Aufmerksam

Ein nettes Hotel hatte sich der Fahrgast ausgesucht. Relativ neu, sehr zentral und sicher nicht günstig. Mir hat er das Fahrtziel wie so oft am Ostbahhof angegeben. Gut, eine wahnsinnig lange Tour war es nun nicht, aber es gibt ja so Tage, wo man ernstlich froh ist, mit gutem Gewissen von der Halte loszukommen. 🙂

Mein Fahrgast war jetzt weder ein schlechter Fang, noch ein Traumkandidat für eine Tour. Er war etwas enttäuscht, dass ich mir bei dem Hotel zu Beginn nicht sicher war, vermied es aber im weiteren Verlauf der Fahrt, irgendetwas zu monieren. Naja, genau genommen sprach er so wenig wie möglich.

Da ich meine Gesprächsversuche ja auch stets nach dem zweiten oder dritten Versuch spätestens einstelle, um eventuell schweigsamen Genossen nicht auf die Nerven zu gehen, wurde es also eine ziemlich öde Tour ohne Unterhaltung. Man kann es auch positiv sehen: Ohne Beschwerden, ohne krude Weltanschauungen, ohne Streit. Ich wünsche mir das ja sicher nicht für jede Fahrt, aber ok ist es natürlich.

Am Ziel angekommen standen 9,60 € auf der Uhr, und bei allem wohlwollenden Auslegen des Schweigens war mir klar, dass ich nicht mit mehr als den 40 Cent Trinkgeld zu rechnen hatte. Klar, wofür auch? Sonderlich viel Sympathie war da nicht, und wahrscheinlich bin ich ihm tatsächlich mit der zweiten Frage nach seiner Berlin-Reise schon auf die Nerven gegangen. Sowas gibt es immer mal wieder, und ich finde es – ungeachtet des Trinkgeldes – eigentlich immer schade. Dass man aus dieser kurzzeitigen Begegnung mehr machen kann, ist hier ja desöfteren nachzulesen…

Aber gut. 9,60! Machen sie 10! Danke. Tschüss. Aus.

Manchmal ist selbst für mich Taxifahren einfach nur ein Job, mit dem ich das Geld verdiene um mir die Internet-Flatrate zu finanzieren, mit der ich dann hier drüber blogge.

Als ich gerade anfahren will, wird die hintere Tür aufgerissen und mein Fahrgast stürzt sich in den Innenraum.

„Ich glaube, ich hab… HAHA! Sehen sie? Gott sei Dank!“

Tür zu.

Und so kam es dann, dass ich heute nicht am PC sitze und mich – zufriedener als sonst –  frage, wer bitte einen 20€-Schein auf dem Fußboden verlieren kann. Schade irgendwie…

12 Kommentare bis “Aufmerksam”

  1. Moritz sagt:

    Vermutlich beim bezahlen?

  2. Stefan B. sagt:

    Ach, ich hab schon $160 in Musical-Karten im Taxi liegenlassen…

  3. zecke sagt:

    lieber Sash
    ich habe schon das Gegenteil erlebt wollte mit dem Taxichaffeur reden doch bekam nur einsilbige Antworten oder gar keine… dann lass ich es sein und schweige:)
    aber wenn einer mit mir ein Gespräch anfängt bin ich immer sehr erfreut!
    lg die Zecke

  4. Der Maskierte sagt:

    Schweigen ist okay. Wenn aber jegliche Kommunikation nur aus Grunzlauten besteht… da fühlt man sich schon irgendwie verkehrt. Und ich war nicht der Fahrer. 😉

  5. Sash sagt:

    @Moritz:
    Ja, klingt plausibel 🙂

    @Stefan B.:
    Autsch. Das ist bitter. 🙁

    @zecke:
    Im Grunde ist es ja ok, wenn man sich einig ist. Ich hatte auch schon Kunden, die bei mir ins Auto gefallen sind und gesagt haben: „Ich bin so fertig, sorry, aber ich hab keinen Bock mehr auf reden jetzt…“ Das ist mir fast lieber, dann weiss ich dass es in seinem Sinne ist.
    Die einsilibigen Kollegen bringen sich meiner Meinung nach um den interessantesten Teil der Arbeit – und so manchen Kunden um eine nette Tour. Auch schade.

    @Der Maskierte:
    Grunzlaute sind ein schwieriges Feld. Könnten ja auch gut gelaunte Black-Metal-Freunde sein
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gutturaler_Gesang
    🙂

  6. Der Maskierte sagt:

    @Sash

    Ein Mitte 50-jähriger Taxifahrer libanesischer Herkunft als Blackmetaler stelle ich mir sehr lustig vor. Vielleicht sehe ich den beim nächsten Arch Enemy-Konzert als Vorband wieder? 😉

  7. Sash sagt:

    @Der Maskierte:
    Ich wollte es ja nur anmerken 😉

  8. Aro sagt:

    Eigentlich klärt es sich immer in den ersten 10 Sekunden nach dem Losfahren, ob es ein Gespräch gibt oder nicht.

  9. Moritz sagt:

    Was war eigentlich mal das interessanteste was in deinem Taxi verloren wurde? Oder auch wertvollste?

  10. Nihilistin sagt:

    Ich bin die große Schweigerin im Taxi. Ich mag nicht reden. Ich bin freundlich, ich gebe Trinkgeld – aber ich will einfach nicht reden.
    Die schönste Taxifahrt war die von TXL nach Kreuzberg, als der Fahrer (ebenso schweigsam) fragte ob ich Klassik mag – und wir beide dann wunderbar einem Violinkonzert gelauscht haben.

    Ab und zu mal so ein Schweiger ist doch nicht schlimm – oder, Sash?

  11. Sash sagt:

    @Aro:
    Ja, das trifft es eigentlich ganz gut. Ich sag ja: Zwei bis drei Möglichkeiten, in ein Gespräch einzusteigen, dann ist gut. Irgendwie trauen sich die meisten ja nicht zu sagen, dass sie keine Lust haben zu reden.

    @Moritz:
    So viel spannendes gab es bisher eigentlich nicht. Das wertvollste war wohl schon eine Brieftasche mit allen Karten und 40 € Bargeld drin. Da hab ich den Besitzer anhand des Namens im Netz gefunden und sie zurückgeben. Und er hat mir fast das komplette Geld dafür als Finderlohn gegeben 🙂
    Richtig kurioses gab es noch gar nicht. Meist sind es Zigaretten, Feuerzeuge, Kleingeld. Einmal hat jemand eine Rose in der Beifahrertürtasche liegen lassen, aber sonst lassen die meisten nur Müll liegen… 🙁

    @Nihilistin:
    Wie gesagt: Schlimm finde ich es auch nicht. Angenehm ist es aber auch erst dann, wenn man das irgendwie klärt – sowie ihr beide mit dem Radio. Da muss ich dann auch nicht drüber nachdenken, ob derjenige jetzt wegen irgendwas beleidigt ist. Ob man es glaubt oder nicht: Ich kann auch leise sein 🙂

  12. Aro sagt:

    Jepp. Schließlich sind wie Psychologen und merken, wenn jemand nicht sprechen will.
    Und außerdem (sorry, aber weil’s so schön passt): Man muss ja auch nicht immer reden.

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