher zweimal durchgefallen bin: Das ist alles in allem ein bescheuertes, undurchsichtiges System, das zum Zweck hat, möglichst viele durchfallen zu lassen. Denn damit verdient man Geld und die Zahl der Taxifahrer wird kleingehalten.
    Und das nervt, finde ich. Naja, dann mal sehen.

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