In die Eisen

Und dann schaltete die Ampel plötzlich auf rot.

Wir Autofahrer kennen das vermutlich alle. Die Ampel wird gelb und man glaubt, das noch zu schaffen. In diesem Fall war die Beschleunigung der 72 (Experten zweifeln bis heute an, dass es so etwas überhaupt gibt) zu niedrig, was ich leider zu spät bemerkte. War im falschen Gang, diese Geschichten …

Also doch die Bremse. In dem Fall im Zusammenspiel mit dem regennassen Wetter und entsprechend schwieriger Straßenlage trug es mich leicht schlitternd dann auch anderthalb Meter über die Haltelinie hinaus. Sah sicher nicht schön aus, passiert aber auch den Besten irgendwann mal. Ich war selten so froh, ausschließlich von Kollegen eingekreist zu sein, die das sicher zumindest irgendwie nachvollziehen konnten.

Noch froher aber war ich um den Straßenknick nach der Ampel. Denn durch den haben die Winker, die nur 200 Meter weiter warteten, das schlingernde Manöver gar nicht mitbekommen und mich einfach als artigen Taxifahrer kennengelernt, der mustergültig vor ihnen geblinkt, gebremst und angehalten hat. 🙂

Arbeitslaune

Hab mich übrigens heute Nacht tatsächlich noch ein zweites Mal hinters Steuer gesetzt. Ich wusste nach einem gemütlichen Essen zu Hause nix mit mir anzufangen und hatte das Auto eh vor der Tür stehen. Da die Stadt nach dem abendlichen Regen allerdings wie leergefegt schien, hab ich den Versuch recht schnell wieder abgebrochen. Aber hey, immerhin zwei Touren und 17 € hab ich schon mal auf der Uhr, wenn ich die Schicht heute Abend anfange. Und das ist immerhin besser als nix. 🙂

Da denkste einmal nicht dran …

Ich halte mein Wechselgeld nach wie vor niedrig. Meist hab ich aber privat und gut versteckt noch ein paar Scheinchen extra dabei. Auch keine Unsumme, aber schnelle Aushilfe, wenn man mal nicht zum Wechseln kommt.

Hatte ich gestern nicht. Hab erst nicht dran gedacht – und als es mir eingefallen ist, hab ich’s verdrängt.

„Fährst ja so oder so nicht lange raus.“

Außerdem ist es nicht die erste Woche nach dem ersten oder fünfzehnten des Monats gewesen, die großen Scheine sollten also seltener sein als sonst. Und auch sonst klappt’s ja …

Erste Fahrt, 13,20 € und der Fahrgast gibt mir einen Hunderter. Nee, is‘ klar …
Ich hab ’nen Alibiblick in mein Portemonnaie geworfen, aber das hätte nie geklappt. Also ja: Vielleicht, wenn ich bis zu den 50-Cent-Stücken runtergegangen wäre. Der Kunde war nicht unbedingt begeistert, aber ihr kennt mich: Ich bin ja nett und freundlich und am Ende haben wir es ohne irgendwo kostenpflichtig zu wechseln geschafft. Er hat seine Freundin angerufen, die kam dann mit einem Fuffi runter. Super sieht anders aus – aber wichtig ist ja erst einmal, dass es klappt. Danach zwei kurze Winkertouren, bei denen die Fahrgäste vorher wussten, dass sie halbwegs passend zahlen können.

„Haha, seh‘ ich aus wie’n Typ, der Fuffziger bei sich hat?“,

meinte der eine sogar noch. Als ich an den Stand gefahren bin, hatte ich dann einen Haufen Münzen und genau einen Zwanziger und einen Fünfer im Geldbeutel. Gut, damit lässt sich schon einiges machen, aber mir ist das zu wenig. Also hab ich bei einem sehr netten Kollegen, mit dem ich noch nie gesprochen hatte, den braunen Schein kleingemacht.

Dann bekam ich eine Tour, die junge Dame lächelte am Ende und meinte:

„Ach, hoffentlich können Sie mir ein bisschen Geld kleinmachen …“

Und natürlich hatte ich keine Wahl, denn auch sie hatte nur noch Hunderter dabei und mir verblieb dann am Ende wieder genau ein einziger Fünfer. Da bin ich dann heimgefahren, ich war eh in der Nähe. Und ich hab aus all der diesen Monat bisher eingefahrenen Kohle nicht mehr genug Wechselgeld für die normale Portemonnaiebestückung zusammenbekommen. Von ein bisschen extra wollen wir gar nicht reden. Ganz großes Kino, dieser Abend.

Ich will ja gar nicht immer nur meckern übers Wechselgeld – aber selbst wenn man mal von der Überfallproblematik absieht: Wenn wir auf jede Fahrt 80 € rausgeben können sollen, dann müssen wir entweder ständig wechseln oder jede Schicht einen kompletten Monatslohn mit uns durch die Gegend fahren.
Und obwohl’s dort eher der Falschgeldproblematik geschuldet ist: auch der Tanke lässt man es durchgehen, dass sie keine Fünfhunderter nehmen – obwohl sie sicher etliche tausend Euro Umsatz pro Tag hat. Wie soll ein Taxifahrer mit einem Hunderter Umsatz ständig Hunnis annehmen können? Zumal wir ja auch beim Falschgeld noch schlechter kontrollieren können. Ich sehe den Kunden zuliebe selbstverständlich immer zu, dass es irgendwie geht – aber Hunderter sind einfach kein Geld fürs Taxi und ich müsste es nicht annehmen. Also nicht bei 10- oder 20-Euro-Fahrten. Und wenn’s nicht anders geht, dann doch bitte vorher fragen!

Arbeit! – und Youtube

Im Ernst: Ich freue mich nach meinem Wochenende darauf, wieder rauszufahren. Ich verstehe sehr gut, wieso Taxifahrer ein Job ist, bei dem man „hängenbleibt“. Und wenn wir schon bei schwer verständlichen Obsessionen sind, dann habe ich hier noch eine kleine Ergänzung:

Ich sehe mir gerne Chrash-Videos auf Youtube an. Das ist in gewisser Weise sicher einfach nur bescheuerter Voyeurismus. Das kann ich wohl kaum abstreiten, bzw. ich will es gar nicht. Nur weil was nicht toll ist, heißt es ja nicht, dass es nicht existiert.

Tatsächlich sind diese Videos aber auch aus professioneller Sicht interessant. Als Mensch, dessen Arbeit im Wesentlichen aus Fahren besteht, habe ich da durchaus inzwischen einige Verhaltensmuster entdeckt, deren Vermeidung – natürlich nur im Optimalfall, ich gebe es zu! – das Fahren sicherer machen könnten. Den zahlreichen Videos entnehmen konnte ich bislang zum Beispiel, dass das schnelle Vorbeifahren an stehenden Autokolonnen auf einer benachbarten Spur oft Unfälle mit Fußgängern verursacht. Oder dass das Abbiegen über mehr als eine Spur wegen begrenzter Einsicht oft Unfälle verursacht.

Ich will nicht behaupten, dass ich mir die Videos deswegen ansehe – das wäre eine Lüge. Aber ja, ich hab daraus tatsächlich einiges gelernt und hoffe, das in Zukunft nutzen zu können.

Wie Ortskunde funktioniert

„Nach Oberschöneweide in die Slabystraße bitte!“

„Alles klar. Von der Rathenaustraße aus, oder?“

„Ja genau.“

„OK, ich will ehrlich sein: Das war Angeberei meinerseits.“

In gewisser Weise zumindest. Natürlich wusste ich, wo die Slabystraße in Oberschöneweide liegt. Aber:

50 Minuten zuvor

Mit 19,80 € auf der Uhr hatte ich eben einen Kunden in der Rathenaustraße rausgelassen. Die Rathenaustraße habe ich mir von ihm zeigen lassen, weil ich mir nicht sicher war, welche von den Straßen dort im Wohngebiet das genau war. Kurz nachdem ich kassiert hatte und wieder in Richtung Berliner Innenstadt durchgestartet bin, ist mir das Straßenschild aufgefallen:

„Slabystraße? WTF? Wie spricht man das überhaupt aus? Naja, falls mal wer dahin will …“

Manchmal passt’s halt. 🙂

Preiskämpfe am Taxistand

Ein kleines Sorry an den Kollegen, dessen Fahrt ich vorhin übernommen habe, wäre wohl angebracht. Ja, ich hab die Tour vom Ostbahnhof nach Erkner für 45 € gemacht – aber ich find’s ok.

Ich hatte mich zusammen mit einem Kollegen aus meiner Firma noch darüber gewundert, was in dem Taxi vor mir wohl vorging. Die dort eingestiegene Kundin saß schon seit drei Minuten im Auto und selbiges ist nicht losgefahren.

„Ist vielleicht was komplizierteres …“,

meinte ich noch. Und dann stieg sie aus und kam zu mir. Ich hatte durchaus Sorge, dass es irgendein ernstes Problem gab, aber es war nur, dass der Kollege für die Fahrt 70 € haben wollte. Nun, nach außerhalb sind die Preise frei vereinbar und ich wusste, dass 45 € kein Problem wären. Zumindest für mich nicht. Ich weiß nämlich auch, dass einige Chefs da draußen wohl ziemlich streng auf den Schnitt schauen und zwei Euro pro Kilometer geradezu vorschreiben. Wie bei so vielen Dingen geht meine Firma uns Fahrern mit sowas nicht auf die Nerven. Natürlich kann ich nicht mal eben für einen Zwanni nach Hamburg gurken – aber so lange ich (mehr oder weniger) am Monatsende auf einen Euro pro Kilometer komme, fragt niemand nach, ob ich für eine Fahrt einen Fünfer „zu wenig“ genommen hab.

Ich hab die Fahrt also angetreten, meinen Umsatz für die Schicht damit komplettiert, mit einer netten und absolut unproblematischen Kundin eine halbe Stunde Zeit verbracht und am Ende einen Fünfer Trinkgeld einstecken dürfen. Ich bin zufrieden. 🙂

Dass das dumm gelaufen ist für den Kollegen, tut mir leid. Ehrlich. Und ich will hier auch keine Werbung für Niedrigstpreise machen. Ich hab selbst oft genug Fahrten abgelehnt, die sich für mich selbst zwar gelohnt hätten, die ich aber meinen Chefs nicht zumuten hätte können. Und mehr zu verlangen ist ja auch legal. Hätte die Kundin mir 70 € geboten, hätte ich ihr sicher nicht gesagt, dass weniger auch reicht. Und ich ärgere mich heute noch über den Deppen, der beim Innungsfunk den Kurs gehalten und damit angegeben hat, dass er auch für 130 € nach Leipzig fahren würde, weil er ja sonst „in der ganzen Schicht nicht so viel verdienen“ würde. Dem Kunden entgegenkommen ist das eine, sich oder die Firma ruinieren das andere. Mein Schnitt stimmt am Monats- und damit meist auch am Tagesende – im Rahmen dessen allerdings freue ich mich trotzdem gerne über Touren wie die heutige. 😀

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Ähnlichkeiten

Ich mache ja keinen Hehl draus, dass ich nicht alle Straßen kenne, also hab ich bei meiner Kundin auch schnell gesagt, dass mir der Bleckmannweg leider nichts sagen würde. Wer will, kann ihn gerne mal in die Kartensoftware seiner Wahl eingeben. Festzustellen gibt es aus Sicht des Taxifahrers eigentlich nur, dass es sich um einen für Autos nicht befahrbaren Weg handelt, an dem kaum mehr als 4 Häuser stehen – und der nicht einmal an eine irgendwie relevante Straße angrenzt. Aber er liegt im Herzen von Lichtenberg, keine 200 Meter vom Rathaus weg, muss man auch zugeben.

In dem Fall hat die Kundin meine Nichtkenntnis ohne schiefen Blick zur Kenntnis genommen und trocken bemerkt:

„Ey, ich bin Juristin. Glaubst Du, ich kenne jeden Paragraphen?“

🙂