Sorry, Taxiblogger!

Nummer eins!

Hab mich gerade mal wieder zu google verirrt und bei einer kleinen Anfrage nebenbei festgestellt, dass ich derzeit mit den Begriffen „taxi blog berlin“ das erste Suchergebnis bin. Mir ist schon klar, dass ich seit spätestens Anfang dieses Jahres zu den bekanntesten Taxibloggern gehöre, aber dass ich Frank Fischer bei google mal toppen würde in dieser Stadt… wow!

Olé oléoléolé! Screenshot: google.de

Olé oléoléolé! Screenshot: google.de

Zur Versöhnung: Mit „taxi blog“ ohne Ortsangabe bin ich nach wie vor Dritter hinter Frank und Torsten.

WegbeschreiberInnen

Klaus hat inzwischen einen eigenen Beitrag daraus gemacht, dann möchte ich zumindest darauf verlinken:

Evelyn Kokes aus Linz hat vor, eine künstlerische Diplomarbeit über Berlin mit Hilfe von Wegbeschreibungen Berliner Taxifahrer zu machen. Ich finde die Idee ziemlich ungewöhnlich und interessant und werde wohl mitmachen. Die Details entnehmt ihr bitte dem Beitrag von Klaus, bzw. der von ihm veröffentlichten Mail von Evelyn.

Sie sucht noch Taxifahrer für die Arbeit, also denkt mal drüber nach, liebe Kollegen!

Bitte kauft euch eine Karte!

Berlin ist ziemlich groß und kann schon mal einschüchternd wirken auf Neulinge. Als Taxifahrer bin ich es inzwischen gewohnt, dass mich reihenweise Leute nach dem Weg irgendwohin fragen. Meist beschränkt sich das auf einen Club in unmittelbarer Nähe oder eine Straße, die 2 Blocks weiter liegt. In solchen Fällen ist schnell geholfen und es entstehen nicht wieder so peinliche Momente wie damals in Kreuzberg, als ich noch auf die Ortskundeprüfung gelernt habe, und einer Frau am Heinrichplatz gesagt habe, dass ich von einer Naunynstraße wirklich noch nie was gehört habe…

Aber am vergangenen Wochenende war ich wirklich überfordert. Erklärt mal fremdsprachigen Menschen am Ostbahnhof, wie sie nach Hannover kommen!

Mal abgesehen davon, dass ich zunächst wirklich nicht wüsste, auf welche Autobahn ich da müsste: Wie erkläre ich denn von dort aus möglichst einfach den Weg zu irgendeiner Autobahn? Einen ungünstigeren Punkt zum Fragen kann man sich ja kaum suchen…

Ich studiere NICHT!

Ca. 50 bis 70% meiner Kunden sagen ihn, den einen immer gleichen Satz:

„Und wie ist das, studieren sie nebenher?“

Meine Antwort ist in der Regel ein von einem dezenten Lachen begleitetes

„Nein, ich mache das hauptberuflich und freiwillig…“

Es ist faszinierend, dass ich als noch verhältnismäßig (zumindest im Vergleich zu Heesters und Berlusconi) junger Mensch diesen Satz immer wieder zu hören bekomme. Klar, das Klischee vom Studenten, der nebenher Taxi fährt, existiert noch. In Berlin ist jedoch dank straffer Studienpläne und einer recht harten Ortskundeprüfung die Wahrscheinlichkeit größer, dass der alte Fahrer ein Professor ist, als dass ein Jungspund wie meine Wenigkeit Student ist.

Ich kann die Frage schon verstehen, aber in einer gewissen Art und Weise nervt sie auch. Das liegt noch nicht einmal an der Frage selbst – sie impliziert doch eigentlich eher, dass die Fahrgäste den Eindruck haben, ich hätte eigentlich mehr auf dem Kasten, als ein Auto durch die Nacht zu lenken. Habe ich sicher auch.

Das Nervige an dieser Frage ist eigentlich das, was nach meiner Antwort eintritt: Eine kurze verlegene Stille…

Ich weiss, Taxifahrer verdienen nicht gut, und die geistigen Fähigkeiten, die nötig sind, um diesen Job durchschnittlich auszuführen, bewegen sich irgendwo kurz hinter dem Evolutionssprung, der die Menschheit dereinst veranlasste, sich nicht mehr mit Affen zu paaren. Sollte man meinen. Dabei stoßen mir zwei Dinge bitter auf:

Zum einen:
Klar kann jeder Depp prinzipiell mit ein wenig Talent ein Auto steuern und Befehle entgegennehmen. Für die tatsächliche Dienstleistung, die zum Teil ja auch aus der Unterhaltung und der Zufriedenstellung der Fahrgäste besteht, sollte man dennoch eine gewisse Intelligenz und Sozialkompetenz mitbringen. Schließlich „muss“ ich als Taxifahrer Gelangweilte unterhalten, Gestressten Ruhe und Ängstlichen Sicherheit vermitteln, Besoffene zur Ordnung mahnen, Deprimierte aufbauen, Verzweifelte trösten und… ach ja, nebenher Auto fahren und das alles verarbeiten.

Zum anderen:
Ja, ich bin nicht der Dümmste, ich kann mich ausdrücken und trotz meines besch… eidenen Abiturs hätte ich sicher die Möglichkeit gehabt, einen anderen, „besseren“ Job zu machen. Dennoch sitze ich Abend für Abend in meiner Taxe und bin – wirklich fast jeden Abend – ein ums andere Mal froh, dass ich diesen Weg gewählt habe.

„Ich habe mein Abitur gemacht, um auswählen zu können, was ich machen will – nicht, um auf jeden Fall zu studieren!“

pflege ich gerne zu sagen. Mir ist klar, dass dieser Lebensentwurf insbesondere beim konservativen Teil der Bevölkerung ewig auf Unverständnis stoßen wird. Dass die unterschwellige Überzeugung, man könne ja wohl nur im „Notfall“ Taxifahrer werden, so weit verbreitet ist, lässt mich dann doch manchmal geradezu verzweifeln.

Natürlich stehen am Ende solcher Diskussionen immer wieder Sätze wie

„Das finde ich gut!“,

„So eine Einstellung ist echt positiv!“,

„Ich habe echt Respekt vor solchen Leuten!“,

und natürlich ist das irgendwie schön. Wahrscheinlich habe ich sogar wirklich schon den ein oder anderen davon überzeugen können, dass dieser Job nicht zwingend die letzte Haltestelle vor Hartz4 ist. Auf der anderen Seite ist es wahrlich erschreckend zu sehen, wie viele – die sich völlig selbstverständlich im Taxi chauffieren lassen – offenbar davon ausgehen, dass das ja kein „richtiger“ Beruf ist.

Diese Konfrontation mit pseudo-mitleidiger Kundschaft teile ich wahrscheinlich mit Putzfrauen, Zimmermädchen, Altenpflegern und wahrscheinlich sogar mit Krankenschwestern.

Ich kann damit wirklich ohne weiteres umgehen, denn ich bin ein Mensch, der inzwischen ein vernünftiges Selbstwertgefühl entwickelt hat. Zumal – so zeitintensiv sie sein mag – meine Arbeit stets nur Ausdruck meiner Einstellung ist, und nicht meine Identität bestimmt.

Ich bin „nur“ Taxifahrer, das ist wahr. Aber in dieser Position befinde ich mich täglich auf Augenhöhe mit Wirtschaftsprofessoren und besoffenen Punks gleichermaßen. Und im Gegensatz zu den meisten sehe ich mich diesbezüglich in einem sozialen Vorteil – nicht etwa irgendwo unten, nur weil auf meinem Gehaltsnachweis ein paar Euro mehr oder weniger im Vergleich zu den anderen draufstehen.

Zumal ich auch hier mal wieder die sozialrevolutionäre Karte ausspielen und fragen könnte: Könnten wir eher auf den Manager von Daimler verzichten, oder auf den Typen, der da die Bremsen installiert? Eben.

Aber um noch kurz ein Fazit zu bringen:

Fragt doch, was ihr wollt! Nach den Anforderungen meiner Kundschaft müsste ich über die Bettenqualität in 5-Sterne-Hotels ebenso Bescheid wissen, wie über die Preise und Hygiene auf dem Straßenstrich. Ich möchte mal das Studium sehen, das mir dieses Wissen zuteil werden lässt…

Fühle den Rhytmus

Innere Uhren sind reichlich blöd!
Die wollen einfach nicht einsehen, dass man auch mal Nachtschicht arbeitet. Nun aber mal in Ruhe:
Ich bin eigentlich schon immer ein Gegner davon gewesen, seinen Tagesablauf nach einer Arbeit richten zu müssen. Mein Verständnis vom Sinn von Arbeit kommt da nur bedingt mit. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass man nicht für seine Arbeit lebt, sondern eine Arbeit annimmt, um sich das eigentliche Leben finanzieren zu können. Nun habe ich mit der Aufnahme meiner Arbeit als Taxifahrer so etwas ähnliches wie einen inneren Konflikt, weil die Arbeit seitdem meinen Tag ganz enorm bestimmt. Im Gegenzug dazu mag ich den Job aber auch wahnsinnig, und er ist mir die geforderte Zeit wert, ja er stellt tatsächlich einen Anteil meines Lebens.
Die innere Uhr ist damit aber nur bedingt einverstanden. Ja, ich habe den ersten Monat noch „zu unregelmäßig“ gearbeitet, die Gewöhnung ist sicher noch nicht ganz da – aber es ist schon erschreckend zu sehen, wie schnell ich wieder bei einem normalen Tag-Nacht-Rhytmus gelandet bin. Obwohl Silvester aufgrund des Feier-Maximums um 0.00 Uhr eigentlich das perfekte Nachtschichtler-Fest ist, bin ich früh ins Bett gefallen und hab mal wieder zu kurz geschlafen. Das Ergebnis war: Ich habe den ersten Januar bereits um 11.39 Uhr begonnen und war Abends um Mitternacht totmüde. Das ist ein paar Stunden zuviel vom besten Rhytmus entfernt. Naja, jetzt habe ich so eine Art Mittagsschlaf gehalten und damit sollte es recht gut funktionieren, aber es ist schon seltsam. Aber grundsätzlich bin ich froh, dass ich keine wechselnden Schichten habe, sondern wenigstens bei der Nacht bleiben kann. Ob sich langfristige Veränderungen einstellen – man hört ja so allerhand über die Gemütsveränderungen, wenn man kaum Tageslicht abbekommt – das werde ich sehen. Ich denke, die ersten Monate ist man vor so etwas noch gefeit.
Vielleicht wird sich der ein oder andere wundern, dass ich mich so ausgiebig mit dem Thema beschäftige. Das hat aber auch einen guten Grund: Fast jede Nacht sehe ich Kollegen, die um 5 Uhr morgens am Taxistand kaum mehr durchs Hupen der Kollegen oder durch Fahrgäste geweckt werden können. Da ich meine Tätigkeit als Fahrer ernst nehme, und mir der Gefahr von 10 Stunden Fahren in Dunkelheit bewusst bin, glaube ich eben, dass ich am besten wirklich ausgeschlafen in eine Nacht starten sollte. Zugegeben, das „Früher Schlußmachen“ im Zweifelsfall gehört natürlich auch dazu!
So, und nun sitze ich eine Weile nach einem ausgiebigen „Mittagsschlaf“ um kurz vor 5 Uhr am PC und freue mich doch in erster Linie darauf, heute zu arbeiten. Ich habe mir für den Januar recht harte Ziele gesetzt, und jetzt will ich mal sehen, ob ich die auch schon im zweiten Monat umsetzen kann. Aber am meisten wünsche ich mir natürlich nette Fahrgäste – denn kein guter Rhytmus und keine guten Einnahmen können das Arbeiten so sehr versüßen wie die Leute im Auto!

Was man nachts so macht…

Erzählt mir mein Kollege O. vorhin am Taxistand, dass er kürzlich einen Kühlschrank transportieren durfte. Nachts um ein Uhr! Als Taxifahrer bin ich natürlich dankbar, dass es sowas gibt, aber manchmal frage ich mich schon, wie manche Menschen ihren Umzug planen…

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.