Absurde Punktlandungen

Die Tour führte quer durchs Viertel, über viele kleine Nebenstraßen. Eine der Fahrten, bei denen man erst einmal hilflos ist, weil einem die 8 Straßen in der Gegend nicht reichen, die man problemlos im Kopf hat. Ich hab die Karte meines Trackers auf dem Handy großgezogen und mir einen Weg zurechtgebastelt. War der kürzeste, die Kundin hat nicht einmal gemerkt, dass ich mich nicht gut genug auskenne, super Sache!

Dann aber hab ich das letzte Mal abbiegen verpasst, weil wir gequasselt haben. Ich musste also einmal um den Block fahren. Kein großes Ding, aber ich hab trotzdem die Uhr unterwegs gestoppt und mich entschuldigt. Damn, aber man ist ja kein Arschloch.

9,90 € waren bisher aufgelaufen und als wir 30 Sekunden später vor ihrer Tür standen, meinte die Kundin:

„Ui, ich sehe gerade, dass ich auch nur noch genau einen Zehner beihab.“

Das nenne ich mal Glück. Also ihrerseits. Ich hätte mich über mehr als 10 Cent Trinkgeld natürlich gefreut – andererseits denke ich auch ungern darüber nach, was das an Stress* bedeutet hätte, wenn am Ende 30 Cent zu wenig dagewesen wären …

*bei 30 Cent hätte ich sie vermutlich einfach weggescheucht, andererseits war sie eigentlich eine Nette und hätte vermutlich 10 Minuten in ihrer Wohnung nach einer Euromünze rumgesucht und das hätte meinen Abend nicht unbedingt verbessert. Zumal ich direkt vor Ort eine weitere Kundin gefunden hab, die gleich mit mir weiterfahren wollte.

8,70 €

Die Fahrt vom Sisyphos war nur kurz. Bis an den Rand von Karlshorst, weiter sollte es nicht gehen. Den Rest wollten die beiden Jungs laufen. Was das denn dann mache?

„8,70 €.“

„UUUIIII!“

OK, die Strecke war nicht weltbewegend lang, aber so sonderlich viel sind 9 € im Taxi dann doch eigentlich auch nicht. Der Typ neben mir, der mich anhalten ließ (um auf dem weiteren Weg noch eine Kippe rauchen zu können), sah das aber lockerer als sein Kumpel vom Rücksitz:

„Das teilen wir!“

Besagter Kumpel kramte schnell einen Fünfer raus.

„Das ist ja mal ein guter Anfang!“,

sagte ich, noch unwissend ob dem, was kommen würde. Denn der Typ auf dem Beifahrersitz bemerkte nun, dass er gar kein Geld mehr hatte:

„Alter, ich hab 100 Euro ausgegeben! In vier Stunden! Alter, wie gibt man 100 Euro in vier Stunden aus?“

Das fragte er mich ernsthaft. Ich hatte in den vergangenen vier Stunden noch keine 20 Euro verdient. Nun aber verkündete der Typ im Fond, dass er auch nichts mehr hätte. Na schöne Scheiße! Der auf dem Beifahrersitz fragte auch gleich nach:

„Na, wie sieht’s aus? Machste ’n Fünfer?“

Ich war ausnahmsweise nicht auf den Mund gefallen:

„Ernsthaft jetzt? Ihr gebt mal schnell 100 Euro in ein paar Stunden aus und ausgerechnet ich soll jetzt mein Geld nicht kriegen!? Nee, so nicht!“

Da kam der Kumpel auf der Rückbank wieder ins Spiel:

„Sieben! Ich hab noch zwei Euro! Ich hab sieben!“

Dann der andere:

„Sieben? Machste sieben?“ Komm schon!“

„Nein! Es sind läppische 8,70 €, und die muss ich auch so meinem Chef geben!“

„Ach komm, Digger!“

„NEIN!“

Dann rief es wieder von hinten:

„ACHT! Ich hab acht Euro!“

Ich mischte mich wieder ein:

„Na also, nur noch 70 Cent!“

Während der Typ auf der Rückbank sich völlig verbog, um nachzusehen, ob vielleicht nicht doch noch hier oder da eine Münze zu finden war, stieg mein Beifahrer aus. Er entschuldigte sich für den inzwischen dreiminütigen Stopp und schwor Stock und Bein, dass ihm das wirklich leid täte. Aber verdammt, er hätte ja nun auch 100 Euro verprasst …

Der hinten Sitzende sackte zusammen:

„Ich hab nix mehr …“,

woraufhin der von vorne plötzlich lauthals schrie:

„STOP! STOP!“,

und mir mit furchtbar selbstbewusstem Grinsen 50 Cent gab. Mir war sehr nach einem „Verpisst Euch!“ zumute, aber da brüllte der Typ abermals:

„STOP!“

Er hatte eine weitere Münze in seiner Hosentasche gefunden – und die stellte sich recht schnell als ein Zwei-Euro-Stück heraus. Anstatt es mir nun einfach zu geben, begann er, einen Vortrag zu halten:

„Alter, heute haste Glück, Alter! Das sind zwei Euro. Ist also nicht nur genug, sondern – peng! – du kriegst sogar Trinkgeld! Was sagste dazu? Na sieh an, auf einmal biste sogar ganz zufrieden, was? Haste erst gedacht, dass dich die zwei Spinner abzocken würden … aber weit gefehlt! Jetzt machste sogar gut Kasse mit uns, hätteste das gedacht!?“

Nein, hatte ich tatsächlich nicht. Andererseits sind 1,80 € Trinkgeld zwar durchaus ansehnlich, aber keinesfalls die Erfüllung einer meiner feuchten Träume. Und schon gar nicht, wenn ein inzwischen fünfminütiges Bangen um wenigstens den Fahrpreis dazu gehört.

Mein Beifahrer meinte dann zuletzt sogar noch:

„Alter, war geil, oder?“

Ich glaube, ich hab sowas das erste Mal seit fast 7 Jahren unbeantwortet gelassen. Und zugesehen, dass ich Land gewinne.

Seltene Bezahlungen

Den Kunden geht’s wie mir: Sie können den aktuellen und noch etwas neuen Tarif noch nicht einschätzen. Und der Kunde, der mir so schnell ans Auto gesprintet kam, um mich dann zu seinem etwas weiter weg geparkten Fahrzeug zu lotsen, guckte am Ende für eine Sekunde sparsam, als ich 7,90 € als Preis ansagte. Denn er hatte sich schon etwas Kleingeld zurechtgezutzelt, kam damit aber nur auf 7,30 €.

Aber dann meinte er kurz entschlossen:

„Ach, dann gebe ich Dir einfach zehn und gut ist.“

Ich könnte Euch jetzt dreimal raten lassen, wie er das dann getan hat, aber auf Anhieb würde vermutlich niemand drauf kommen. Deswegen erspare ich mir dieses sadistische Spielchen und antworte gleich: Mit einer 10€-Münze:

Auch'n Zehner (Zweier nur zum Vergleich), Quelle: Sash

Auch’n Zehner (Zweier nur zum Vergleich), Quelle: Sash

Gut, wie selbst ein Nicht-Profi erkennt, ist die Münze nicht mehr in sammlertauglichem Zustand – also warum sie nicht einfach als das Zahlungsmittel einsetzen, das sie auch ist? Der Silberpreis ist wider Erwarten nach 2011 auch nicht weiter gestiegen, so dass einem auch das Einschmelzen keinen Gewinn verschaffen würde. Da Münzen nicht so mein Steckenpferd sind, wird die Münze also auch bei mir wohl relativ schnell wieder verschwinden.

Ist aber auf jeden Fall ein cooler Taxi-Notgroschen, muss ich schon mal sagen. Und meine erste Gedenkmünze im Taxi, soweit ich mich erinnere.

PS:
Wegen Falschgeld war das einerseits hoch gepokert (Wer kennt schon die Gedenkmünzen?) andererseits aber auch nicht (Wer fälscht schon unbekannte Münzen mit relativ niedrigem Wert?).

Diese besondere Wertschätzung

Ich hab das Auto mit 6 Leuten wirklich voll beladen bekommen. An der Biermeile. Den Trikots nach zu urteilen fünf Sportlerinnen und ihr Trainer. Er nahm vorne Platz, die Mannschaft (die Sportart weiß ich leider nicht) hinten. Während die Mädels gut gelaunt sangen und quatschten, fragte auch er mich wegen des Großraumzuschlags aus. Immerhin hätte ich ihnen damit ein weiteres Taxi erspart, da wäre das ja nicht so wild. Und überhaupt: Das koste jetzt nur so Pi mal Daumen 13 €? Wie würden wir Taxifahrer denn dann bitte ordentlich Geld verdienen? Ich hab ihm die Frage entsprechend unseres Gesprächs auf englisch beantwortet:

„Well, the secret is: we do not!“

Die Tour war wirklich nicht lang, es ging zum Radisson Blue am Alex, aber er brachte ein paar sehr pointierte Fragen unter zu meiner Arbeit und ihrer Bezahlung, dass ich es schon beachtlich fand. Er betrieb das beileibe nicht, um einfach eine Vorlage für Smalltalk zu finden, ihn haben die Berliner Taxifahrer wirklich interessiert.

Am Ende stand die Uhr bei 8,90 € plus eben dem einen Fünfer Zuschlag. Er kramte einen Zehner raus und meinte:

„This is for the ride.“

Dann legte er einen Fünfer obenauf und betonte:

„And this is for the other taxi we would normaly have taken too.“

Dann sammelte er ein wenig Kleingeld unter den Mädels ein und überreichte sie mir mit den Worten:

„And this is the tip. You’re doing a great job, I appreciate that. I couldn’t do that and you should be proud of what you’re doing. This is great. I enjoyed to meet you and I wish you a very succesful shift!“

Ich könnte jetzt pseudopathetisch damit schließen, dass diese Worte mir viel besser getan hätten als das Geld. Und ja, das haben sie vielleicht, das hat sich echt gut angefühlt. Aber als chronisch unterfinanzierter Taxifahrer muss ich doch auch mal anmerken, dass satte 11,80 € Trinkgeld einfach auch eine ziemlich geile Sache waren! 😀

Erst mal zur Aral …

Biermeile-Kundschaft. Zwei Kerle, gut einen im Tee, eher prollmäßig gekleidet – aber nach dem ersten Hallo zwei eigentlich gar nicht so unsympathische Gestalten. Sie waren jedenfalls die meiste Zeit damit beschäftigt, über ihre Freundschaft und die zu den anderen eben zurückgelassenen Leuten zu philosophieren. Und wo sollte es hingehen?

„Ersma zur Aral – ich will noch’n Bier. Und dann nach Hohenschönhausen!“

„Ähm, welche Aral denn?“

„Die auffer Brücke. Immer geradeaus, sag ick Dir dann.“

Die in Lichtenberg also. Kann man machen, ist halt ein „kleiner“ Umweg:

"Immerhin fast eine Gerade …" Quelle: osrm.at

„Immerhin fast eine Gerade …“ Quelle: osrm.at

Ich hab da jetzt aber auch nicht den Besserwisser raushängen lassen. Ich hätte zwar vermutet, die Total-Tanke an der Storkower hätte auch ein Beck’s und ein Berliner Kindl gehabt, aber was weiß ich schon …

Der Stopp an der Tanke dauerte. Der Ausgestiegene ließ es sich nicht nehmen, am Nachtschalter mit einer ebenfalls dort vorgefahrenen anderen Kundin zu flirten und überhaupt war die Stimmung angenehm entspannt. Wünscht man sich viel öfter genau so mit Partygängern. Nach dem Wiedereinstieg kam dann das Problem auf, dass die Bierflaschen ja geöffnet werden mussten. Die beiden verfielen in einen gewissen Sucheifer, den ich mir nicht lange angetan habe. Ich hab ihnen mein Feuerzeug gereicht. Der Erste öffnete sein Bier und war glücklich. Der Zweite im Grunde auch, nur stammelte er anschließend, dass das Feuerzeug nun wohl hinüber sei.

„Ach, wenn da Plastik abgesplittert ist – scheiß drauf!“

„Nee, Meista, ehrlich: Du brauchst ein neues! Hol ick Dir, keen Problem. Aber Du brauchst ein Neues!“

Und in der Tat, er hatte mal eben versehentlich den kompletten Kopf mit dem Zündmechanismus abgebrochen.

„Tut mir ehrlich leid, weeßte, eijentlich sind wir Profis im Bieraufmachen, ehrlich, ick schwör!“

Hätte ich nicht die traurigen Überreste meines Feuerzeugs in der Hand gehalten, ich hätte es geglaubt. Aber gut, so haben wir am Ende noch einen zweiten Tankstellenstopp gemacht. Dieses Mal war die Kassiererin diejenige, die sich einen langen Monolog mit sicher quälenden Entscheidungsfragen gefallen lassen musste, zumindest blickten sie und der Kunde hinter ihm interessiert in meine Richtung, wohl um zu sehen, wer denn dieser Taxifahrer ist, der so gewaltsam um sein Eigentum gebracht worden war. Freudestrahlend kehrte er dann zurück und überreichte mir feierlich gleich zwei Feuerzeuge.

„Eines von denen gefällt Dir hoffentlich!“

Eine gewagte Aussage bei zwei identischen. 😉 (Für ein Foto: Twitter)

Am Ende setzte ich sie beide an ihren Wohnungen ab und für die ohnehin reichlich teure Tour (29,90 €) gab es auch noch ein Trinkgeld von 2,10 € obenauf. Natürlich klappt das nicht immer – aber genau sowas erhoffe ich mir, wenn ich die Biermeile entlanggurke und auch mal anhalte, obwohl ich skeptisch bei den Fahrgästen bin.

Danke, Internet!

„Was soll’n hier der Scheiß mit 5 € Zuschlag?“

„Genau! Wofür bitte ein Fünfer?“

„Haste se nicht mehr alle!?“

„Das kannste Dir gleich stecken, Alter!“

🙁

Aber gut, man gibt ja selbst die Resterampe von der Biermeile nicht vorschnell auf:

„Das ist der Zuschlag für mehr als vier Personen.“

Aber, nun ja:

„Das ist niemals ein Fünfer, verarsch mich hier nicht. Das sind zwofuffzich.“

„Genau genommen waren das einsfünfzig …“

„Sag ich doch!“

„… bei einer Person extra. BIS VOR EINEM MONAT …“

„Ach laber nich‘, Alter … ich fahr doch jede Woche Taxi, pass bloß auf – ich googel das!“

„Ja, bitte, mach mal!“

Das Geplärre ging weiter, die Truppe war der wahrgewordene Alptraum nach einer Tariferhöhung. Den Scheiß könne ich mir abschminken, sie würden mich sowieso gleich anzeigen, ich hätte ja wohl keine Ahnung vom Taxifahren – wenn alle geprellten Kunden so drauf wären, gäbe es kaum noch Betrüger unter Taxifahrern, ganz ehrlich! Muss man mal anerkennend sagen. Und sauer bin ich auch so nicht auf sie, denn der Typ neben mir hat tatsächlich kurz sein Telefon befragt und anschließend einmal scharf in die Runde gerufen:

„EY, HALTET MAL DIE FRESSE! ER HAT RECHT! Er hat Recht, das ist wirklich der neue Tarif!“

Und – zack! – war das eine eigentlich ganz angenehme Tour mit einem Zwischenstopp an der Bank, mit auf meinen Wunsch hin nicht zu großscheiniger Bezahlung und am Ende einem normalen Trinkgeld. Geht doch. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

„Schnelle“ Winkertouren

Es war genug los in der Stadt, also hab ich mich nicht gewundert, dass eine Truppe dreier älterer Frauen mich in der Wühlischstraße herangewunken hat.

„Einmal in die Scheffelstraße …“

So sei es. Rund ein Zehner vielleicht, eine nette kleine Tour um die Ecke, wenn man so will. Am Zielpunkt meinte dann eine der Fahrgästinnen:

„Nein nein, machen Sie die Uhr nicht aus, ich muss ja noch weiter!“

Auch nicht schlecht. Also vielleicht doch eher 15 €.

„Wohin soll’s denn noch gehen?“

„Nach Buch.“

0.0

Noch. Besser. Mit Umweg über die Autobahn, einer gesperrten Straße und grundsätzlich einer ziemlich weiten Strecke waren das mal eben fixe 38 € auf der Uhr. Natürlich keine Jahrhundert-Tour, aber doch eher sowas, was einen nur einmal die Woche ereilt. Und dann im Normalfall nicht als Winkertour ohne Stress, sondern als Tour vom Stand mit Preisverhandlungen. In dem Fall war alles mehr als perfekt: Kein Stress, 10% Trinkgeld und auf dem Rückweg sogar zwei (!) weitere Fahrten, was die ohnehin schon gerettete Schicht fantastisch werden ließ. Mehr davon, heute noch, bitte! 😀