SuDie die Zweite…

Kollege Torsten von taxi-blog.de hat heute ein auch bei mir schändlichst unter den Tisch gekehrtes Thema angesprochen: Das Siezen, bzw. Duzen im Taxi.

Wie redet man sich im Taxi an?

Klar ist das kein Thema, das irgendwelche Patentrezepte kennt. Aber es steht nicht nur manchen Kunden die Frage ins Gesicht geschrieben, ob sie mich duzen oder siezen sollen – nein, auch ich tue mich bisweilen schwer bei diesem Thema.

Ich für mich selbst bin da anspruchslos, aber ich bin in einem Alter, in dem es noch ein Kompliment sein kann, gesiezt zu werden, ebenso aber schon eines sein kann, mich zu duzen.

Ich bin stets höflich, nicht nur bei der Arbeit, und ab einem gewissen Alter ist es klar, dass ich Menschen sieze. Ich stimme Torsten bei seinem Abschlusssatz zu: Respekt lässt sich nicht an einer Höflichkeitsform festmachen, was ja auch ein nicht unbekannter Ex-Aussenminister mit seinem zum geflügelten Wort gewordenen „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ eindrucksvoll bewiesen hat.

Aber ich bin ja auch Nachtfahrer. Viele meiner Kunden sind jünger als ich, und in meiner und den nachfolgenden Generationen wird das Siezen offensichtlich immer unwichtiger. Das ist im Übrigen kein Wehklagen über die deutsche Sprache, sondern eher ein mit anerkennender Bewunderung geschriebener Satz, da mich die Wandlungsfähigkeit von Sprache weit mehr fasziniert als gewisse Worte an sich.

Wie also verhält es sich bei mir:

Die typischen Abend-Kunden vom Bahnhof sieze ich ohne Ausnahme eigentlich. Gelegentlich sind Leute in meinem Alter dabei, die während der Fahrt automatisch ins „Du“ verfallen, oftmals mit der Anmerkung:

Ähm, ist jetzt schon ok, wenn ich Du sag, oder?“

Je später die Nacht, desto Du.

Natürlich achte auch ich darauf, nur Leute zu Duzen, die von sich aus offen auf mich zugehen. Bisweilen tut ein wenig Distanz ja auch ganz gut, und nicht zuletzt wirkt sie auch professionell, was den ein oder anderen auch mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Aber es kommt schon vor, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob ein Du angemessen ist – etwa weil das Alter an der Grenze liegt und das Gespräch eher stockend ins Rollen kommt.  Solche Zweifelsfälle sind selten und in den meisten Fällen bleibe ich dann beim Sie, weil man damit bei Leuten über 20 zumindest mal keine beleidigte Reaktion hervorruft.

Also: Ich werde öfter geduzt als ich es selbst tue, sehe darin aber kein Problem. Auch Höflichkeit gehört zur Dienstleistung, und es liegt mir fern, mir Gedanken darüber zu machen, ob es jetzt respektlos von einem Fahrgast war, dass er mich geduzt hat, obwohl ich beim Sie geblieben bin. Ich merk auch an anderen Dingen, ob mich mein Gegenüber respektiert, und oftmals ist dieses Duzen auch geradezu „lieb“ gemeint. Gutes Beispiel dafür sind alte Opas, die mir was übers Taxifahren zu DDR-Zeiten erzählen und dabei zwangsläufig immer auf ein „Das kannst Du ja nicht mehr wissen…“ zurückfallen.

Bei Kollegen fällt es mir irgendwie aber schwerer. Klar, die die ich kenne und die aus meiner Firma duze ich. Da wär ich schnell verschrieen, wenn es anders wäre. Aber als „Neuer“ und „Junger“ fällt es mir bisweilen schwer, auf 60-Jährige zuzugehen und sie zu Duzen. Aber auch da gewöhnt man sich ja so seine Tricks an…

Und als Kunde habe ich bisher jeden Taxifahrer gesiezt. Zumindest zu Beginn. Wenn man sich dann aber über den Umsatz der Schicht unterhält, kommt man doch auch schnell aufs Du 🙂

Zu guter Letzt: Auch wenn ich grundsätzlich keinen besonderen Wert auf Höflichkeit in Form der Ansprache lege: Die Antworten auf „Du, machste mal 10 pauschal?“ und „Entschuldigen Sie, ich hab nur noch 10 €…“ fallen bei meiner Wenigkeit eigentlich immer unterschiedlich aus…

War jetzt etwas durcheinander und unklar? Stimmt. Aber so ist es eben…

"In ihrem Alter…"

„In ihrem Alter braucht man das noch nicht…“

war die Aussage einer Kollegin am Ostbahnhof auf die Anfrage einer jungen Familie, ihr kleines Kind ohne Kindersitz mitzunehmen.

Ich muss ehrlich gestehen, ich weiss nicht, ob es irgendwelche derartigen Grenzfälle gibt. Mir sind nur die einschlägigen Paragraphen mehr oder minder bekannt, und soweit ich weiss, ist es in keinem Alter gestattet, Kinder ohne geeignete Rückhalteeinrichtungen an Bord zu transportieren.

Ganz abgesehen davon halte ich es für unverantwortlich, Kleinkinder derart ungesichert mitzunehmen!

Aber kann mir irgendwer (ein Kollege) das bestätigen oder mir zeigen, ob es da eine Ausnahme gibt? Ich hab nichts dergleichen gefunden und halte es nach wie vor für eine selten dämliche Aussage, die einmal mehr nur der Rechtfertigung gedient hat, eine Fahrt anzunehmen, die alle anderen Kollegen abgelehnt haben.

Nachtrag 2011: Inzwischen bin ich auch etwas schlauer und es gibt diese Ausnahmeregelung. Daran, dass es bescheuert ist, hat sich nichts geändert. Hier der Link zum aktuellen Beitrag.

Ich studiere NICHT!

Ca. 50 bis 70% meiner Kunden sagen ihn, den einen immer gleichen Satz:

„Und wie ist das, studieren sie nebenher?“

Meine Antwort ist in der Regel ein von einem dezenten Lachen begleitetes

„Nein, ich mache das hauptberuflich und freiwillig…“

Es ist faszinierend, dass ich als noch verhältnismäßig (zumindest im Vergleich zu Heesters und Berlusconi) junger Mensch diesen Satz immer wieder zu hören bekomme. Klar, das Klischee vom Studenten, der nebenher Taxi fährt, existiert noch. In Berlin ist jedoch dank straffer Studienpläne und einer recht harten Ortskundeprüfung die Wahrscheinlichkeit größer, dass der alte Fahrer ein Professor ist, als dass ein Jungspund wie meine Wenigkeit Student ist.

Ich kann die Frage schon verstehen, aber in einer gewissen Art und Weise nervt sie auch. Das liegt noch nicht einmal an der Frage selbst – sie impliziert doch eigentlich eher, dass die Fahrgäste den Eindruck haben, ich hätte eigentlich mehr auf dem Kasten, als ein Auto durch die Nacht zu lenken. Habe ich sicher auch.

Das Nervige an dieser Frage ist eigentlich das, was nach meiner Antwort eintritt: Eine kurze verlegene Stille…

Ich weiss, Taxifahrer verdienen nicht gut, und die geistigen Fähigkeiten, die nötig sind, um diesen Job durchschnittlich auszuführen, bewegen sich irgendwo kurz hinter dem Evolutionssprung, der die Menschheit dereinst veranlasste, sich nicht mehr mit Affen zu paaren. Sollte man meinen. Dabei stoßen mir zwei Dinge bitter auf:

Zum einen:
Klar kann jeder Depp prinzipiell mit ein wenig Talent ein Auto steuern und Befehle entgegennehmen. Für die tatsächliche Dienstleistung, die zum Teil ja auch aus der Unterhaltung und der Zufriedenstellung der Fahrgäste besteht, sollte man dennoch eine gewisse Intelligenz und Sozialkompetenz mitbringen. Schließlich „muss“ ich als Taxifahrer Gelangweilte unterhalten, Gestressten Ruhe und Ängstlichen Sicherheit vermitteln, Besoffene zur Ordnung mahnen, Deprimierte aufbauen, Verzweifelte trösten und… ach ja, nebenher Auto fahren und das alles verarbeiten.

Zum anderen:
Ja, ich bin nicht der Dümmste, ich kann mich ausdrücken und trotz meines besch… eidenen Abiturs hätte ich sicher die Möglichkeit gehabt, einen anderen, „besseren“ Job zu machen. Dennoch sitze ich Abend für Abend in meiner Taxe und bin – wirklich fast jeden Abend – ein ums andere Mal froh, dass ich diesen Weg gewählt habe.

„Ich habe mein Abitur gemacht, um auswählen zu können, was ich machen will – nicht, um auf jeden Fall zu studieren!“

pflege ich gerne zu sagen. Mir ist klar, dass dieser Lebensentwurf insbesondere beim konservativen Teil der Bevölkerung ewig auf Unverständnis stoßen wird. Dass die unterschwellige Überzeugung, man könne ja wohl nur im „Notfall“ Taxifahrer werden, so weit verbreitet ist, lässt mich dann doch manchmal geradezu verzweifeln.

Natürlich stehen am Ende solcher Diskussionen immer wieder Sätze wie

„Das finde ich gut!“,

„So eine Einstellung ist echt positiv!“,

„Ich habe echt Respekt vor solchen Leuten!“,

und natürlich ist das irgendwie schön. Wahrscheinlich habe ich sogar wirklich schon den ein oder anderen davon überzeugen können, dass dieser Job nicht zwingend die letzte Haltestelle vor Hartz4 ist. Auf der anderen Seite ist es wahrlich erschreckend zu sehen, wie viele – die sich völlig selbstverständlich im Taxi chauffieren lassen – offenbar davon ausgehen, dass das ja kein „richtiger“ Beruf ist.

Diese Konfrontation mit pseudo-mitleidiger Kundschaft teile ich wahrscheinlich mit Putzfrauen, Zimmermädchen, Altenpflegern und wahrscheinlich sogar mit Krankenschwestern.

Ich kann damit wirklich ohne weiteres umgehen, denn ich bin ein Mensch, der inzwischen ein vernünftiges Selbstwertgefühl entwickelt hat. Zumal – so zeitintensiv sie sein mag – meine Arbeit stets nur Ausdruck meiner Einstellung ist, und nicht meine Identität bestimmt.

Ich bin „nur“ Taxifahrer, das ist wahr. Aber in dieser Position befinde ich mich täglich auf Augenhöhe mit Wirtschaftsprofessoren und besoffenen Punks gleichermaßen. Und im Gegensatz zu den meisten sehe ich mich diesbezüglich in einem sozialen Vorteil – nicht etwa irgendwo unten, nur weil auf meinem Gehaltsnachweis ein paar Euro mehr oder weniger im Vergleich zu den anderen draufstehen.

Zumal ich auch hier mal wieder die sozialrevolutionäre Karte ausspielen und fragen könnte: Könnten wir eher auf den Manager von Daimler verzichten, oder auf den Typen, der da die Bremsen installiert? Eben.

Aber um noch kurz ein Fazit zu bringen:

Fragt doch, was ihr wollt! Nach den Anforderungen meiner Kundschaft müsste ich über die Bettenqualität in 5-Sterne-Hotels ebenso Bescheid wissen, wie über die Preise und Hygiene auf dem Straßenstrich. Ich möchte mal das Studium sehen, das mir dieses Wissen zuteil werden lässt…

Seltsamer Freitag

So, so langsam wird es eine absurde Serie. Das war nun der dritte Tag in Folge, an dem ich zwischen 135,90 € und 136,50 € eingefahren hab. Bei Arbeitszeiten zwischen 8,75 und 11,00 Stunden wohlbemerkt. Gestern war aber sowohl der Verlauf, als auch die Kundschaft teilweise erwähnenswert.

Begonnen hat alles mit einer Kurzstrecke noch vor dem Aufschlagen am Ostbahnhof. Ein Punk, der zu spät zur Arbeit kam – ein zeitloser Klassiker, wenn man die Uhrzeit (20 Uhr etwa) beachtet. Fast noch besser war die Kommunikation zum Ende:

„Sorry wegen Trinkgeld, aber ich brauch die Einsfünfzich. Ich hoffe, die anderen geben reichlich!“

Die nächsten vier Stunden waren geprägt von enormer Lethargie. Ich hab bis 0 Uhr zwar 5 Fahrten zusammengekriegt – aber mit 29,90 € Umsatz kann man das als völligen Fehlschlag werten. Insbesondere für einen Freitag.

Einsamer Höhepunkt war eine von mehreren kurzen Strecken so um die 6 €, als eine Frau meinte:

„Ich hoffe, ich habe das noch klein. Sonst hab ich das nur sehr groß.“

„Wie groß denn?“

„Naja, es ist grün…“

Ich bin wirklich kein Spielverderber beim Wechselgeld – aber nach der dritten Fahrt kann wohl kaum ein Fahrer auf einen Hunderter rausgeben – schon gar nicht, ohne danach selbst Pause zum Wechseln einzulegen. Aber gut, sie hatte es noch klein, und bei fast 2 € Trinkgeld will ich mich mal nicht beschweren…

Ach so, dann waren da noch die zwei Leute, die in die xy-Straße „zum beleuchteten Hauseingang“ wollten. Sie waren nicht so nervig, wie sich das anhört, aber: Kann mir mal jemand verraten, wie ich mit dieser Beschreibung in einer ca. 700 m langen Straße voller beleuchteter Straßencafés noch vor der Dämmerung bei tiefstehender Sonne einen erleuchteten Hauseingang hätte finden sollen – der zudem (Trommelwirbel!) UNBELEUCHTET war? Ist Taxifahren soo langweilig, dass man es mit einer Schnitzeljagd kombinieren muss?

Mir ist zudem zu Ende des Kalendertages richtig schlecht geworden, sodass ich mich zu einer Stunde Pause genötigt sah. Um ziemlich genau 1.00 Uhr bin ich in Marzahn dann gestartet.

Um 2.00 Uhr hatte ich dann schon 75 € in der Tasche. 45 € in einer Stunde – meine bisher zweitbeste Stunde überhaupt, seit ich den Job mache.

Geschuldet war der hohe Verdienst natürlich nicht einer kleinen Tour, sondern vor allem den beiden längeren, die ich hatte. So habe ich eine Gruppe von der Warschauer über Biesdorf bis nach Marzahn gefahren, und dann ist mit hundert Meter weiter ein Typ aufgefallen, der mich herangewunken hat.

„Färs mbs Lxnnerplz?“

Das ist kein Tippfehler!

„Alexanderplatz? Aber sehr gerne doch!“

Der Typ hatte ordentlich einen im Tee, aber das war nicht das Verwunderliche. Das Verwunderliche war, dass ich mir sicher bin, dass er auch nüchtern so spricht. Er beherrschte die hohe Kunst, einen Satz nicht nur schnell auszusprechen und dabei zu nuscheln – sondern zum Ausgleich auch noch alle fürs Verständnis wichtigen Silben zu verschlucken. Er hat mich 15 bis 20 Minuten vollgelabert, und ich habe vielleicht ein Viertel verstanden. Gut, ich weiss, dass er gerne trinkt, schwul ist – richtig versaut sogar – und aus einer anderen Stadt kommt. Noch dazu so allerlei belangloses Zeug. Was der in der Schwulenkneipe, in die er noch wollte, noch angestellt hat, will ich besser nicht wissen…

Dann noch ein netter Australier, mit dem die Lösungsfindung, in welchem baxpax-Hostel er abgestiegen ist, gute 5 Minuten in Anspruch nahm. Er vergesse schonmal gelegentlich, wo er untergekommen ist – in London hat er ein Hotel mal nicht mehr gefunden… naja. Ich hab ihn am richtigen Hostel abgesetzt, hatte ein echt nettes Gespräch und hab von ihm mit 3,40 € das höchste Trinkgeld bekommen – von einem Touristen in meinem Alter! Das ist fett!

Ab da war wieder Land’s End. Ich hatte eigentlich gehofft, wenigstens bis 4 Uhr den obligatorischen Hunni (der fürs Wochenende echt mal gar nix ist) voll zu kriegen. Nix da. Um 5.30 Uhr stand ich seit über einer Stunde vor dem Matrix rum und hab mich mit ein paar Jugendlichen ausgetauscht, die der Meinung waren, ich müsste die 10 km bis zu ihrem Heimatplaneten doch auch für 15 € fahren. Schließlich seien sie auf mich angewiesen, und alle meine Kollegen würden das ja auch machen. Bezeichnenderweise hat kein Kollege in der Schlange diese Ansicht geteilt. So sind die drei nach einigem Gefeilsche mit hochgezogenen Nasen von dannen gezogen und waren sichtlich stolz darauf, dass sie nicht auf uns angewiesen sind. Natürlich hat sie irgendein Kollege um die nächste Ecke mitgenommen – aber das soll mir mal egal sein.

Ich hab dann – ein wenig hatte ich ja drauf gehofft – ein zweites Mal eine Bedienstete vom Club gefahren, die mit ihrer halben Fernreise immerhin noch 25 € in meine Kasse gespült hat. Trinkgeld gibt sie zwar wenig, aber immerhin hatte ich mal wieder ein paar Euro Umsatz.

Nach einmal „halblegalem Wenden“ auf der Landsberger Allee habe ich dann noch einen Winker aufgesammelt, der wie schon die Herrschaften aus der xy-Str. auf Rätsel stand:

„Halensee bitte!“

„Wo in Halensee möchten sie denn hin?“

„Ganz oben.“

„Welche Straße denn?“

„Joachim-Friedrich-Str.“

„OK, wo denn da genau? Hausnummer? Oder welche Ecke? Am Ku’damm?“

„Ku’damm ist gut! Halensee halt. Ganz hinten. Johann-Sigismund-Str.“

„Johann-Sigismund-Str.?“

„Ja genau, da muss ich hin!“

„Wo denn da genau?“

„Ja, Ecke Ku’damm ist ok…“

Naja, ich bin ja nur Taxifahrer – es wäre ja auch zu absurd, mir gleich mitzuteilen, wo man hin will…  Ich hab dann um Punkt 7 Uhr heute Morgen Feierabend gemacht und war dementsprechend platt – aber alles in allem hat es dennoch Spaß gemacht. Ergebnis war zwar nicht so toll, aber auch nicht so, dass ich befürchte, nächsten Monat am Hungertuch zu nagen. Der Monat beginnt eigentlich ordentlich…

Ich lernen wie Verkehr!

So, im Laufe des heutigen Nachmittags begebe ich mich einmal mehr zu meiner Firma. Das ist an und für sich ja recht selten, denn wenn es nichts ungewöhnliches gibt, fahre ich da eigentlich nur zweimal im Monat zur Abrechnung hin. Heute Mittag steht ein Verkehrsseminar an.

Was genau da besprochen wird, weiss ich nicht – das konnte mir auch mein Chef nicht sagen. Letztlich ist das auch nur zweitrangig, schließlich dienen diese Veranstaltungen einem einzigen Zweck: Versicherungskosten sparen! Wenn alle „Anfänger“ das Seminar besuchen, kostet die Versicherung des Autos weniger. Einfache Geschichte.

Ich persönlich bin immer etwas zwiegespalten bei solchen Dingen. Zum einen bin ich überzeugt davon, dass ich noch jede Menge lernen kann, und das mitunter in so einem Fall auch passiert. Auf der anderen Seite frage ich mich natürlich, welche bahnbrechenden Neuerungen man binnen zwei Stunden jemandem beibringen will, der seit nun immerhin 5 Jahren einen Fahrerjob im Stadtverkehr macht.

Ob das heute Nachmittag nun eher Top oder Flop ist, das weiss ich natürlich erst danach. Also mal sehen…

Der missratene Abend des Mark X.*

*Name geändert

Das erste Mal gesehen habe ich ihn, als ich vor dem Matrix gewartet habe. Er kam vom Süden her ange… naja, schwankt und lief mit einer beachtenswerten Anzahl an Ausfallschritten am Matrix und damit an mir vorbei. Ich hab mir noch gedacht:

„Wow, das is’n Pegel, der sicher schon keinen Spaß mehr macht!“

Für mich folgte alsbald eine Fahrt, und dabei sah ich ihn wieder: Auf der Warschauer Brücke übers Geländer hängend. Offenbar hat er seinen Mageninhalt auf den 7 Meter tiefer liegenden Bahnsteig verfrachtet. Von meiner Tour zurückkommend sah ich ihn dann das dritte Mal. Er lag am Boden auf der Brücke, und ein Mann stand daneben und winkte mich ran. Ein Mensch, offenbar aus einem der östlichen Nachbarstaaten, fragte in mehr oder minder gebrochenem Deutsch, ob ich die Notrufnummer kennen würde.

Ich hab dann quasi erstmalig in meinem Leben freiwillig die 110 gewählt und den Cops Bescheid gegeben, dass hier auf der Warschauer Brücke einer Hilfe braucht. Dieser werte Herr war nämlich nur zeitweise ansprechbar, aber immerhin hat er seinen Namen und seine Adresse wiederholt preisgegeben. Inklusive Details wie „Zweiter Aufgang, da gibt es zwei Aufgänge…“ Sogar den Namen seiner Freundin wusste er noch. Dass er mir unterstellte, ich hätte sie gefickt, habe ich aufgrund seines Zustandes sogar wohlwollend zur Seite schieben können. Überhaupt habe ich öfter mit dem Gedanken gespielt, ihn ins Taxi zu packen, aber der wiederholte Versuch seinerseits, Flüssigkeit über den Mund abzusondern, sowie die Gefahr, dass er bei falscher Körperlage daran ersticken könnte, haben mich davon abgehalten. Das wäre im Übrigen bei weitem die beste Fahrt der Schicht gewesen, wenn die Adresse stimmt…

Aber so haben wir auf die Cops gewartet, die auch keine 5 Minuten später da waren. Beachtlich war die Reaktion auf den ersten Grünen, der ihn packte, aufrichtete und meinte:

„Halloho! Berliner Polizei hier! Was ist los? Zuviel getrunken?“

Die war nämlich folgende:

„N‘ bisschen!“

Er gab zu, nicht mehr aufstehen zu können und bat darum, heimgebracht zu werden. Auf die Aussage des Cops („Hör mal, wenn wir das machen, dann wird das teuer!“) konnte er immerhin sagen:

„Des is scheißegal…“

Naja, mich haben die Cops dann alsbald entlassen, und somit war die Sache für mich vorbei. Trotz eigenem Verschulden hoffe ich mal, dass der Kerl gut heimgebracht wurde, und die Rechnung nicht zu immens war.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Die grünen Männchen…

Ich habe ja schon (noch im alten Blog) angekündigt, dass es ein paar Dinge zu erzählen gibt. Darunter sind einige schöne, aber eben auch dieses jenes hier, was mich gelinde gesagt… ankotzt.

Ich habe meinen Tag wie so oft am Ostbahnhof gestartet. Davor wollte mal wieder kein Winker meine Dienstleistung beanspruchen. Sodenn! Stand ich da also in Position 4 und habe gewartet. Dann traten rechts an mein Auto zwei Gestalten, und insbesondere mit dem männlichen Part des Gespanns hatte ich eine seltsame Art Blickkontakt, die ich zwar vehement nicht in die Kategorie „Flirten“ packe, aber letztlich etwas davon hatte. Er kam zum Auto, redete noch mit ihr, und dann stieg sie als erstes quasi ein mit den Worten

„Ich hab gehört, ich kann mir das Taxi aussuchen!?“

„Natürlich können sie das, ICH freue mich jedenfalls, wenn sie mit mir fahren…“

war so in etwa das, was ich gesagt habe. Er meinte dann: „Wieviel macht das denn nach Haselhorst?“ Es kam das Übliche: Ich hab gesagt, noch weiss ich das nicht so genau, er meinte daraufhin: der Kollege hätte 35 gesagt. Ich meinte: Nee, eher weniger… Dann Zieladresse ins Navi und dann war klar, dass es deutlich weniger ist, und sie sind endgültig eingestiegen.

Dass meine Kollegen das aber auch immer wieder versuchen müssen…

Also hatte ich zu Schichtbeginn eine 25-Euro-Fahrt, die auch super-locker lief. Er war selbst mal Taxifahrer, spielt jetzt nebenher in einer Country-Band (war eine Country-Messe in der Stadt) und so weiter und so fort. Einfach geil! Bis zum Jakob-Kaiser-Platz!

Dort war ich erst das zweite Mal in meinem Leben, und so habe ich mich verspätet auf die richtige Spur eingeordnet. Kein Thema, ein Kollege hat mich vorgelassen, alles easy. Ich gurke so durch den Kreisverkehr, sehe eine Ampel, sehe gelb, gebe Gas, und schon waren wir auf dem Siemensdamm. Noch knapp 4 km, der Großteil ist geschafft. Ich war gerade dabei, mich mit meinen Fahrgästen über Verhaltensweisen im Straßenverkehr zu unterhalten, eben darüber, dass ich nicht wie Henker fahren muss, nur weil ich damit Geld verdiene, da entdecke ich etwas fast schon vergessenes im Rückspiegel:

„STOP“, rot leuchtend, aus einzelnen Dioden bestehend, aber unverkennbar. Die Bullen!

Bin ich also spontan der Verkehrssituation angepasst mal kurz über zwei Spuren nach rechts gewechselt und habe angehalten. Ungeachtet der Gefahr, dass sie es als Gefährdung einstufen, wenn einer aussteigt, der sie um einen Kopf überragt, habe ich das Fahrzeug verlassen und bin mit gutem Gewissen auf die Cops zugelaufen. Sie forderten alle möglichen Papiere (das Übliche plus P-Schein) und erklärten mir mit ernster Miene, dass ich über Rot gefahren bin.

Ich kann hier nur versichern, dass mein Erstaunen nicht gespielt war!

Der Rest war Larifari, wenigstens habe ich mich mit meinen Fahrgästen erheiternd über den unerwarteten Halt (sie haben auch kein Rot gesehen) unterhalten können. Dabei sei insbesondere zu erwähnen, dass ich meinem Beifahrer den Verzehr von Flaschenbier erlaubt habe, und er nun langsam dringend für kleine Königstiger musste, aber – Problem!

„Wenn ich mich jetzt hier an den Busch stelle, dann muss ich auch gleich noch 25 € zahlen…“

Naja, er hat es noch bis zu Hause überlebt, und wenn ich nicht mit Widerspruch oder dergleichen durchkomme, dann habe ich mal eben spontan 3 Punkte gesammelt, und 3/4 der Schicht umsonst gearbeitet.

Ach ja, für alle, die immer noch an Fairness glauben:

„Da müssen sie als Taxifahrer besonders drauf achten, die Polizei hat da ein Auge drauf!“

Bevor jemand das falsch versteht: Wenn es rot war, dann: Fuck it, scheiß drauf, war ein Fehler, stehe ich für gerade! Kein Thema! ABER: ALLE Verkehrsteilnehmer müssen sich nach den Regeln richten – und ggf. entsprechend bestraft werden. Ich trage so oder so ein mehrfaches Handicap:

  1. Ich fahre wesentlich mehr als Otto Normalspritverbrenner
  2. Ein Fahrverbot kostet mich nicht nur Freizeit, sondern verdammt viel Geld
  3. Mein P-Schein (sprich: meine berufliche Existenz) ist schon ab ca. 8 Punkten in Gefahr, nicht erst ab 14

Insofern finde ich es nicht gerade angebracht, dass ich auch noch mit verschärfter Kontrolle zu rechnen habe – wenngleich mir klar ist, dass ich auch eine besondere Verantwortung trage. Aber wenn ich schon durch meine Anwesenheit etliche Besoffene vom Fahren abhalten kann, dann würde ich mir doch wünschen, wenigstens nicht härter drangenommen zu werden als der Rest. Fair ja, aber Sonder-Beobachtung von Taxlern halte ich für kontraproduktiv, ehrlich!