Nicht-so-wirklich-Gangs

OK, zugegeben: Prenzlauer Berg ist jetzt nicht so das Gebiet, wo man gemeinhin irgendwelche Straßengangs erwarten würde. Aber wenn man Samstags um ein Uhr morgens durch eine dunkle Straße fährt, plötzlich stehen da drei finstere Gesellen mit Kapuzenpullis und der eine zusätzlich mit einem Rottweiler an der Leine, dann guckt selbst jemand mit so viel Glück wie ich zweimal hin.

Die Jungs waren bei näherer Betrachtung alle so um die zwanzig und wirkten schon ein wenig verzweifelt – also hab ich mal angehalten. Der mit dem Hund fiel mir verbal fast um den Hals:

„Alter, danke, dass Du anhälst! Endlisch mal einer! Trotz Hund, Hund is‘ ok, oder? Korrekt, Alter!“

Gerade mit Rottweilern im Beifahrerfußraum hab ich ja nun nur gute Erfahrungen. Wunderbare und hübsche Hunde, da sollte auch dieser keine Ausnahme machen. Hing lässig und halb schlafend an der Mittelkonsole rum und war offenbar sehr zufrieden mit seinem Sitzplatz. Blieben die Jungs. Die haben sich schnell ihre Kapuzen abgestreift und sich über die Wärme im Auto gefreut. Nix mit Gang, kein Bisschen. 🙂

Ich sag’s ja immer wieder, ich hab auch meine Vorurteile, die mal begradigt werden müssen.

„Und? Party vorbei bei Euch?“

„Ach was Party! Endlisch mal heim, Alter!“

Und siehe da – gibste den Menschen einmal eine Chance, sich vorzustellen …
Mit Party hatte ihr Abend wirklich nicht viel zu tun. Der junge Mann mit Hund hatte gerade erst seinen Malereibetrieb geschlossen. Hatte noch ein paar Sachen zu regeln, weil er den Laden erst vor zwei Wochen übernommen hatte. Hat mir erklärt, dass das mit der vielen Arbeit so nicht weitergehen dürfe, dass er jetzt in den ersten paar Monaten aber keinen Auftrag ablehnen will, weil er sich einen neuen Kundenstamm aufzubauen gedenkt. Einer seiner Kumpels hat ihm dann angeboten, am nächsten Morgen doch länger im Bett zu bleiben, das mit der Öffnung um 7 Uhr könne er ja übernehmen, er hätte die letzte Nacht ausreichend geschlafen.

Jaja, die ganzen schlimmen Jugendlichen, die sich nachts auf der Straße rumtreiben …

7 Kommentare bis “Nicht-so-wirklich-Gangs”

  1. Maik aus Wilhelmshaven sagt:

    Moin Sash!

    Schubladendenken ist nur solange okay, solange man auch bereit ist, die Schubläden mal umzuräumen 🙂

  2. elder taxidriver sagt:

    Am Sonntag war im Tagesspiegel ein Interview mit der Krimi-Autorin Sabine Thiesler, die gleich zwei Rottweiler hat und sie meinte:

    ‚.. ganz liebe Schmusehunde. Sie wissen ja nicht, dass sie Rottweiler sind, und wir haben es ihnen nicht verraten‘.

    (Man soll aber nicht die Jugendfreundin des Ehemannes ‚Rottweiler‘ nennen, das gilt auch für Royals.)

  3. Carom sagt:

    Ich glaube auch nicht, dass alles schlechter wird, im Gegenteil: Auch wenn ein paar große Dinge immer noch und immer wieder ordentlich verkackt werden (Klima, Ressourcen, soziale Gerechtigkeit), wird die Welt im Großen und Ganzen besser, und das gerade auch im kleinen Maßstab.

    Mein Leitsatz: Wir wissen mehr über die schlechten Dinge, die passieren – aber es werden nicht mehr schlechte Dinge, die passieren, sondern immer weniger und weniger, die Statistiken sind eindeutig. (Nein, ich suche jetzt keine Quellen, ich bin im Büro und muss Sozialprodukt schaffen.)

    So, und nun bewerft mich mit Euren irrelevanten Einzelerfahrungen und mit Euren von Nachrichten-Konzernen gelenkten Eindrücken von der Welt, Ihr Opfer dieser bösen, bösen Welt 😉

  4. Cliff McLane sagt:

    @Carom, die Welt ist gut, nur die Menschen sind böse … Nein, sorry, ich meinte, die Katzen, also, meine gerade … und die Alligatoren, außer natürlich die Mamas, die tragen ja auch Schildkrötenbabys ins Wasser und nicht nur ihre eigenen … aber Mama Merkel, die ist böse, aber auch nicht nur, nur dumm manchmal …

    Ach, es ist alles nicht so einfach. Da explodiert ein amerikanischer Raumtransporter mit Fracht zur ISS, und die Russen sagen, kommt Leute, wir helfen, und schicken da mal eben ’ne Sojus rauf. Zu der Zeit, in der ich groß wurde, wäre sowas unvorstellbar gewesen. Also ist die Welt besser geworden, oder nicht?

    Wie auch immer: Ich wünsche dem jungen Mann mit seinem Malereibetrieb viel Glück. Mut hat er jedenfalls, sich so jung selbstständig zu machen; oder vielleicht auch keine andere Wahl. Ich wünsche ihm viele gute und ehrliche Auftraggeber und einen guten Rechtsanwalt. Den wird er früher oder später brauchen, denn nicht jeder Kunde verhält sich „nach Treu und Glauben“.

  5. Stephan sagt:

    Möööp. Kapuze = gewalttätiger Antifaschist oder Rechtsautonomer? Don’t judge a book by its cover.

  6. Aro sagt:

    Ey, Maler sind die Schlimmsten!

  7. Sash sagt:

    @Maik aus Wilhelmshaven:
    Wie wahr, wie wahr. 🙂

    @elder taxidriver:
    So ist’s recht: Sie gar nicht erst auf dumme Gedanken bringen! 😀

    @Carom:
    🙂

    @Cliff McLane:
    Ja genau, so in etwa!

    @Stephan:
    Ich hätte ja auch noch schreiben können, dass sie einen Migrationshintergrund hatten. Das wäre dann vermutlich endgültig zu kompliziert für gängige Theorien geworden, oder? 😉

    @Aro:
    Ja, Schwarzmaler vor allem!

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