Sooo knapp vorbei …

Die Schicht heute Nacht hat dem Gewerbe alle Ehre gemacht und war völlig durchgeknallt. Gar nicht mal wegen der Fahrgäste, nee nee! Das fing schon mit den Touren an. Während ich ja eigentlich auf 200 € Umsatz zielen wollte, lief es am Anfang zeitgleich gut und total bekloppt. Ich hatte fast in jeder Stunde gleich zwei Touren – was an und für sich mehr als ausreichend gewesen wäre – aber ausnahmslos sehr kurze. Nach den ersten vier (!) Fahrten stand mein Umsatz bei 21 € – und da war nur eine einzige Kurzstrecke dabei …
Ich hätte mich ja beinahe überzeugen lassen, dass an diesem Freitag-der-13te-Geseier irgendwas dran ist.

Aber gut, nichts währt ewig. Am Ende wurden die Fahrten länger und das Ergebnis sollte auch noch ganz passabel werden. Einen Moment nahezu unanständiger Hoffnung hatte ich, als ich am Berghain 6 Jungs im Auto verteilt hatte. Sie waren ein bisschen verärgert, nicht ins Berghain gekommen zu sein. Dabei war jetzt nicht soo viel schlimmes daran, dass der Club von einem meiner Kollegen empfohlen worden war. Wer nach einem „sehr guten Club“ fragt … aber klar ist es hart, abgewiesen zu werden. Vor allem, wenn man das aus der Heimat nicht kennt:

„Look at us, my friend! We are the best looking men in finland!“

Aber gut. Für eigentlich recht anspruchslose Touristen lässt sich im näheren Umkreis ja immer eine Alternative finden. Ich wähle da immer gerne den Tresor. Der hat (noch von der alten Location her) einen verdammt guten Ruf und ist in wenigen Minuten erreichbar. Auf der anderen Seite ist es auch nicht der allernächste, die Fahrt bringt immerhin einen Euro mehr als das Watergate oder der Kater Holzig. Beim Kater allerdings sind die Türsteher manchmal offenbar auch wählerisch, am Watergate ist die Schlange manchmal sehr lang. Beides hab ich vom Tresor noch nicht gehört, so dass ich denke, das geht schon in Ordnung.

Und während ich das so vorschlage, will einer der Jungs die anderen doch tatsächlich überreden, noch in ein Rotlicht-Etablissement zu wechseln. Hätte er das mal hingekriegt – ich hätte an der Tour mehr verdient als am ganzen Wochenende. Bei sechs Leuten!

Aber gut, hat nicht sollen sein. Also blieb es beim Tresor. 7,00 € + 3,00 € Zuschläge ohne Trinkgeld. Bis dahin die umsatzstärkste Fahrt an dem Abend. Immerhin, auch wenn’s ein bisschen schmerzt. 😉

Das einzige, was wirklich genervt hat, war das Auto. Die Bremsen, die Stabilisatoren, vielleicht auch noch irgendwas. Sollte bald mal gemacht werden. Heute Nacht hatte die Kiste für jede Lebenslage ein eigenes nicht ganz freiwilliges Geräusch parat. Meistens nicht schlimm – wenn man am Ostbahnhof durch die Schlange geht, hat immer irgendeiner gerade irgendwas am Auto – aber mich hat’s furchtbar gestresst. Vor allem, weil ich jetzt am Wochenende ja auch nicht wirklich auf Besserung hoffen kann. Ich mag es einfach nicht, wenn irgendwas nicht klingt, wie es soll. Dummerweise sind die meisten Kollegen da weit weniger empfindlich … 🙁

… und über den Berg ist es weiter als zu Fuß.

Manche Kunden sind nicht so gut darin, Geschenke anzunehmen. Wiederum andere blicken vermutlich einfach gar nicht mehr, was man sie fragt. So wohl auch dieser sehr nette Winker. Er hielt mich an der Danziger Straße an und es entspann sich folgender Dialog:

„Guten Abend, ich muss gar nicht weit.“

„Soll ich’s dann mit einer Kurzstrecke versuchen?“

„Nee, danke. Is‘ lieb – aber fahr besser geradeaus!“

0.o

Hey, die Kurzstrecke hat Einschränkungen, ja. Aber geradeaus fahren darf man mit ihr trotzdem. 😉

In dem Fall war es im Grunde wohl völlig egal. Auf der Uhr standen extrem kurzstreckentaugliche 4,80 € und ich hab einen Zehner bekommen. Bei der Großzügigkeit muss man wahrlich nicht mehr über Rabatte und Sparpreise nachdenken …

Gute Miene zum bösen Spiel

Als ich gerade an einer Ampel zum Stehen kam, öffnete er die Türe. „Also doch kotzen!“, dachte ich bei mir, während mein Fahrgast sich sehr unelegant aus dem Auto hangelte und beinahe auf die Straße gefallen wäre.

„Du musst kotzen? Soll ich rechts ranfahren?“

„Alles ok!“

Er taumelte ungelenken Schrittes davon, wobei das Ziel unklar war. Eine völlig verwaiste Straße in Tempelhof, außer einem Parkhaus kaum Spuren von Zivilisation zu erkennen. Ich stellte das Auto mit eingeschaltetem Warnblinker vollkommen illegal auf den Gehweg und stieg aus, meinen Fang betrachtend.

„Wo willst’n hin?“

„Verpiss Dich!“

„Na na, ich dachte, es soll nach Hause gehen!?“

„Leck mich, hau ab!“

„Du hast noch nicht mal bezahlt!“

In manchen Momenten werde ich von stoischer Gelassenheit übermannt. Ein betrunkener Fahrgast, der mich beschimpft und offensichtlich ohne zu zahlen abhauen will, gehört eigentlich nicht in die Liste der Situationen, in denen man sich gut fühlt als Taxifahrer. Aber der Typ war so blau, der war weder in der Lage, sich mit mir anzulegen, noch konnte er ernsthaft weglaufen. Und Geld hatte er auch genug dabei.
Die letzte Fehlfahrt war zwar erst 24 Stunden her, aber bei dem Knilch wollte ich nicht aufgeben. Er saß ja nicht grundlos im Taxi. Gut 10 Minuten zuvor wurde er von einem besorgten Freund ins Auto gesetzt, der mich anflehte, ich möge den Kerl doch bitte heil nach Hause bringen. Er steckte selbigem einen Fünfziger zu und ermahnte mich, ich solle ihm ja das Rückgeld geben. Für den offensichtlich desolaten Zustand des Fahrgastes war mir die Strecke von fast zehn Kilometern zwar eigentlich zu lang, aber was tut man nicht alles! Fürs Geld – und in solchen Fällen nicht zuletzt auch um zu helfen.

Ich setzte mich nun ins Auto, wendete und fuhr meinem Fahrgast hinterher, der inzwischen in einer Mauernische mehr oder weniger erfolgreich versuchte zu pinkeln. Warum er eben so sauer geworden war, war mir unbegreiflich, da er sich den ganzen bisherigen Fahrtverlauf ausschließlich bei mir dafür bedankte, heimgebracht zu werden. Und ich hoffte auf einen erneuten Stimmungsumschwung. Ich hielt provokativ direkt neben ihm, stieg aus, zündete mir eine Zigarette an und starrte ihn an. Das handhabe ich so nicht wirklich regelmäßig, wenn ich Leute irgendwo pinkeln sehe, aber es hat in dem Fall seine Wirkung nicht verfehlt. Er kam irgendwann unsicher aus seiner Nische hervor und fragte schüchtern, ob ich ihn heimbringen würde. Na also!

„Du bringst mich echt nach Hause?“

fragte er noch einmal, als er bereits im Auto saß. Ich antwortete ganz locker, als ob nichts gewesen sei:

„Ja klar. Die Bla-Keks-Straße 7 in Britz, dafür bin ich doch hier.“

Die blonde Locke, die ihm ins Gesicht hing, als er mich ungläubig anstarrte, ließ ihn etwas verwegen aussehen. Tatsächlich war ein Schönling aus dem Bilderbuch, dessen Look allerdings unter der fraglos zu langen Nacht bereits etwas gelitten hatte. Es war völlig klar, dass er sich einfach nicht mehr wirklich erinnerte, dass wir das mit der Adresse noch im Beisein seines Kumpels geklärt hatten. Diese kleine Straße in einem Wohngebiet hatte mir am Anfang auch nichts gesagt, es war das Navi, das uns bis hierher gebracht hatte und uns auch weiterbringen sollte. Für meinen Kunden war es aber offenbar eines der größten Mysterien der Menschheitsgeschichte, dass ein Taxifahrer ihn vom Pinkeln abholt und seine Adresse kennt. Hihi.

Zunächst murmelte er etwa eine Minute lang, dass er nicht wisse, was er glauben soll, dann revanchierte er sich für mein Anstarren. Und das tat er gut. Minutenlang. Ich hab nach einer Weile ernsthaft in Erwägung gezogen, dass er mich anbaggern wollte. Im Grunde war es in dieser Situation aber nicht schlecht, denn so lange er sich aufs Starren konzentrierte, schlief er nicht ein oder machte irgendwelche Dummheiten. Entsprechend schnell legten wir den zweiten Teil der Strecke zurück. Ich parkte das Auto in seiner schmalen Straße ein paar Meter entfernt in einer Einfahrt und überraschte ihn mit meiner hellseherischen Gabe ein zweites Mal, als ich ihm erzählte, er hätte 50 € in der Hosentasche. Obwohl die Fahrt trinkgeldlos blieb, kam dann zuletzt doch noch die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Mit zerknüllten 30 € Wechselgeld in der Hand schwankte mein Fahrgast an der geöffneten Türe umher, lehnte sich ins Auto, kippte fast hinein und sagte dann:

„Des‘ jetz‘ echt mal nett von Dir. Danke, echt jetz‘. Und sorry, dass ich jetz‘ so’n Arschloch war, sorry, ok?“

Wenn ich ihn mal wieder nüchtern treffe, dann erkläre ich ihm, dass das Taxameter ja auch weiterläuft, wenn er gerade schmollend und pinkelnd in einer Ecke steht. 😉

Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“

Ausgehen in Berlin

Nicht ins Berghain reinkommen – das passiert nun ja einigen Touristen. Die wenigsten sehen es so gelassen wie die fast noch jugendliche Truppe, die ich eine Stunde zuvor im Auto hatte. Sie hatten zwar nicht unbedingt jenen Plan B, den ich der harten Türpolitik wegen allen Leuten empfehlen würde, aber sie hatten sich bereits durchs halbe Internet gegoogelt und hatten jede Menge Ideen und Vorschläge. Einer davon war das Kitkat. OK. Wie wild es da wirklich zugeht, und ob an jenem Tag irgendeine besondere Veranstaltung war, weiß ich nicht. Wirklich überregional bekannt ist der Club allerdings vor allem wegen der dort gelebten sexuellen Freizügigkeit in allerlei Richtungen, und danach sahen die Jungs nun so eher weniger aus.
Gut, des Aussehens wegen braucht man keine Vorurteile haben – ich hab da bislang auch nur Leute hingebracht, bei denen es mich nicht wundern würde, sie morgen in der Bank als Kundenbetreuer zu sehen. Aber da mir als Alternativziele die üblichen Verdächtigen (Tresor, Watergate und sogar das Matrix) genannt wurden, war ich froh, dass sie sich letztlich zum Tresor bringen ließen. Was ja ohnehin direkt ums Eck war.

Wie der Zufall es so will, hatte ich nun, eine Stunde später, Kundschaft aus dem Berghain im Wagen, die ganz offensichtlich allerlei Abenteuern nicht abgeneigt war. Ob heute im Kitkat was los sei, wollten die beiden Kerle wissen. Ich verneinte, musste aber zur allgemeinen Belustigung anführen, wie ich kurz zuvor die Kiddies dort nicht hingebracht hatte. Einer der beiden fasste das dann so zusammen:

„Jaja, das Kitkat. Als ich das erste Mal da war, war ich etwas geschockt. Ich wollte nur kurz auf’s Klo und da lag dann ein Typ in Ganzkörper-Latexkostüm im Pissoir und hat mich angefleht, ihn anzupinkeln …“

Nein, ich schätze, das wäre doch etwas mehr gewesen, als sich die anderen vom „Ausgehen in Berlin“ so erhofft hatten. 😉

Tour des Tages

Vorwort:

Um ehrlich zu sein, wollte ich diesen Artikel heute nicht schreiben. Ich hatte zwar genug Stichworte und Erinnerungen hier rumliegen, aber mir war danach, es an meinem Geburtstag mal gut sein zu lassen. Nicht ohne Grund höre ich an meinem Geburtstag immer als erstes dieses Lied. Ich bin ja immer da und mache dieses oder jenes, aber auf meinen Geburtstag freue ich mich immer noch wie ein Kind und lasse es mir gut gehen. Momentan trinke ich ein Bier und höre Musik, heute Abend geht’s dann ins Kino (Gravity – den man schon wegen dieses absolut grandiosen „Verrisses“ von Eugen Reichl ansehen muss.). Und dann mal sehen. Was leckeres kochen vielleicht.
Naja, Schreiben kam da eigentlich nicht drin vor. Aber während im großen Hohlraum unter meiner Schädeldecke die Beats von Lars Ulrich miteinander Fangen spielten, ist mir doch ein wenig unwohl geworden bei dem Gedanken. Dass ich da so sitzen konnte, verdankte ich dem Leser oder der Leserin, der/die mir die neuen Kopfhörer geschenkt hat. Ihr seid meinem Aufruf fleißig gefolgt und auch wenn ich dieses Vorwort hier ziemlich breittrete, kann ich gar nicht alle Geschenke aufzählen. Haufenweise interessante Bücher, daneben praktische Helferlein für die Küche, neue Spiele, Chilis, Socken, und und und … das sich über Geburtstage freuende Kind in mir ist jedenfalls überglücklich. Und es ist noch nicht einmal alles angekommen.
Naja, irgendwie kam ich mir jedenfalls doof vor, ausgerechnet heute nicht zu bloggen, wo mein heutiger Tag doch auch durch Euch so großartig ist. Also hab ich eben die Herren Hetfield und co. um eine Pause gebeten und den Tab mit WordPress geöffnet. Fühlt sich fast noch besser an. 🙂

So, jetzt aber! Blogeintrag:

Ich kam am Berghain an. War ein günstiger Zeitpunkt. Es lief dort gut, die Schlange am Eingang war lang. Ergo: Viele Leute, die abgewiesen werden und woanders hin müssen. Sicher, das sind nicht die dicken Touren, aber wenn man schnell wieder weg ist von der Halte … und manchmal sind ja auch Glücksgriffe dabei. Meiner war etwas sonderbar.

Eine fünfköpfige Truppe Jungs, meiner bescheidenen Interpretation nach Kanadier. Die Interpretation stützt sich vor allem darauf, dass sie französisch sprachen, mit mir aber in gutem Englisch reden konnten. Etwas, das ich bei Franzosen noch nie erlebt habe, der Akzent ist immer unter aller Sau – allerdings auch so unglaublich witzig! 🙂

Naja, ist ja auch egal. Die Jungs fragten mich, ob ich sie alle mitnehmen könnte, was ja kein Problem ist. Wie zu erwarten war, wollten sie in einen Club.

„Do you know the Twister?“

„No, sorry guys. Do you have a street for me?“

An dieser Stelle kann mich vielleicht ein Berliner Kollege aufklären. Ich hab noch nie von einem solchen Club gehört und auch die oberflächliche Google-Suche spuckte nur ein Tattoostudio aus.

„Well, no. I, I call my friend. He’s inside …“

Na gut. Soll mich ja mal nicht stören. Ich hab die Uhr noch nicht angemacht, bislang war ja wirklich noch nicht klar, ob das was werden würde. Bis auf einen der Jungs saßen schon alle im Auto, ich hab die Fackel mal ausgemacht, damit die anrückenden Kollegen vorbeifahren. Vor uns war inzwischen Platz frei geworden und ich stand blöd im Weg. Die folgenden Ereignisse auf ihrer Seite kann ich nicht so gut nachvollziehen, denn mein Französisch ist wirklich festgerostet inzwischen. Der Typ hinten rechts, der etwa so aussah wie Justin Bieber an einem Bad Hair Day, telefonierte zwar kurz mit seinem Kumpel, aber irgendwas klappte nicht. Dann wartete er darauf, zurückgerufen zu werden.

Vor uns wurde die Taxischlange kürzer und die Jungs begannen, sich zu entschuldigen. War alles noch im grünen Bereich, aber mit der Zeit wurde ich etwas genervter. Klar wäre es ok gewesen, das Taxameter schon anzumachen, aber das Geschrei wäre sicher groß gewesen, wenn das mit dem Club ausgefallen wäre und sie nur zum Ostbahnhof hätten laufen wollen. Nachdem das Schauspiel aus Telefonieren, Googeln und Warten fünf Minuten anhielt, hab ich einfach mal recht scharf dazwischengefragt, ob das noch was wird und dass ich zwar gerne die ganze Nacht warte, aber dann doch die Uhr anmachen würde.

Mir wurde wirklich aufrichtig geknickt mitgeteilt, dass das bestimmt gleich klappen würde und der schlacksige braunhaarige Typ auf dem Beifahrersitz legte mir eine Zwei-Euro-Münze aufs Armaturenbrett mit der Bitte, die Warterei zu entschuldigen. Eigentlich wirklich herzallerliebste Kerle. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sie allerhöchstens 20 waren und schon getankt hatten.

Das mit dem ominösen Twister, das sie „on the internet, damnit!“ gefunden haben wollen, löste sich in Wohlgefallen auf. Aber sie hatten eine neue Idee:

„You know a place called Fits? Fits Club?“

„Do you mean Fritz?“

„Yeah! Filitz-Club!“

Ich wollte, ich hätte mich verhört. Der Fritz-Club liegt – die meisten von Euch wissen das wahrscheinlich inzwischen – direkt am Ostbahnhof, keine 700 Meter entfernt. Wäre ich skrupellos gewesen, hätte sich da sicher was machen lassen, denn die Jungs hatten keine Ahnung:

„Would that be far?“

„You’re serious? This is 400 meters from here.“

Ich war nicht so angepisst, wie das niedergeschrieben vielleicht aussehen mag, aber offenbar war ihnen das selbst etwas unheimlich.

„Uh! That is bad! Shit, man! We let you wait and then …“

„Guys, keep cool. I’ll bring you there, no problem. But it will cost around 6 € for only a few meters …“

… und ich wäre schnell wieder hier, wo sich die Schlange so langsam auf wenige Wagen verkürzt hat. Als wir uns dann letztlich vom Acker gemacht haben, hatte ich sicher ein paar Minuten länger gewartet, als wenn ich einfach in der Schlange vorgerückt wäre. Aber: So ganz mein Schaden sollte es nicht sein. Denn in ihrer Sorge, das mit dem Fritz-Club wäre zumindest mal für mich scheiße, haben sie schnell noch das Ritter Butzke ins Spiel gebracht. Mit grob einem Zehner ist das zwar keine Hammer-Tour, aber immer noch besser als die üblichen Verdächtigen der abgelehnten Berghain-Kundschaft (Watergate, Tresor, Kater Holzig, RAW, Suicide Circus …)

Außerdem hatte ich ja noch die zwei Euro auf dem Armaturenbrett. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Rettungen …

Da will ich mich gerade nach Hause schleichen; im Wissen, ganze 50 € hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben zu sein. Und dann hab ich nochmal Winker. Am Ende waren es nur noch 20 €, die gefehlt haben. Die letzte und ungeplante Tour hat mal wieder alles rausgerissen und die Schicht von „Bockmist“ zu „Ach, passt schon irgendwie“ gedreht. „Supergeil“ war da einfach nicht mehr drin. Aber die Fahrt suchte wirklich ihresgleichen.

Die Truppe selbst war ehrlich gesagt eher nervig. Angetrunken, laut, doofe Prolls noch dazu. Aber, um ehrlich zu sein: mir gegenüber eigentlich ganz nett. Erst zu einem Club, der leider schon zu hatte, dann zur Heimat der großen Truppe. Zu guter Letzt musste der inzwischen weggezogene Genosse auch noch heim. Das sieht auf der Karte dann schnell mal so aus:


Größere Kartenansicht

Ich belasse es jetzt einfach mal dabei, mich über den Glücksfall zu freuen.

PS: Wegen der 20 fehlenden Euro fahre ich heute nicht mehr raus. Die erledige ich nächste Woche einfach so nebenbei mal mit. Und ich bin guter Dinge, denn bis Silvester geht es jetzt erst einmal wieder aufwärts mit den Umsätzen. 🙂