„Und gerade die – ich sag jetzt mal …“

Ich hab sie schon ein paar Meter weiter weg heranhumpeln sehen. Sie hat allerdings kein Zeichen gegeben, obwohl ich darauf gewartet hab. Auch wenn ich vorsichtigt damit bin, die erste Position am Stand zu verlassen – nachher will jemand doch wieder nur wissen, wie er zu Fuß zum Berghain kommt! – bin ich da echt nicht so, wenn Leute es schwer haben mit dem Laufen. Als sie auf 50 Meter Entfernung meine Bereitschaft dann auch erkennen konnte und ein „Ja“ signalisiert hat, bin ich gleich vorgefahren.

„Ach, junger Mann, das ist ja mal nett!“

„Ist doch selbstverständlich.“

Beim Einsteigen brauchte sie nicht wirklich viel Hilfe, ich sollte nur ihre Tasche halten und entschuldigen, dass es etwas dauert. Mit andern Worten: Business as usual, wirklich kein Grund, schlechte Laune zu kriegen.

Während der Fahrt war ihre relativ frisch (aufgrund einer Operation) erworbene Behinderung weiterhin Thema. Das Leben ist scheiße, sowas passiert halt. Aber sie warf gleich ein:

„Aber ich will mich nicht beschweren. Da sind SOO viele nette Leute bei mir in der Gegend – und alle helfen sie mir!“

„Das ist schön, das freut mich für Sie!“

„Ja, und jetzt Sie ja auch …“

„Ist wirklich kein Ding. Als ob mich Freundlichkeit was kostet …“

„Naja, aber trotzdem. Und bei mir zuhause. Sie glauben’s nicht, wie oft mir da geholfen wird. Hier mal die Tasche tragen, da mal die Hand reichen … unglaublich!“

„Wie gesagt: Sehr schön! Freut mich für Sie!“

„Und glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht: Auch gerade die – ich sag jetzt mal – jungen Ausländer, die sind ja sowas von nett …“

Ich mag Rassisten und Xenophobe nicht. Aber ich mag es, wenn ihre Vorurteile bröckeln. 🙂

Diverse Studien zeigen: Die Ausländerfeindlichkeit ist dort am höchsten, wo die wenigsten Fremden wohnen. Begegnungen helfen ungemein. Ich selbst bin jetzt nur wenig überrascht, dass sich Leute, die einer alten Frau mit Krücken die Treppe hochhelfen, nicht vorher nochmal versichern, ob sie nicht eigentlich böse Ausländer sind und das nicht tun sollten. Aber wie man sieht: Hier und da scheint etwas Menschlichkeit ja dann doch an Weltbildern zu rütteln.

Sicher: Genau wie die Verbrechen in Köln an Silvester nicht heißen, dass alle Fremden kriminell sind, bedeutet auch die Erfahrung meiner Kundin nicht, dass alle Menschen aus anderen Ländern liebe Schnuckelhasen sind. Die Arschlocheritis hat sich seit jeher nicht an Grenzkontrollen aufspüren und ausweisen lassen, nein, die verbreitet sich gerne via Facebook und fordert utopisch dichte Grenzen.

Wir haben seit letztem Jahr ein Problem in diesem Land, das anwächst. Politik und Polizei kriegen es nur teilweise unter Kontrolle und die Zustände sind, kurz gesagt, unhaltbar: Immer mehr Menschen, die sich einen Scheißdreck um die wenigstens hierzulande geltenden Menschenrechte, unsere Gesetze und Normen scheren, finden Platz inmitten der Gesellschaft – und fühlen sich auch noch willkommen geheißen. Nazis. Das kann nicht sein!

Deswegen möchte auch ich als „Nur“-Taxiblogger unmissverständlich klarmachen, dass ich mich deutlich dagegen ausspreche, dass rechte Hetze und Nazi-Gewalttaten einen Platz im Netz und in der Gesellschaft bekommen! Ob man die Täter jetzt gleich „abschieben“ muss, oder ob ihnen nur „die ganze Härte des Rechtsstaates“ entgegengebracht werden sollte … da darf man meinetwegen drüber streiten.

PS: Nazispam wird kommentarlos gelöscht. Auch wenn’s ein Weilchen dauern kann: Gar nicht erst antworten!

14 Kommentare bis “„Und gerade die – ich sag jetzt mal …“”

  1. Kore sagt:

    Danke.

  2. Sebastian sagt:

    Auch wenn ich grundsätzlich Deiner Meinung bin, haben wir in einer Demokratie doch ein riesen Problem damit, wenn wir einfach abschieben und die Grenzen dicht machen. Eigentlich sogar zwei: Erstens muss eine Demokratie sogar die zu- und hier lassen, die sie abschaffen wollen und zweitens: Wer würde schon unsere Ausländerhasser haben wollen? Abschiebung klappt nur, wenn man irgendwo hin schieben kann.

  3. Ich bin erst vor kurzem auf deinen Blog gestoßen und ich muss sagen, dass ich deine Geschichten aus dem Leben eines Taxifahrers sehr gerne lese. Vor allem dieser Beitrag zeigt, dass einem so eine simple Begegnung mit einem Menschen schon einen riesigen Denkanstoß geben kann.
    Und du hast vollkommen recht: Arschloch sein ist nicht auf eine bestimmte Nationalität beschrenkt, sondern jede Gesellschaft hat Arschlöcher.
    Ich kann einfach nur sagen: word. Weiter so!

    Viele Grüße
    Berti

  4. Thomas sagt:

    Michel Abdollahi: Im Nazidorf | Panorama – die Reporter | NDR
    https://www.youtube.com/watch?v=Cl__BD858yc

    Das krasse bei dieser Reportage ist, dass der Obernazi (der übrigens sehr sympatisch wirkt, so lange er nicht mit Gleichgesinnten marschiert) den klügsten Satz im gesamten Beitrag sagt:
    „Wenn man sie [die Ausländer] kennen lernt, kann man sie nicht hassen.“

  5. Sandra sagt:

    Auch von mir herzlichen Dank!

  6. Oni sagt:

    Danke!

    @Sebastian: Eine Demokratie muss an sich gar nichts, außer die Regierung durch Wahlen bestimmen. Nazis beim Hetzen zugucken darf eine freiheitliche Demokratie meiner Meinung nach nicht mal, geschweige denn müsste sie das.

  7. Jens Bonn sagt:

    Bei GMX gibt es gerade einen schönen Bericht darüber und was man ganz einfach dagegen machen kann …

    http://goo.gl/A3Ej1D

  8. PeterV sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag!

    PS: Meine Mathelehrerin hat mal gesagt: Wenn man sich 100 Personen einer bestimmten Kohorte anschaut [also CDU-Wähler, Strickpulliträger, Syrer, TTIP-Protestler, Männer, Frauen,… – Anmerkung von mir], kann man viele interessante Sachen rausfinden. Aber bei einem kann man sich sicher sein: zehn davon sind Arschlöcher.

  9. Bernd K. sagt:

    Den Satz „Und gerade die…“ habe ich so ähnlich immer mal wieder schon von verschiedenen Leuten gehört. Die grössere Hilfsbereitschaft junger Leute mit Migrationshintergrund gegenüber Älteren scheint eine Tatsache zu sein. Auf Grund dieser Feststellung der (vermutlich alten) Dame gleich Rassismus/Xenophobie zu unterstellen (so lese ich das jedenfalls), ist schon etwas dreist. Ansonsten mag ich auch bröckelnde Vorurteile.

  10. Sash sagt:

    @Bernd K.:
    Da hast Du schon recht. Aber so verschwörerisch, als würde sie mir was mitteilen, was niemand sonst hören dürfte, wie sie mir das sagte, hab ich schon Grund zu der Annahme, sie so einzuordnen. Da kann ich sicher falsch liegen, aber sie hat wirklich den Eindruck erweckt, als wären „nette Ausländer“ jetzt irgendwie voll die Neuigkeit (und, natürlich: nette Deutsche im Gegenzug natürlich völlig selbstverständlich).

  11. Andy sagt:

    Sash, ich glaube mit der Phrase „junge Ausländer“ hat sie in diesem Fall wirklich konkret aktuelle Flüchtlinge gemeint. denn ich kann mir ehrlich gesagt schwer vorstellen dass die anderen „jungen Ausländer“ in Berlin oder anderswo, also quasi die Deutschen mit Migrationshintergrund die hier in der dritten oder vierten Generation Leben einer alten Dame bei irgendwelchen Dingen zur Hand gehen würden.

    Und ich habe in den letzten Wochen tatsächlich erschreckt festgestellt das viele Leute sehr konfliktscheu geworden sind. Seit dem Erstarken dieser unsäglichen Partei die ja in einigen Umfragen schon als drittstärkste Partei gesehen wird scheinen sich die Dinge umgekehrt zu haben. Wo man früher seinen Rassismus quasi im kleinen Kreis und hinter vorgehaltener Hand zum Besten geben musste ist das jetzt absolut Salon fähig geworden. Im Gegenzug dazu sind öffentliche Äußerungen die Flüchtlinge positiv oder zumindest neutral bewerten und in dieser momentanen Situation primär keine Krise durch Flüchtlinge sondern ein Versagen der Politik in der logistischen Ecke sehen irgendwie in einer Situation in der sie sich faktisch als Minderheit fühlen die bei der Äußerung Ihrer persönlichen Überzeugung möglicherweise eine Debatte los tritt die Sie vermeiden will.

    Sowas reicht ja bei öffentlichkeitswirksamen Äußerungen von Medienleuten oder Journalistem zuverlässlich zu einem Shitstorm. Und das ist im privaten Kreis leider auch nicht anders, wenn auch weniger krass. Wenn man sich auf die vorhersehbar erhitzte Debatte nicht einläßt oder einlassen will kommt die halt die Minderheit mit den schlechten, falschen oder dummen Argumenten die aber mangels Substanz dafür doppelt so laut vorgebracht werden. Und differenzierende Blickewinkel wufzeigen und Diskussionsansätze verfolgen bis die Dummheit blosgestellt ist, ist anstregend… Das macht man vielleicht drei oder vier oder fünf Mal mit aber irgendwann fängt man an sich die Schlachten auszusuchen weil man kämpft weil es halt einfach so furchtbar frustrierend ist gegen eine Wand an zu reden. Und noch dazu eine Wand aus hohlen Bausteinen…

    Um es noch mal zusammenzufassen: ich glaube diese Dame war wieder vor der flüchtlingskrise gegen Ausländer noch ist sie es jetzt. Ich denke mal dass sie einfach überrascht war dass sich ein junger frisch zugezogener Ausländer soweit aus sich heraus traut dass er einer fremden älteren Dame zur Hand geht… Und das halte ich tatsächlich auch von Seiten eines Flüchtlings für eine durchaus mutige Entscheidung denn immerhin kann die sehr leicht falsch verstanden werden und Probleme nach sich ziehen

  12. Sash sagt:

    @Andy:
    Die Hypothese hat durchaus was, allerdings hätte ich jetzt viel banaler auf die Nachbarschaft im Wohnblock getippt. Und da ist so Verhalten dann doch irgendwie ganz normal: Man geht sich weitgehend aus dem Weg, aber wenn man dann sieht, dass sich jemand schwertut, hilft man einfach kurz mal – weil man sich ja dann doch vom Sehen her kennt.
    Durch die ja doch weitgehend zentrale Unterbringung von Flüchtlingen derzeit finde ich das jedenfalls wahrscheinlicher, als dass zufällig gelegentlich welche bei ihr vor der Haustüre rumgestanden sind.

  13. Mark sagt:

    Danke für die deutlichen Worte.

  14. Sabine sagt:

    Wegen wen?

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